6. Mai 2018

6.Sonntag der Osterzeit

... wie ich euch geliebt habe.

Über Liebe schreiben? Sind doch die Illustrierten voll mit dem Thema und in Gottesdiensten wird viel vom liebenden Gott gesprochen. Die Wortschwemme verrät, wie sehr wir Liebe vermissen, wir uns danach sehnen, wir sie schenken können. Also ein viel strapaziertes Wort! Versuchen wir es trotzdem: Ich nehme ein übergroßes Blatt Papier, schreibe das Wort in die Mitte und kreise es rot ein. Ich ziehe Linien zum Blattrand und zu den Strahlen notiere ich Begriffe, die mir in den Sinn kommen. Wer will, kann es jetzt sofort ausprobieren, bevor er hier weiterliest.

Lust – Opferbereitschaft – geschenkt – selbst erarbeitet – Moment – Dauer. Diese sechs Begriffs-Paare sind mir gekommen. Geschieht wahre Liebe aus Lust, die einen überkommt? Oder entsteht sie, wenn man sich bewusst dazu entschließt, manchmal dazu aufrafft? Beim 2.Paar: Verbreitet ist der Spruch:  „Die einen haben das Glück der Liebe und die anderen nicht.“ Das klingt so, als könne man selber kaum etwas dazu beitragen. Was stimmt wirklich? Zeichnet sich Liebe als etwas Geschenktes aus oder wächst sie durch Anstrengung? Das 3.Begriffspaar pendelt zwischen der augenblickshaften Erfahrung und der an­haltenden. Tauchen Momente der Liebe bloß hin und wieder auf oder ist sie etwas Dauerhaftes, kann sie sogar für immer halten?

Joh 15,9-17

Vorsichtig gemeinsam Hineinwaten ins Tote Meer

Der amerikanische Theologe und Paarberater Gary Chapman hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Paare zu ermutigen in der Liebe (Er ist heute 80 Jahre alt). Sein Buch heißt „Die fünf Sprachen der Liebe“ und darin empfiehlt er, sich zu prüfen, worauf der Partner/die Partnerin anspricht: 1. Lob und Anerkennung 2. Zweisamkeit – die Zeit nur für euch 3.Geschenke, die von Herzen kommen 4.Hilfsbereitschaft 5.Zärtlichkeit. (Mir fehlt noch: 6. Die Liebe nicht zur Fessel machen! Raum geben für das Alleinsein!). Zu diesen 5 Formen, einander die Liebe zu zeigen, bietet ein Schweizer Theologe sogar online-Kurse an. Wenn sich Lehrbücher und Kurse 1000fach bewährt haben, dann heißt das doch: Man kann Liebe üben, verbessern und einen liebevolleren Umgang miteinander lernen und pflegen. Man kann gegen das Verflachen vorbeugen, Krisen abfangen. Zu den oben erwähnten Begriffspaaren hieße das: Liebe kann ein Glückfall sein, etwas Geschenktes, etwas Momentanes, aber es würde zwischen den Fingern zerrinnen, wenn wir es nicht pflegen. Es glost nur dürftig dahin, wenn wir die Flamme nicht nähren. Es liegt in unserer eigenen Verant­wortung, was wir machen aus dem Geschenk. Es zahlt sich aus, an der Liebe zu arbeiten. Sie wird reicher, bunter, widerstandsfähiger.

Große spirituelle Meister weiten die Liebe aus von der Paar-Erfahrung zwischen Mann und Frau zu den Alltagsbeziehungen: Liebe zum Nächsten im Berufsleben, auf der Straße, in der unmittelbaren Nachbarschaft. Sie sind überzeugt: Es kommt dir selber zugute, wenn du dich um den kümmerst, der gerade deine Zeit braucht. Nimm als Maß des Einsatzes dich selber. Schade um dich, wenn du das Beziehungsgesetz vernachlässigst, ebenso wäre es schlecht zu übertreiben, sich über die Maßen aufzuopfern. Es wäre nicht mehr Liebe. Der ganz große Meister weitete die Fürsorge sogar auf Menschen aus, die uns das Leben schwer machen, uns bewusst oder unbewusst Schaden zufügen. Die Regel des Verzeihens hat bei Jesus höchste Priorität. Er weiß, dass es gerade im engen Zusammenleben häufig Zwischenfälle gibt, die einen zur Weißglut bringen. Er hält nichts davon, einander immer wieder vorzurechnen, woran der andere Schuld ist. Am anderen herum zu bessern, bringt nicht weiter. Was zu Unstimmigkeiten geführt hat, sollte mutig angesprochen werden, aber dann sollte man dem anderen es nicht länger verübeln. Bei Kränkungen sollte gerade der Verletzte die Sache ansprechen, aber nicht um dem anderen sein Unrecht zu beweisen und um selber Recht zu behalten. Man sollte ihm vergeben und mitsammen einen Neubeginn setzen. Immer wieder. Durch das gegenseitige Auflisten der Fehler gerät man tiefer in den Sumpf, aber durch Benennen und Vergeben kommt man gemeinsam vorwärts. Wer es übt, erwirbt sich selber ein Friedensfundament und Ausgeglichenheit. Er lebt versöhnter mit sich, dem Umfeld und dem Schöpfer. Noch anspruchsvoller ist die „Feindesliebe“. Was ist damit gemeint? Abbau des Grolls im eigenen Inneren und Aufbau von Gedanken des Wohlwollens für den, der mir das Leben zur Hölle gemacht hat. Der Himmel möge auch den segnen. Es ist ratsam, inne zu halten und sich zu bewusst machen: Wie sehr bin ich doch bisher im Leben mit Liebe geführt worden. Der beste Vater könnte es nicht mit größerer Sorgfalt tun.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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