23.Jän.2022      3.Sonntag im Jahreskreis

Lukas wagt sich spät noch an ein Jesus-Buch

Lukas 1,1-4   4,14-21

Vorwort

Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.

 Erstes Auftreten in Galiläa: 4,14–15

Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.

Die Antrittsrede in Nazaret: 4,16–30

So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht:

Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn er hat mich gesalbt.

Er hat mich gesandt, / damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe;

damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht;

damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Der Evangelist Lukas macht sich erst in den 90er Jahren daran, noch ein Buch über Jesus zu schreiben, obwohl es schon einige gibt  – das ist über 60 Jahre nach dessen Tod. Der Autor nimmt sich die schriftstellerische Freiheit, den neuen Lehrer Jesus in einer Antrittsrede in Nazaret auftreten zu lassen, was nicht übereinstimmt mit den Mitteilungen, die wir aus den früher abgefassten Evangelien haben. Jemand aus dem Leserkreis dieses SONNTAGSWORTES hat sich gewünscht, dass die heutige Auslegung wieder als Interview gestaltet wird, so wie am 2.Advent-Sonntag. Es wäre auch brauchbar als Predigt-Interview. Da in dem Gespräch anfangs Fragen zu Nazaret beantwortet werden, wäre es günstig, wenn die Fragen jemand beantworten könnte, der Nazaret auch kennt durch einen Aufenthalt.

Was nimmt ein Pilger, der Nazaret besucht hat, als Erinnerung mit heim?

Beeindruckend ist die mächtige Kirche im Zentrum der Stadt: die Verkündigungskirche. Sie ist die größte im ganzen Nahen Osten. Sie wurde erst vor knapp 50 Jahren eingeweiht. Es ist die 5.Kirche, die seit den Zeiten Jesu über das Wohnhaus seiner Jugend errichtet wurde. Jede von ihnen hat nur mehrere Jahrzehnte überdauert und wurde bald ersetzt oder zerstört.

Welche biblisch handfesten Spuren sind zu sehen?

Es ist die Wohngrotte der heiligen Familie. Sie sieht aus wie eine Höhle, weil der Vorbau zur Grotte, der aus 3 gemauerten Seiten bestand, nicht mehr da ist. Viele Häuser in Nazaret damals waren so gebaut: Die Familien nützten Felshöhlen als hinteren Teil des Hauses.

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Die mächtige Verkündigungskirche im Zentrum von  Nazaret entspricht nicht dem winzigen Dort, in dem Jesus aufwuchs.

Kann die Archäologie etwas bestätigen, was im Evangelium erzählt wird?

Es muss ein winziges Dorf gewesen sein, man schätzt 20 – 30 Häuser. Es ist kaum anzunehmen, dass es eine eigene Synagoge gegeben hat. Es wird zwar eine Synagogen-Kirche gezeigt, aber die stammt aus der Kreuzfahrerzeit mit gotischem Gewölbe. Eher ist anzunehmen, dass an eines der Familienhäuser ein Synagogenraum angebaut war. Heute ist Nazaret eine 80.000 Einwohnerstadt, ein Drittel davon sind Christen, die anderen Moslems und Juden. In der Mitte erhebt sich aus dem Häusermeer die alles überragende Kuppel. Über die kühle nackte Beton-Konstruktion lässt sich streiten. Trotz allem verweilen immer wieder Pilger in stiller Ergriffenheit vor der Wohngrotte, sie ist Mittelpunkt der Kirche.

Jesus kam also während seines 3jährigen Wirkens, als er durch seine Lehre schon Berühmtheit erlangt hatte, auch nach Nazaret – Wie soll man sich das vorstellen?

Es ist klar, dass ihn alle aus dem Dorf gekannt haben von Jugend auf. Sie waren überrascht, dass er seinen Beruf gewechselt hatte. Sie kannten ihn als Bauhandwerker. Jetzt war er plötzlich ein spiritueller Lehrer. Man nannte ihn Rabbi.

Du hast gesagt „Bauhandwerker“. Üblicherweise heißt es, Jesus sei Zimmermann gewesen.

Wir verbinden mit Zimmermann einen, der nur Holz bearbeitet. Erstens gab es dort gar nicht soviel Bauholz wie bei uns. Zweitens steht im griechischen Originaltext TEKTON. Das ist der nächste nach dem ARCHI-TEKTON, der die Pläne zeichnet und den Bau von oberster Stelle her überwacht, aber nichts händisch anpackt. Jesus hat als TEKTON alle Baumaterialien bearbeitet: Holz, Stein und Lehm. Er hat selbst Hand angelegt, hat aber auch eine Baupartie angeführt. Er hat mit dem Bautrupp das umgesetzt, was der Architekt und der Bauherr sich vorgestellt haben.

Woher wissen wir das? Lukas schreibt nichts davon im heutigen Evangelium. Da heißt es nur, dass er in Nazaret aufgewachsen ist.

Das vom Bauhandwerker können wir nachlesen in den Parallelstellen, das sind die beiden anderen Evangelien Markus und Matthäus. So etwa schreibt Markus, dass die Zuhörer in Nazaret verwundert waren über ihren ehemaligen Dorfgenossen und gefragt haben: „Ist das nicht der Bauhandwerker, der Sohn der Maria?“ Markus weiß zu berichten, dass sich dieser Heimatbesuch irgendwann in der Mitte seines Wirkens zugetragen hat. Lukas reiht das Ereignis an den Anfang, um eine Antrittsrede daraus zu machen.

Was will Lukas erreichen mit dieser Umstellung?

Lukas schreibt über 60 Jahre nach dem Wirken Jesu in einer Zeitepoche, in der die Gute Nachricht vom befreienden Wirken Jesu schon über das ganze römische Imperium hinweg Zuspruch gefunden hat. Es gibt schon in jeder Großstadt mehrere Hauskreise, die sich dadurch auszeichnen, dass sich die Mitglieder besonders kümmern umeinander. Lukas selbst ist ein Bruder in einer solchen Gemeinde. Seit er dort dazu gehört, hat sich auch sein persönliches Leben verändert.

Jesus wirkte in den Jahren 27 – 30 n.Chr. – Lukas schreibt in den 90er Jahren n.Chr. – Worin besteht die Verbindung, die Brücke zwischen den beiden Zeitabschnitten?

Das dreijährige kraftvolle Wirken Jesu hat sich fortgesetzt in seiner Nachfolge-Gemeinschaft. Somit waren seine Worte und sein Tun noch Jahrzehnte später wirksam. Was Jesus als Einzelperson getan hat, konnte sich vervielfältigen durch die Gemeinden. Lukas schreibt in der Einleitung zu seinem Buch, dass sich die Ereignisse mit Jesus jetzt in seiner Zeit „erfüllt“ haben. Der Schreibstil des Lukas ist anschaulich und nimmt immer wieder Bezug auf seine eigene Zeitumstände. Er macht es wie ein guter Theater-Regisseur, der in sein Stück immer wieder aktuelle Anspielung auf seine eigenen Zeitumstände einbaut.

Können wir dazu gleich ein Beispiel aus dem Lukas-Evangelium hören?

Ja, die Antrittsrede Jesu in der Synagoge von Nazaret: Da lässt Lukas den neu auftretenden Rabbi Jesus aus der Schriftrolle des Propheten Jesaja vorlesen – er liest wohl mit Bedacht langsam: „Der Geist des Herrn hat mich gesalbt. … damit ich Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht, damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.“ Beim Lesen des Lukas-Evangeliums SEHEN wir Jesus da vorne stehen. Das ist der anschauliche Stil des Lukas.

Das stimmt. Somit könnte Lukas heute ein Filme-Macher für eine Jesus-Dokumentation sein. Was gelingt dem Lukas darüber hinaus mit seinem Buch?

Gleichzeitig spüren wir, wie Lukas aus seiner Gemeinde-Erfahrung spricht: Da gibt es Mitglieder, die erst seit kurzem dabei sind: Vorher waren sie gefangen von Lebensstil der Welt: Vergnügen, Übersättigung, Leistungsdruck. Sie waren festgenagelt. Sie haben gelitten unter Zwängen. Jetzt – seit sie zur Christus-Gemeinschaft gehören, sind sie frei. Vorher sind sie blind durch das Leben geirrt, es war düster rundherum. Christus hat ihr Leben aufgehellt, er hat ihnen das Augenlicht, das Sehen zurückgegeben. Vorher waren sie zermürbt und depressiv. Jetzt können sie durchatmen und aufrechte Menschen sein. Bis heute sagt uns Jesu: „Gott hat mich gesandt, ... damit ich den Gefangenen Entlassung verkünde.“ Auf diese Weise aktualisiert Lukas für die Hauskreise aus seiner Zeit. Das, was Jesus getan und gelehrt hat, wirkt nach Jahrzehnten noch weiter, ja es hat sich „erfüllt“.

Das klingt ja sehr aktuell, die Zwänge plagen auch unsere heutige Welt. Somit sollte der Zuspruch, den Lukas seinen Gemeinden gibt, bis in unsere Tage wirken – bis ins Jahr 2022.

Genau, das will Lukas mit seinem Buch erreichen. Wahrscheinlich hätte er damals gestaunt, dass sein schriftstellerisches Werk 2000 Jahre lang eine Quelle der Ermutigung bleibt.

Lukas solle es also bewusst darauf angelegt haben, dass seine Schilderungen bis in die nächsten Jahrhunderte Wirkung haben? Woran können wir das ablesen?

Das kann man feststellen an dem Wort HEUTE. Die  Antrittsrede beginnt mit dem Satz: „HEUTE hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Das Wort HEUTE ist ein Lieblingswort des Lukas. Er verwendet es 11 Mal, während es bei Markus nur 1 Mal vorkommt. Er setzt es an entscheidenden Stellen ein. Angefangen bei den Hirten von Betlehem. Dort sagt ihnen der Bote, der von Licht umstrahlt wurde: „HEUTE ist euch der Retter geboren.“ Das letzte HEUTE sagt Jesus dem Mitgekreuzigten. Nur im Lukas-Evangelium erfahren wir, dass der an seiner rechten Seite bittet: „Denk an mich …!“ Jener bekommt von Jesus die Zusage: „HEUTE noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Lukas ist überzeugt, dass dieses HEUTE auch 2000 Jahre später noch gilt: Auch heute nach diesem Gottesdienst wird der eine oder andere befreit heimgehen, auch wenn er sich die ganze Woche gefangen gefühlt hat, auch wenn seine Augen verdunkelt waren, auch wenn er niedergeschlagen war. Das WORT hat Kraft und wirkt befreiend. Das haben schon viele am eigenen Leib oder in der eigenen Seele erfahren und viele werden es noch erfahren.

Wenn wir nun Lukas fragen würden, wie er dazu gekommen ist, 60 Jahre nach den Ereignissen sich noch an ein Buch über Jesus heran zu wagen, was würde er sagen?

Auf diese Frage geht Lukas  im Vorwort zu seinem Buch ein: Er sagt, er sei zu dem Entschluss gekommen, eine vollständige und gut lesbare Abfolge der Ereignisse zu verfassen. Es schien ihm der Zeitpunkt reif zu sein für so ein Werk. Einer der Anlässe zum Schreiben war, dass immer mehr wohlhabende und gebildete Persönlichkeiten den Gemeinden beitraten. Diese begnügten sich nicht mit der einfachen Lehre, wie sie für die weniger gebildeten Mitglieder ausreichte. Die neu Eingetretenen aus der Oberschicht wollten mehr wissen. Sie wollten sich überzeugen. Da gab es einen hochgestellten, wohlhabenden Mann, der offenbar Lukas aufforderte zu dem literarischen Werk. Der Mann scheint sogar bereit gewesen zu sein, die Kosten für die Herausgabe zu übernehmen. Lukas nennt ihn „edler Theophilos“ – was soviel heißt wie „Gottesfreund“. Das Buch sollte viel Zusätzliches enthalten, was die bisherigen Werke über Jesus vermissen ließen.

Gab es also vor Lukas bereits mehrere Jesus-Darstellungen?

Ja, wir kennen die Werke sogar: Zum einen war es das Markus-Evangelium, das den Hauskreisen bereits seit mehr als 20 Jahren vorher im ganzen römischen Reich zur Verfügung stand. Zum anderen gab es eine Redesammlung Jesu, in der seine Lehr-Erzählungen, seine Gleichnisse hintereinander aufgereiht waren. Beide Werke waren in einem recht einfachen Griechisch abgefasst und es fehlte beiden etwas, das für griechische anspruchsvolle Biographien wichtig war: Die Geburt des Helden und die Folgen seines Lebens über seinen Tod hinaus.

Jetzt verstehe ich: Deshalb stammt die Weihnachts-Geschichte von Lukas. Woher wusste er davon?

Sie muss zurückgehen auf das, was Maria, die Mutter Jesu in Erinnerung hatte: „Sie bewahrte all dies in ihrem Herzen“, schreibt Lukas zwei Mal (Lk 2,19 und 51) Vielleicht hatte Lukas die besondere Gunst, dass er diese wertvolle Frau in seinen jungen Jahren noch persönlich kennen lernen durfte. Das kann nur in Ephesus gewesen sein. Dort soll Maria ihre letzten Lebensjahre verbracht haben, gemeinsam mit Johannes, dem Jünger, mit dem Jesus ein besonderes Naheverhältnis hatte.

Wie sieht es mit den Folgewirkungen des Lebens Jesu aus – über seinen Tod hinaus?

Außer der Weihnachts-Geschichte hat Lukas auch die Emmaus-Jünger als einziger beschrieben: Diese beiden Jesus-Anhänger hatten am Weg von Jerusalem hinaus in ihr Dorf eine eindrucksvolle Begegnung mit dem neu lebendigen Jesus. „Brannte nicht unser Herz, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift eröffnete? ... Und sie erkannten ihn, als das Brot brach.“ Wieder ist der anschauliche Stil des Lukas erkennbar und sein Bemühen, es so zu schreiben, dass sich Gemeinde-Mitglieder Jahrzehnte später angesprochen fühlen: Christen erleben es bis heute, dass ihr Herz zu brennen beginnt, wenn ihnen die Schrift erschlossen wird und sie machen die Erfahrung, dass Jesus im Brot zu erkennen ist, das ihnen Jesus im Gottesdienst bricht – das Brot, das sie auffordert, Geschwister zu werden, die auch im Alltag miteinander das Lebensnotwendige teilen.

Danke dir, für deine Eindrücke von Nazaret und für die Deutung des heutigen Evangeliums.