28. April 2019

2.Sonntag der Osterzeit

Er trat in ihre Mitte

Joh 20,19-31

Die Geschichte vom „ungläubigen Thomas“ ist berühmt: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe, … glaube ich nicht.“ Das wird nicht umsonst am Schluss des Johannes-Evangeliums geschildert. Wer glaubt, er sei der einzige Fall, der täuscht sich. Auch das Matthäus-Evangelium endet damit: „Sie hatten Zweifel“. (Siehe dazu Sonntagswort vor 1 Woche.) Dass es schon unter den Ersten spontane Zweifel gab, ist für viele Heutige tröstlich, ja sogar eine Rechtfertigung, Zweifel anzu-melden. Damit bleiben sie aber bei einer kurzsichtigen Deutung stecken.

Begeben wir uns in die 90er Jahre, also 60 Jahre nach dem Wirken Jesu – da entstand das Johannes-Evangelium im römisch-griechischem Kulturraum, im Raum von Ephesus (heutige West-Türkei). Der Kaiser Domitian (Regierung 81 - 96 n.Chr.) ließ sich von den Bürgern seines Imperiums als Herr und Gott ansprechen: Dominus et Deus. Das junge Christentum hatte schon eine Größe erlangt, dass es keine unscheinbare Kraft in der Bevölkerung mehr war. Es verweigerte diese Huldigung.

In den ersten Jahrzehnten des Christentums galten zunächst Männer als Zeugen dafür, dass sich Jesus als der Lebendige gezeigt hat. Das älteste Auferstehungszeugnis ist uns überliefert in 1.Korintherbrief 15 (geschrieben etwa 54 n.Chr.). Darin sind nur Männer genannt: „Er erschien dem Kephas, dann den Zwölf, danach mehr als 500 Brüdern gleichzeitig …, danach dem Jakobus, dann allen Aposteln, …“ Erst Jahrzehnte später wird die Männer-Vorrangstellung mutig durchbrochen – von Johannes – mit seinem Evangelium. Er würdigt die nahe Beziehung Jesu zu Maria Magdalena, die sich so auswirkt, dass sie als erste in der Lage ist, ihm zu begegnen. „Sie verkündete den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen.“ (Joh 20,18)

Erst mit der Verspätung von einem Tag sind auch die Männer in der Lage, ihn zu sehen. Das Johannes-Evangelium beginnt die Schilderung mit den formelhaften Worten: „Am ersten Tag der Woche …“ Als er das schrieb, hatte sich das Morgengrauen des ersten Tages der Woche längst (seit Jahrzehnten) zur Versammlungsstunde der Christen etabliert. „… als die Jünger aus Furcht vor den Juden versammelt waren.“ – Daraus ist schon die Distanz der Christen-Gemeinde zur Synagoge heraus zu hören. Im Jahr 30 hätte man das nicht so formulieren können, denn alle Jünger waren selbst Juden. In den 90er Jahren, hatte die jüdische Führung schon den ausdrücklichen Ausschluss aller Gläubigen erklärt, die sich dem Jesus als Messias anschlossen.

„Er trat in ihre Mitte.“  Der Auferstandene wird hier nicht geschildert als alleiniger Triumphierender über dem geöffneten Grab, auch wenn die christliche Kunst das zum vorherrschenden Bild in den Köpfen der Gläubigen verankert hat. Das Wesensmerkmal des auferstandenen Christus ist nicht der heldenhafte Sieg über den Tod, sondern die Art der  Begegnung mit den Seinen und sein ermutigendes Wort für sie – über den Tod hinaus. Er beginnt wie immer mit dem Segenswunsch „Der Friede sei mit euch“ – das ist ihnen vertraut aus dem dreijährigen Begleiten. Oft hatte er sie ermuntert, versöhnlich miteinander umzu-gehen und sich damit in der Gruppe den Frieden wiederherzustellen und zu sichern. Wenn er die verwundeten Hände und den Lanzenstich in der Brust zeigt, heißt das: Das Schreckliche ist nicht ungeschehen gemacht worden, sondern es war geradezu die Voraussetzung für die weitere Mission. Bevor er das näher ausführt, wiederholt er den Friedensauftrag.

Am Ostersonntag - kurz vor dem Rückflug von Israel nach Österreich - sind wir noch durch den Jerusalem-Forest nach Ein Karem gewandert - in der Johannes-Kirche war dieses Bild aufgestellt. Auch wenn es weithin gebräuchlich ist, Jesus triumphierend aus dem Grab auf-steigend darzustellen, entspricht es nicht dem Bild, das die Evangelien "malen".  

"Ich habe den Herrn gesehen" -  das war nur jemandem möglich, der schon zuvor eine tiefgreifende Beziehung zu ihm hatte (Wach-Soldaten sicher nicht).  Die starke Liebe über mehrere Jahre ist die Kraft, die Begegnungen möglich macht  - auch nach dem Tod noch.

Dann verpflichtet er sie zur selben Sendung, die er vom Vater hatte. Er haucht sie an. Das erinnert an den Schöpfungsatem Gottes, durch den der "Erdling" (=Adam) zum lebendigen Wesen wurde. „Da formte Gott der HERR den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem.“ (Gen 2,7). Wer den göttlichen Atem empfangen hat, ist in der Lage, das größte Gift in der Gesellschaft abzubauen: Schuld, Beschuldigungen, unbewältigte Vergangenheit, empfangene und zugefügte seelische Verwundungen. Jesus erteilt nicht den Auftrag: "Leistet Abbauarbeit von Schuld in der Gesellschaft!" Er sagt es als Tatsache:  „Denen ihr die Schuld erlasst, denen ist sie erlassen. Denen ihr sie behaltet, denen ist sie behalten.“ Die herkömmliche Religion hat aus dem Sündennachlass ein heiliges Ritual gemacht hat, das nur Hochgestellten vorbehalten war (im Judentum dem Hohenpriester, im späteren Christentum nur geweihten Männern) Jesus macht es zur Alltagsregel – er hat es auch als wesentlichen Bestandteil ins Vater-Gebet eingebaut. Er ist überzeugt, dass die Wunden der Menschheit nur so geheilt werden.

Dann folgt der Thomas, der einen sichtbaren und greifbaren Beweis fordert: „Wenn ich nicht…“ Die Berührung wird ihm angeboten, aber er führt sie nicht einmal aus, sondern er spricht das Höchst-Bekenntnis aus: „Mein Herr und mein Gott.“ Mit „Herr“ ist gemeint: dir überlasse ich die Verfügungsgewalt über mein Leben. Du hast alleiniges Zugriffsrecht zu meiner Lebensplanung. Ich überlasse mich dir. Mit „Gott“ ist gemeint: Du bist die Macht. Dir ist alles möglich. Du kannst rettend eingreifen, wo etwas verloren erscheint.

Zum Schluss des Buches wendet sich der Autor unmittelbar an uns, seine Leser – über zwei Jahrtausende hinweg. Nicht schriftstellerischer Ehrgeiz war der Grund, dass er das alles aufgeschrieben hat, sondern Wir! Seine Mühe hat sich dann gelohnt, wenn wir Vertrauen fassen zu Jesus, dem Hoffnungsträger weit in die Zukunft hinein, und zu Jesus, den Vermittler der schöpferischen Liebe, die das Universum in Gang gebracht hat. Sein Schlusswort wirkt eindringlich: "Vertraut euch ihm an, so wie es die Begleiter zu seinen Lebzeiten getan haben. Es wird eurem Leben eine ungeahnte Weite geben."

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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