29. April 2018

5.Sonntag der Osterzeit

Der wahre Weinstock

Joh 15,1-8

Vor dem Höhepunkt seines Lebens bringt Jesus sich selbst und seine Nachfolge-Gemeinschaft in Verbindung mit Wein, mit Wein-Ernte, mit guten Erträgen beim Weinbau. Schon während seines dreijährigen Wirkens war er den Festen nicht abgeneigt, an denen Wein getrunken wurde und herzliche Stimmung entstand. Gleich zu Beginn rettet er die Feststimmung einer Hochzeit, indem er anstelle von Wasser den Wein zum Vorschein bringt, den der Bräutigam zurückgehalten und der Hochzeits-gesellschaft vorenthalten hat. „So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa“ (Joh 3). Er lässt sich immer wieder zu Festmählern einladen, verwandelt sie in Versöhnungsgesellschaften und wird dafür von den Super-Religiösen als „Fresser und Säufer“ beschuldigt. Als sich sein tragisches Ende abzeichnet, feiert er mit seinem engsten Kreis das Pascha-Mahl, bei dem über den Weinbecher der Segen gesprochen wird. Abschließend sagt er mit Wehmut und Hoffnung zugleich: „Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.“ (Mk 14,25)

Laut Johannes-Evangelium nennt er sich selbst (in der zweiten Abschiedsrede) den „wahren Weinstock“. Warum der WAHRE Weinstock? Gibt es auch einen nicht-wahren? Es klingt so, als würde Jesus sich abgrenzen vom anderen Weinstock, der nicht entsprochen hat. Das jüdische Volk Gottes war vorgesehen, auf der Erde einen besonderen Platz einzunehmen, ist aber seiner Berufung nicht gerecht geworden. Offenbar spielt Jesus auf ein Psalm-Wort an: „Gott der Heerscharen, stelle uns wieder her! Du hobst in Ägypten einen Weinstock aus, du hast Völker vertrieben, ihn aber eingepflanzt. Du schufst ihm weiten Raum; er hat Wurzeln geschlagen und das ganze Land erfüllt.“ (Ps 80,9)

Weinverkostung am Golan während der Israel-Reise

Dazu passt auch ein Wort aus dem Propheten Hosea: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr man sie rief, desto mehr liefen sie vor den Rufen weg. Den Baalen brachten sie Schlachtopfer dar, den Götzen Räucheropfer“ (Hos 11,1f). Jetzt tritt Christus diese Rolle des Sohnes an und er betont das „Ich“ (EGO): „Der Weinstock, der wahr und treu geblieben ist, der bin ich.“ Er ist überzeugt, dass Gott mit ihm einen neuen Versuch startet, sein Volk wiederherzustellen und liebevoll einzupflanzen. Jesus nennt ihn Vater und Winzer zugleich. ‚Für ihn sammelt Jesus von neuem das Volk. Aber wer sich einbildet, zu diesem Gottesvolk zu gehören, aber keine Frucht bringt, der hat sich in Wirklichkeit schon entfernt. Er mag noch so vielen religiösen Feiern beiwohnen und das Glaubensbekenntnis murmeln, wenn er keine Frucht bringt, gehört er nur zum Schein dazu. Das wird gleich zu Beginn mit aller Deutlichkeit gesagt. Das „Frucht bringen“ heißt nicht Aktivitäten starten, sondern ein Gespür dafür entwickeln, was im Sinne des Evangeliums jetzt dran ist und da keine Mühen scheuen. Was zu tun ist, ergibt sich aus der Verbundenheit mit ihm.

Diejenigen, welche Ertrag bringen, werden laufend gereinigt von Ungeziefer, Krankheitsbefall oder Schürfwunden. Am sichersten gelingt die Reinigung mittels des Wortes. Wer sich fortwährend mit dem Wort beschäftigt, sichert sich die Selbstreinigung. (Dieses Sonntagswort will dazu eine Hilfe bieten) Die Betonung liegt auf „Bleiben“ - Dran bleiben! „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“ Für manche mag es wie ein frommer Wunsch klingen, dass wir „alles“ erhalten. Andere können es bestätigen, dass sich alles fügt und Träume, die man vor dem Vater ausspricht, wahr werden. Die Früchte setzen nicht am Weinstock an, also künftig bringt nicht Christus die Frucht, sondern die Früchte entspringen den Reben. Das heißt, die Mitglieder der Nachfolge-Gemeinschaft bringen die Trauben hervor, aus denen der köstliche Wein hergestellt wird. Wo Christen am Saftstrom des Stockes angeschlossen sind, bringen sie Früchte und der daraus gewonnene Wein trägt zur frohen festlichen Stimmung bei.

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Mag. Martin Zellinger

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