2. Feb 2020

4.So. i.J. Darstellung des Herrn

Berührende Begegnungen am heiligen Ort

Lk 2,22-40

Das kirchliche Fest "Darstellung des Herrn" wurde ab dem 4. Jahrhundert gebräuchlich. Es entstand in Jerusalem als Nebenfest von Christi Geburt. Es geht auf eine nur von Lukas übermittelte Schilderung zurück. Obwohl er der einzige Nichtjude unter den vier Evangelisten ist, hält gerade er mit Vorliebe jüdisch-religiöse Gepflogenheiten fest, beinahe als hätte er ein wenig Bewunderung dafür und als wäre es ihm wichtig, seiner Leserschaft, der westlichen römisch-griechischen Welt, die Gesetze der Juden darzustellen. Allein in diesem kurzen Abschnitt verweist er viermal auf das „Gesetz des Mose“, „Gesetz“, „Gesetz Gottes“.

1. Eine Frau muss sich 40 Tage nach der Geburt eines Knaben rituell reinigen und dem Priester ein Opfer übergeben. 2. Wrrenn es ein erstgeborener Sohn ist,  muss er im Tempel dargestellt und mit Silbergeld ausgelöst werden, weil er Gottes Eigentum ist. Lukas scheint um diese religiösen Vorschriften zu wissen und er gebraucht sie als Anlass, um damit sehr berührende Begegnungen zu verknüpfen, die sich im Heiligtum zugetragen haben. Was er da schildert, geht offenbar im Kern auf tatsächliche Ereignisse zurück, die seltsam zufällig oder „gefügt“ wirken. Lukas baut sie so kunstvoll sprachlich und bildgewaltig aus (das ist gerade seine schriftstellerische Fähigkeit), dass sie in der kirchlichen Gebetstradition und in der Bild-Kunst tiefe Spuren hinterlassen haben. Das Nunc-Dimittis (=Nun lässt du Herr) hat im täglichen Stundengebet der Ordensleute Eingang gefunden als Nachtgebet. Es wurde auch vielfach vertont.

Wir versuchen uns daher auf den Text sorgfältig und wortgetreu einzulassen, auch wenn wir dabei öfters von der gewohnten Übersetzung abweichen müssen.

Die Geburt des Kindes Jesus liegt schon über 1 Monat zurück, 40 Tage lang gilt die Mutter als unrein und somit unberührbar, dann muss sie eine rituelle Reinigung vollziehen. Als sich für sie die Tage der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reini-gung erfüllt hatten, da brachten sie das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn darzustellen. Kunstvoll verwebt Lukas zwei Rituale, die in der jüdischen Gesetzes-tradition ihre Wurzeln haben (Levitikus 12, Exodus 13, Numeri 18)

So wird es im Buch Numeri angeordnet:

„Alle lebenden Wesen, die den Mutterschoß durchbrechen und die man dem Herrn darbringt, Mensch und Vieh, gehören dir. Du musst aber den Erstgeborenen bei den Menschen auslösen, und ebenso musst du auch die erstgeborenen Tiere bei unreinem Vieh auslösen, und zwar musst du die, die ausgelöst werden, im Alter von etwa einem Monat" (Num 18,14f)

Im Buch Exodus steht es ähnlich: „Erkläre alle Erstgeburt als mir geheiligt! Alles, was bei den Israeliten den Mutterschoß durchbricht, bei Mensch und Vieh, gehört mir. … dann sollst du dem HERRN alles darbringen, was zuerst den Mutterschoß durchbricht. Auch jeder erste Wurf des Viehs, der dir zuteil wird, gehört, soweit er männlich ist, dem HERRN“. (Ex 13,2)

Das Modell des Tempels in Jerusalem veranschaulicht, wohin die Juden damals zogen, um ihre verpflichtenden Rituale zu vollziehen

Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Und siehe, in Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Dieser Mann war gerecht (das heißt, er bemühte sich gewissenhaft, den Geboten Gottes zu entsprechen) und er war fromm (das heißt, er lobte Gott und half Menschen in Not) Er wartete auf den Trost Israels. Mit „Trost Israels“ ist Ermutigung und Zuspruch gemeint. Im griechischen Originaltext klingt der PARAKLET an, der Tröster und Beistand, den Jesus seiner Nachfolgegemeinschaft zu Pfingsten verspricht und wovon Lukas in Apostelgeschichte 2 dann schreibt. Und der Heilige Geist, der Atem Gottes, „war“ auf ihm (Nicht: ruhte auf ihm)

Durch den wurde ihm der Hinweis gegeben, dass er den Tod nicht schauen würde, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen hätte. Das wurde ihm angekündigt, es wurde ihm genannt (nicht „geoffenbart“).Er kam im Geist in das Heiligtum (nicht: „er wurde geführt“) und es war, gerade als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um das zu tun, was den Gewohnheiten des Gesetzes entsprach.

Er nahm es in seine Arme. Er sprach einen Lobpreis zu Gott und sagte dabei:

„Nun entlässt du deinen Knecht, deinen Sklaven – du, der du der Allherrscher bist – (nicht KYRIOS = Herr, wie sonst Gott angesprochen wird, sondern DESPOT = Allherrscher, Besitzer des Sklaven. Dieser Gottestitel entspringt dem strengreligiös jüdischen Denken, kommt aber sonst nirgends in allen Evangelien vor). Du lasst mich gehen in Frieden entsprechend deinem Wort (=RHEMA, nicht „wie du gesagt hast“) Denn meine Augen haben das Heil gesehen. Wörtlich nicht „das Heil“, sondern „haben dein Rettendes gesehen“. Meine Augen haben das gesehen, womit du "Rettung bringst“ Genau dieses Wort taucht ganz am Ende der Apostelge­schichte wieder auf: „Paulus rief führende Männer der Juden in Rom zusammen. … Vom Morgen bis in den Abend hinein erklärte und bezeugte er ihnen das Reich Gottes und versuchte, sie vom Gesetz des Mose und von den Propheten aus für Jesus zu gewinnen. Die einen ließen sich durch seine Worte überzeugen, die anderen blieben ungläubig. … Paulus aber sagte noch das eine Wort: … >Darum sollt ihr nun wissen: Den Heiden (= den Völkern) ist dieses Heil Gottes gesandt worden. (wörtlich: das, womit Gott die Rettung bringt) Und sie werden hören!< " (Apg 28,17.23f.28). Meine Augen haben es gesehen, das Rettende, das du vorbereitet hast im Angesicht der Weltbevölkerung (gemeint sind nicht die einzelnen Nationen, sondern alle Völker zusammen, fast wie eine Menschheitsfamilie). Es ist ein Licht, das für die nicht-jüdischen Nationen zu einer Offenbarung wird und das für das Volk Israel zur Verherrlichung wird. Somit wird sich den Einzelvölkern weltweit ein ganz neues Licht auftun und das Judenvolk wird in vollem Glanz dastehen.“

Sein Vater und „die“ Mutter (nicht "seine") staunten über die Worte, die über „ihn“ gesagt wurden. Genau übersetzt nicht „die Worte“, sondern über „das Geredete“, das, was der Mann über ihn „daher geplaudert“ hatte (LALEO = nicht „verkündet“, nicht „prophezeit“, nicht „gelehrt“, sondern „locker von sich gegeben hatte“)

Und Simeon segnete sie. Es ist rührend anzusehen, wie der Alte das Kind zurückgibt und alle drei segnet. Und er sagte zu Maria, der Mutter Jesu (nicht zu Josef!): „Siehe, dieser ist gesetzt, hingestellt (nicht „bestimmt“) zum Sturz und zum Aufstehen vieler in Israel – und er ist gesetzt als Zeichen, dem man dagegen reden wird.“ Das spricht der geistbegabte Alte nicht mehr über das Kind, sondern über den künftigen Erwachsenen. „Der Widerspruch, ja der Hass, der ihm entgegen schlägt, genau der wird dich seelisch zutiefst treffen – so wie eine Klinge (nicht „Schwert“, Das Schwert ist bei der Festnahme Jesu genannt: „Es kam Judas, einer der Zwölf, mit einer Schar von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren“ - Mk 14,43). Das Zeichen und der Widerspruch bewirken, dass die Gedanken vieler Menschen in ihrem tiefen Inneren klar zu Tage kommen.“

Und da war eine Frau in weit fortgeschrittenem Alter. Sie hieß Hanna, sie hatte die Fähigkeit, das zu benennen, was auf bestimmte Menschen bald zukommen würde. Aus diesen Vorahnungen heraus konnte sie warnen, trösten oder Mut zusprechen. Sie war Tochter des Penuel, aus dem Stamm Ascher. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt.

Und diese war nun verwitwet und hatte ein Alter von vierund­achtzig Jahren, das war weit höher als das übliche Höchstalter. Sie wich nicht vom Tempel, sondern vollführte ihre religiösen Plichten durch Fasten und Beten bei Nacht und bei Tag. Genau übersetzt heißt es nicht: „Sie hielt sich ständig im Tempel auf“, sondern es ist negativ formuliert: Sie wurde dem Tempel nicht untreu (vielleicht trotz des Schicksals oder trotz des hohen Alters). Auch nicht: „Sie diente Gott“, sondern das war ihr „religiöser Dienst“, das Wort „Gott“ ist nicht erwähnt.

Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach unbekümmert über ihn zu allen (wieder wird das Wort LALEIN verwendet wie oben). Sie redete zu allen, die in der Erwartung lebten, dass Jerusalem losgekauft würde und so frei kommen würde. Man kann sich fragen, ob es Jesus wirklich jemals als seine Sendung angesehen hat, die Stadt Jerusalem freizukaufen. Jedenfalls überliefert Lukas das Jesuswort: „Jerusalem, … Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt, aber ihr habt nicht gewollt.“ (Lk 13,34)

Als sie (die Eltern) alles bis ins Letzte ausgeführt hatten (nicht „getan“ hatten, sondern „zu Ende gebracht hatten“) entsprechend dem Gesetz des Herrn, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.

Das Kind wuchs heran und wurde stark; erfüllt mit Weisheit Mit dem Wort SOPIA ist sowohl umfassende wissensmäßige Bildung als auch das Erfassen von geistigen Zusammenhängen gemeint. Das Wohlwollen Gottes war auf ihm (nicht „ruhte auf ihm“)

 

Lukas hat damit eine kunstvolle Komposition geliefert – zusammengesetzt aus Ereignissen, die er aus wunderbaren Quellen erfahren hat – vielleicht aus Überlieferungen, die auf das zurückgehen, was die Mutter Jesu bis ins hohe Alter im Gedächtnis behalten hatte. Mit kraftvoller und anschauliche Sprache versteht er es, den Leser anzurühren. Lassen wir die Darstellung möglichst in ihrer Ursprünglichkeit auf uns wirken.

Nur auf ein paar Feinheiten sei noch hingewiesen: Nur von Simeon heißt es, dass er vom Geist Gottes erfüllt war. Von der alten Frau wird das nicht gesagt, auch nicht vom Kind, das in Nazaret heran wächst. Erst vom Erwachsenen Jesus, der dann in Nazaret seine Antrittsrede hält, werden wir das hören: „Der Geist des Herrn ruht auf mir.“ Lk 4,19 Es ist eine allgemein menschliche Erfahrung, dass über Kinder von der Wiege weg bis zum Heranwachsen dort und da etwas Bedeutungsvolles gesagt wird. Man sollte diese Aussagen wie Perlen aufbewahren. Sie könnten zu Schätzen im erwachsenen Leben werden.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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