5. Jän 2020

2.Sonntag nach Weihn.

Der Johannes-Prolog in 7 Strophen

Johannes  1,1-5(6-8)9-14

Weithin bekannt und doch vielfach unverstanden ist der Johannes-Prolog. Er hat in der kirchlichen Tradition einen hohen Rang. Frühere Generationen hatten einen einzigen Satz daraus auf ihren Lippen: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ ... auf den Lippen! Auch als Ermutigung?? Die kirchliche Leseordnung schreibt diesen Hymnus während des Weihnachtsfestkreises jedes (!) Jahr vor, auch wenn sich sonst die Lesungen im 3-Jahres-Rhythmus abwechseln. Es sind großartige Strophen von ungeahnter Dichte. Der Text würde es verdienen, während eines Gottesdienstes mehrmals in variierender Weise vorgetragen zu werden. Er bedarf aber auch der Auslegung, weil der Dichter viel hineingelegt hat. Wahrscheinlich ist er in einem langen Prozess gereift und eine Wir-Gruppe hat ihn sich zu Eigen gemacht und als Vorspann zum Johannes-Evangelium eingesetzt. Die Gruppe klingt auch an: „Das Wort hat unter uns gewohnt, … wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ Vermutlich ist der Hymnus in Ephesus in der sogenannten Johannes-Schule entstanden. Mit Johannes ist „der Jünger, den Jesus liebte“, gemeint.

Die folgende Übertragung mag gewagt und weit abweichend vom Original-Text klingen. Tatsächlich aber beachtet sie ursprüngliche Feinheiten. Sie sind am Rand vermerkt. Die Aufteilung in 7 Strophen ist nicht bei allen Exegeten übereinstimmend. Die 7. Strophe wird hier nicht behandelt, weil sie auch in der Leseordnung weggelassen ist.

Strophe 1
Im Ursprung war das Leitwort schon vorhanden. Das Leitwort war beim Schöpfer. Das Leitwort hatte göttlichen Rang.

Ja, das in Wort gefasste Modell war ursprünglich bei Gott.

Strophe 2
Das Universum war nicht auf einmal da, es WURDE nach und nach. Das Leitwort hat das Werden mitgeprägt. Es gab die Richtung vor und nicht ein Ding ist außerhalb oder vorbei an ihm entstanden.

In ihm war Leben und die Menschheit hat zum Leben das Licht gebraucht. Das Leben musste aufgehellt werden.

Das Licht tritt in der Dunkelheit in Erscheinung und die Dunkelheit war dem Licht nicht überlegen. Nicht konnte die Finsternis das Licht besiegen. Sobald das Licht auftauchte, musste die Finsternis zurückweichen.

Strophe 3
Es erhob sich ein Mensch – nicht von sich aus, sondern abgesandt von Gott, sein Name war Johannes. Dieser kam als Zeuge. Sein Auftreten hatte den Zweck, dass er für das Licht eine Bestätigung abgab. Durch ihn fassten alle Vertrauen.

Er verkörperte selber nicht das Licht, sondern er wies darauf hin und bezeugte das Licht.

Strophe 4

Die neue Person war die Lichtgestalt, sie war das wahre Licht. Es erhellt das Leben eines jeden Menschen. Diese Person kam auf die Erde, auf den Planeten, auf dem wir leben. Sie war auf unserem Planeten, auf eben jener Erde, die sich auf ihn hin entwickeln sollte. Aber die Weltbevölkerung hat ihn nicht schätzen und lieben gelernt.

Strophe 5

Er ist zu seinen eigenen Leuten gekommen, die dem Volk Gottes angehören, aber die Eigenen haben ihn nicht aufgenommen und wollten von ihm nichts wissen. Andere aber haben ihn aufgenommen, ihnen gab er allesamt die Wahlfreiheit und die Ermächtigung, Gott in seiner väterlichen Güte kennen zu lernen. Es durften sich all jene zur Gotteskindschaft hin entwickeln, die seinem Namen volles Vertrauen entgegen brachten und sich ihm verschrieben hatten.

Das sind dann die Menschen, die nicht mehr nach dem Ich-will-haben-Prinzip leben, deren Streben nicht mehr dem männlichen Eigensinn entspringt, sondern die Menschen sind von göttlicher Herkunft.

Strophe 6

Das Leitwort ist in unseren Zeitrahmen eingestiegen und hat seine Behausung in unserer Gesellschaft aufgeschlagen, ja, das Wort ist unser Zeitgenosse geworden. Wir haben ihn gesehen, seinen Glanz, seinen strahlenden Sieg. Das ist die Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener, ein Lieblingssohn vom Vater bekommt. Es war Wohlwollen und Aufrichtigkeit im Übermaß. Das tat unglaublich gut und war durch und durch wahrhaftig.

Strophe 7

Johannes legt Zeugnis für ihn ab …

Anfang: Ursprung, nicht nur zeitlicher Beginn, sondern Urgrund, Ausgangspunkt

Wort: LOGOS, Rede, die etwas in Gang bringt, Plan, Vorhaben, Absicht, Logik

Der 3.Satz heißt wörtlich: „Das Wort war ein Gott“, d.h. war von göttlicher Art.

Meist wird übersetzt: „Die Finsternis hat es nicht erfasst/nicht angenommen/nicht begriffen.“ Das griech. Wort kann aber auch bedeuten: überwältigen, bezwingen, die Oberhand gewinnen.

Alle, die auf seinen Namen vertrauen, sind ermächtigt, Kinder Gottes zu werden

Kinder in einem palästinensischen Dorf - am Weg nach Emmaus.

Schon im ersten Satz „Im Anfang war das Wort“ gelingt dem Dichter das Kunststück, die zwei Kulturkreise miteinander zu verbinden: Juden und Griechen . „Im Anfang …“ heißt auf Hebräisch BERESJIT und einem religiösen Juden muss sofort das erste Buch seiner Bibel einfallen, wo es heißt: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde … Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. … Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Und es wurde Abend und es wurde Morgen: Tag eins.“ Es steht nicht geschrieben „der erste Tag“, sondern „Tag eins“, während die folgenden „zweiter Tag, dritter Tag usw.“ heißen. Mit der Formulierung „Tag eins“ ist schon ein Grundprinzip des geistlichen Lebens genannt: „Licht“ – damit ist ein großer Teil des Schöpfungsaktes benannt, genau deshalb ist er unter den sieben als „Tag eins“ hervorgehoben. Der Johannesprolog wird diese geistliche Kraft, das Licht, später noch aufgreifen. Aber zuerst kommt der LOGOS ins Spiel und das ist der hochbeladene Begriff aus der griechischen Philosophie. Nun müssen wir einen kurzen Spaziergang in die Anfänge der Philosophie machen: Ausgerechnet hier in Ephesus, wo um 90 n.Chr. die Johannes-Gruppe lebt, hat Heraklit etwa 600 Jahre zuvor den Begriff LOGOS geprägt. Dieser Philosoph verstand darunter die Weltvernunft. In ihr war die Ordnung des Alls begründet. Der Mensch konnte durch sein Denkvermögen daran teilhaben. Die Philosophenschule der Stoiker knüpfte daran an. Sie gab dem LOGOS göttlichen Rang und stellte ihn an Gottes Seite als welterhaltende Kraft. Zusätzlich lehrten die Stoiker, dass „samenhafte Logos-Elemente“ in den einzelnen Menschen vorhanden seien. Die Logos-Lehre war verbreitetes Bildungsgut in der Zeit, als das Neue Testament entstand. Der jüdische Glaubensdenker Philo von Alexandria (15 v.Chr. – 40 n.Chr.) griff den LOGOS auf und verknüpfte ihn mit der biblischen Lehre.

 

Der Autor des Johannes-Evangeliums scheint diese geistige Strömung zu kennen und er übersteigert sie noch deutlich: Was in den Philosophen-Schulen nur ein Begriff ist, wird bei Johannes eine Person: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ Es ist erstaunlich, wie kunstvoll er die 7 Strophen steigert – beginnend mit dem jüdischen Wort Anfang und dem griechischen Logos – über den Zeugen Johannes den Täufer – weiter zur Einführung der Wir-Gruppe, die bereits väterliche Gotteserfahrung gemacht hat – bis ganz zuletzt das Geheimnis gelüftet wird: der Name Jesus Christus. Er ist nicht bloß ein Name für einen Menschen, sondern er ist Kraftquelle, Halt, Rettungsanker. „Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen." (Apg 4,12) Den Namen zu kennen oder auszusprechen genügt allerdings nicht. Wer auf dem Licht-Weg reifen will, muss diesem Namen tiefes Vertrauen entgegen bringen und sich ihm verschreiben. Noch ein Zweites ist nötig: Sich die Erzählungen von Zeit zu Zeit veranschaulichen, die mit diesem Namen verknüpft sind. Dafür gibt das ganze folgende Johannes-Evangeliums Hilfestellung: Es sind dies Schilderungen, was sich um diesen Jesus Christus getan hat. Der Name "Jesus" und die Geschichten um ihn waren der wirkungsvolle Antrieb für die frühen Christen. Das wird es auch sein, was der Kirche die Kraft geben wird, die Zukunft zu bestehen. "Im Anfang war das Wort" und das Wort bleibt der Ursprung, um den Wandel zu gestalten.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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