31. Dez. 2017_Sonnt. n.Weihn

 „Fest der Hl.Familie“      Lk 2,22-40

Unauslöschliche

Erinnerungen

an die Kindheit

 

Es wird uns geschildert, dass die Familie Jesu die religiöse Tradition gewissenhaft einhält. Seltsam, dass dies gerade jener Evangelist überliefert, der keine jüdischen Wurzeln hat. Lukas ist ein dem Judentum religiös „Fernstehender“ und lässt seine Leser viel wissen über diese Religion. Er scheint Bewunderung zu hegen für das „Gesetz des Herrn“ – allein in diesem Abschnitt nennt er es fünfmal. Genauso schätzt er den Tempel und die dortigen Rituale, mehr als etwa der Verfasser des Matthäus-Evangeliums, der selbst ursprünglich jüdischer Schriftgelehrter ist. Lukas hat – während er vielleicht 85 n.Chr. sein Evangelium schreibt – immer noch Hochachtung vor dem Gotteshaus der Juden, obwohl es schon 15 Jahre lang in Trümmern liegt. (Römische Truppen haben das Heiligtum in Jerusalem 70 n.Chr. völlig vernichtet)

 

Lukas lässt seine Leser wissen, dass für Maria als jüdische Mutter ein Reinigungsritus vorgeschrieben war (40 Tage nach der Entbindung) und dass jedes erstgeborene Kind, sofern es männlich ist, für den Herrn abgesondert und bereit gestellt werden sollte. Die Eltern bekamen es von Gott zurück, indem sie im Tempel eine Opfergabe darbrachten. Lukas, der aus der griechisch-römischen Welt stammt, scheint davon angetan zu sein. Für jüdische Gläubige hingegen war es Pflicht oder Gewohnheit, wie Hunderte andere religiöse Vorschriften. Das Eigentliche geschieht diesmal aber nicht im Ritus selbst, sondern im „Rahmen­programm“ – nicht durch den religiösen Würdenträger, nicht durch die Familien­angehörigen oder Paten, sondern durch Personen, die unerwartet zu der Feier dazu stoßen.

 

Was spricht mich aus dieser Erzählung an?

  • Erfreulich, dass trotz festgelegtem Ritus etwas Unvorhergesehenes möglich wird: „Siehe!“ (=Da schau her!) – Ein Mann namens Simeon wurde vom Geist in den Tempel geführt ...

  • Er ist gewöhnlicher Laie und verschafft sich im Gotteshaus ein Wort und verkündet etwas, das ihm der Hauch Gottes (=Geist) offenbart (!!!) hat. „Der Mann war gerecht (=rechtschaffen, redlich)  und fromm (=ganz auf Gottes Fürsorge vertrauend)“ – aber kein Priester, kein Lehrer, kein Prophet.

  • Er drückt zuerst seine übergroße Freude aus: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“ Das ergänzt er dann doch durch Vorhersagen über das Kind, die hoffnungsvoll und beängstigend zugleich sind. Sie gipfeln darin, dass „ein Schwert durch die Seele der Mutter dringen wird“ – (Beachte: „durch die Seele!!!“ und nicht durch ihren Brustkorb und nicht erst, wenn der Leichnam auf ihren Knien liegt, sondern während seines ganzen Wirkens immer wieder.)

  • Der Mann segnete die Eltern: Wie wertvoll wohlwollende, segnende Gedanken, Worte und Gesten sind, gerade für solche, die eine Bürde zu tragen haben im Leben. Segnende Gesinnung und Zeichen unter ganz normalen Menschen!

  • Eine Frau ist Prophetin. Sie war über Jahrzehnte Witwe, also „Notstandsbezieherin“. Ihre Entbehrungen hat sie Gott zu Füßen gelegt (beten und fasten) und taucht im richtigen Augenblick vor der Familie auf mit ihrem Jubelruf. „Sie sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“

  • Die Eltern sind irgendwie sprachlos über diese Zwischenfälle. Aber sie legen das Gehörte und Gesehene wie in einem Album ab – zwar keine Fotos, sondern unauslöschliche Erinnerungen. „Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden.“ Sie werden es dem Sohn im reifen Alter erzählen. Was haben unsere Eltern über unsere ersten Lebensmonate gespeichert und uns erzählt?
     

Was hier Lukas schreibt, sind nicht bloß biographische Einzelheiten bei der Geburt Jesu. Eigentlich sollten die Texte als Nachspann dienen. Wer das öffentliche Leben Jesu kennengelernt hat und sich davon erfassen hat lassen, wird hinterher bestätigen: „Dieser Mann ist dazu bestimmt, dass im Volk Gottes viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden.“ Wer sich ihm aussetzt – auch heute noch – bei dem wird vieles umgestoßen und vieles neu aufgebaut.

Tempel-Modell

im Israel-Museum

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Mag. Martin Zellinger

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