13. Dez 2020      3.Advent-Sonntag

Welt-Thema : Schuld

Joh 1,6–8.19-28

Die Menschheitsgeschichte verdankt ihre Fortschritte einigen hochbegabten Erfindern. Deren Anstrengungen haben epochemachende Umwälzungen nach sich gezogen. Schon nach Jahrzehnten sind die vorher mühsam entwickelten und erprobten Neuerungen zur Selbstver­ständlichkeit geworden. Das erstmals Neue hat sich dann noch gewandelt und weiter entwickelt. Auch in der Geistesgeschichte gab es großartige Entwicklungen – durch spirituelle und religiöse Errungenschaften. Eine der gewaltigsten Erfindungen verdanken wir Johannes am Jordan: die Taufe. Sie ist inzwischen zu einer der weltweit am häufigsten eingesetzten Rituale geworden – 2 Mrd. Menschen sind derzeit getauft. Beeindruckender noch als diese Zahl ist, welche tiefe Menschen­kenntnis dahinter steht und welches große Menschheitsthema der Ritus aufgreift und bewältigt: die Schuld.

Die Taufe blieb nicht ein für alle Mal das, wie sie Johannes begonnen hatte. Sie blieb nicht gleich, sondern war einem Veränderungsprozess unterworfen. Lasst uns die Entwicklung beobachten, um daraus für uns etwas zu lernen. Schon dadurch, dass Jesus unauffällig kam und sich dem Ritus unterwarf, bekam sie eine neue Bedeutung. Weiter sehen wir dem Wirken der Apostel zu und schließlich werfen wir noch einen Blick in die Gemeinden des frühen Christentums bis zum spät ausformulierten Johannes-Evangelium.

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Das sieht man nicht so oft: Überflutung in der Wüste.

Nach heftigen Regenfällen im Umkreis  Jerusalem und Betlehem können sich ausgetrocknete Schluchten in der Wüste in lebensgefährliche Sturzbäche verwandeln. Diese Aufnahmen wurden im Feb 2019 unweit vom Toten Meer gemacht.

Johannes scheint Umbrüche in seinem Leben durchgemacht zu haben. Sie müssen ihn geprägt haben. Vom Stadtkind wird er zum Einsiedler und vom Sohn einer gewissenhaft religiösen Familie wird er Gottsucher in der Wüste, statt ihn im Gotteshaus anzubeten, im Tempel. Er hat seine Kleidung und Ernährung völlig umgestellt, hat in der Wüste Juda die Gluthitze durchlitten und hat sich vor Sturzbächen in Sicherheit gebracht, wenn der Winterregen wolkenbruchartig nieder gegangen ist. Einmal im Jahr können nämlich ausgetrocknete Schluchten in Minuten­schnelle zu lebensgefährlichen Fluten werden. Vielleicht hat er damals einen ertrinkenden Wüstensteinbock heraus gerettet. Hinterher könnte ihm die Idee für den Tauf-Ritus gekommen sein: Er forderte die Menschen auf, sich eintunken zu lassen im Fluss, um dann heraus gerettet zu werden. Genau übersetzt müsste man ihn nennen "Johannes der Eintunker". Seine Botschaft ist kurz und eindringlich: „Inne halten! Nachdenken über das bisherige Leben! Zur Einsicht kommen!" Das griechische Wort dafür ist METANOIA. Hinterher erfolgt die Zusage: "Du kannst sicher sein: Der Gott, der unser Volk vor über 1000 Jahren durch das Meer gerettet hat, will dich  heraus rettet aus dem selbst verschuldeten Sumpf.“ Johannes lädt ein zum Ritus der persönlichen Lebenswende. Gleichzeitig steht er selber an einer Zeitenwende. Das Eintauchen in Wasser ist ein Sterberitus. Von Reinwaschen spricht er nicht, auch nicht von Neugeburt, nur von Schulderlass.

Die Größe der „Erfindung“ misst sich nicht an den 2 Milliarden Getauften derzeit. Es sind noch mehr, wenn man 2000 Jahre Kirchengeschichte dazu rechnet. Die Größe misst sich nicht an der Zahl der Getauften, sondern an der Gründlichkeit, mit der Johannes dem Menschheits­thema „Schuld“ nachgeht. Er überwindet das alte Schema vom Vorrechnen und Abbüßen. Er versichert: Es gibt den Schuld-Erlass. Wie sehr würden wir das heute brauchen, angefangen im zwischenmenschlichen Bereich von schuldig gebliebener Zuwendung bis zum internationalen Bereich von den verschuldeten Staaten der Dritten Welt. Schulderlass würde den Schuldigen befreien und ihm einen Neuanfang ermöglichen. Viele Versäumnisse kann der Mensch nicht mehr aus eigener Kraft gut machen. Da hilft ihm nur ein geschenkter Neubeginn – zugesagt von der höchsten Autorität, von Gottes Barmherzigkeit. Das ist die geniale „Erfindung“ des Johannes. Er führt sie ganzkörperlich mit dem Lebenselement Wasser durch, sodass sie dem Betroffenen zeitlebens in Erinnerung bleibt und damit er sich später wieder von Zeit zu Zeit zu dem Innehalten und zur Kurskorrektur entschließt.

 

Aber die spirituelle Erfindung des Johannes ist erst der Beginn einer umwälzenden Entwicklung. Jesus kommt eigens von Galiläa, also 120km, viel weiter als die übrigen Taufpilger. Er reiht sich unerkannt in die Pilgerscharen in der Wüste, die dort ihre Zelte aufgeschlagen haben rund um die Taufstelle. Für Jesus ist die Taufe nicht Schulderlass, sondern für ihn persönlich ist es die Geburtsstunde des Messias in ihm. Jetzt ist er endgültig geboren. Er ist der Messias, dessen Sendungsauftrag die  Vergebung ist, der Messias der Liebe, Sohn der Liebe, Sohn Gottes. Mit der Taufe Jesu steigert sich ihre Bedeutung. Sie ermöglicht seither all jenen die Gottessohnschaft/Gottestochterschaft, die in die Schule gegangen sind und sich nach einiger Zeit entschlossen haben, ihn als Herrn anzunehmen. (Näheres zur Taufe Jesu werden wir am Sonntag "Taufe des Herrn", 10.Jän 2021 behandeln.)

Wenige Monate später führt Jesus in Jerusalem ein nächtliches Gespräch mit einem hochangesehen Mann aus dem jüdischen Volk: Nikodemus. Jesus erklärt ihm: Wenn jemand nicht eine zweite Geburt durchmacht, über die leibliche Geburt hinaus eine spirituelle Geburt, kann er nicht teilnehmen an der neuen Weltordnung. Siehe Joh 3,1-21.

In einem späteren Lehrgespräch lässt Jesus anklingen, dass es nicht bei einer einzigen spirituellen Geburt bleiben muss. Es kann eine weitere folgen, die noch heftiger ist. „Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst." Er antwortete: „Was soll ich für euch tun?" Sie sagten zu ihm: „Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen." Jesus erwiderte: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr … die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?" (Mk 10,35-38) Jesus versteht offenbar seinen Leidensweg und sein Sterben als neuerliche Taufe, als weitere geistige Geburtsstunde, die ihn zu dem Leben bringt, das alle Zeiten überdauert. Laut Paulus wird er dadurch zum "Sohn Gottes in Macht"

 

Während seiner Missionstätigkeit über 17 Jahre verkündet Paulus Jesus als den, von dem man sein Leben bestimmen lassen soll, wenn man gerettet werden will. Durch die Taufe bindet man sich an Jesus als den Herrn. Er erinnert die Gemeindemitglieder von Rom an die Taufformel: "Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, … Jetzt wandeln wir in der Wirklichkeit des neuen Lebens.“ (Röm 6,1-4) 30 Jahre später (im Matthäus-Evangelium) lautet die Taufformel nicht mehr auf „Christus Jesus getauft“, sondern „Tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19) Also auch gegen Ende des 1. Jahrhunderts keine Rede von Wiedergeburt, wohl aber von neuem Lebensstil.  Die Zugehörigkeit zur Christus-Familie, zur Gemeinde, hilft mit, dass man den neuen Lebensstil auch durchhalten kann, ihm treu bleibt. Im Gemeindeverband bestärken sich die "Geschwister" gegenseitig.

 

Das Johannes-Evangelium, geschrieben gegen Ende des 1.Jahrhunderts, also sehr spät im Neuen Testament, bringt noch einmal eine Ausweitung zur Taufe: der Schulderlass beschränkt sich nicht mehr auf die Taufe allein, nicht mehr auf einen Initiations-Ritus, sondern die Nachfolge-Gemeinschaft wird zu allerletzt beauftragt: Macht das Vergeben zu eurer  Grundaufgabe. Der Auferstandene tritt in die Mitte des Schülerkreises und macht ihnen bewusst: "Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen. Denen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten." (Joh 21,23) Mit "Sünden" ist nicht einfach Verstöße gegen eine Liste von Geboten und Verboten gemeint. "Sünden" sind umfassender gemeint: der ganze Sumpf an Schuld, in dem die Menschen stecken - - die ganze Verstrickung von Egoismus und Verlogenheit. Jesus ermächtigt seine Nachfolge-Gemeinschaft dazu, die Menschen herauszuholen aus ihren Sackgassen und ihnen einen Neuanfang zu versprechen. Er sagt allerdings:  "Dafür braucht ihr die Spiritualität von mir, den Atem Gottes." Und er hauchte sie an. 

 

Wenn wir an den Beginn dieses Evangeliums blättern und dort über Johannes den Täufer genau nachlesen, entdecken wir, dass es dem Mann am Jordan den Titel "Täufer" verweigert. In dem Buch ist nicht beschrieben, wie Johannes tauft, es schildert ihn nicht als Taufenden wie es die übrigen Evangelien tun, sondern es erzählt nur in der Vergangenheitsform: "Dies geschah in Betanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte." Dieses Evangelium verschweigt auch den Schulderlass, der durch die Taufe erwirkt wird. Stattdessen sagt Johannes: "Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt."(Joh 1,29) Das ist eine tiefe Weisheit: Das weltweite Thema "Schuld" braucht die neue Methode, um sie zu bewältigen: Nicht das Vorrechen, nicht das Abrechnen, nicht das Ausgrenzen, sondern das Hinschauen, das Reden darüber und den Freispruch: "Denen ihr die Schuld erlasst, denen ist sie erlassen." Wer sonst kann das tun, wenn nicht jene Menschen, die Getaufte sind, denen schon einmal großzügig vergeben wurde? Dort wo die weltweite Christus-Gruppe nicht zu einer Versöhnungs­gesellschaft wird, bleibt die Mitwelt im Schulddenken gefangen. "Denen ihr sie behaltet, sind sie behalten."

 

Wir haben gesehen: Die Erfindung der Taufe ist eine Antwort auf die Sehnsucht der Menschen, "noch einmal neu anfangen zu können". Sie ist ein Geschenk an die Menschheit. Schon wenige Jahre nach ihrer „Erfindung“ ist sie starken Veränderungen unterworfen: Vom Sterberitus bei Johannes weitet sie sich aus zur Zusage der Gotteskindschaft bei Jesus, dann noch weiter zur "Geburt von Grund auf" und noch weiter zum Aufnahmeritus in das neue Gottesvolk. Im bisherigen Gottesvolk der Juden war die Beschneidung der Aufnahme-Ritus. Jetzt ist es die Taufe, sie ist auch für Frauen möglich. Wer getauft ist, kann sicher sein: Er hat Gott zum Vater und gehört ab jetzt zu seinem Volk, er erlangt eine neue Familien­zugehörigkeit.

Als solche sind wir beauftragt, das in der Welt so verbreitete Schuld-Muster zu unterbrechen. Wir müssen uns üben darin, den anderen nicht Schuld vorzuwerfen, sondern hinzuschauen, das Verletzende anzusprechen und dann zu vergeben. Das ist ein langer Lernprozess, denn die Welt lehrt uns das Gegenteil, nämlich anderen ihre Schuld vorzurechnen. Der Weg der Vergebung ist langfristig sinnvoller und erfolgreicher. Wer ihn sich vornimmt, wird langsam Fortschritte machen im Erlassen von Schuld. Er  wird immer öfter anderen zu einem guten Neubeginn verhelfen, nicht weil er selber so tadellos ist - nein, er wird spüren, dass auch ihm selber nicht mehr alles vorgerechnet wird. Je mehr wir mit anderen versöhnlich umgehen, umso mehr sind wir mit uns selber versöhnte, ausgeglichene Menschen.