15. Nov 2020

33. Sonntag i.Jkr.

Anvertrautes Silbergeld arbeiten lassen

Mt 25,14–30 

parallel Lk 19,11-27

Bevor wir uns in das Gleichnis vom anvertrauten Geld vertiefen, sollten wir uns vor Augen führen, in welcher Lage sich Jesus befand, als er es vortrug. Er näherte sich Jerusalem gemeinsam mit seinem Schülerkreis und einer großen Zahl von Mit-Pilgern zum Paschafest des Jahres 30. Es sollte sein letztes Feiern sein und es waren keine zwei Wochen mehr bis dahin. Die Menschen in seinem Umfeld ließen sich nicht abbringen von der Erwartung, dass dies >seine Stunde< sein würde, nämlich die Stunde, dass die jetzige Regierung gestürzt würde und er selbst als der lange erhoffte Davids-Sohn den Thron besteigen würde. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung, der von ihm schon lange begeistert war, steigerte sich in Hochstimmung, während seine Gegner, die führenden Parteien im Land, schäumten vor Hass und Feindseligkeit.

Jesus hatte seinen engsten Vertrauten, den Zwölf, schon mehrmals klarzumachen versucht, dass die Hohepriester, der Stadtadel und die Studierten der Heiligen Schriften ihn demnächst zum Tod verurteilen würden. Sein Schülerkreis war taub für diese Vorwarnung. Sie beharrten auf ihren beschönigenden Vorstellungen vom politischen Sieg. Nun versuchte es Jesus ein letztes Mal, sie aufzuklären. Diesmal griff er zur Methode der anschaulichen Lehrgeschichte. Da durften auch Leute mithören, die nicht zum engeren Kreis gehörten. Jesus wusste als hervorragender Pädagoge und Lehrmeister, dass sich Bilder längerfristig einprägen würden. Auch wenn seine Zuhörer jetzt noch nicht fähig waren, den Sinn zu verstehen, so würden sie doch die Erzähl-Bilder behalten und lange später ihre tieferliegende Aussage verstehen. So erzählte Jesus wie gewohnt sehr anschaulich (Wir folgen diesmal nicht der Version des Matthäus-Evangeliums, obwohl es der Jahres-Leseordnung entsprechen würde. Wir haben uns für Lukas entschieden, weil er viel genauer den „Original-Ton“ Jesu wiedergibt. Matthäus hat leider in einigen Punkten Abänderungen und Kürzungen vorgenommen, auf die wir erst am Ende eingehen wollen.)

Jesus erzählte: Ein Mann aus fürstlichem Haus hatte vor, in ein ganz fernes Land zu reisen, um sich die Königsherrschaft zu holen und dann zurück zu kehren. Er rief zehn seiner eigenen Bediensteten und gab ihnen je gleiche Geldbeträge in Form von teuren Silbermünzen. Der Geldwert betrug 10 Minen. Er gab ihnen den Auftrag: Seid geschäftstüchtig damit, handelt, lasst den Geldbetrag arbeiten, während ich fort bin. (Macht Business, würden wir heute sagen!) Ihr habt Zeit, bis ich komme. (1 Mine = 100 Denare = halbes Jahreseinkommen eines Arbeiters. Das wären nach heutigem Geld je 10.000 €. Die Einheitsübersetzung schreibt: „Er verteilte unter sie 10 Minen“, aber der Originaltext sagt: „Er gab ihnen 10 Minen.“).

Da die Bürger seines Landes diesen Thronanwärter hassten, schickten sie eine Abordnung hinter ihm her und sagten: „Wir wollen nicht, dass derjenige über uns herrscht.“ Dennoch geschah es, dass er die Königsherrschaft übertragen bekam.

Wenn Jesus hier von der Fernreise eines königlichen Sohnes spricht, ist das eine versteckte Anspielung auf den Herodes-Sohn Archelaus (geb.23 v.Chr., gest. 18 n.Chr.) Bevor Herodes der Große im Jahr 4 v.Chr. starb, teilte er das Königreich testamentarisch auf drei sehr unterschiedliche Söhne auf. Das Kerngebiet, nämlich Judäa mit der Hauptstadt Jerusalem, dazu Samaria und Idumäa, wies er dem ältesten noch lebenden Sohn zu: Archelaos, damals 19jährig – drei missliebige Söhne hatte er ja aus dem Weg räumen lassen. Der Kaiser in Rom – es war damals Augustus – gestattete in seinem Einflussbereich nur denen die Königsnachfolge, die von ihm persönlich gebilligt und bestätigt waren. Die jüdische Führung wollte damals um jeden Preis verhindern, dass dieser Sohn die Herrschaftsvollmacht bekäme, denn er war noch grausamer als sein Vater. Noch vor der Rom-Reise schlug er einen Aufstand der Pharisäer-Partei im Tempel so brutal nieder, dass es 3000 Juden das Leben kostete. Augustus entschied sich dennoch für Archelaus.

Im Kunsthistorischen Museum Wien sind Münzen zu sehen, die Archelaus selbst prägen ließ. Die Vorderseite (oben) zeigt ein doppeltes Füllhorn. Die Rückseite eine Galeere - vielleicht als Erinnerung an seine "große" Romreise, in der ihn Augustus zum Ethnarchen (=Völkerfürst) ernannte. Den Königstitel stellte er ihm für später in Aussicht, aber den erlangte er nie.

Die wirtschaftliche Tüchtigkeit seines Vater Herodes fehlte ihm ebenso. Er verfügte über ein Jahreseinkommen von 600 Talenten durch Steuern und Besitz. (1 Talent entsprich 600.000 €. Das ergibt 360 Mill. € jährlich.) In Jericho stellte er den Königspalast prächtig wieder her. Als Herrscher war er so unfähig, dass die jüdische Führung nach 10 Jahre wieder eine Delegation nach Rom schickte, diesmal mit Erfolg: Aufgrund der Beschwerde beim Kaiser im Jahr 6 n.Chr. ließ ihn Augustus zu sich rufen, stellte ihn vor Gericht und entzog ihm die Herrschermacht. Rom konfiszierte sein Vermögen und gliederte Judäa in die Provinz Syrien ein. Quirinus setzte Augustus dort als Statthalter ein. Den abgesetzten Herrscher selbst verbannte er nach Gallien (bei Lyon). Dort verstarb er 8 Jahre später im Alter von nur 41 Jahren. Wenn Jesus seine Lehrgeschichte im Jahr 30 erzählte, lagen die Ereignisse schon 3 Jahrzehnte zurück, aber es machte ihm seine frühe Kindheit bewusst. Jesus war damals kaum 3 Jahre alt. Josef war mit ihm und seiner Mutter nach Ägypten geflohen – er war damals also ein Flüchtlingskind. Als die Gefahr vorbei war, kehrte die Familie wieder nach Israel zurück. „Als Josef aber hörte, dass in Judäa Archelaus anstelle seines Vaters regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen“ (Mt 2,22) – mit „dorthin“ ist Betlehem gemeint. Wäre Archelaus nicht von Rom als Herrscher bestätigt worden, hätte wohl das Leben Jesu einen anderen Verlauf genommen, er wäre in Betlehem aufgewachsen statt in Nazaret. Aber zurück zur Lehrgeschichte: Jesus hat darin keine der historischen Herrscher-Persönlichkeiten namentlich genannt: weder Archelaus noch Augustus. Anstelle zu sagen „Er reiste nach Rom“, sagt er: „In ein weit entferntes Land“

 

Nach der Rückkehr dieses >Mannes aus königlichem Haus< erfolgte nicht zuerst die Bestrafung der Widersacher, sondern es ertönte der laute Ruf an die Bediensteten, denen er das Silbergeld gegeben hatte. Sie sollten vor ihn treten. Er setzte voraus, dass jeder Geschäfte gemacht hatte, und nun wollte er sehen, wieviel sie erreicht hatten. Er wollte Erträge sehen und nicht, dass die Silberstücke sicher erhalten geblieben waren. Sie sollten die Gaben ja nicht absichern, sondern ausbauen.

So erschien der Erste vor ihm. Er sagte: „Herr, die eine Mine von dir hat weitergearbeitet auf 10 Minen.“ Er sagt nicht: „Ich (!) habe zehn erwirtschaftet.“ Die frühere Einheitsübersetzung schrieb noch irrtümlich so: „Herr, ich habe mit deiner Mine zehn Minen erwirtschaftet.“ Der Diener rühmte sich nicht seiner Leistung, sondern bekannte, dass der Erfolg möglich war aufgrund des Vertrauensvorschusses, aufgrund der Gabe des Herrn. Der König lobte ihn: „Sehr gut, du tüchtiger Mitarbeiter. Weil du im Kleinen zuverlässig warst, sollst du die Vollmacht über zehn Städte erhalten.“

Der zweite erschien vor dem König und sagte: „Herr, die Mine von dir hat fünf gemacht“ Er sagt nicht „weitergearbeitet“, sondern „gemacht“. Zu ihm sagte der König: „Ich setze dich über fünf Städte“ Hier fällt die Anerkennung des Königs nicht mehr so überschwänglich aus: Er spricht keine Lobesworte und erteilt ihm nicht die Vollmacht über die Städte, aber immerhin die Aufsicht.

Schließlich kam ein anderer (nicht „der Dritte“). Er sagte: “Herr, siehe! Deine Mine! Ich habe sie in einem Tuch aufbewahrt, das zum Schweiß abwischen dient. Ich hatte nämlich Angst vor dir, weil du ein strenger Mann bist. Du nimmst dir, was nicht du selber hinterlegt hast. Du erntest, was nicht du gesät hast, sondern wo andere die bäuerliche Arbeit geleistet haben.“ An dieser Antwort fällt einiges sofort auf: Sie ist länger als von denen, die etwas vorweisen können. Der prüfende König wird als „streng“ bezeichnet, griechisch AUSTEROS. In der griechischen Literatur wird damit auch einer bezeichnet, der als Finanzinspektor Härte zeigt. Die Rechtfertigung ist widersprüchlich: Aus der Angst hätte sich die Person gerade mehr anstrengen müssen.  Das einzige, was sie getan hat, war es, dass sie die wertvolle Gabe aufbewahrt, „konserviert“ hat, aber damit auch unerreichbar gemacht hat für andere. Die Person ist nicht bereit, ihr Versagen einzugestehen, sondern sie geht sofort auf Gegenangriff. Sie maßt sich an, den König selbst anzuklagen. Der jedoch ließ sich nicht aus der Fassung bringen, sondern gab es im gleichen Maß zurück. Er sagte: „Aufgrund der Aussage deines eigenen Mundes werde ich dich richten, du untauglicher Bediensteter. Du wusstest, dass ich so bin, ich der Strenge. (Das „Ich bin“ ist betont im Original-Text.) Du hast gewusst, dass ich abhebe, was ich nicht einbezahlt habe, dass ich ernte, was ich nicht gesät habe. Du hättest wenigsten eines tun können: Andere mit meinem Geld arbeiten lassen! Warum hast du die Mine nicht zur Bank gebracht? Dann hätte ich sie bei der Rückkehr mit Zinsen abheben können. (Das Bankwesen war in der Antike durchaus verbreitet. Wucherzinsen bis zu 60 % waren an der Tagesordnung. Deshalb musste Kaiser Augustus regulierend eingreifen. Er legte einen Jahreshöchstzinssatz von 12 % gesetzlich fest.)

Zu denen, die dabeistanden, sagte der König: „Nehmt ihm die Mine weg und gebt sie dem, der die 10 Minen hat“. Darauf erwiderten sie: „Herr, er hat doch schon 10“ Damit endet die Überprüfung durch den König. Wir hören nicht mehr, was er den Dabeistehenden erwidert, von seiner Entscheidung rückte er sicher nicht ab. Es erfolgt aber eine Antwort, die wie ein Sprichwort klingt und die Überzeugung Jesu ist: „Ich sage euch: Allen, die haben, wird gegeben werden. Von den nicht Habenden wird das, was sie haben, weggenommen.“ Es ist ein rätselhaftes Jesuswort, das sonst in einem anderen Zusammenhang vorkommt. Dort bezieht es sich auf das Hören der Guten Nachricht. „Im selben Maß, wie ihr hungrig seid nach diesen aufbauenden Worten, werden sie euch zugewiesen. Sie werden an Zahl zunehmen. Wer einmal etwas von der  Guten Nachricht bereitwillig aufgenommen und angewendet hat, wirschaften hat lassen, dem werden immer weitere freudige Einsichten gegeben. Wer keine der Worte hat und keine haben will, für den werden die wenigen, die er hätte, auch noch unbrauchbar.“ Siehe Mk 4,25. Lukas fügt an die Lehrgeschichte  noch einen Satz an, der wohl nicht aus dem Mund Jesu stammt, deshalb nicht, weil Jesus immer auf einen positiven Ausgang seiner Erzählungen bedacht ist. Trotzdem ist der Schlusssatz traurige Wahrheit: Der König sagte: „Jetzt kommen noch meine Feinde dran, die nicht wollten, dass ich meine Königsherrschaft über sie aufrichte: Bringt sie her und schlachtet sie vor meinen Augen ab.“ (Der griechische Originaltext verwendet nicht das gebräuchliche Wort für „töten“, sondern das grässliche Wort „abschlachten, niedermetzeln.“ Lukas hat damit den jüdischen Krieg in den Jahren 67 – 70 n.Chr. vor Augen, der heraufbeschworen wurde von den Hassreden jener Parteien, die immer stärkeres politisches Gewicht bekamen. Die einigenden und friedensstiftenden Bestrebungen Jesu im Land haben sie nicht angenommen. So sind kampferfahrene römischen Legionen einmarschiert und haben nicht gegen ein jüdisiches Heer gekämpft, sondern haben viele Widerstandsgruppen in Israel und zahllose Unschuldige aus der Zivilbevölkerung niedergemetzelt. Der jüdische Krieg war ein >Abschlachten<, es war einer der grausamsten, den Rom je geführt hat.

 

Diese Lehrrede hatte zwei Schwerpunkte: 1. Jesu eigenes Schicksal 2. Die Aufgaben, die den Verantwortlichen seiner Nachfolge-Gemeinschaft/Kirche übertragen sind. Er selbst sah sich als der König, der in Kürze durch sein Sterben in ein weit entferntes Land reisen würde. Von der jüdischen Führung war er angefeindet, sie wollte nicht, dass er die Herrschaft (das Reich Gottes) erlangte. Die höchste Autorität – sein göttlicher Vater – hat ihn trotzdem als König bestätigt (er wurde aus dem Tod gerettet und erweckt). Nach einer gewissen Zeit wird sich sein Kommen ereignen und seine erste Handlung als strahlender Machthaber wird sein, dass er von jedem seiner Bediensteten sehen will, was sie gemacht haben mit dem Kapital, das er ihnen übertragen hatte. Der zweite Gesichtspunkt der Lehrgeschichte besteht in einer Mahnung an die Verantwortlichen: Macht etwas aus dem, was euch übergeben wurde. Nun zur anfangs unbeantworteten Frage, wie weit Matthäus diese anschauliche Lehrgeschichte Jesu abgeändert hat. Matthäus steigert den Geldbetrag von einer Mine auf ein Talent – das ist das 60fache. Wenn der erste 5 Talente bekommt, wären das umgerechnet 3 Millionen Euro. Es mag dem Evangelisten Matthäus als literarische Freiheit erlaubt sein, die Textvorgabe zu übersteigern, um den Leser aufhorchen zu lassen. Die Königsepisode lässt Matthäus weg, offenbar weil er es als unangemessen empfindet, die brutale Gewaltherrschaft des Archelaus mit der Königsherrschaft Jesu in Beziehung zu bringen. Der erschreckende Schluss bei Matthäus stammt ebenso wenig wie der des Lukas aus dem Mund Jesu: „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“ Es ist die Abschreckungs-Pädagogik des Matthäus, der stark im Judentum verwurzelt ist. Das Wort kommt in seinem Evangelium weitere fünf Mal vor.

Der warnende Ton bleibt dennoch zu beachten: ein gewisser Teil der Verantwortlichen in der Kirche – damals wie heute – glaubt, es genüge, die Werte  zu bewahren, zu erhalten, nichts zu verändern (sie in ein weiches Tuch einzuwickeln). Sie haben dabei zwar sehr wohl ein schlechtes Gewissen, aber sie rechtfertigen sich damit, dass Gott ein strenger Prüfer sei. Diese konservierende Denkweise ist häufig verbunden mit einem angstbesetzten Gottesbild. Staffdessen könnten sie die in ihnen tiefsitzende Strenge nützen, um zu Taten zu schreiten. Gut, dass jene zahlenmäßig mehr sind, die das Wertvolle einsetzen und Kreise ziehen lassen. Sie reden nicht so lang wie die Bewahrer. Mit dem heutigen Evangelium werden besonders jene eine Freude haben, die bereits gute Erfahrung damit gemacht haben, das Anvertraute arbeiten zu lassen. Sie wissen, dass die Wirkkraft von Mal zu Mal zunimmt. Der Lebensantrieb durch das Evangelium steigert sich merklich. Der persönliche Gewinn in der Schule Jesu nimmt zu. Gerade diesmal konnten wir IHN „im Originalton“ sprechen hören und durften sogar nachempfinden, was IHN innerlich bewegt. Die erspürte Nähe zu IHM wirkt in unserem Herzen lange nach.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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