24.Jän 2021      3.Sonntag im Jahreskreis

Zwei Berufungen - als Modell bis heute

Markus  1,14–20

Was können wir daraus lernen?

Berufung hat mehrere Merkmale: Die Initiative geht von Jesus aus, er spricht den Betroffenen an – manchmal vermittelt durch vorherige Lehrer, durch Freunde, durch Geschwister. Letztlich ist ER SELBER es, der einlädt und heran holt in seine Gruppe von Lernenden. Er überredet nicht, schon gar nicht nötigt er jemanden. Der Angesprochene hat die Freiheit abzulehnen oder nach einer Probezeit wieder auszusteigen. „Wollt auch ihre gehen?“ fragt Jesus zur Halbzeit, ohne den geringsten Druck zu machen. Aber der Einladende ist und bleibt ER. Damit unterscheidet er sich von den Gelehrten mit ihren Schulen damals. Studierende meldeten sich von selber dort an, traten in die Schule von Schriftgelehrten ein und bezahlten dafür Geld und Naturalien. Frauen konnten nicht Schülerinnen bei Rabbinern werden, bei Jesus sehr wohl. Jesus ist weit entfernt von der Methode der Sektenführer. Seine Einladung erfolgt in Freiheit, nie unter Zwang oder Drohung, nicht einmal mit sanftem Druck. Er als Meister der Menschenführung stülpt seinen Begleitern nicht etwas Neues über, sondern er legt als Mentor etwas frei, was längst angelegt ist in dem Menschen. Sein Ziel ist es nicht, die Unarten auszutreiben, sondern vielmehr die Qualitäten und Fähigkeiten zu fördern. Er belegt nicht schlechtes Verhalten mit Verboten, sondern weckt und fördert das Gute, das wie Keimlinge grundgelegt ist. Wenn jemand einwendet: Ja, das hat vor 2000 Jahren sein Schülerkreis erleben dürfen, aber wer spricht heute die Bereitwilligen an? Sein Geist wirkt weiter in seiner Gesinnungsgemeinschaft bis heute, dort werden Begabungen geweckt, herausgefordert und bestärkt. Auch in Not Geratene sind wie SEINE Stimme, seine Einladung, sich einzusetzen.

Ein weiteres Merkmal ist das Mitgehen mit ihm. Es war nicht ein Lernen aus Büchern, nicht ein Lernen von Geboten und Dogmen.

Er selber war der Lehrstoff. Sie beobachteten, wie er auf Bedürftige zuging, wie auf Lernwillige, wie auf feindselig Gesinnte. Sie hörten ihm genau zu und manchmal besprach er seine Lehrgeschichten mit ihnen vertiefend nach. Auch das wird für heutige Berufene wichtig: Mit IHM vertraut werden durch genaues Beobachten seiner Handlungsweise und genaues Hinhören auf seine Worte. Im frühen Christentum galt als Beleg für das Apostelamt, dass jemand glaubhaft machen konnte: „Ich habe den Herrn gesehen.“ (So Paulus) Diesen Beleg braucht auch die heutige Kirche von den modernen Aposteln.

Mit einer verbreiteten Fehlmeinung ist aufzuräumen: Berufung sei ein einmaliges Ereignis, bei dem sofort alles zurückgelassen würde. Nein, es ist ein Prozess, eine Entwicklung, eine Reifung. Der oder die Betroffene erinnert sich zwar an starke Anfangsereignisse, an Begegnungen, mit denen das Ganze ins Rollen kam – so wie in der Liebe zu einem Menschen, mit dem man zeitlebens verbunden bleibt. Aber nach den Erstentscheidungen kommen immer noch weitere Schritte im Laufe der Zeit dazu. Die Berufenen im Evangelium lassen  nicht mit einem Schlag alles zurück. Sie sind auch nicht sofort Apostel, sondern erst einmal Lernende (Jünger). Sie kommen hin und wieder zurück in ihre Familie, in ihr Haus. Die Zeiten, die sie durchgehend mit ihrem Meister verbringen, werden nach und nach länger. Angehörige mögen das allmählich übertrieben lang empfinden, aber für die Lernenden ist es stimmig. „Wir haben alles verlassen“, sagt Petrus nicht am Anfang, sondern erst zur Halbzeit. Jesus bestätigt es ihm und versichert ihm, dass er das Hundertfache dafür bekommt, so etwa statt seines eigenen Hauses jetzt hundert Häuser, wo er jederzeit willkommen ist und sich wie zu Haus fühlen soll. Das einzige, das unter dem zu Verlassenden nicht aufgezählt wird, ist die eigene Frau. Eheliche Partnerschaft steht nicht in Konkurrenz zum Mitgehen mit Jesus. Die meisten Apostel sind in den ersten Jahrzehnten mit ihren Frauen unterwegs gewesen – Petrus nachweislich in Korinth/Griechenland – so schreibt es Paulus.

Es gibt auch abgestufte Verbindlichkeiten: Die einen setzen ihr ganzes Lebensprogramm für das Evangelium ein – sozusagen rund um die Uhr, was nicht heißt, dass sie arbeiten bis zur Erschöpfung, sondern erfüllend arbeiten. Andere unterstützen das Evangelium soweit sie können, bleiben aber noch in ihrem Zivilberuf tätig. Berufung muss auch nicht ein Dienst für kirchliche Veranstaltungen sein. Es kann damit auch soziales Engagement gemeint sein, Hilfe für Benachteiligte, Förderung von Schwachen. Seiner Berufung zu folgen heißt, dem gerecht zu werden, wozu man in die Welt gestellt wurde. Es lohnt sich, das heraus zu finden. Es bringt auch eine innere Erfüllung im Unterschied zu einer Tätigkeit nur des Geldes wegen. Wer hingehorcht hat, was seine Sendung ist, und ihr so weit als möglich entsprochen hat, der lebt zufriedener. Er braucht nicht hinter allen nutzlosen Dingen her zu laufen, er lebt stimmig und gefestigt.