11.April 2021      2.Sonntag der Osterzeit

Sein Kommen am Tag eins.

Johannes 20,19–31

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Es war Abend jenes Tages –  der Tag  EINS der jüdischen Woche, die als Sabbatwoche bezeichnet wurde. Ein ausgefüllter, ereignisreicher, verwirrender Tag neigte sich dem  Ende zu – so kann man in der Rückschau sagen.  Die frühen Christen nannten diesen Tag - den Ostertag -  bewusst den Tag EINS, nicht ersten Tag. Alle vier Evangelien nennen ihn Tag EINS. Vielleicht spielt das Johannes-Evangelium sogar auf den Schöpfungsbeginn an, wie er im Buch Genesis 1 geschildert ist: „Gott schied das Licht von der Finsternis ...  Gott sah, dass das Licht gut war.... Es wurde Abend, und es wurde Morgen: Tag EINS.“ (Gen 1,5) Die folgenden Tage hingegen werden im Schöpfungslied zweiter, dritter usw Tag genannt. Johannes hatte sich schon in den ersten Zeilen des Evangeliums auf diesen ANFANG bezogen: „Im ANFANG war das Wort,  ... Und das Licht leuchtet in der Finsternis“  (Joh 1,1.5)

Soweit also die spirituelle Deutung dieses Tages. Nun zurück zu den Tatsachen: Dort, wo die Jünger sich aufhielten, waren die Türen verriegelt, aus Furcht vor den Juden – gemeint ist die Führung des jüdischen Volkes, denn die Jünger selbst waren ja auch Juden. Den Jüngern dürfte mehr als nur ein Raum zur Verfügung gestanden sein - nämlich ein ganzes Gebäude, denn es ist von „Türen“ die Rede, nicht von „der Tür“. Historiker vermuten, dass es das Gästehaus der Essener-Gemeinschaft war, das diese Partei in der Jerusalemer Oberstadt betrieb. Es spricht vieles dafür, dass Jesus auch das letzte Pascha-Mahl mit seinen engsten Vertrauten dort gefeiert hat – drei Tage zuvor. Dort hielten sie sich also immer noch auf, nicht nur der Zwölferkreis, sondern eine größere Zahl von Jesus-Anhängern, Männer und Frauen. Dass sie „beisammen“ waren, kann man nicht sagen, denn sie waren eher wie Verlorene an einem Ort. Der Originaltext sagt nur: „ ...wo sie waren“, das Wort „beisammen“ kommt nicht vor im griechischen Text. Der Grund ihres Aufenthaltes war offenbar nicht der Zusammenhalt, sondern die Furcht, dass die Obrigkeit auch gegen sie selber vorgehen könnte. Nachdem denen die Hinrichtung Jesu gelungen war, wollten sie nun auch die Ausbreitung der Gruppe im Keim ersticken.

Der Abendmahl-Saal sieht nicht mehr aus wie damals. Die Kreuzfahrer im Mittelalter haben daraus eine gotische Kapelle gemacht. Aber er steht noch am selben Ort. Es war damals das Essener-Viertel. Hier bekam Jesus mit den Zwölf und später seine Nachfolge-Gemeinschaft einen Platz zum Zusammenkommen und Feiern.

Die Jünger werden also bang und zerknirscht herum gesessen sein. In diese Stimmung hinein kam Jesus. Sie haben sein KOMMEN erlebt. Wie er kam, wird uns nicht gesagt. Jedenfalls heißt es nicht, dass er „erschien“, sondern es wird als ein „Kommen“ geschildert. Von Beginn weg stellte er sich in ihre Mitte. Er bildete wieder ihre Mitte, so wie sie ihn drei Jahre erlebt hatten – als ihr Zentrum, ihren Sammelpunkt. Dann  sprach er zu ihnen: „Friede für euch.“ Das tat er genauso, wie er sie immer begrüßt hatte, wenn er in ihre Runde gekommen war. Es war auch derselbe Gruß, mit dem er in den Dörfern die Häuser betreten hatte. Aus seinem Mund klang es aber nie bloß als Gruß, sondern sein Auftreten verbreitete tatsächlich spürbar Frieden in den Gastfamilien.

Mit diesen Wort, das auch Wirkung hatte, begann sein KOMMEN  – dann folgte das ZEIGEN: Er zeigte ihnen seine Hände mit den Wunden. Es waren die bei der Kreuzigung durchschlagenen Handgelenke – sie zeigte er vor. Zu sagen brauchte er nichts dazu: Sie kannten diese sanften Hände seit drei Jahren. Wie oft  hatten  sie behutsam und liebevoll Wunden leidender Menschen berührt – auf der Haut sichtbare Wunden und unsichtbare seelische Wunden? Diese Hände zeigte er ihnen!  Dann machte er seinen Oberkörper frei, um ihnen den Brustkorb mit der Lanzenwunde zu zeigen – sie war etwas mehr als vier Zentimeter groß. (Das wissen wir vom Turiner Leichentuch her).  Auch dazu brauchte er nichts zu sagen: Die Wunde wies auf sein Herz, auf sein weites, starkes Herz. Der Jünger, den Jesus liebte, hatte an diesem Herzen gelehnt. Er war auch der einzige in der Nähe des Kreuzes gewesen, und nur von ihm stammt der Bericht:  „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres sagt, damit auch ihr glaubt". (Joh 19,34f) Nun beim neuen KOMMEN Jesu spielte diese Brustwunde wieder eine wichtige Rolle.

Das ZEIGEN geschah wortlos und Jesus scheint ihnen Zeit gegeben zu haben für die Betrachtung. Erst jetzt begann sich ihr banges Gefühl zu beruhigen und in Freude zu verwandeln. Ja, es erfüllte sie mit Freude, den Herrn zu sehen. Einfach das Sehen, das schenkte ihnen ein erhebendes Gefühl. Er war wieder da, nicht mehr wie früher als ihr Lehrmeister, nein, nun war er  der HERR. Sie sahen ihn als Herrn. Dem Wort „Herr“ haftete etwas Göttliches an. Schon am Vormittag war Maria Magdalena zu den Jüngern gekommen und hatte gesagt: "Ich habe den Herrn gesehen". Und 20 Jahre später wird Paulus den Korinthern schreiben: „Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus unseren Herrn gesehen?“

Nach diesem wortlosen ZEIGEN und nach dem Aufkommen der Freude wegen des Sehens wiederholte Jesus seinen Segenswunsch: „Frieden für euch.“ Andere Führer-Figuren hätten ihre Anhänger nach der Schau der Wunden auf Rache eingeschworen. Ein Vater hätte seine Söhne zum erbitterten Weiterkämpfen verpflichtet in seinem letzten Vermächtnis. Jesus tat das Gegenteil: Er schenkte den Frieden, empfahl den Frieden, verpflichtete zum Frieden – und das angesichts der tödlichen Wunden, die ihm zugefügt worden waren. Dann kam er zu seinem entscheidenden Wort: „Wie mich der Vater abgesandt hat, so schicke ich euch los.“ Jesus bezeichnet sich hier als den Abgesandten des Vaters (griechisch APOSTELLO). In Analogie dazu sagt er, dass er es nun sei, der sie losschicken werde. Das „Ich“ ist betont: EGO: Ich bin es, der euch ausschickt. Und der Auftrag weist in die Zukunft. Der griechische Originaltext verwendet nicht zweimal denselben Begriff für „Senden“. Der Vater hat Jesus „abgesandt“. Jesus wird seine Lernenden „losschicken“.  Sein dreijähriges Wirken war eine einzige Friedensmission – er wusste sich vom seinem Ursprung her dazu gesandt. Er nannte dieses sein Wirken ein Apostolat. Den Auftraggeber hatte er immer SEINEN VATER genannt. Nun am Tag EINS sagte er: „Ich habe meine Mission vollbracht und nun seid ihr an der Reihe: Der Auftraggeber bin ICH. Ich schicke jetzt euch los.“

Nach diesen Worten folgte wieder ein Zeichen von ihm her: Er hauchte auf sie hin. Dabei sagte er zu ihnen: „Nehmt einen heiligen Atem an!“ Sie sollten also einen Wind aufnehmen, der sie beiseite nehmen würde. Der Originaltext sagt nicht „Empfangt!“, denn „empfangen“ wäre inaktiv, es wäre ein passives „über sich Ergehen-Lassen“, während „in Empfang nehmen, danach greifen“ etwas Aktives ist. Der Original-Text sagt auch nicht „den“ Heiligen Geist, sondern „einen“ Heiligen Geist. Jesus hat ihnen einen Hauch hinterlassen, der sie zu einer ganz neuen Lebenseinstellung befähigte.

Er sagte: „Denen ihr helft, dass sie loskommen von ihrer belastenden Vergangenheit, die können loskommen. Bei denen ihr nicht helft, die Lasten los zu  werden, denen bleiben sie erhalten.“ Es gibt  auch Menschen, die von Vergebung nichts halten. Sie wollen den Freispruch nicht annehmen. Sie sind uneinsichtig oder wünschen keine Unterstützung, um Schuldenlast abzubauen. An denen wird ihre belastende Vergangenheit weiter haften bleiben. Vergebung und Schulderlass war ganz und gar nicht die Sprache der Welt. Die übliche Vorgangsweise war es, Verfehlungen aufzudecken, die Schuld vorzurechnen, den Übeltäter anzuklagen und büßen zu lassen.

Vergebung anzubieten, war unerhört, aber es war der neuartige Stil Jesu. Er hatte ihn oft und oft praktiziert und er wollte, dass der  Stil von seiner Nachfolgegemeinschaft fortgesetzt würde. Er machte ihnen klar, dass manche Menschen eisern festhalten an dem Lebensmodell von „Vorschriften, Befolgung und Übertretung, Anklage und Bestrafung, Abbüßen“. Manche schauen bewusst nicht hin auf das, worin sie sich schuldig gemacht haben. Solche Leute werdet ihr nicht befreien können. Sie werden mein Prinzip der Vergebung ablehnen, ja sogar bekämpfen. Auf solche Leute müsst ihr gefasst sein. Sie wollen und können nicht verzeihen und wollen sich auch selbst nicht verzeihen lassen. Die Menschen hingegen, die ihr entlasst aus dem Gefängnis ihrer Schuld, die sind tatsächlich entlassen. Wenn ihr ihnen die Verfehlungen erlasst, dann sind sie die Last los. Damit ist nicht Sünden-Vergebung gemeint, wie wenn jemand eine Liste von Sünden aufzählt und daraufhin bekommt er einen Freispruch. Das ist umfassender gemeint: Der Betroffene wird entlassen aus der Umklammerung, die ihn lähmt. Die Last der Schuld, die ihn ständig in den Abgrund ziehen will, wird ihm abgenommen. Ihr seid ermächtigt, diese Fesseln zu durchtrennen. Die Menschen, die ihr belasst in jener Gewalt, die bleiben in den Krallen gefangen.

 

Das war die vorrangige Aufgabe, die er ihnen übertrug. Damit war das KOMMEN zu Ende. Sein Abgang wird nicht beschrieben. Die Freude bei den Jüngern wird wohl noch angehalten haben. Den doppelten Auftrag behielten sie sich eingeprägt: aus dem Frieden heraus zu wirken und Menschen aus verschuldeter Belastung zu befreien, leider nur jene, die es zulassen.

Nun kann jemand einwenden „Erscheinen“ hin oder her, „Kommen“ hin oder her – ich möchte Tatsachen wissen. Wie war es möglich dass Jesus in ihrer Mitte war? Nach dem Tod? Bei verschlossenen Türen? Der ist in guter Gesellschaft mit Thomas. Siehe dort!

Was können wir daraus lernen? Zu sagen Jesus sei ERSCHIENEN, ist zu schwach ausgedrückt: Es war mehr, nämlich ein KOMMEN. Er hat sich weder leuchtend weiß noch hoch erhoben hingestellt, wie uns die religiösen Künstler das darstellen, sondern er hat sich zum Mittelpunkt unserer losen Gemeinschaft gemacht. Er ist es, der uns sammelt. Er hat Kontakt mit seinen Lernenden aufgenommen und er tut es bis heute. Er hat ihnen seine Grundbotschaft wiederholt und hat sie verstärkt – und er tut es bis heute.  Durch das Zeigen der Wunden hat er angeknüpft an sein Leiden. Sein fürsorgliches Wirken und sein Sieg über den Tod gehören untrennbar zusammen. Wer sich für das Gute in seinem Namen einsetzt, muss mit Verwundungen rechnen, aber letztlich wird die Freude mit dem HERRN siegen. Daher ist es zu kurz gefasst, wenn wir uns nur die Freudenworte zurufen: Der Herr ist auferstanden. Wir haben auch seine Empfehlung gehört: „Friede unter euch! Tut alles dafür. Lebt nach dem Motto!“ Und wir nehmen auch seinen neuen Stil an, zu vergeben, wo immer wir können. Darauf hat er uns verpflichtet.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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