26. Mai 2019

6.Sonntag der Osterzeit

Käufliche Entspannung oder innerer Friede

Joh 14, 23 - 29

Diesmal hören wir aus dem Mund Jesu: "Meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt ihn gibt." Darin schwingt auch eine Stimmung mit, wie sie in den Christengruppen gegen Ende des 1.Jahrhunderts geherrscht hat. Der Evangelist stellt fest, wie die Gemeinden an Zuwachs gewinnen, sich aber auch verfängliche Haltungen einschleichen. Er beobachtet echte und vorgespielte Christus-Verbundenheit.

Wenn jemand äußerlich so tut, als würde ihm Jesus viel bedeuten, als würde er ihn schätzen, als würde er von ihm begeistert sein, als würde er sein Leben nach ihm ausrichten, dann muss das nicht unbedingt echt sein. Es kann auch sein, dass derjenige aus religiösem Pflichtbewusstsein den Namen Jesus im Munde führt: „Ich verehre Jesus! Er ist der Herr!“ Es kann auch sein, dass derjenige vor gewissen Leuten oder bei gewissen Anlässen Jesus ständig nennt, um bei denen Versammelten Eindruck zu erwecken.

Auf so eine Einstellung erwidert Jesus: „Ob ich jemandem ernsthaft etwas bedeute, lässt sich daran ablesen, wie er mein Wort beachtet, ob er es bei sich bewacht wie einen Schatz und immer wieder danach greift. Wenn jemand wirklich eine Beziehung zu mir hat, dann ist ihm mein Wort so viel wert, dass er seine Aufmerksamkeit ständig darauf richtet, wie auf etwas, das man nicht mehr verlieren will. Er hat es laufend unter Beobachtung."

Die frühere Einheitsübersetzung schrieb: „… der wird an meinem Wort festhalten.“ Die neue EÜ hat umgebessert auf: „… er wird mein Wort halten.“ Das klingt nach „einhalten“, so wie man eine Vorschrift einhalten muss. Dieses Verständnis ist irreführend. Die Übersetzung "Die Gute Nachricht - Die Bibel im heutigen Deutsch" schreibt dasselbe noch ausdrücklicher: „… werdet ihr meinen Weisungen befolgen.“ So zu übersetzen ist doppelt ungenau: Im Originaltext ist nicht von Worten (plural), schon gar nicht "Weisungen" die Rede, sondern vom „Wort“. Damit ist die Botschaft Jesu in seiner Gesamtheit gemeint und dazu die nachfolgende Überlieferung dieser Botschaft. Was häufig mit „halten“ oder "befolgen" übersetzt wird, da geht es um das griechische Wort TEREO und es bedeutet so viel wie: "unter Beobachtung halten – bewachen – nicht zulassen, dass es abhandenkommt – schützen – achte geben darauf." Das Wort kommt vor im Zusammenhang mit Soldaten, die Wache halten müssen. So etwa bei Matthäus, der berichtet, die Soldaten hätten das Grab Jesu bewacht (Mt 27,36) Ebenso kommt es vor, wie Petrus von Herodes gefangen gehalten wird: „Petrus wurde also im Gefängnis bewacht.“ (Apg 12,5)

 

Jesus empfiehlt also dringend, das Wort bei sich zu behüten und es hoch zu schätzen. Er verspricht auch dem, der es immer neu erprobt und anwendet, eine spürbare Erfahrung, nämlich, dass er von der umfassenden kosmischen Liebe berührt wird, ja sogar laufend begleitet und weiter geführt wird.“ Jesus nennt diese liebende Kraft „Vater“ – er nennt sie „seinen Vater“. Die starke väterliche Liebe ist sein Ursprung, sein Ausgangspunkt, seine Motivation. Jesus ist überzeugt, dass sie sich bei jemandem "einnisten" wird, der sein Wort in ständiger Beobachtung behält. Die Liebe Gottes werde in dem "wortinteressierten" Menschen Raum gewinnen.

Umgekehrt ist es ein Kennzeichen, wenn jemand nicht wirklich mit Jesus verbunden ist, sondern dies nur vortäuscht: Derjenige befasst sich kaum mit SEINEM Wort. Er hat eine andere Lieblings-lektüre oder anderes Unterhaltungsprogramm. Er greift auch auf andere Schriften häufiger zurück, wenn er sich entspannen will oder wenn er etwas vortragen oder begründen muss. Außenstehende könnten hier Jesus eine anmaßende Haltung unterstellen, so als hätte er alleine die Wahrheit gepachtet. In Wirklichkeit zeichnet er sich hier durch hohe Bescheidenheit aus. Er behauptet nicht, dass seine Lehre aus seinem Kopf stamme, aus seinem Weisheitsstudium erwachsen sei – nein, sie wurde ihm gegeben, er hat sie erhalten. Er empfindet sich als Sprachrohr der Weisheit. Es ist fast, als würde er sagen: „Das Wort, das ihr hört, ist nicht >auf meinem Mist< gewachsen, sondern es hat noch einen tieferen Ursprung. Es stammt von dort her, woher ich meinen Sendungsauftrag erhalten habe.“

Die Gruppe, die sich mit seinem Wort befasst, entwickelt den Entdeckergeist, den Jesus versprochen hat: "Der Beistand aber, der Heilige Geist, wird euch alles lehren."

Die anschauliche biblische Darstellung trägt dazu bei, dass das WORT seine vielfältigen Wirkungen entfaltet: eine davon ist SEIN Friede.

Gut 60 Jahre nach dem öffentlichen Wirken und Lehren Jesu ist der Autor des Johannes-Evangeliums bemüht, dieses WORT sicherzustellen. Es machen sich schon Tendenzen breit, die mehr zeitgenössische Denkweisen und Schlagwörter aus dem kulturellen Umfeld in das jesuanische Lehrgut einschleusen wollen. Dadurch verliert es seine ursprüngliche Vitalkraft. Es wird verwässert oder „billiger verkauft“. Es entsteht Verunsicherung in den Christenkreisen und Meinungsverschiedenheiten stiften Unfrieden. Hier steuert das Evangelium dagegen: „Bewahrt mein Wort wie einen entdeckten Schatz, den ihr nie wieder verlieren wollt.“ Dabei spielt die rechte Erinnerung an den Meister eine wichtige Rolle. "Der Bestand ... wird euch lehren und euch an alles erinnern." Der Prüfstein, ob sich die Gemeinschaft tatsächlich mit seinem Wort befasst und es im Leben umsetzt, ist der spürbare Friede, die Ausgeglichenheit. „Meinen Frieden gebe ich euch.“ Der sollte nicht verwechselt werden mit Selbstgenügsamkeit. Der Jesus-Friede hat nichts mit der Sattheit zu tun, wie sie die übliche Gesellschaft käuflich anbietet – nach dem Motto: „Ich will mein Paradies haben und darin nicht gestört werden.“ Das ist der Friede, wie ihn die Welt gibt.

Damit sind wir in unserer heutigen Welt angelangt: Zufriedenheit und Entspannung versprechen Reiseagenturen und Lebensversicherungen, Familienhaus-Baufirmen und Kosmetik-Hersteller – und es gelingt ihnen, dies glaubwürdig anzupreisen: „Wenn du das hast, kannst du abschalten und die Seele baumeln lassen.“ – dieser Friede lässt sich tatsächlich kaufen: Aber er ist mit beachtlichen Kosten verbunden und er ist kurzlebig. Manche haben dem gegenüber schon der Frieden erfahren, wie ER ihn  gibt. Sie wissen bereits, wie beruhigend es wirkt, sich mit dem WORT zu befassen. Sie besuchen mit lang gehegter Vorfreude die regelmäßige Gesprächsrunde, die sich mit einer Themenreihe aus dem Evangelium befasst. Bei Kursende, beim Verabschieden, sagen sie: „Solche Abende tun mir einfach gut. In der Gruppe kommt jeder zu Wort und jeder weiß etwas Wertvolles zu sagen. Beim Alleine-Lesen kommen die Einsichten nicht so zum Vorschein wie in der Gemeinschaft. Ich gehe mit einem inneren Frieden nach Hause.“ Die Wort-Jesu-Lektionen erweisen sich als aufbauend. Sie sind wie Sprachkurse, in denen die Teilnehmer mehr und mehr zum Selber-Verstehen ermutigt werden, sodass nicht mehr nur der Lehrer vorne spricht und weiß alles. Nach mehreren Lektionen bekommen die Schüler Sicherheit und können sich das WORT allmählich selber aufschließen und sie möchten es künftig nicht mehr missen. Das Wort ist für sie zu einem Schatz geworden, auf den sie sich schauen, den sie bewachen. Die Bibelstube wird zum Gotteshaus, wo ER Wohnung nimmt. Man lernt sein Wort lieben und schätzen und will es nie mehr verlieren. Das können die Teilnehmer aus persönlicher Erfahrung bestätigen: Frieden – nicht wie ihn die Welt gibt. Wohnung Gottes in uns.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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