21. Okt. 2018

29.Sonntag i.Jahr

Die Hilfsbereiten an die Führungsspitze

Markus 10, 35-45

Etwa im Jahr 43 n.Chr. holte Herodes Agrippa (er regierte 41 – 44 n.Chr. über das ganze jüdische Land) zu einem Schlag gegen das aufstrebende erst 13 Jahre junge Christentum aus. Damit wollte er sich die Gunst der religiösen jüdischen Führung sichern. Von Rom hatte er die Zustimmung bekommen, über ganz Palästina König zu sein, weil er dort aufgewachsen und mit Kaiser Claudius befreundet war. So ließ er um Ostern zwei führende Persönlichkeiten festnehmen: Jakobus und Petrus. Es gab zwei Verantwortliche mit dem Namen Jakobus: den ehemaligen Fischer und Zebedäus-Sohn, Apostel Jakobus, und den Leiter der Jerusalemer Urgemeinde, den Herrenbruder Jakobus.

Wahrscheinlich hatte Herodes Agrippa die beiden verwechselt und den falschen erwischt. Eigentlich wollte er wohl den Leiter beseitigen (Paulus nennt ihn einen der „Säulen, die Ansehen genießen.“). Der König ließ ihn kurzerhand umbringen durch Kopf abschlagen mit dem Schwert. Nachzulesen in Apg 12,1-5! Das offizielle Gerichtsurteil erfahren wir nicht, vermutlich ist es eine Verleumdungswelle. Er verstand sich darauf, Lügengerüchte zu verbreiten. So hatte er es schon zuwege gebracht, dass sein Vorgänger in Galiläa, Herodes Antipas, auf Roms Befehl nach Gallien verbannt wurde. Die Art, wie Jakobus hingerichtet wurde, hatte schon 15 Jahre zuvor dessen Großvater Herodes der Erste gegen Johannes den Täufer angewendet.

"Werdet ihr das aushalten?: in der Brandung von ungerechten Verleumdungen zu stehen."

Agrippa ließ auch Petrus verhaften und in das Hochsicherheitsgefängnis stecken und von 4 mal 4 Soldaten bewachen. Der wurde befreit durch eine Lichtgestalt. Aber er musste sofort untertauchen: Die Apostelgeschichte verrät uns nicht wohin, sie schreibt nur geheimnisvoll: „Er ging an einen anderen Ort.“ (Apg 12,17) Es war sicher das Ausland, vielleicht Antiochia in Syrien. Jedenfalls wurde der Boden in Jerusalem für alle Apostel heiß, es blieb ihnen nur das Verschwinden in die Nachbarländer übrig. Erst 48/49 kommen sie zum Apostelkonvent wieder in Jerusalem zusammen, da ist der ihnen feindselige König Agrippa bereits 4 Jahre tot. Als alle Apostel geschlossen Jerusalem verließen, nahm der Apostel Johannes vermutlich seine „neuen Mutter“ nach Ephesus (heutige West-Türkei) mit, sie dürfte zu dem Zeitpunkt 65 Jahre alt gewesen sein. Jesus hatte noch im Sterben seine eigene Mutter Maria dem Johannes als Mutter anvertraut.

Was hat dieser historische Kurzbericht mit dem Sonntagsevangelium zu tun? – Es ist Jakobus, der erste Märtyrer aus dem Apostelkreis, und sein Bruder Johannes, die vor Jesus ganz ohne Wenn und Aber bekräftigen: „Wir schaffen das: den galligen Wein aus dem Kelch trinken und in die Bosheiten der Gegner eingetunkt werden.“ Tatsächlich wurde das schon 13 Jahre später für Jakobus bittere Wahrheit: Es war ein jähes Sterben aufgrund einer niederträchtigen Verleumdung durch den König. Wieso konnten die beiden Apostel das so sicher vorweg sagen?: „Diesen schmerzlichen Weg nehmen wir in Kauf.“ Jesus hatte vorher glaubhaft dargestellt, dass er über sein eigenes Leiden und den Tod hinaus in eine überwältigende Herrlichkeit münden würde. Er würde im Scheinwerferlicht stehen, unübertrefflichen Rum erlangen und großen Einfluss auf Menschen haben. Daran wollten die beiden  teilhaben – nicht getrieben von Geltungsdrang. Paulus in den 50er Jahren war von derselben Überzeugung geleitet. Er stützte sich dabei auf die Jahrhunderte lange spirituelle Erfahrung des Judentums: „ Wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9) Die Lichterflut, das konnte ihnen Jesus versprechen, nicht aber die Sitzvergabe, die liege in höherer Hand und sie würde zu einem anderen Zeitpunkt entschieden. Einige aus dem übrigen Zwölferkreis hatten nur Teile des Gesprächs mitbekommen. Sie begannen sich zu ärgern, die Wut stieg ihnen hoch. Zorn schaukelte sich auf. Warum? Eifersucht? Neid wegen höherer Stellung? Jesus versammelte sie um sich. Er wünschte sie zu einem Gespräch. „Es ist euch bekannt, was bei den Machthabern läuft: Sie meinen, sie würden ihren Staat anführen, in Wirklichkeit aber herrschen sie ihre Völker nieder. Die ganz Großen unter ihnen missbrauchen ihre Amtsgewalt sogar gegen die Menschen. So IST es nicht bei euch.“ (Die Einheitsübersetzung – auch die Neue – übersetzt ungenau: „Bei euch SOLL es nicht so sein.“) Jesus sagt klar: „So IST es bei euch nicht.“ Er meint: das sind nicht die Prinzipien, nach denen euer Völker-Netzwerk aufgebaut sein wird. Wer bei euch eine höhere Stellung erringen will und sich dort halten will, der wird der Helfer sein für alle. Wer es zu einer Größe bringen will, wer sich dorthin entwickeln will, den sollen alle kennengelernt haben als Hilfsbereiten. Wenn sie wissen, dass sie jederzeit mit seiner Hilfe rechnen können, anerkennen sie ihn als Großen. Wenn ihr den Schwachen zur Verfügung steht, wann immer sie eure Unterstützung brauchen, dann habt ihr Größe. Wer an die oberste, an die erste Position gelangen will, soll für alle der Sklave sein. Der ist ständiger Befehlsempfänger. Er ist Besitzstück der Gemeinde. Er wurde käuflich erworben, aber er bekommt selber für seine gewissenhafte Arbeit keinen Lohn ausbezahlt, sondern nur Verpflegung und Quartier. So geht es einem Sklaven.“ Jetzt hätten wir gerne die Gesichter der Apostel gesehen bei so einem entschiedenen Wort. Aber DIENEN, das ist und bleibt ihr Merkmal und genauso derer, die später in die Fußstapfen der Apostel treten – nicht nur in der Anfangszeit des Christentums, sondern heute erst recht wieder, wenn die Kirche zu ihren Ursprüngen zurück finden will. Paulus bestätigt diese Art des echten Apostel-Seins und grenzt sich ab gegen jene Apostel, die es nur für ihr Einkommen machen. „Sie nutzen jede Gelegenheit, sich Achtung zu verschaffen. … Diese Leute sind Lügenapostel, unehrliche Arbeiter. Sie tarnen sich als Apostel Christi. … Ich erduldete Mühsal und Plage, viele durchwachte Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Nacktheit. Um von allem anderen zu schweigen, dem täglichen Andrang zu mir und der Sorge für alle Gemeinden.“ (2 Kor 11,12.27f).

Um das annehmbar zu machen, führt sich Jesus selbst und sein Menschen-Modell als Ansporn an: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ Dieser ist jene Vorzeige-Gestalt, die auf den Wolken des Himmels zu sehen sein wird. Niemand, nicht einmal die Gegner des Guten werden sich ihren Anblick entziehen können: das wird das rettende Prinzip der Menschheit. Diese dienende Art ist der Kaufpreis, um viele zu bekommen. Das Wort „Lösegeld“ ist in der jüdischen Frömmigkeit tief verwurzelt: Jede Erstgeburt muss abgelöst (=freigekauft) werden. Der Verfasser des Buches Exodus bekennt: „Darum opfere ich dem Herrn alle männlichen Tiere, die den Mutterschoß durchbrechen, alle Erstgeborenen meiner Söhne aber löse ich aus … denn mit starker Hand hat uns der Herr herausgeführt aus Ägypten.“ (Ex 13,15f) Hinter „Lösegeld“ steckt eine uralte religiöse Mystik (eine nicht für jeden heutigen Menschen verständliche Mystik). Johannes der Täufer greift sie auf, wenn er auf den an ihm vorbei gehenden Jesus hin deutet und ihn als das „Lamm Gottes“ bezeichnet. Es wird geopfert, damit viele nicht mehr dem Tod verfallen sind, sondern gerettet werden, wie damals das Volk Israel von der ägyptischen Zwangsarbeit befreit wurde. Jesus ist überzeugt, dass der Preis, den er zahlt für sein dienendes Leben, sich lohnen wird. Er darf nach 2000 Jahren auf ein unübersehbares Heer von Geretteten zurückblicken … und es werden noch viele, wenn auch nicht alle, denn die Rettung wird nicht allen aufgezwungen. Es steht jedem frei, ob er das annimmt oder ablehnt. Die Rettung gilt den vielen, die sich darauf einlassen.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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