17.April 2022      Oster-Sonntag

Ich habe den Herrn gesehen

Das leere Grab: 20,1–10

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse. Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.

 

Maria von Magdala begegnet Jesu: 20,11–18

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.

„Es muss ein riesiger Schreck gewesen sein, als Maria von Magdala frühmorgens - es noch dunkel -  zum Grab kam und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. ... Ratlosigkeit über das leere Grab, die gibt es auch in unserer Zeit. Beweist es, dass Jesus auferstanden ist? Sicher nicht! Denn Jesu Leichnam könnte ja auch entwendet worden sein, wie Maria von Magdala anfangs befürchtete.“ So deutete Christoph Kardinal Schönborn 2019 das Osterevangelium auf der Homepage der Erzdiözese Wien.

Wer begreifen will, was für die ersten Begleiter Jesu die Oster-Erfahrung war, sollte sich von tief verankerten Prägungen durch kirchliche Tradition und Kunst frei machen und sollte zurückfragen zu den Anfängen. Erstes Missverständnis: Die Jünger hätten an die Auferstehung deshalb geglaubt, weil sie den Grabstollen leer vorgefunden hätten. Darin war der Leichnam Jesu 36 Stunden vorher bestattet worden. Nein, nicht das leer Grab beweist seine Auferstehung, sondern, dass sie ihn sehen  durften ein paar Tage nach seinem Sterben, dass sie ihm begegnen durften.

 

Zweites Missverständnis: Jesus sei als triumphierender Held dagestanden – womöglich mit wehender Fahne über dem Grab-Felsen. Auch wenn die Kunst in zahllosen Gemälden und Figuren es so darstellt, gibt es für dieses Bild keinen Beleg aus den Evangelien. Nirgendwo in der Bibel ist der Auferstandene in weißem oder leuchtendem Gewand beschrieben – heldenhaft allein dastehend.

Grab mit Rollstein web.jpg

So könnte das Grab ausgesehen haben, in dem Jesus bestattet wurde. Zu Hunderten haben Archäologen solche Grabstollen gefunden. Sie stammen durchwegs aus dem 1. Jahrhundert n.Chr.

Stattdessen wird immer  eine Begegnung beschrieben, aber nie eine Begegnung mit irgend jemandem aus dem Volk, sondern nur zwischen den langjährigen Schülern und ihm als ihrem Meister. Es war ein Austausch zwischen ihm und ihnen nach seinem Tod, nie  eine Bewunderung ihrerseits.

Drittes Missverständnis: Das Wort „Erscheinung des Auferstandenen“ erweckt den Eindruck, als sei er blass wie ein Geist oder wie ein Bild im Traum aufgetaucht, eben „erschienen“. Die ganz ursprünglichen Texte sagen es kraftvoller: Er wurde gesehen. Die Zeugen sahen ihn deutlich. Es wird uns namentlich genannt, wer begünstigt war, ihn zu sehen. Er zeigte sich und sprach klare Worte. Dass Jesus auferstanden ist, fällt jedoch nicht unter „historisches Faktum“, aber dass etliche ausdrücklich bezeugte Männer und Frauen besondere Begegnungen mit ihm über seinen Tod hinaus hatten, das ist erwiesen. Auf welchem persönlichen Hintergrund diese Erfahrungen jeweils zustande kamen, das war sehr unterschiedlich und lässt sich gut nachverfolgen. Die Berichtlage ist überzeugend. Wir wollen nun der Darstellung aus dem Johannes-Evangelium sorgfältig auf die Spur kommen.

 

„Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab.“ War sie allein unterwegs oder in Begleitung? Das Markus-Evangelium lässt uns wissen, dass zwei weitere Frauen dabei waren: Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome. Lassen wir es zunächst offen, ob es eine oder drei waren. Ein weiterer Unterschied zu Markus fällt auf. Bei ihm heißt es: „Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.“ Das Johannes-Evangelium sagt, dass es „dunkel“ war, aber damit muss nicht finstere Nacht gemeint sein, sondern es lässt sich als „Dämmerlicht“ übersetzen. Wer das Johannes-Evangelium kennt, weiß wie oft es mit Finsternis und Licht argumentiert, so etwa: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umher gehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Ganz deutlich wird es, wenn von Judas beim Abendmahl die Rede ist: „Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.“ (Joh 13,30) Es könnte also sein, dass es Johannes tiefgründig meint: Noch herrschte Düsterkeit bei Maria Magdalena.

 

„Sie sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.“ Im Unterschied dazu heißt es bei Markus: Die drei Frauen „sahen, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.“ Das Wort „weggewälzt“ deutet auf einen Rollstein hin, eine riesige, sehr schwere Steinscheibe. Das griechische Wort KYLEO heißt „rollen“, „wälzen“ (So bei Markus). Bei Johannes heißt es wörtlich: Der Stein war enthoben, heraus gehoben (aus der Vertiefung) – das heißt, der Verschluss-Stein könnte statt rund auch eher würfelförmig gewesen sein. Die  Archäologen haben weit über tausend solcher Grabstollen rund um Jerusalem bis hinauf nach Galiläa entdeckt. Sie waren in diesem Jahrhundert üblich, denn damit konnte man mehr Tote bestatten. Nach einem Jahr wurden die Gebeine in einem platzsparenden Steinbehälter zusammen gesammelt und der Stollen war wieder frei für eine neuerliche Bestattung. Ein Archäologe hat 900 Gräber auf den Verschluss-Stein hin untersucht und fand nur 4 mit Rollstein. Diese runden Steine waren von sehr reichen Familien.  

 

Maria Magdalena war so betroffen von dem offenen Grabstollen, dass sie „schnell zu Simon Petrus lief und zu dem anderen Jünger, den Jesus liebte“. Im Originaltext kommt das Wort „schnell“ nicht vor und statt „laufen“ sollte man eher „rennen“ übersetzen. Paulus verwendet das Wort in Verbindung mit der Rennbahn: „Wisst ihr nicht, dass die, welche im Stadion rennen, zwar alle rennen, aber einer den Preis empfängt? Rennt so, dass ihr ihn erlangt!“ (1Kor 9,24) Das verrät ihre Unruhe. Sie wollte die Erstverantwortlichen schnellstens verständigen. Wieder finden wir einen Unterschied zur Markus-Darstellung, wo es heißt „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ Vielleicht ist Maria Magdalena die einzige von den drei Frauen, die sich nach dem ersten Schock aufgerafft hat, um die beiden Männer eilig aufzusuchen.  Das Erste, was sie zu ihnen sagte, war: „Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Wie kommt sie zu der Behauptung, dass jemand den Herrn aus dem Grab weggenommen hätte? Warum berichtet sie nicht den Tatsachen entsprechend nur das eine, was sie gesehen hat, nämlich dass der Stein enthoben war? Offenbar war sie auch drinnen in dem Grabstollen, wovon oben nicht die Rede war, sehr wohl aber bei Markus. Wenn sie sagt: „Wir wissen nicht, wo sie ihn gelegt haben,“ dann verrät sie, dass sie doch nicht allein war. Das „Wir“ weist darauf hin, dass Markus Recht hat: Sie waren zu dritt. Woher nimmt sie die feste Überzeugung: „Sie haben den Herrn weggenommen“? Wörtlich übersetzt heißt es: „Sie haben den Herrn enthoben“ Gemeint ist das Heraus-Heben des Leichnams aus einer Versenkung. Die Steinbank im Grabstollen, auf die der Leichnam Jesu bestattet war, hatte tatsächlich eine körpergroße Mulde, sie war also nicht flach. Als die Grabeskirche im Jahr 2016 renoviert wurde, haben die Restaurateure die Mulde im Grab Jesu festgestellt. Wir erkennen daraus, wie der Text des Evangeliums Feinheiten enthält, die genau den Tatsachen entsprachen.

 

Simon Petrus und der andere Jünger taten den Bericht der Maria nicht als Geschwätz ab, aber sie wollten sich trotzdem selber überzeugen. Sie liefen hinaus aus der Stadt (genau übersetzt: Sie rannten!) und der jüngere und offenbar sportlichere war zuerst dort –  das war Johannes. Er beugte sich hinein in den Grabstollen und sah die Leinen-Bahnen liegen. Dem als zweiten eintreffenden Simon Petrus ließ er den Vortritt, um in den Stollen hinein zu gehen. Sie fanden die Bestattungsbank leer und nur die Leinen Streifen waren noch da. Es ist nicht anzunehmen, dass sie diese äußerst seltsame Entdeckung schweigend betrachtet haben. Sie werden sich wohl darüber ausgetauscht haben. Gesprächsthema waren die Leinenbahnen und das sogenannte Schweißtuch. Das  muss jenes  Leinenband gewesen sein, mit dem einem Verstorbenen das Kinn an den Kopf gebunden wurde – so vorgeschrieben in der Mischna. Der verschwundene Leichnam war scheinbar für sie kein Gesprächsthema – vielleicht nur ein Schock. Während Maria Magdalena nur über dieses eine Thema spricht: „Sie haben den Herrn weggehoben“, machten sie sich Gedanken über die Leinenbahn, womit der Leichnam in voller Länge eingeschlagen war. Zunächst ist es für die Männer ein sicheres Indiz, dass es kein Grabraub war, denn es sah alles nach Ordnung aus. Vielleicht klingt aber aus dem Text mehr durch, nämlich ein verborgenes Wissen um dieses Leinen. Vielleicht war darauf der blasse Körper-Abdruck und das Gesicht Jesu zu erkennen. In der dunklen Grabkammer werden die beiden Männer das zarte Abbild  noch nicht bemerkt haben. Aber später könnte es zum Vorschein gekommen sein und das Johannes-Evangelium hat das Wissen darum aufbewahrt. Es wäre die Erwähnung jenes Leichentuches, das  später als Turiner Leichentuch bekannt wurde.

„Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.“ Diese beiden Sätze scheinen sich zu widersprechen. Der andere Jünger „glaubte“ und sie hatten „noch nicht verstanden“. Dieser „andere“ Jünger ist jener, mit Jesus die meiste innere Übereinstimmung hatte. Zwischen ihm und Jesus bestand eine Seelenverwandtschaft wie zu keinem sonst. Was er und Petrus in der Grabkammer sahen, stiftete eigentlich Verwirrung. Dennoch „vertraute“ dieser Jünger. Er verließ sich darauf, dass sich der Sinn von allem noch herausstellen würde. Und so war es auch: Nach dem Tod Jesu und seinem „Hinaufgehen“ lasen sie die heiligen Schriften gewissenhafter und mit einem ganz neuen Verständnis. Vieles, was Jesus gelehrt hatte, sahen sie im Nachhinein im Licht der Heiligen Schriften. Erst nachdem Jesus seine Anhänger verlassen hatte, gingen ihnen die Augen für das Wesentliche auf.

Im Schülerkries Jesu festigte sich nach seinem Tod allmählich die Überzeugung, dass all das um Jesus schon in den biblischen Schriften enthalten war, es war schon längst niedergeschrieben, wenn auch verschlüsselt. Diese Einsicht klingt schon in einem ganz frühen Text des neunen Testaments an. Paulus schreibt um 55 n.Chr. den Gemeinden von Korinth:   „Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift“ Paulus erinnert sie, dass er ihnen das genau in diesem Wortlaut schon früher verkündet habe. Paulus setzt fort: „Jesus zeigte sich dem Kephas, dann den Zwölf“ (1 Kor 15,5) Diese Paulus-Überlieferung wollen wir nun anlegen an die soeben gelesene Johannes-Stelle und wir lesen diese gleich weiter: „Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück ... Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!“ Damit lässt sich erschließen: Nach dem morgendlichen Grabbesuch und vor dem abendlichen Beisammensein des Jünger-Kreises – irgendwann dazwischen – muss sich Jesus dem Petrus allein und ganz persönlich gezeigt haben:  Was war wohl das Wesentliche bei dieser Begegnung? Es muss Vergebung gewesen: Petrus erfährt von Jesus, dass er ihm vergeben hat: Die Verleugnung und der anschließende  Hahnenschrei waren noch ganz frisch, sie lag nur drei Tage zurück. Keines der Evangelien weiß von der Begegnung zu berichten. Jedoch die sehr frühe Formel, die Paulus überliefert, nennt Petrus als ersten, dem sich der Auferstandene gezeigt hat:  „...  am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf (1Kor 15,4)

 

Nach dieser Glaubensformel sind es Männer, denen sich der erhöhte, der erweckte Christus zeigt. Das Johannes-Evangelium weiß es anders: „Maria aber stand draußen vor dem Grab und schluchzte“ (Das ist treffender übersetzt als „sie weinte“). Offenbar hat es ihr  keine Ruhe gelassen, nachdem sie den beiden Männern Petrus und Johannes Bericht erstattet hatte. Sie musste den Schmerz über den Verlust ihres wertvollen Lehrers noch ausleben am Schauplatz. Diesmal war sie wirklich allein, ohne Begleiterinnen. Sie beugte sich hinein in die Grabkammer. Das Hinein-Beugen wurde schon oben bei dem „anderen Jünger“ erwähnt. Es musste mit der Anordnung der Kammern in der Grabstätte zu tun haben. Die Grabanlage war zweigeteilt. Man ging von einem kleinen Vorplatz in eine erste Höhle, in der man noch aufrecht stehen konnte. Von da konnte man weiter  nur gebeugt in die zweite Höhle  gelangen. Das war die eigentliche Bestattungskammer. In ihr war entlang der Wand eine Art seichte Wanne ausgestemmt für den Leichnam.

Da erspähte Maria zwei Boten (greichisch ANGELOI), die da saßen –  in Weiß gekleidet! Sie saßen nicht beieinander, sondern der eine saß zum  Kopf hin, der andere zu den Füßen hin, dort wo der  Leib Jesu gelegen hatte. (Die Einheits-Übersetzung schreibt „der Leichnam Jesu“ aber das Johannes-Evangelium wählt bewusst das lebendigere Wort: „Leib / Körper“.) Die beiden Weißgekleideten erkundigten sich nach ihrem Schmerz: „Warum schluchzt du?“ Sie gab zur Antwort: „Sie haben meinen Herrn enthoben und ich weiß nicht, wo  sie ihn abgelegt haben.“ Damit wiederholte sie die fixe Überzeugung, dass gewisse Leute ihren Herrn heraus gehoben haben aus der Bestattungsmulde und irgendwo hin verlegt haben, an einen Ort, von dem sie keine Kenntnis hätte. Auffällig ist, dass sie nicht vom „Leib“ spricht, der entnommen wurde, sondern sie sagt: „Sie haben meinen Herrn enthoben.“ Man könnte meinen, sie vermutet eine Umbettung, eine Bestattung an einem anderen Ort. Als sie sich diesen Kummer von der Seele geredet hatte, wandte sie sich zurück (nicht nur „um“). Paulus verwendet dasselbe Wort so: „Ich vergesse, was hinter mir liegt“ (Phil 3,13) Maria schaute also spontan hinter sich, weil sie spürte, dass da jemand hinter ihr stand. Ja, da stand unerwartet eine Person, die sie nicht kannte, die sich aber später als Jesus erweisen würde. Diese Person erkundigte sich wieder genauso wie die Weißgekleideten: „Frau, warum schluchzt du?“ Diese Frage war keine Bemitleidung, kein voreiliger Trost, sondern wirklich eine Frage nach dem Grund. Offenbar hatte sie tatsächlich weithin hörbar geschluchzt. Der Unbekannte fragte weiter: „Wen suchst du?“ Scheinbar hatte sie bei ihrem Schluchzen den Verlust-Schmerz ausgedrückt. Der Mann schien für sie  der Gärtner zu sein, der Landschaftspfleger, der Parkwächter. Sie sagte zu ihm fast vorwurfsvoll: „Herr, wenn du derjenige bist, der ihn weggetragen – wenn du der Täter bist (Das DU ist betont im griechischen Originaltext) – dann sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Ich bin es, die ihn aufheben wird und bergen wird“ (Das ICH ist wieder  betont EGO – so wie vorher das DU): Es ist das dritte Mal, dass sie fest behauptet, Jesus sei enthoben worden und an einem anderen Platz neu gebettet worden. Dann vernimmt sie ihren Namen: „Mariam“ und sie erkennt darin die Stimme Jesu:  Daraufhin wendet sie sich um. Wohin um? Offenbar der Stimme zu, die so liebevoll ihren Namen genannt hatte. Sie erwidert nur ein Wort: „Rabbuni!“ Es ist aramäisch und bedeutet: „Meister“ Eigentlich heißt „Rabbi“ Meister. Rabbuni heißt „Mein Meister“. In diesem Ausruf steckte soviel Liebe und Dankbarkeit. Es war die Dankbarkeit, dass sie durch ihn ihr Leben neu lernen konnte. Vielleicht hatte sie versucht, beim Ruf „Rabbuni“ die Füße dieser Person zu umfangen? Die Stimme Jesu wehrte ab „Fasse mich nicht an!“ Warum das Verbot? Das war jetzt nicht angemessen. Stattdessen   musste er ihr noch etwas erklären und einen Auftrag geben:  „Ich bin noch nicht zum Vater hinauf gegangen.“ Was war damit gemeint? Jesus wusste, dass sein Sterben und seine Auferstehung ein Prozess war, nicht ein Ereignis. Da der Vorgang immer  mit den Personen zu tun hat, die den Prozess erst begreifen müssen, kann er nur langsam Schritt für Schritt vor sich gehen. Dieser Übergangs-Prozess durfte weder aufgehalten noch beschleunigt werden. Er hatte sein eigenes Schrittmaß: Im Bild gesprochen war es „das Hinaufgehen zum Vater“. Das Lukas-Evangelium nennt es „Hinaufgehen in die Herrlichkeit“ (Siehe Emmaus-Gespräch Lk 24)

 

Schließlich bekam Maria noch ihren Sendungsauftrag: „Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Das mag seltsam klingen: Warum „Mein Gott und euer Gott.“?  Damit können  nicht zwei verschiedene gemeint sein, sondern ein und derselbe, aber verschiedene Beziehungen. Die Gottesbeziehung Jesu ist einmalig und unerreichbar. Seine Gottes-Nähe ist höchst intim. Seine Schüler sind in ihrer Gottesbeziehung längst noch nicht so weit, aber sie könnten die Gottesnähe anstreben. Jesus ist der Weg zu einer innigeren Gottesbeziehung. Er erklärt seinen Brüdern: Mein Hinaufgehen hat Folgen für euch, für euer Gottesbild. „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater.“

Maria von Magdala kam zu den Jüngern und übermittelte ihnen die Botschaft: „Ich habe den Herrn gesehen.“ Sie sagte nicht: „Der Herr ist mir erschienen.“ Es war keine Vision, etwa nur mit dem geistigen Auge, nein, es war  ein tatsächliches Sehen.  Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte. Somit wurde sie zur Glaubenslehrerin und das blieb sie über dieses eine Ostern hinaus. „Ich habe den Herrn gesehen“ – das war mehr als ein Bericht, es war der Beleg für ihren apostolischen Auftrag. Paulus schreibt auch den Korinthern: „Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen?“ (1 Kor 9,1) Er schreibt es als Beleg für sein Amt.

Nach diesem Pauluswort ist Maria Magdalena „Apostel“ – sie  als Frau. Es kamen Zeiten in der Kirchenentwicklung, in denen Maria zur Sünderin herabgewürdigt wurde. Das hat sich inzwischen wieder geändert: Sie steht hoch im Kurs in den Kirchen unserer modernen Zeit. Auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus hat der Vatikan die Rolle von Maria Magdalena aufgewertet. Sie wurde im Juni 2016 liturgisch den Aposteln gleichgestellt. Was früher nur ein  „Gedenktag“ war, wurde in der katholischen Kirche in ein „Fest“ umgewandelt. Über diese Maßnahme hinaus ist zu hoffen, dass in den Kirchen künftig immer mehr Männer und Frauen sagen können „Ich habe Jesus unseren Herrn gesehen“. Die Gemeinden brauchen Leute an der Spitze, die den brennenden Wunsch verspüren, den Herrn zu sehen. Wir brauchen Kirchen-Verantwortliche, die sich darin üben, Jesus und seine Art zu studieren, die genau hinzuhören, was er sagt und die ihm über die Schulter schauen, was er tut. Diese heutigen Apostel – Männer wie Frauen – werden den Kirchen den Weg bereiten, dass sie wieder die Gestalt der Anfangszeit erlangen. Mit den „Aposteln“ werden die Gemeinden wieder das, was sie damals waren: Lernende im Evangelium.