4.April 2021      Oster-Sonntag

Das leere Grab - der Beweis? Sicher nicht!

Johannes 20,1–18

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen ging jedoch nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen  und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.  Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.

„Es muss ein riesiger Schreck gewesen sein, als Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab kam und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. ...

Ratlosigkeit über das leere Grab, die gibt es auch in unserer Zeit. Beweist es, dass Jesus auferstanden ist? Sicher nicht! Denn Jesu Leichnam könnte ja auch entwendet worden sein, wie Maria von Magdala anfangs befürchtete.“ So deutete Christoph Kardinal Schönborn 2019 das Osterevangelium auf der Homepage der Erzdiözese Wien.

Wer begreifen will, was für die ersten Begleiter Jesu die Oster-Erfahrung war, sollte sich von tief verankerten Prägungen durch kirchliche Tradition verabschieden und zurückfragen zu den Anfängen. Erstes Missverständnis: Die Jünger hätten an die Auferstehung deshalb geglaubt, weil sie den Grabstollen leer vorgefunden hätten, in dem der Leichnam Jesu 36 Stunden vorher bestattet worden war. Zweites Missverständnis: Jesus sei als triumphierender Held – womöglich mit wehender Fahne über dem Grab-Felsen  – dagestanden, um als der Auferstandene gefeiert zu werden, so wie es uns die Kunst in zahllosen Bildern darstellt. In Wirklichkeit war es immer eine Begegnung zwischen langjährigen Schülern und ihrem ehemaligen Meister. Es war ein Austausch zwischen ihm und ihnen nach seinem Tod, keine starre Bewunderung ihrerseits. Drittes Missverständnis: Das Wort „Erscheinung des Auferstandenen“ erweckt den Eindruck, als sei er blass wie ein Geist oder wie ein Bild im Traum aufgetaucht, eben erschienen.

Grab mit Rollstein web.jpg

Etwa so könnten wir uns das Grab Jesu vorstellen. Viele Hunderte von dieser Art haben Archäologen im Umkreis von Jerusalem entdeckt und untersucht. Nur wenige waren mit Rollstein verschlossen - die meisten mit würfelförmigen Felsblöcken.

Die ganz ursprünglichen Texte sagen es kraftvoll: Er wurde gesehen. Die Zeugen sahen ihn deutlich. Ihre Namen werden uns genannt. Er zeigte sich und sprach klare Worte. Dass Jesus auferstanden ist, fällt nicht unter „historisches Faktum“, aber dass etliche namentlich bekannte Männer und Frauen Nach-Tod-Begegnungen mit ihm hatten und es bezeugten, das ist erwiesen. Wie diese Erfahrungen zustande kamen, das lässt sich gut nachverfolgen. Die Berichtlage ist überzeugend. Wir wollen der Darstellung aus dem Johannes-Evangelium sorgfältig auf die Spur kommen.

„Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab.“ War sie tatsächlich allein unterwegs? Das Markus-Evangelium lässt uns wissen, dass zwei weitere Frauen dabei waren: Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome. Lassen wir es zunächst offen, ob es eine oder drei waren. Ein weiterer Unterschied zu Markus fällt auf, wo es heißt: „Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.“ Mit dem „dunkel“ im Johannes-Evangelium muss nicht finstere Nacht gemeint sein, sondern es lässt sich als „Dämmerlicht“ übersetzen. Wer diese Evangelium kennt, weiß wie oft es mit Finsternis und Licht argumentiert, so etwa: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umher gehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Ganz deutlich wird es mit Judas beim Abendmahl: „Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.“ (Joh 13,30) Es könnte also sein, dass es Johannes tiefgründig meint: Noch herrschte Düsterkeit bei Maria Magdalena. „Sie sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.“ Im Unterschied dazu heißt es bei Markus: Die drei Frauen „sahen, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.“ Das deutet auf einen Rollstein hin, eine schwere Steinscheibe. Das griechische Wort KYLEO heißt „rollen“, „wälzen“. Bei Johannes heißt es wörtlich: Der Stein war enthoben, heraus gehoben (aus der Vertiefung) – das heißt, der Verschluss-Stein könnte mehr würfelförmig gewesen sein. Die  Archäologen haben weit über tausend solcher Grabstollen rund um Jerusalem bis hinauf nach Galiläa entdeckt. Sie waren in diesem Jahrhundert üblich, denn damit konnte man mehr Tote bestatten. Nach einem Jahr wurden die Gebeine zusammen gesammelt und in einem platzsparenden Steinbehälter gelangert und der Stollen war wieder frei für eine neuerliche Bestattung. Ein Archäologe hat 900 Gräber auf den Verschluss-Stein hin untersucht und fand nur 4 mit Rollstein. Diese waren von sehr reichen Familien.  

Maria Magdalena war so betroffen von dem offenen Grabstollen, dass sie „schnell zu Simon Petrus lief und zu dem anderen Jünger, den Jesus liebte“. Im Originaltext kommt das Wort „schnell“ nicht vor und statt „laufen“ sollte man eher „rennen“ übersetzen. Paulus verwendet das Wort in Verbindung mit der Rennbahn: „Wisst ihr nicht, dass die, welche im Stadion rennen, zwar alle rennen, aber einer den Preis empfängt? Rennt so, dass ihr ihn erlangt!“ (1Kor 9,24) Das verrät ihre Unruhe. Sie wollte die Erstverantwortlichen schnellstens verständigen. Wieder finden wir einen Unterschied zur Markus-Darstellung. „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ Vielleicht ist Maria Magdalena die einzige von den drei Frauen, die sich nach dem ersten Schock aufgerafft hat, um die beiden Männer aufzusuchen.  Sie sagte zu ihnen: „Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Warum berichtet sie nicht den Tatsachen entsprechend nur das, was sie gesehen hat, nämlich dass der Stein enthoben war? Offenbar war sie auch drinnen in dem Grabstollen, wovon oben nicht die Rede war. Aber Markus lässt es uns so wissen. Jetzt verrät sie auch, dass sie doch nicht allein war: „Wir wissen nicht, wo sie ihn gelegt haben.“ Das „Wir“ weist darauf hin, dass Markus Recht hat: Sie waren zu dritt. Woher nimmt sie die feste Überzeugung: „Sie haben den Herrn weggenommen“? Wörtlich übersetzt heißt es: „Sie haben den Herrn gehoben“ Gemeint ist das Heraus-Heben des Leichnams aus einer Versenkung. Die Steinbank im Stollen, auf die man den Leichnam Jesu bestattete, hatte tatsächlich eine körpergroße Mulde, sie war nicht flach. Das hatten die Restaurateure der Grabeskirche im Jahr 2016 festgestellt. Wir erkennen daraus, wie der Text des Evangeliums Feinheiten enthält, die genau den Tatsachen entsprechen.

Simon Petrus und der andere Jünger taten den Bericht der Maria nicht als Geschwätz ab, aber sie wollten sich selber überzeugen. Sie liefen hinaus aus der Stadt (genau übersetzt: Sie rannten!) und der jüngere und offenbar sportlichere war zuerst dort. Er beugte sich hinein in den Grabstollen und sah die Leinen-Bahnen liegen. Dem als zweiten eintreffenden Simon Petrus ließ er den Vortritt, um in den Stollen hinein zu gehen. Sie werden diese äußerst seltsame Entdeckung nicht schweigend betrachtet haben, sondern sich darüber ausgetauscht haben. Gesprächsthema waren die Leinenbahnen und dann das sogenannte Schweißtuch. Das  muss jener  Leinenstreifen gewesen sein, mit dem einem Verstorbenen das Kinn an den Kopf gebunden wurde – so vorgeschrieben in der Mischna. Der verschwundene Leichnam war scheinbar für sie kein Gesprächsthema – vielleicht nur ein Schock. Während Maria Magdalena nur über dieses eine Thema spricht: „Sie haben den Herrn weggehoben“, machten sie sich Gedanken über die Leinenbahn, womit der Leichnam in voller Länge eingeschlagen war. Zunächst ist es für die Männer ein sicheres Indiz, dass es kein Grabraub war, denn das sah nach Ordnung aus. Vielleicht klingt aus dem Text mehr durch, nämlich ein verborgenes Wissen um dieses Leinen. Vielleicht war darauf der blasse Körper-Abdruck und das Gesicht Jesu zu erkennen. In der dunklen Grabkammer werden die beiden Männer das zarte Abbild  noch nicht bemerkt haben. Aber später wird es zum Vorschein gekommen sein und das Johannes-Evangelium hat das Wissen darum aufbewahrt. Es ist das später als Turiner Leichentuch bekannte Abbild.

„Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.“ Diese beiden Sätze scheinen sich zu widersprechen. Er „glaubte“ und sie hatten „noch nicht verstanden“. Dieser andere Jünger ist jener, der mit Jesus die meiste innere Übereinstimmung hatte. Zwischen ihm und Jesus bestand eine Seelenverwandtschaft wie zu keinem sonst. Was er und Petrus in der Grabkammer sahen, müsste eigentlich Verwirrung stiften. Dennoch vertraute dieser Jünger, den Jesus liebte. Er verließ sich darauf, dass sich der Sinn von allem noch herausstellen würde. Und so war es auch: Jetzt nach dem Tod Jesu und seinem Hinaufgehen lasen sie die heiligen Schriften gewissenhafter und mit einem ganz neuen Verständnis. Vieles, was Jesus gelehrt hatte, sahen sie im Nachhinein unter dem Licht der Schriften. Erst nachdem Jesus seine Anhänger verlassen hatte, gingen ihnen die Augen für das Wesentliche auf.

Die Überzeugung, dass all das um Jesus schon verschlüsselt in den biblischen Schriften enthalten war, klingt schon in einem
ganz frühen Text des neuen Testaments an. Paulus schreibt um 55 n.Chr. den Gemeinden von Korinth:   „Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift“ Paulus erinnert sie, dass er ihnen das genau in diesem Wortlaut schon früher verkündet habe. Paulus setzt fort: „Jesus zeigte sich dem Kephas, dann den Zwölf“ (1 Kor 15,5) Nun wollen wir diese Überlieferung anlegen an die soeben studierte Johannes-Stelle und lesen diese gleich weiter: „Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück ... Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!“ Damit lässt sich erschließen: Nach dem morgendlichen Grabbesuch und vor dem abendlichen Beisammensein des Jünger-Kreises – irgendwann dazwischen – muss sich Jesus dem Petrus allein und ganz persönlich gezeigt haben. Der Grundton der Begegnung muss Vergebung gewesen sein, denn die Verleugnung mit dem Hahnenschrei war noch ganz frisch, sie lag nur drei Tage zurück. Von dieser Begegnung weiß keines der Evangelien zu berichten. Jedoch diese sehr frühe Formel der ersten Christen nennt Petrus als ersten, dem sich der Auferstandene gezeigt hat – also einen Mann. Die weiteren Personen, denen sich der erhöhte Christus zeigt, sind in dieser Glaubensformel auch Männer.

 

Das Johannes-Evangelium weiß es anders:

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.

Maria aber stand draußen vor dem Grab und schluchzte (Das ist treffender übersetzt als „sie weinte“). Offenbar hat es ihr  nach ihrer Berichterstattung an die beiden Männer keine Ruhe gelassen. Sie musste den Schmerz über den Verlust ihres wertvollen Lehrers noch ausleben am Schauplatz. Diesmal war sie allein, ohne Begleiterinnen. Sie beugte sich hinein in die Grabkammer. Das Hinein-Beugen wurde schon oben bei dem „anderen Jünger“ erwähnt. Es muss mit der Anordnung der Kammern in der Grabstätte zu tun haben. Die Grabanlage war zweigeteilt. Man ging von einem kleinen Vorplatz in eine erste Höhle, in der man noch aufrecht stehen konnte und die steinerne Bänke enthielt. Von da konnte man weiter  nur gebeugt in die zweite Höhle  gelangen, in die eigentliche Bestattungskammer. In ihr war entlang der Wand eine Art seichte Wanne ausgestemmt für den Leichnam.

Da erspähte Maria, dass da jemand saß:  zwei Boten –  in weiß! Sie saßen nicht beieinander, sondern der eine saß zum  Kopf hin, der andere zu den Füßen hin, dort wo der  Leib Jesu gelegen hatte. (Die Einheits-Übersetzung schreibt „der Leichnam Jesu“ aber das Johannes-Evangelium wählt bewusst das lebendigere Wort: Leib / Körper.) Die beiden Boten erkundigten sich nach ihrem Schmerz: „Warum schluchzt du?“ Sie gibt zur Antwort: „Sie haben meinen Herrn enthoben und ich weiß nicht, wo  sie ihn abgelegt haben.“ Damit wiederholte sie die fixe Überzeugung, dass gewisse Leute ihren Herrn heraus gehoben haben aus der Bestattungsmulde und irgendwo hin verlegt haben, wovon sie keine Kenntnis hätte. Auffällig ist, dass sie nicht vom „Leib“ spricht, der entnommen wurde, sondern von „ihrem Herrn“. Man könnte meinen, sie vermutet eine Umbettung, eine Bestattung an einem anderen Ort. Als sie sich diesen Kummer von der Seele geredet hatte, wandte sie sich zurück (nicht nur „um“). Paulus verwendet dasselbe Wort so: „Ich vergesse, was hinter mir liegt“ (Phil 3,13) Maria schaute also spontan hinter sich, weil sie spürte, dass da jemand hinter ihr stand.

Ja, da stand unerwartet eine Person, die sie nicht kannte, die sich aber später als Jesus erweisen würde. Diese Person erkundigte sich wieder genauso: „Frau, warum schluchzt du?“ Diese Frage war keine Bemitleidung, kein voreiliger Trost, sondern wirklich eine Frage nach dem Grund. Offenbar hatte sie tatsächlich weithin hörbar geschluchzt. Der Unbekannte fragte weiter: „Wen suchst du?“ Offenbar hatte er ihren Verlust-Schmerz gemerkt. Der Mann schien ihr der Gärtner zu sein, der Landschaftspfleger, der Parkwächter. Sie sagte zu ihm fast vorwurfsvoll: „Herr, wenn du derjenige bist, der ihn weggetragen – wenn du der Täter bist (Das DU ist betont im griechischen Originaltext) – dann sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Ich bin es, die ihn aufheben wird und bergen wird“ (Das ICH ist betont: EGO) Es ist das dritte Mal, dass sie fest behauptet, Jesus sei enthoben worden und an einem anderen Platz neu gebettet worden.

 

Jetzt vernimmt sie die Stimme Jesu: „Mariam“ Daraufhin wendet sie sich um. Wohin um? Offenbar der Stimme zu, die so liebevoll ihren Namen genannt hatte. Sie erwidert nur ein Wort: „Rabbuni!“ Es ist aramäisch und bedeutet: „Meister“ Eigentlich heißt „Rabbi“ Meister. Rabbuni heißt „Mein Meister“. In diesem Ausruf steckte soviel Liebe und Dankbarkeit, dass sie durch ihn ihr Leben neu lernen konnte. Vielleicht hatte sie versucht, die Füße der Person zu umfangen? Die Stimme Jesu wehrte ab „Fasse mich nicht an!“ Warum das Verbot? Er musste ihr noch etwas erklären und ihr einen Auftrag geben:  „Ich bin noch nicht zum Vater hinauf gegangen.“ Was war damit gemeint? Jesus wusste, dass sein Sterben und seine Auferstehung ein Prozess war, nicht ein Ereignis. Da der Vorgang zutiefst mit denen zu tun hatte, die ihn begreifen mussten, konnte er nur langsam Schritt für Schritt vor sich gehen. Dieser Prozess durfte weder aufgehalten noch beschleunigt werden. Er hatte sein eigenes Schrittmaß: Im Bild gesprochen war es „das Hinaufgehen zum Vater“. Das Lukas-Evangelium nennt es „Hinaufgehen in die Herrlichkeit“ (Siehe Emmaus-Gespräch Lk 24) Schließlich bekam Maria noch ihren Sendungsauftrag: „Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Das mag seltsam klingen: Warum „Mein Gott und euer Gott.“?  Damit sind nicht zwei verschiedene gemeint, sondern ein und derselbe, aber verschiedene Beziehungen. Die Gottesbeziehung Jesu ist einmalig und unerreichbar. Seine Nähe ist höchst intim, seine Schüler könnten sie  auch anstreben. Jesus ist der Weg zu einer innigeren Gottesbeziehung. Er erklärt seinen Brüdern: Mein Hinaufgehen hat Folgen für euch, für euer Gottesbild.  

Maria von Magdala kam zu den Jüngern und übermittelte ihnen die Botschaft: „Ich habe den Herrn gesehen.“ Sie sagte nicht: „Der Herr ist mir erschienen.“  Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte. Somit wurde sie zur Glaubenslehrerin und das blieb sie über dieses eine Ostern hinaus. „Ich habe den Herrn gesehen“ schreibt auch Paulus den Korinthern, um damit sein Amt zu beweisen. „Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen?“ (1 Kor 9,1)

Nach diesem Pauluswort ist Maria Magdalena Apostel - als Frau! Sie steht hoch im Kurs in den Kirchen unserer modernen Zeit. Auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus hat der Vatikan die Rolle von Maria Magdalena aufgewertet. Sie wurde im Juni 2016 liturgisch den Aposteln gleichgestellt. Der bisherige „Gedenktag“ wurde in der katholischen Kirche in ein „Fest“ umgewandelt. Über diese Maßnahme hinaus ist zu hoffen, dass in den Kirchen sich manche Verantwortliche künftig mehr als Apostel verstehen, die sagen können „Ich habe Jesus unseren Herrn gesehen“. Die Gemeinden brauchen Leute an der Spitze, die den brennenden Wunsch verspüren, den Herrn zu sehen, seine Art zu studieren, genau hinzuhören, was er sagt und ihm über die Schulter zu schauen, was er tut. Diese heutigen Apostel – Männer wie Frauen – werden den Kirchen wieder die Gestalt der Anfangszeit verleihen. Mit Hilfe von ihnen werden die Gemeinden wieder das, was sie in ihren jungen Jahren waren - in der Zeit des frühen Christentums.