25. März 2018

Palmsonntag

Leidensgeschichte Markus 14,1 – 15,47

Judas - der Auslieferer

Mein Freund, dem ich vertraute, stellt mir das Bein.

 

Die ganze Leidensgeschichte hier ausführlich zu besprechen, würde den Rahmen sprengen.

Ich beschränke mich auf Judas – aus mehreren Gründen: 1. Er ist für viele ein spannendes

Thema. 2. Er ist in der neuen, revidierten Einheitsübersetzung (Ausgabe 2017) nicht mehr

der „Verräter“, sondern „der Jesus ausliefert“. 3. In den soeben zu Ende gehenden Linzer

Bibelkursen, die an über 20 Orten in Oberösterreich angeboten wurden, wollte niemand den

dritten der vier Abende versäumen, weil es da um Judas ging.

 

Es gehört zu den traurigen Erfahrungen der Menschheit, dass zwei, die anfangs voneinander

begeistert waren, die sich aufeinander voll verlassen konnten, ja sich geliebt haben, ab einem

bestimmten Zeitpunkt immer mehr auf Distanz gehen, dass der eine dem anderen Vorwürfe

macht, bis schließlich Liebe in Hinterhältigkeit und Misstrauen umschlägt. Das ist zu beobachten

unter Firmengründern, Vereinskollegen, Geschwistern und Paaren. Die jüdische Lebensweisheit

hat dieses Phänomen schon früh festgehalten: „Mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß,

hat die Ferse gegen mich erhoben.“ (Psalm 41,10)

 

Jesus bezieht sich während des letzten Abendmahls auf dieses Urwissen und bestätigt es mit seinem Amen-Wort: „Amen! Das ist wirklich so. Es bewahrheitet sich immer wieder. Auch beim Menschensohn.“ Die fröhliche Mahlrunde ist bestürzt und fragt, ob das auch auf ihren Kreis zutreffe. Jetzt spricht Jesus Klartext und doch nicht: „Ja, er stammt aus dem Zwölferkreis! Er taucht mit mir das Brot in die Tunke des Lammbratens. Zwar bleibt dem Menschensohn der Weg nicht erspart, der in der ewigen Weisheit vorgezeichnete ist, doch ach-weh um den Menschen, der sich zum Handlanger dafür hergibt. Er bringt über sich einen üblen Ruf, der ihm über Zeitalter hinweg anhaften bleibt. Weh auch um seine Mutter, die ihn geboren hat! Dass aus ihrem Schoß so ein Mensch hervorgegangen ist, könnte sie zur Verzweiflung treiben, aber davor soll sie verschont werden. Sie ist nicht mitschuldig.“ Jesus geht hier bewundernswert taktvoll vor. Den Auslieferer nennt er nicht namentlich, er zeigt nicht mit dem Finger auf ihn, sodass keiner die Anspielung durchschaut (außer Johannes!). Für Judas jedoch wäre es die allerletzte Gelegenheit, in sich zu gehen. Er hätte die Warnung verstehen können, dass Jesus sein Spiel längst durchschaut hat. Auch der andere aus dem Zwölferkreis, der schwer versagen wird, Petrus, bekommt von Jesus eine Warnung (den doppelten Hahnenschrei). Der wird weinend in sich gehen.

 

Die Versuche in der Literatur, Judas zu entschuldigen („Man soll den armen Kerl endlich in Ruhe lassen!“), kann ich nicht nachvollziehen. Es steht uns weder zu, die Tat zu verurteilen, noch sie reinzuwaschen. Eine Klarstellung ist jedoch dringend nötig: Millionen von Juden sind zu Unrecht mit Judas auf gleiche Ebene gestellt worden und im Laufe der Kirchen- und Weltgeschichte ist damit unsägliches Leid geschaffen worden.

 

Deshalb ist es wichtig die biblischen Angaben über Judas genau zu kennen: Einige wenige davon seien hier erwähnt.

Er hat den Beinamen Iskariot. Das kann bedeuten „der Mann aus der Stadt“ oder „aus Kariot“, einer Stadt 60 km östlich von Jerusalem (unweit der Herodes-Festung Machärus im heutigen Jordanien). Im Unterschied dazu stammen die meisten vom Zwölferkreis aus Galiläa (Kafarnaum, Betsaida, Kana …) Die Städter fühlten sich den weniger Gebildeten vom Land Galiläa überlegen. Jesus nannte ihn seinen Bruder: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, …“ (Mk 3,34) Jesus traute ihm zu, gemeinsam mit einem zweiten, viele Menschen von ihren Zwängen zu befreien. Er gab ihm die Befugnis dazu (Mk 6,7). Irgendwann zur Halbzeit seines Wirkens überprüfte Jesus, ob seine Zwölf noch hinter dem stehen konnten, was Jesus lehrte: „Ich stelle es euch frei zu gehen.“ Judas trennte sich nicht, ließ sich aber vom Virus des Herrenmenschen infizieren. Das Dienen war nicht seine Freude. Jesus wird wohl gerungen haben um ihn. Er wird ihm wie einem verlorenen Schaf nachgegangen sein, wird nächtelange Gespräche geführt haben, um ihm vom sanften Weg, vom Erfolg der Bescheidenheit zu überzeugen. „Selig, die sich nicht hinreißen lassen zur Gewalt, um Länder zu erobern. Selig die durch Sanftmut an ihr Ziel kommen, sie werden das Land erben.“  Beim Abendmahl, nach der Fußwaschung sagt Jesus: „Das habe ich euch als Zeichen gegeben. Selig seid ihr, wenn ihr danach handelt.“ Er muss aber mit Bedauern feststellen, dass er dieses „Selig“ nicht von allen sagen kann – einer wollte es nicht annehmen. (Joh 13,17)

Bezeichnend ist, dass die Evangelien sich nirgends mit der Frage beschäftigen: Wie konnte es soweit kommen? Was waren die Hintergründe seiner Tat? Wie ist sie zu beurteilen? Ist Judas verdammt? Hätte die Sache nicht anders ausgehen können? Scheinbar halten sich alle an die Weisung Jesu: „Urteilt nicht!“ Das Markus-Evangelium äußert sich nicht einmal darüber, wie Judas geendet hat. Nur Matthäus und die Apostelgeschichte liefern darüber Angaben, die allerdings nicht übereinstimmen.

 

Nachtrag: Es kamen hier Beispiele vor, die gut zeigen, wie sich die Bibel-Einheitsübersetzung zwischen der Ausgabe 1980 und Ausgabe 2017 unterscheidet.

3 Vergleiche

früher: … der mein Brot aß, hat gegen mich geprahlt.                                 Psalm 41,10

Jetzt: … der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben.

früher: … einer von euch Zwölf, der mit mir aus derselben Schüssel isst.        Mk 14,20

Jetzt: … einer von euch Zwölf, der mit mir in dieselbe Schüssel eintunkt.

früher: … durch den der Menschensohn verraten wird                 Mk 14,21

Jetzt: … durch den der Menschensohn ausgeliefert wird.

Die jetzigen Herausgeber sind überzeugt: Wörtliche Übersetzung ist uns zumutbar.

Zum Bild: Wir durften den Palmsonntag in einer griechisch-katholischen Pfarre in Nordgaliläa mitfeiern

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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