10.Jän 2021      Taufe des Herrn

Du stehst in der Gunst des Vaters

Markus 1,7–11

Die Kirche begeht das Fest „Taufe des Herrn“ immer zu Jahresbeginn. Möglicherweise hat die Tradition hier sogar die richtige Jahreszeit aufbewahrt, in der sich die Taufe tatsächlich zugetragen hat. Jesus könnte wirklich Anfang des Jahres 27 n.Chr. (nach unserer Zeitrechnung) aufgebrochen sein aus seinem Heimatdorf Nazaret in Galiläa und die 130 km gewandert sein im Jordantal fast bis zum Toten Meer, wo Johannes seine Taufstelle eingerichtet hatte. Jänner bis März kann es in Jerusalem und Betlehem kalt sein, alle 10 bis 20 Jahre fällt sogar ein wenig Schnee. Diese feuchte Kälte ist besonders unangenehm. In Galiläa, am See Genesaret und im Jordangraben ist es zwar milder, aber doch häufig bewölkt und regnerisch. Jericho war von der Taufstelle nur 10 km entfernt. Die Stadt ist von der nassen Kälte verschont, sodass sich Herodes dort seine Winterresidenz errichtete. Im Toten Meer kann man winterbaden.

Woher wissen wir, dass Jesus gerade diese Jahreszeit gewählt hat, um zur Taufstelle des Johannes zu pilgern? Die Evangelien halten es nicht für nötig, den Zeitpunkt zu nennen. Er lässt sich aber erschließen. Denn nach der Taufe und dem sechswöchigen Wüstenaufenthalt kehrte Jesus heim nach Galiläa und begann seinen Schülerkreis um sich zu sammeln. Gemeinsam mit den ersten sechs war er zur Hochzeit von Kana eingeladen. Bald darauf zog er mit ihnen zum großen Frühlings-Pilgerfest, dem Pascha-Fest nach Jerusalem. Das findet immer Ende März/ Anfang April statt. Diese zeitliche Abfolge berichtet nur das Johannes-Evangelium. Es erweist sich oft erstaunlich zuverlässig in Orts- und Zeitangaben.

Was könnte der Grund gewesen sein, dass sich Jesus auf die Pilgerschaft zu Johannes dem Täufer begab? Auch darüber verraten die Evangelien nichts. Jesus hob sich ab von der Mehrheit der Pilger. Sie kamen aus der Südprovinz und der Hauptstadt, während Galiläa weit im Norden liegt. „Ganz Judäa und alle Einwohner von Jerusalem zogen zu ihm hinaus“, schreibt Markus. „Sie bekannten ihre Sünden.“ Hatte denn Jesus auch Verfehlungen einzugestehen? Doch eher nicht! Wenn also Jesus nicht wegen der Vergebung seiner persönlichen Schuld zum Jordan pilgerte, dann doch aus einem schwerwiegenden Grund, denn die Entfernung war keine Kleinigkeit: 130 km – also 4 bis 5 Tage einsamer Marsch, davon die Hälfte durch die Wüste. Es war wohl der Aufruf des Täufers bis nach Nazaret gedrungen. Die Evangelien nennen die Botschaft auf griechisch METANOIA. Dieses Wort mit "Umkehr" zu übersetzen, trifft den Sinn nicht. Es bedeutet: eine ehrliche Lebensrückschau halten – die Hinweise beachten, die das Leben angezeigt hat – zur Einsicht kommen und eine Kurskorrektur vornehmen – das Leben neu ausrichten. "Umkehr" würde heißen, eine Kehrtwendung machen und den Weg zurück gehen. Das ist nicht gemeint und ist in Wirklichkeit nicht möglich. Zu dieser völligen Neuorientierung war Jesus nun bereit. Die Zeit war reif, als spiritueller Lehrer und als Hirte des Volkes zu starten. Das hieß auch „Wegziehen von daheim“ und verwandtschaftliche Bindungen aufgeben. Sogar seiner Mutter musste er das klar machen. Später -  auf der Hochzeit von Kana - erinnerte er sie daran: „Frau, wir haben einen Trennstrich gezogen.“ Er nennt sie nicht mehr Mutter.

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Zu Johannes dem Täufer kamen überwiegend Pilger aus der Südprovinz Judäa. Wenn Jesus aus Galiläa sich auf den Weg machte, war er eine Ausnahme und seine Strecke war viermal so weit wie bei den übrigen.

Welches war sein Vorleben, unter das er nun mit der Taufe einen Schlussstrich ziehen wollte? Die Evangelien lassen uns völlig im Dunkeln, sie geben uns keine Auskunft, wie das Leben Jesu vorher verlaufen ist. Außer ein paar „Momentaufnahmen“ aus seiner frühen Kindheit erfahren wir nichts. Offenbar hat Jesus einen wirklich radikalen Schlussstrich darunter gezogen. Er hat sein Vorleben in den Fluten des Jordan regelrecht sterben lassen. Wir können wieder nur Vermutungen anstellen. Er wird mit Beginn des Manneshalters – also mit etwa 15 Jahren das Bauhandwerk ausgeübt haben. Er wird früh seine Tüchtigkeit bewiesen und durch fachliches Wissen aufgefallen sein. Er wird seine Führungsqualitäten unter Beweis gestellt haben. Vielleicht hat er auf Großbaustellen die Gunst der aus dem Westen stammenden Architekten genossen. Vermutlich beherrschte er neben der aramäischen Muttersprache auch die griechische Weltsprache – in Rede und Schrift. Wir wissen aus der Geschichtsforschung, dass  Herodes, während Jesus jung war, die Bezirkshauptstadt Sepphoris neu aufbauen ließ (zwischen 6 und 19 n.Chr.) Sepphoris lag 6 km von Nazaret entfernt und für Jesus als Handwerker bedeutete das einen täglichen Anmarsch zum Arbeitsplatz von 1,5 Stunden. Dafür gab es reichlich Arbeit und als tüchtiger Fachmann verdiente man entsprechend gut. Davon könnte sein Berufsleben geprägt gewesen sein. Diese Vermutung ist berechtigt. Was wissen wir über sein Privatleben? War er zwischen seinem 15. und 30. Lebensjahr verheiratet, wie es sich gehörte für jeden jungen jüdischen Mann? Während seines öffentlichen Wirkens ist zwar keine Ehepartnerin an seiner Seite zu bemerken, aber sie könnte ihm früh verstorben sein. Diese Vorstellung mag manchen heutigen Christen erschüttern, aber wir wissen von Paulus, dass er unverheiratet war, von Jesus wissen wir es nach biblischem Befund nicht. Hatte Jesus einen längeren Auslandsaufenthalt? Bei seinem späteren Lehrauftritt in Nazaret gemeinsam mit seinem Schülerkreis fragen die Zuhörer in der Synagoge: „Woher hat er das alles?“ Sie unterstellen ihm offenbar, dass er seine Weisheit im fernen Ausland erworben hat.

 

Jesus zog  durch seine Taufe bei Johannes einen so entschiedenen Schlussstrich unter sein Vorleben, dass er es nicht mehr für nötig hielt, seinen Anhängern darüber auch nur irgendetwas zu erzählen. Aber ihn selbst muss es beschäftigt haben, während er vier oder fünf Tage unterwegs war zur Taufstelle. Er wird sich auch Gedanken gemacht haben, was nach dem Schlussstrich kommen sollte. Er betrachtete das Vergangene und das Bevorstehende im Spiegel der Heiligen Schrift. Er wird keine Bibel im Taschenbuch-Format mitgetragen haben in seiner Pilger-Tasche. Aber er wird die Propheten, die Psalmen und die 5 Mosebücher Großteils auswendig gewusst haben. Er ist an Schafherden und Hirten vorbei gekommen und es kann sein, dass ihn der Satz beschäftigt hat, der 30 Jahre zuvor die Sterndeuter nach Betlehem geführt hat: „… es wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.“ (Micha 5,3) Er wird sich gefragt haben: Wie werde ich Fürst sein? Ich werde bei meiner Führung die Züge eines besorgten Hirten haben. Vielleicht hat er den Psalm 2 wieder und wieder vor sich hergesagt: „Den Beschluss des Herrn will ich kundtun. Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt. Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe.“ Vielleicht hat er sich Jesaja 42 vor Augen geführt: „Siehe, … das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt. Er bringt den Nationen das Recht.“

 

Als Jesus dann an der Taufstelle ankam, fand er eine beachtliche Zahl von geistlich suchenden Männern vor. Sie lauschten den Worten des Täufers. Einige hatten ihn wie Schüler zu ihrem spirituellen Lehrer erwählt und  hielten sich länger in seinem Umkreis auf. Sie schliefen in Zelten in der Nähe. Sie lasen gemeinsam aus der Bibel und sangen. Sie verdichteten biblische Kernsätze zu ergreifenden Gesängen. Jesus – damals noch unbekannt und ein Pilger wie die anderen auch – wartete wohl auf den geeigneten Zeitpunkt, bis er an der Reihe war. Der Himmel war bedeckt, aber ohne Regen. Das war normal für diese Jahreszeit. Johannes tauchte einen nach dem anderen im Fluss unter. Es dauerte unterschiedlich lange bei den einzelnen, je nachdem wieviel Zeit jemand brauchte, um über sich und sein bisheriges Leben zu sprechen. Als Jesus dran kam, tauchte ihn Johannes wohl mit derselben Bedachtsamkeit unter. Ob die beiden Männer irgendwelche Worte gewechselt hätten, davon wird nichts berichtet. Es war wohl auch nicht nötig. Vielleicht geschah einfach der Ritus feierlich und schweigend.

Anstatt der Worte ereignete sich ein überwältigendes Naturschauspiel, genau während Jesu aus dem Wasser stieg:

 

 

Die Wolkendecke riss auf und ein mächtiges breites Sonnenfenster entlud sein Licht. Bei den Umstehenden wird es Staunen ausgelöst haben: Welch eine Lichtflut! Nur Jesus selbst wird es auf sich bezogen haben: Jetzt öffnet sich der Himmel. Er als Erwählter durfte in die Tiefen des Himmels schauen. Wenn man von einem Glanz Gottes sprechen kann, dann war es das, was sich in diesem Augenblick zeigte.

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Das zweite Schauspiel war der Anflug einer Taube. Sie flog völlig überraschend auf Jesus zu, so als hätte sie den feierlichen Augenblick gespürt. Sie hatte es bewusst auf ihn abgesehen. Sie umkreiste seinen Kopf. Sie blieb hartnäckig bei ihm und ließ sich dann auf ihn nieder. Wie Jesus das Verhalten der Taube gedeutet hat, das wird nur mit wenigen Worten wiedergegeben: Der Geist kam auf ihn herab. Das griechische Wort dafür ist PNEUMA und das hebräische ist RUACH. Sorgfältig übersetzt heißt es: Atem, Hauch, Wind. Die über dem Jordanwasser auftauchende Taube könnte Jesus erinnert haben an die Taube über den Wassern der Sintflut vor ein paar Tausend Jahren. Sie ist zu Noah zurück gekommen mit einem Ölzweig im Schnabel. Die Taube kündigte die Versöhnung Gottes mit den Menschen an. Gott wollte eine neue Seite im Buch der Welt aufschlagen. Er wollte der schuldig gewordenen Menschheit die Hand der Versöhnung reichen, ihr die Vergebung anbieten. Somit ist die Botschaft der Taube klar. Nun können wir auf den auferstanden Christus hinschauen. Er haucht seinen Schülerkreis an und sagt: „Empfangt den Heiligen Geist. Er befähigt euch, vielen belasteten Menschen ihre Schuld zu erlassen.“ Die Geistkraft stattet berufene Menschen mit der Fähigkeit aus, Versöhnungsarbeit zu leisten. Mithilfe des Hauches Gottes können viele aus ihrer schuldverstrickten Lage befreit werden. Sie kommen mit sich ins Reine und mit denen, wo es Brüche gegeben hat. -

Das dritte Schauspiel war von akustischer Art. Es entstand ein Klang. Der Original-Text sagt nicht: „Eine Stimme sprach“, sondern das griechische Wort PHONE heißt „Klang“, „Ton“, „Schall“. Paulus verwendet das Wort PHONE einmal eindeutig für Musikinstrumente: "Wenn eine Flöte oder eine Harfe, nicht deutlich unterschiedene Töne hervorbringen, wie soll man dann erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? (1 Kor 14,7). Der Klang "sprach" nicht, sondern „er geschah“. Jesus wurde zutiefst berührt davon. Was ihm hier zugesagt wurde, konnte nur von Seiten des Himmels stammen. Es war unüberhörbar, weil jemand laut Verse aus der Bibel gerufen oder gesungen hatte. Ein Vers stammte aus den Psalmen: „Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.“ (Psalm 2,7) Ein weiterer Vers stammte aus dem Buch Jesaja: „Siehe, mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen“ (Jes 42,1). Aus wessen Mund gerade diese Verse genau in dem Augenblick ertönten, wird uns nicht gesagt. Es ist auch nicht entscheidend, eindeutig aber  ist die Empfindung: Der Ruf war "himmlisch". Vielleicht sang gerade eine Pilgergruppe im benachbarten Zelt feierlich die Bibeltexte. Vielleicht dröhnten die Sätze noch nach, die Jesus während seiner viertägigen Pilgerroute immer wieder beschäftigt hatten. Auf Jesus haben sie wie ein Schall aus dem Himmel gewirkt – gesprochen  von ganz oben - genau auf ihn zugeschnitten. Wie nahe muss ihm das gegangen sein! Welch eine Bestätigung muss das gewesen sein für sein unauffälliges bisheriges Leben. Der Klang sagt ihm von Himmel her und aus seinem Seelengrund heraus: „Du hast mir gefallen bisher. Mit dir bin ich voll und ganz einverstanden. Du bekommst die Rechte des Sohns von mir verliehen – wie ein Erstgeborener. Unsere Beziehung gründet auf Liebe.“ So wortreich wie hier in dieser Deutung war die Mitteilung wohl nicht, aber alle diese Botschaften waren darin enthalten. Sie galten Jesus allein. Er war angeredet: „Mein geliebter Sohn – der bist du“. Zwei Jahre später am Berg der Verklärung wird der Klang wieder entstehen und er wird aus der Wolke sagen: „Dieser ist (nicht mehr: Du bist …) mein geliebter Sohn.“ Dann wird die Botschaft den drei engsten Begleitern gelten. Jesus selbst brauchte die Zusage dann nicht mehr, für ihn hat sie bereits Gültigkeit seit seiner Taufe am Jordan.

 

Es waren drei überwältigende Botschaften: 1. der aufgerissene Himmel, 2. die Taube als Brückenbauerin zwischen verschuldeter Erde und vergebungsbereitem Himmel, 3. die in Klangsphären verkündete Zusage: Mein geliebter Sohn, der bist du. Eine von den drei Botschaften hat der Täufer genauso verstanden wie Jesus selbst und auch später bezeugt: „Ich sah, dass der Geist vom Himmel herab kam wie eine Taube und auf ihm blieb.“ (Joh 1,32) Die beiden anderen Phänomene mögen mehrere gesehen und gehört haben, aber bloß als zufälliges Ereignis empfunden haben. Woher wissen wir davon, wenn ihnen kaum jemand Bedeutung beigemessen hat? Wie kam die Schilderung in die Evangelien, wenn noch keiner der Apostel dabei war und Jesus selbst noch ein namenloser Pilger unter vielen war?  Jesus hat es zunächst allein auf sich selbst bezogen, aber später seinem Anhängerkreis erzählt. Er fühlte sich unmittelbar angesprochen. Innerlich mag er schon vorbereitet gewesen sein. Trotzdem ist ihm die dreifache Botschaft zutiefst nahe gegangen. Er fühlte sich vom Hauch Gottes liebevoll umweht und zugleich überwältigt. Vielleicht war er den Tränen der Rührung nahe und vielleicht zitterte er vor Ergriffenheit. Jedenfalls musste er den Schauplatz sofort verlassen und das Erlebte noch tagelang für sich nachwirken lassen. Eilig packte er wohl seine Pilgerhabseligkeiten zusammen und ging in die umliegende Wüste. Nein, der Bibeltext sagt nicht „er ging in die Wüste“, sondern: „Sogleich trieb der Geist Jesus in die Wüste.“ Es war die Macht der Liebe, die ihn dazu drängte, ganz bei sich zu bleiben, sich nicht von Geschäftigkeit ablenken zu lassen. Er musste sich in die Gegenwart dessen stellen, der ihm zu verstehen gegeben hatte: „Mein geliebter Sohn - der bist du.“

Was können wir daraus lernen?