
26.April 2026 4.Sonntag der Osterzeit
Sie kennen seine Stimme
Joh 10,1-10
Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Diese Bildrede trug Jesus in der Halle Salomons im Tempel vor. Es war im Dezember des Jahres 29 n.Chr., als sich die Feindseligkeiten gegen ihn schon gesteigert hatten. Es war das Fest der Tempelweihe, Chanukka-Fest genannt. Da versuchten die Hüter der Religion und die Strenggläubigen Jesus schlecht zu machen vor den gläubigen Juden. Die von Jesus Begeisterten – seine Herde – sie sollten von ihm weg wieder auf ihre Seite gezogen werden. Sie betrieben einen unlauteren Einstieg in die Menge, die bereits auf Jesus hörten.
Am Tempelweihfest spielte der Psalm 118 eine wichtige Rolle und darin besonders der Vers: „Dies ist das Tor zum Herrn. Gerechte dürfen hineingehen.“ (Psalm 118,20). Der Einzug durch das Tor hatte messianischen Beiklang. Es könnte sein, dass Jesus diesen Schlüsselsatz aufgriff und damit seinen Gegnern und seinen Anhängern gleichzeitig eine Lehre erteilte. Sie, die sich vor dem Volk als die geistlichen Führer und Hirten ausgaben, wurden aufs Korn genommen: Sie sind Diebe und Räuber, weil sie sich nicht wirklich sorgen um das Volk Gottes, sondern es ausbeuten. Aber sie haben nichts von dem Gleichnis verstanden. Wir spüren, wie hervorragend Jesus die Kunst des Erzählens beherrschte, nämlich so, dass dieselbe Bildgeschichte doch nicht umsonst erzählt war. Sie war hilfreich für jene Zuhörer, die offenherzig sind. Für sie war sie höchst aufschlussreich und sie ist es geblieben bis heute.

Er begann seine Bildrede mit der Feststellung: „Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.“ Dieses Eröffnungsbild vom Schafstall mit Tor war den damaligen Zuhörern vertraut. Sie wussten, dass die kleinbäuerlichen Besitzer von Schafherden sich oft zusammen getan hatten. Die einzelnen Hirten trieben abends ihre je eigene Kleinherde in einen Gemeinschaftsstall. Er war so geräumig, dass er mehrere Herden aufnehmen konnte. Es handelte sich um ein ummauertes Areal ohne Dach. Oft grenzte es unmittelbar an ein Bauernhaus an. Der Schaf-Hof, den Jesus beschreibt, hatte eine gesonderte Eingangstür. Ein Wächter hatte die Aufgabe, die Tiere nachts zu bewachen, sodass die einzelnen Hirten schlafen gehen konnten. Die Hirten trieben also jeden Abend ihre je eigenen Schafe in diesen Pferch. Somit waren mehrere Kleinherden dort gleichzeitig unter Aufsicht. Erst am nächsten Morgen kamen die Hirten wieder, um ihre je eigene Herde abzuholen und auf die Weide zu führen.
Jesus begann seine Bildgeschichte ganz unvermittelt, indem es sagte: „Wenn jemand in das ummauerte Gehege eindringt und dabei nicht das Tor benutzt, sondern von woanders einsteigt, dann kann das nur ein Dieb sein, der heimlich kommt. Dabei steigt er hinauf auf die Mauer. Wenn er gewaltsam kommt, ist er ein Räuber. Dem Dieb oder Räuber geht es nicht um das Wohl der Schafe, sondern er will stehlen oder töten.“ Das war schon eine versteckte Anspielung auf die führenden Leute in der Religion, die sich einen unrechtmäßigen Zugang zu den Herden verschafften und davon nur für sich etwas haben wollen. Wer Hirte der Schafe ist, der benützt den normalen Eingang, das Tor.
Im damaligen Palästina war es so, dass der jeweilige Hirte, wenn er am Morgen kam, von draußen laut den Wächter rief und ihn bat zu öffnen. Dieser erkannte jeden der beteiligten Hirten an der Stimme und schob innen den Riegel zurück. Durch das Rufen wurden genau die Schafe aufmerksam, die gerade diesem Hirten gehörten. Die je eigenen Schafe drängten sich heran. Dadurch entstand eine leichte Unruhe in der Gesamtschar der Schafe. Aber der Hirte rief nur die eigenen. Er rief sie namentlich – jedes einzelne Tier hatte seinen Kosenamen. Meist war der Name ein Körper-Merkmal, etwa wie Halsfleckerl oder Weiß-Popo oder Braunohr. Auf diese Weise gelang es ihm, nur die eigenen hinauszuführen. So führte er sie hinaus. Einige musste er richtig antreiben, damit sie flott hinausgingen. Wenn er dann endlich alle eigenen hinaus geführt und einige hinausgejagt hatte, wechselte er an die Spitze der Schar und die Schafe folgten ihm.
Nun nennt Jesus den Grund, dass der Hirte immer die eigenen Schafe hat. Was macht es aus, dass sie gerade ihm folgten? Es ist seine Stimme, die sie kennen. Wenn er einmal anders gekleidet wäre, würde das nichts ausmachen, denn auf die Stimme kommt es an. Die Stimme schafft Beziehung, festigt das Vertrauen zu ihm. Sie haben ihn oft gehört und erkennen ihn daher wieder. Einem Fremden werden sie sich nicht anschließen, im Gegenteil: Sie werden um ihn einen großen Bogen machen oder gar die Flucht ergreifen, wenn er sich nähert. Woran liegt das? An der Stimme! Der Fremde kann noch so viel reden, sie weichen ihm aus, weil sie mit seiner Stimme nichts anfangen können. Diese Bildgeschichte erzählte Jesus denen, die sich als geistliche Führer hinstellten. Für sie blieb sie aber rätselhaft, aussagelos, unverständlich. Trotzdem wusste Jesus in seiner gekonnten Art, dass er die Geschichte nicht vergeblich erzählt hatte. Seine Anhänger und später die Leser des Evangeliums verstanden die Anspielungen, für sie war es eine Ermutigung und ein Trost.
Für sie – die Anhänger – setzte Jesus fort und beteuerte: „Euch kann ich etwas darüber hinaus sagen: Amen, es ist zuverlässig, Amen: Die Tür zu den Schafen, das bin ich. Ja, das bin ich. Bevor ich kam, versuchten schon viele, sich einen Zugang zu verschaffen zur Herde, zum Volk Gottes. Sie taten es entweder heimlich, dann waren sie Diebe, oder sie griffen zur Gewalt, dann waren sie Räuber. Die Schafe aber, sie haben nicht auf sie gehört. Der Zugang bin ich, das Tor bin ich. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden. Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden. Leider gibt es auch den einen oder anderen, der in unlauterer Absicht kommt. Er will nur etwas an sich reißen. Er will schlachten, um davon zu essen, er will zu Grunde richten. Ich hingegen bin gekommen in lauterer Absicht. Die Schafe sollen das Leben haben und davon im Überfluss haben.“ Mit dieser verschlüsselten Bildgeschichte entlarvte Jesus einerseits die falschen „Hirten“ in der Religion. Andererseits ermutigt er die ehrlichen Hirten: Diese brauchen keine Angst zu haben wegen der falschen Hirten. Die Schafe werden nicht zu denen überlaufen, die einen Führungsanspruch behaupten, aber in Wirklichkeit Schaden anrichten. Die Stimme kennzeichnet den guten Hirten. Stimme ist Beziehungsarbeit und sie stellt sicher, dass die Herde bestehen bleibt.
Die zweite Ebene, wie wir die Bildrede verstehen können, führt uns in die frühen Christen-Gemeinden. Paulus in den 50er Jahren und Johannes in den 90er Jahren hatten mit Eindringlingen in die Gemeinden zu kämpfen, die sich als Hirten ausgaben, aber Zwist und Schaden in das Zusammenleben brachten. Paulus schreibt den Korinthern: „Ihr nehmt es ja offenbar hin, wenn irgendeiner daherkommt und einen anderen Jesus verkündigt, als wir verkündigt haben, wenn ihr einen anderen Geist empfangt, als ihr empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, als ihr angenommen habt.“ (2 Kor 11,4)
Über die Gemeinden in Galatien (das ist heutige Nordtürkei) ist er entsetzt, welche andere Richtung sie eingeschlagen haben – schon wenige Jahre nach seiner Gemeinde-Gründung: „Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet. Es gibt kein anderes Evangelium, es gibt nur einige Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen“ (Gal 1,6f) Ähnliche Beobachtungen macht der Evangelist Johannes, während sein Buch entsteht: Er drängt darauf: „Alleiniger Zugang zu den Gemeinden ist der Zugang über Christus. Manche kommen aber von woanders her – von der esoterischen Seite. Sie haben keine lautere Absichten. Sie sind nur getrieben von Ehrgeiz, von Gewinnsucht, sie richten großen Schaden an.“
Ausgezeichnet lässt sich die Bildrede auf heutige Seelsorge anwenden. Pastoral-Arbeit oder Hirtenarbeit muss einige Merkmale haben: Die Gemeinde braucht einen Schutzraum, der bewacht ist und wo sie in den dunklen Phasen sicher ist. Dort wacht jemand. Er steht an der Tür und schließt auf, wenn der Hirte, der Pastoral-Verantwortliche kommt. Leider gibt es in der Pastoral auch solche, denen es mehr um den Gewinn für sich selber geht. Sie arbeiten wegen des Geldes oder aus Geltungsdrang. Das Wohl der Herde ist ihnen nicht wirklich ein Anliegen. Erkennbar sind sie daran, dass sie von „irgendwoher“ einsteigen. Im Evangelium werden sie ohne Beschönigung Diebe oder Räuber genannt. Der gute Hirte hingegen – woran ist er erkennbar? Zunächst an der Stimme – nicht daran, wie er seine Auftritte gestaltet oder welche wortgewaltigen Ansprachen er hält oder welche geschliffenen Texte er verfasst. Der echte Hirte ist an der Stimme erkenntlich, an der Beziehungsarbeit, mehr an der Art, wie er redet als was er redet, wie er zuruft, wie er einzelne mit Namen anspricht, wie er aufmuntert. An der Stimme kennen ihn die Schafe. Zu „Tagesbeginn“ muss sie seine Stimme antreiben, damit sie sich in die Freiheit hinaus wagen. Unerlässlich ist dann, dass er selber vorangeht, dass er selber ein Beispiel gibt und nicht nur vorsagt, was richtig ist und was zu tun ist. Wenn er voraus geht, dann kann die Herde folgen. Woher nehmen die Pastoral-Arbeiter nun selber den Rückhalt? Was befähigt sie, mutig voraus zu gehen? Wenn sie durch das Tor gehen, das Christus selber ist, dann erfahren sie persönliche Stärkung. Es bestätigt sich immer wieder bei jedem neuerlichen Durchgehen. Er ist ihr Zugang zu den Schafen. Von woanders her darf er nicht einsteigen. Täglich wird er selber diesen Torbogen durchschreiten, der „Christus“ heißt: morgens, wenn er zur Gemeinde geht, und abends, wenn er die Gemeinde verabschiedet und besonders dann, wenn er sich selber zur Ruhe begibt.
Palästinensischer Schafhirte nahe am Stadtrand von Jerusalem