7. Okt. 2018

27.Sonntag i.Jahr

Ehe-Modell für Dauer

Markus 10, 2-16

Für die Ehe tritt Jesus leidenschaftlich ein, er will sie schützen und lässt schon im Vorfeld keine Schädigung zu. Dass er jemand verurteilt hätte oder gar bestraft, dessen Ehe zerbrochen ist, dafür ist kein Beispiel belegt. Die Bedrohung der Ehe siedelt er schon viel früher an als bei der „Scheidung“: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon mit ihr Ehebruch begangen.“ (Mt 5,27) Was die übliche Gesellschaft als Spiel oder als tolerierbaren Seitensprung erachtet, davor warnt er eindring-lich: „Leiste dir diese vermeintlichen Kleinigkeiten nicht immer wieder, sondern verbiete sie dir. Reiß das Guckauge aus oder trenne die Greifhand ab und bewahre dich damit vor den nachfolgenden Höllen-qualen." Das heißt nicht: Der Blick und das auftauchende Gefühl sind verwerflich, sondern was man daraus macht. Jesus sieht sich auch Frauen an, aber wertschätzend: die verarmte Witwe, die bei der Tempelspende ihr Letztes gibt (Mk 12,41-44) und die attraktive Frau mit langem offenem Haar, die mit zärtlichen Fingern seine Füße salbt.(Joh12,1-11) Beide betrachtet er lange und hat lobende Worte für sie.

Vor 80 Jahren war das Joch auch in unserer Heimat noch gebräuchlich. Inzwischen ist es zum Museumsstück geworden. In den südlichen Ländern werden jetzt noch Rinder damit zusammen gespannt.

So tauchen vor Jesus Männer auf, die sich als Hüter des wahren Glaubens ausgeben. Sie reden ihn nicht als „Meister“ an, wie sonst die Bevölkerung. Sie prüfen seine Meinung zur Ehescheidung: „Ist es dem Mann gestattet, seiner Frau zu sagen: >Ich will mit dir nicht mehr beisammen sein. Ich erkläre unsere Beziehung für beendet.<“ Ernst-haftes seelsorgliches Interesse steckte nicht hinter dieser Frage. Sie wollten ihm nur einen Strick drehen, indem sie ein Ja oder ein Nein erwarteten. Da sie in der Bibel Fachkundige waren, forderte er sie auf, genau nachzulesen, nicht, was denn erlaubt (also zugestanden) ist, sondern was geboten ist. Sie wichen aus und beriefen sich auf einen Text im Buch Deuteronomium. „Wenn jemand eine Frau zur Ehe nimmt, sie ihm aber später nicht mehr gefällt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt, so soll er ihr einen Scheidebrief schreiben, diesen ihr aushändigen und sie aus dem Haus entlassen.“ (Dtn 24,1) Dies war ursprünglich eine Maßnahme für Frauen gegenüber der Leichtfertigkeit der Männer. Wenn die Frau von ihrem Mann verstoßen war, sollte sie nicht schutzlos dastehen. Als solche bewertete Jesus den Bibeltext (nicht als Gebot) und er klärte sie auf: „Wegen euch Männern, die ihr gefühllos den Frauen gegenüber seid, wurde der Schutzbrief geschaffen.“ Jesus empörte sich über die Willkür und Härte gerade der Männer, die sich als gewissenhaft religiös hinstellen.

Aber er bleibt nicht stehen bei dieser Anklage, denn solche Fragesteller sind sowieso uneinsichtig. Er nützt die Gelegenheit, vor seinem Publikum einen Hymnus über die Morgenröte der Schöpfung anzustimmen und den guten göttlichen Plan darzulegen. Er zeichnet das geniale Bild nach, auf Grund dessen die Menschheit gleichermaßen männlich und weiblich entworfen ist. Dass der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist, erwähnt er zwar nicht, aber er nennt diesen Akt, den das Buch Genesis an den sechsten Schöpfungstag platziert, als Beginn: „Im Anfang schuf Gott den Menschen männlich und weiblich.“ Dann springt Jesus in seiner Bibel-Exegese sofort in den zweiten Schöpfungsepos (Genesis 2), wo vom Garten Eden die Rede ist, und nimmt wieder auf einen Satz Bezug: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Dabei tauscht er das Wort „Mann“ gegen das Wort „Mensch“ aus und lässt das „Anhängen an die Frau“ weg. Die Betonung liegt auf der Vereinigung. „Sie werden ein Fleisch.“ Das griechische Wort SARX (Fleisch) ist vieldeutig: der Mensch, die Gestalt, ein Jemand. Für Jesus scheint das die Schwerpunktaussage zu sein. Die Verschmelzung von zwei zu einer Gestalt. Denn er ergänzt jetzt das Bibelwort durch sein eigenes Wort, ja er baut es aus und erklärt: „Die beiden, die zuvor zwei Einzelpersönlichkeiten waren, die für sich gelebt haben, die beiden werden immer mehr auf einander bezogen und verschmelzen zu einer Einheit. Das ist besonders in der Sexualität, der körperlichen Vereinigung fühlbar. Aber es ist ein Eins-Sein auch im Bereich des Denkens, der Lebensplanung, der Liebhaberei und der Tatkraft. Dieses Eins-Sein übersteigt weit die Summe der beiden vorigen Individuen. Es entwickelt sich ein Vertraut-Sein miteinander, ein geistiges und körperliches Ineinander, ein Verwoben sein. Das ist großartig, es reicht an die Herrlichkeit Gottes heran." Wenn Jesus darüber so ergreifend schwärmt, wirkt es, als würde er eher aus Erfahrung reden als wie studiertes Wissen über den Menschen vermitteln, es klingt nach eigener gelungener Erfahrung in seinem früheren Leben. Paulus spricht viel nüchterner über die Ehe, schließlich lebte er zeitlebens ehelos. Auf die paradiesische Ehe-Erfahrung beschränkt sich Jesus aber nicht , sondern er weiß auch um deren Last. „Was Gott verbunden hat …“ heißt im Original-Text: „Was Gott mit einem Joch zusammen gespannt hat …“ Das Joch ist in unserem Maschinen-Zeitalter verloren gegangen, aber über Jahrtausende diente es dazu, dass man Pferde, Esel oder Ochsen zusammen gespannt hat, um ein Fuhrwerk oder einen Pflug zu ziehen. Das Joch ist anstrengend, schränkt die Freiheit ein und ist nicht unbedingt selbst auferlegt und man möchte es manchmal abschütteln. Das ist aber nicht gestattet.

In unserer heutigen Gesellschaft besteht der Konsens: Das Mann-Frau-Sein macht glücklich, es ist paradisisch, so zeichnen es jedenfalls die Werbefotos. Dieselbe Gesellschaft meint: Wenn die Ehe zur Belastung wird, dann ist es den beiden freigestellt, sie aufzulösen. Nein so geht’s nicht! – erklärt der Lebensmeister Jesus unmissverständlich. Er, der sonst so mild ist, spricht hier Klartext. Er gibt weder den Strengen Recht, wenn sie glauben, man solle Geschiedene ausgrenzen oder mit einer Strafe belegen. Das Gesellschaftsmodell Jesu stimmt auch nicht mit denen überein, die Ehe als eine Rechtskonstruktion erachten, die man auflösen kann, sobald die Zeit abgelaufen ist. Sich zu trennen und eine neue Beziehung einzugehen, nennt er nie Lösung oder Scheidung, sondern Bruch. Es ist ein irreparabler Scherbenhaufen, den eine Scheidung zurück lässt. Obwohl dies so häufig vorkommt, zeichnet er ein attraktives Bild von Ehe auf Dauer. Er behauptet, dass darin die Evolution ihr höchstes Niveau erreicht hat. Es gehört wohl heute zu den wichtigsten Hirtenaufgaben, ein Beispiel an Ehe vorzuleben und von der Freude daran zu sprechen. Genauso unerlässlich ist es, Ehepartner in der Not nicht sich selbst zu überlassen, sondern sie zu begleiten. Unsere auf Kurzlebigkeit aufgebaute Gesellschaft braucht die Beispiele von Treue und Durchstehen auch in Krisen. Ehen mit Strahlkraft und Festigkeit sind dünn gesät in den Illustrierten, in denen so oft das Wort „Liebe“ abgedruckt ist. Man muss sie eher suchen im persönlichen Umfeld. Sie preisen sich nicht lautstark an, aber sie lassen sich finden.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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