18. Okt 2020

29.Sonntag im Jahr.kr.

Steuern zahlen oder verweigern?

Mt 22,13–17

Steuer-Vorschreibung hinzunehmen oder Steuern zu verweigern – darüber mögen sich Parteien streiten. Von Seiten der Machthaber gibt es darüber keine Diskussion. Wer zur Verweigerung aufruft und damit das ganze Land in Aufruhr bringt, setzt vieles aufs Spiel. Entweder der Machthaber setzt sich gewaltsam durch oder es kommt zu einem Umsturzversuch, der  gewaltige Zerstörungen mit sich bringt.

In Israel gab es immer wieder den Aufschrei gegen Herrscher, ganz besonders, wenn es die ausländische Besatzungsmacht war. Befreier traten auf und scharten Widerstandskämpfer um sich. Sie versprachen, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, die Geldflüsse ins Ausland zu stoppen und das Volk von der Steuerlast zu befreien.

Es trat ein gewisser Judas der Galiläer als selbst ernannter Messias auf und gewann rasch Zulauf in der unzufriedenen Bevölkerung. Anlass zum Aufruhr gab es für ihn im Jahr 6 n.Chr, als die Südhälfte des Landes unter römische Verwaltung gestellt wurde. Betrieben hatte das der jüdische Hohe Rat selbst, weil der Herodes-Sohn Archelaus –  der eine von den drei Erben - untragbar geworden war. Sie sagten sich: "Lieber eine römische Führung als diesen Tyrannen noch länger zu ertragen." So wurde der Bezirk Judäa samt seiner Hauptstadt Jerusalem und die Bezirke Samaria und Idumäa unter römisches Protektorat gestellt. Die erste Maßnahme Roms war eine Volkszählung, ein „Census“, wie er in der römischen Fachsprache hieß. Galiläa, die Heimatprovinz Jesu war nicht betroffen davon. Die Römer führten die Schätzung nur in der neu errichteten Provinz Judäa im Jahr 6 n.Chr. durch, um  Grundlagen für die genaue Steuerbemessung zu gewinnen.

Das römische Theater von Sepphoris ist in moderner Zeit restauriert worden. Errichtet wurde es von Herodes Antipas, dem Landesfürsten von Galiläa. Vielleicht war Jesus beim Aufbau beschäftigt, als er noch seinen Zivilberuf als Bauhandwerker ausübte.

Der Evangelist Lukas erlaubte sich die schriftstellerische Freiheit, die Volkszählung mit der Geburt Jesu in Verbindung zu bringen, was eine zeitliche Ungenauigkeit von 13 Jahren bedeutete: „Es geschah in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen“ – Lk 2,1. Man darf diese historische Unkorrektheit dem Evangelisten nicht vorwerfen. Er übertrug etwas aus seiner Umwelt in die Jahre, als der Retter geboren wurde. Er wollte damit ausdrücken: Seit Jesus auf der Welt ist, gilt: Wir werden gerettet aus einer Welt der Überwachung, der Eintragung unserer Daten und der sozialen Ungerechtigkeit.

Dem selbsternannten Retter Judas dem Galiläer war es gelungen einen Aufstand gegen die Machthaber anzuzetteln. Es geschah in Sepphoris, der Bezirkshauptstadt - unweit von Nazaret. Kurzerhand schlug der römische Feldherr Varus mit seinen Truppen die Rebellion nieder und ließ die Stadt zerstören. Herodes Antipas, der Landesfürst von Galiläa baute sie neu auf.

Wahrscheinlich war Jesus als junger, tüchtiger Bauhandwerker Zeuge der Verwüstung und war mit dem Wiederaufbau der Stadt beschäftigt. Das hieß für ihn morgens und abends einen 8 km langen Fußmarsch von dem winzigen Dorf Nazaret zur Baustelle in der Stadt. Schon damals wird ihm die Frage nach der Steuerverweigerung durch den Kopf gegangen sein. Er wird sich überlegt haben, was denn die Herrschaft Gottes mit Steuereintreibung zu tun hätte. Wer beides verknüpfte,  vermischte spirituelle Entwicklungen mit administrativen, politischen Plänen. Der Mitstreiter jenes Judas war ein strengreligiöser Jude, er gehörte zu den Reinen, den Abgesonderten, den Pharisäern. Sein Name war Zadok und er vertrat die Grundlinie: „ Der Allmächtige allein – Jahwe – ist Herr und König.“ Von daher  durfte sein Abbild keinesfalls in der Heiligen Stadt aufgestellt werden, schon gar nicht im Tempel, auch wenn es auf noch so vielen Ehrenplätzen des römischen Reiches zu sehen war. Ebenso wenig war es zulässig, dass ein gläubiger Jude dem Kaiser Steuern zahlte. Judas der Galiläer führte einen Guerilla-Krieg gegen die Römer und jüdische Großgrundbesitzer und er verübte Anschläge. Schließlich kam er selber um und seine Anhänger zerstreuten sich.Siehe Apg 5,37. Das war 6 n.Chr. - Jesus war gerade 13 Jahre alt. Aber der Aufruf des Rebellen „Keine Steuern an den Kaiser“ sollte nie mehr verhallen.

Während Jesus im April 30 unbeirrt seine letzten klaren Lehrveranstaltungen am Tempelgelände hielt, griff die religiös-jüdische Führung nach  allen erdenklichen Mitteln, um ihn zu Fall zu bringen. So  schickten  sie ihm Leute aus den verschiedensten Gruppen an den Hals. Diesmal sollten die  Strenggläubigen, genannt Pharisäer, sich mit Leuten aus den Herodes-Regierungskreisen zusammentun,  um auf Jesus "Jagd" zu machen (so die wörtliche Übersetzung!) Als Fangstricke sollten Worte aus seinem Mund dienen, die ihm zum Verhängnis würden. Sie wollten ihn in einer Rede fangen. So traten sie an ihn heran und redeten ihn ehrerbietig mit „Meister“ an und sagten: „Wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich nicht kümmerst um die Meinung anderer. Ein Mensch kann eine noch so hohe Stellung innehaben,   das spielt bei dir keine Rolle. Stattdessen lehrst du den Weg Gottes nach der Wahrheit.“ Diese schmeichelnde Rede enthielt schon Entstellungen: Jesus lehrte nicht den „Weg Gottes“, sondern die „Königsherrschaft Gottes“ Das hochbeladene Wort „Wahrheit“ nahm er kaum in den Mund. Aber er schwieg zu ihrer Huldigung. Dann setzten sie mit einer Frage fort: „Ist es erlaubt, dem Kaiser den Zensus, also die Steuern, abzuliefern oder nicht? Sollen wir sie einzahlen oder sollen wir sie verweigern?“ Auch mit dieser Frage verrieten sie ihre Verlogenheit, denn für die Partei der Pharisäer genauso wir für die Herodianer war die Sache längst entschieden: Ja, Steuern abliefern an den Kaiser, wenn auch zähneknirschend, aber zahlen! Jesus erkannte die Maske der Schauspieler und stellte sie, bevor er auf die Frage einging. zuerst einmal zur Rede. Damit hielt er sich an seine eigene Lehrempfehlung: „Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. – Mach dem Täter bewusst, was er getan hat“. Er frage sie also: „Warum versucht ihr mir eine Äußerung zu entlocken, die mir zur Gefahr wird?“ Sie weigerten sich zu antworten. So erwiderte auch er nicht mit Worten, sondern mit einer Vorführung. Er forderte sie auf: „Bringt mir die römische Steuermünze, den Silber-Denar, die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Ich will einmal nachsehen.“ Das klang so, als wolle er die Lösung der Frage von der Münze ablesen. Sie brachten einen Denar, er selbst trug kein Geld bei sich. Dann ließ er sich genau schildern, was auf der Münze zu sehen war: „Wessen Bild und welche Aufschrift ist das?“ Sie sprachen zu ihm: „Des Kaisers.“ Wahrscheinlich war es die Münze des damals herrschenden Kaisers Tiberius, der von 14 bis 37 n.Chr. regierte. Da stand in lateinischen Großbuchstaben und in Abkürzung darauf: >Kaiser Tiberius, des göttlichen Augustus anbetungswürdiger Sohn.< Das war eine für jüdisches Empfinden abscheuliche Gottesverehrung. So nebenbei: Damit entlarvten sich die ach so strenggläubigen Fragesteller, dass sie dieses frevelhafte Bild bei sich trugen – noch dazu am heiligen Ort des Tempels. Da sagte Jesus zu ihnen: „Also liefert dem Kaiser ab, worauf der Kaiser Anspruch hat. Schließlich ist sein Abbild drauf! Versäumt aber nicht, Gott das abzuliefern, worauf Gott Anspruch hat, weil sein Abbild drauf ist!“ Damit meinte er den Menschen, der nach Gottes Abbild geschaffen ist. Gott will mehr als Geld, nämlich den Menschen und dessen Hingabe. Mit dieser ausgewogenen Antwort hatten sie nicht gerechnet. Einige empfanden sogar Bewunderung für ihn.

Die frühen Christen sind dieser Empfehlung des Meisters Jahrzehnte später weiter gefolgt. Wenn Gegner den Christen unterstellten, sie würden die Staatsordnung untergraben und zur Rebellion anleiten, so traf das nicht zu. Paulus schreibt im Jahr 57 den Hauskreisen in Rom einen ganzen Absatz lang Weisungen zum Verhalten den staatlichen Behörden gegenüber. Er beginnt mit dem Satz: „Jeder ordne sich der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott.“ Zu dem Zeitpunkt war Nero in Rom an der Macht (54 – 68 n.Chr.), er regierte im Jahr 57 zwar noch maßvoll, weil er auf die Worte des Philosophen Seneca hörte. Später schlug das Vertrauen in den weisen Berater ins Gegenteil um: Seneca wurde zum Selbstmord gezwungen. Die Regierung des Kaisers artete in Willkürherrschaft aus, Nero  wurde getrieben von skrupelloser Gier nach Reichtum und befriedigte seine künstlerische Eitelkeit. Jede Opposition wurde blutig unterdrückt.  Paulus selbst hatte im Jahr 60 noch auf einen Freispruch gehofft in seinem Gerichtsverfahren in Rom, wurde aber dann doch zum Tod mit dem Schwert verurteilt – wahrscheinlich im Jahr 62. Hätte er noch erfahren, wie sich Nero zum Tyrannen gewandelt hatte, wer weiß, ob er dann noch solche Worte geschrieben hätte: „Denn die staatliche Gewalt steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. ... Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben“. (Siehe Röm 13,1-7) Die 40 Jahre später verfasste Offenbarung nach Johannes ist da ganz anderer Meinung. Sie nennt Nero verschlüsselt mit der Zahl 666 und bezeichnet ihn als "Tier, dem der Drache (nicht Gott!) seine Gewalt, seinen Thron und seine große Macht übergeben hat" (Off 13,7) Unter dem Drachen versteht die Offenbarung "den Teufel oder Satan, der die ganze Welt verführt" (Off 12,9). Paulus lehrt: Staatordnung liegt im Dienste Gottes, für Johannes in der Offenbarung steht der genannte Kaiser im Dienste des Bösen. Wir brauchen uns nicht zu stoßen an dem Widerspruch, wir dürfen diese Unterschiede so stehen lassen.

Was kann uns die Stellungnahme Jesus zur Steuerfrage heute sagen? Heute fragen wir uns, ob es erlaubt ist, den mächtigen IT-Konzernen so viele persönliche Daten von sich preis zu geben. Ist es erlaubt, dass wir so viel Vertrauliches von uns für Werbung und Geschäfte hergeben. Vielleicht würde sich Jesus ein Handy reichen lassen und auf die Apps schauen und nachfragen: "Wessen Name steht dahinter? Ist euch bewusst, wem ihr euch da ausliefert? Wenn ihr all die Dienste in Anspruch nehmt, müsst ihr in Kauf nehmen, dass der Anbieter Nutzen daraus zieht." Vielleicht würde sich ein Gespräch über die soziale Ungerechtigkeit entspinnen.  Es sind weltweit 2200 Milliardäre, die über ungeheuer viel Reichtum verfügen und sogar Gewinne aus den Krisenzeiten der Menschheit ziehen. Jesus hat nie aufgerufen, gegen das himmelschreiende Missverhältnis von Armen und Reichen aufzutreten. Er meint eher:  "Ihr bekommt von Zeit zu Zeit Gelegenheiten, jemandem in seinem Engpass zu helfen. Ihr braucht ihm keine Silbermünzen hinzustrecken. Erkennt lieber in dem bedrängten Menschen die Züge Gottes. Nehmt euch die Zeit, dem Menschenkind ein wenig Himmel zu verschaffen – und wenn es nur Augenblicke sind. Glaubt an das Göttliche in dem Not leidenden Menschen und versucht das Gute zu wecken. Stellt die Person gedanklich in die Nähe  Gottes, in den Raum Gottes.  - Gebt Gott, was Gottes ist.“

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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