3. Mai 2020

4.Sonntag der Osterzeit

Welcher Einstieg zur Gemeinde?

Joh 10,1-10

Wir müssen diese Bildrede vom Hirten in zwei verschiedenen Ebenen verstehen: 1. So wie Jesus sie selbst gelehrt hat. 2. So wie sie der Evangelist Johannes 60 Jahre später vermitteln wollte

Zunächst versetzen wir uns in den Zuhörerkreis Jesu. Gegen Ende des Jahres 29 n.Chr trug es sich zu – in Jerusalem – entweder im September am jüdischen Chanuka-Fest, auch Laubhüttenfest genannt oder im Dezember am Tempelweihfest. Beim Laubhütten- fest wurde Jesus von einer Gruppe strenggläubiger Juden heftig angegriffen, ja sie griffen schon nach Steinen, um ihn tödlich zu treffen. Als er danach einem Blindgeborenen das Augenlicht schenkte, stellten sie alles davon in Frage und verunsicherten sogar dessen Eltern im Glauben. Diesen Hütern der Rechtgläubigkeit trägt Jesus die Bildgeschichte vor. Eigentlich hätten sie eine schroffe Entgegnung verdient, aber wir erleben wieder einmal Jesus, wie er geschickt ohne Beleidigung und doch deutlich erwidert. Am Tempelweihfest spielte der Psalm 118 eine wichtige Rolle und darin besonders der Vers: „ Dies ist das Tor zum Herrn. Gerechte dürfen hineingehen.“ (Psalm 118,20). Der Einzug durch das Tor hatte messianischen Beiklang. Könnte sein, dass Jesus diesen Schlüsselsatz aufgriff und damit seinen Gegnern und seinen Anhängern gleichzeitig eine Lehre erteilte. Sie, die sich vor dem Volk als die geistlichen Führer und Hirten ausgaben, wurden aufs Korn genommen – hinterher wird uns Lesern mitgeteilt, dass sie nichts verstanden: Jesus beherrschte die Kunst des Erzählens so hervorragend, dass dieselbe Bildgeschichte für seine offenherzigen Zuhörer höchst aufschlussreich wurde und bis heute ist.

Er begann seine Bildrede mit der Feststellung: „Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern von anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“ Dieses Eröffnungsbild vom Schafstall mit Tor ist jedem damaligen Zuhörer vertraut. Jeder in Palästina wusste, dass sich die Besitzer von Kleinschafherden oft zusammen getan hatten. Hirten trieben abends ihre je eigene Kleinherde in einen geräumigen Gemeinschaftsstall. Das war ein ummauertes Areal ohne Dach. Es grenzte oft unmittelbar an ein Bauernhaus an. Es gab auch auf freiem Feld Schafpferche mit Holzumzäunung und mit Tür, aber davon scheint Jesus nicht zu sprechen. Dieser Schaf-Hof hatte eine gesonderte Eingangstür. Ein Wächter war angestellt, um die Tiere nachts zu bewachen, sodass die einzelnen Hirten schlafen gehen konnten. Mehre Hirten waren zusammengeschlossen und trieben jeden Abend ihre eigenen Schafe in diesen Hof. Während der Nacht waren also mehrere Herden dort gleichzeitig unter Aufsicht. Die Hirten kamen erst nächsten Morgen wieder, um ihre je eigene Herde abzuholen und auf die Weide zu führen. Jesus begann seine Bildgeschichte ganz unvermittelt, indem es sagte: „Wenn jemand in das ummauerte Gehege eindringt und dabei nicht das Tor benutzt, sondern von woanders hinaufsteigt auf die Mauer, dann kann das nur ein Dieb sein, der heimlich kommt, oder ein Räuber, der gewaltsam kommt. Dem geht es nicht um das Wohl der Schafe, sondern er will stehlen oder töten.“ (Das war schon eine versteckte Anspielung auf die Leute in der Religion, die sich einen unrechtmäßigen Zugang zur Herde verschafften und von der Herde nur für sich etwas haben wollte.) „Wer Hirte der Schafe ist, der benützt den normalen Eingang, das Tor. Er ruft am Morgen von draußen laut den Wächter und bittet ihn zu öffnen. Dieser erkennt jeden der beteiligten Hirten an der Stimme und schiebt innen den Riegel zurück. Durch das Rufen sind genau die Schafe auf ihren Hirten aufmerksam geworden, die ihm gehören. Die eigenen Schafe drängen sich heran. Dadurch entsteht eine leichte Unruhe in der Gesamtschar der Schafe.

Der Hirt geht ihnen voraus. Sie folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden werden sie nicht folgen.

Aber der Hirte ruft nur die eigenen namentlich – er ruft jedes einzelne Tier mit seinem Kosenamen. Meist ist es ein Körper-Merkmal, so etwa Halsfleckerl, Weiß-Popo, Braunohr. Auf diese Weise gelingt es ihm, nur  die eigenen hinauszuführen. Er muss einige richtig antreiben, damit sie flott hinausgehen. Wenn er dann endlich alle eigenen hinaus gejagt hat, tritt er an die Spitze der Schar und die Schafe folgen ihm. Was macht es aus, dass sie gerade ihm folgen? Es ist seine Stimme, die sie kennen. Es macht nichts, wenn er anders gekleidet ist, denn auf die Stimme kommt es an. Die Stimme schafft Beziehung, festigt das Vertrauen zu ihm. Sie haben ihn schon oft gehört und erkennen ihn daher wieder. Einem Fremden werden sie sich nicht anschließen, im Gegenteil: Sie werden um ihn einen großen Bogen machen und die Flucht ergreifen, wenn er sich nähert. Woran liegt das? An der Stimme! Der Fremde kann noch so viel reden, sie weichen ihm aus, weil sie mit seiner Stimme nichts anfangen können.“ Diese Bildgeschichte erzählte er denen, die sich als geistliche Führer hinstellten. Für sie war sie aber rätselhaft, aussagelos, unverständlich. Aber Jesus wusste in seiner gekonnten Art, dass er die Geschichte nicht vergeblich erzählt hatte. Seine Anhänger und später die Leser des Evangeliums verstanden die Anspielungen, die Ermutigung, den Trost.

Für sie setzte Jesus  fort und beteuerte: „Amen, es ist zuverlässig, Amen: Euch kann ich etwas darüber hinaus sagen: Die Tür zu den Schafen, das bin ich. Ja, das bin ich. Vor mir verschafften sich viele einen Zugang. Sie taten es entweder heimlich, dann waren sie Diebe, oder sie griffen zur Gewalt, dann waren sie Räuber. Die Schafe aber, sie haben nicht auf sie gehört. Der Zugang bin ich, das Tor bin ich. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden. Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden. Es gibt auch den, der in unlauterer Absicht kommt. Er will etwas an sich reißen, er will schlachten, um davon zu essen, er will zu Grunde richten. Ich hingegen bin gekommen in lauterer Absicht. Die Schafe sollen das Leben haben und Überfluss haben.“ Mit dieser verschlüsselten Bildgeschichte entlarvte Jesus einerseits die falschen „Hirten“ und ermutigt andererseits die ehrlichen Hirten: Die Schafe werden euch nicht zu denen überlaufen, die einen Führungsanspruch behaupten, aber in Wirklichkeit Schaden anrichten. Die Stimme, die Beziehungsarbeit, garantiert den guten Hirten, dass die Herde bestehen bleibt.

Die zweite Ebene, wie wir die Bildrede verstehen können, führt uns in die frühen Gemeinden. Paulus in den 50er Jahren und Johannes in den 90er Jahren hatten mit Eindringlingen in die Gemeinden zu kämpfen, die sich als Hirten ausgaben, aber Zwist und Schaden in das Zusammenleben brachten. Paulus schreibt den Korinthern: „Ihr nehmt es ja offenbar hin, wenn irgendeiner daherkommt und einen anderen Jesus verkündigt, als wir verkündigt haben, wenn ihr einen anderen Geist empfangt, als ihr empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, als ihr angenommen habt.“ (2 Kor 11,4)

Über die Galater ist er entsetzt, welche Richtung sie wenige Jahre nach seiner Gemeinde-Gründung eingeschlagen haben: „Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet. Es gibt kein anderes Evangelium, es gibt nur einige Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen“ (Gal 1,6f) Ähnliche Beobachtungen macht der Evangelist Johannes, während sein Buch entsteht: Er drängt darauf: „Alleiniger Zugang zu den Gemeinden ist der Zugang über Christus. Manche kommen aber von woanders her. Sie haben keine lautere Absichten. Sie sind nur getrieben von Ehrgeiz, von Gewinnsucht, sie richten großen Schaden an.“

Ausgezeichnet lässt sich die Bildrede auf heutige Seelsorge anwenden. Pastoral-Arbeit oder Hirtenarbeit muss einige Merkmale haben: Die Gemeinde braucht einen Schutzraum. Dort wacht jemand, der an der Tür steht und aufschließt, wenn der Pastoral-Verantwortliche kommt. Leider gibt es in der Pastoral Tätige, denen es mehr um den Gewinn für sich selber geht und nicht wirklich um das Wohl der Herde. Sie steigen von „irgenwoher“ ein. Das Evangelium nennt sie ohne Beschönigung Diebe oder Räuber. Der gute Hirte hingegen – woran ist er erkennbar? Zunächst an der Stimme– nicht daran, was er inhaltlich sagt (predigt), sondern wie er redet, wie er zuruft, einzelne mit Namen anspricht, wie er aufmuntert. An der Stimme kennen ihn die Schafe. Zu Tagesbeginn muss sie seine Stimme antreiben, damit sie sich  in die Freiheit hinaus wagen. Unerlässlich ist auch, dass er vorangeht als Beispiel, dann kann die Herde folgen. Woher nehmen die Pastoral-Arbeiter selber den Rückhalt? Sie erfahren Stärkung, wenn sie durch das Tor gehen, das Christus selber ist – immer wieder durchgehen. Er ist ihr Zugang zu den Schafen, von woanders her dürfen sie nicht einsteigen. Täglich werden sie diesen Torbogen durchschreiten, morgens, wenn sie zur Gemeinde gehen, und abends, wenn sie die Gemeinde verabschieden.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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