31.Juli 2022      18.Sonntag im Jahreskreis

Ist es erstrebenswert, im Überfluss zu leben?

Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen! Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt? Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Gleichnis: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.

Diese Begebenheit und die angeschlossene Lehrgeschichte findet sich einzig im Lukas-Evangelium. Das ist kein Wunder, wenn doch das Thema „Reichtum“ und „reiche Leute“ eines der Hauptthemen dieses Evangelisten ist. So überliefert auch nur er den Besuch Jesu bei dem reichen Zolleintreiber Zachäus. In der Zeit, in der Lukas schreibt, scheint sich das Gemeinde-Bild der frühen Christen merklich zu wandeln. Auf immer mehr Wohlhabende macht es Eindruck, wie die Hauskreise geschwisterlich herzlich und fürsorglich zusammen leben und sie wagen den Schritt, einer Gemeinde beizutreten. Sie sehen einen Sinn darin, sich  dort zu engagieren und ihre Besitzungen dort nutzbringend einzusetzen. Begüterte haben manchmal auch eine soziale Ader. Während die Gemeinden des Paulus in den 50er Jahren sich überwiegend aus Leuten der Unterschicht zusammensetzen, fühlen sich in den 90er Jahren auch immer öfter Bessergestellte angezogen davon. Sie müssen nicht mehr fürchten, dass sie als Christen enteignet würden, so wie das unter dem unberechenbaren Kaiser Domitian war. Er ließ zahllose reiche Oppositionelle vor Gericht stellen und ihren Besitz in seine Staatskassa fließen. Wer den Messias Jesus als seinen Herrn anerkannte anstelle von ihm, dem Kaiser, beging damit das Verbrechen der Majästätsbeleidigung: Crimen laesae maiestatis. Nachdem dieser eingebildete Herrscher durch ein Attentat im eigenen Palast beseitigt war, folgten Gemäßigte und Vernünftige auf den Kaiserthron. Damit war die Gefahr für Reiche gebannt, dass sie als Christen ihren Besitz verlieren könnten. Diese Wohlhabenden und oft auch höher Gebildeten waren zum Teil ein Hilfe für den Gemeinde-Aufbau, zum Teil aber auch eine Belastung durch ihre bestimmende Art.

Der Evangelist schildert: „So trat einer aus der Volksmenge an Jesus mit einer Bitte heran“. Jesus war also nicht allein, sondern umringt von vielen Leuten. Derjenige verschaffte sich Aufmerksamkeit und sprach Jesus mit „Meister“ an. Er hatte sich also schon von dessen Lehrautorität überzeugt und er verlangte von Jesus: „Sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen!“ Es kamen also nicht beide Brüder gemeinsam, damit Jesus zwischen ihnen vermittle. Damit wäre Jesus aufgefordert gewesen, die beiden auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Damit hätte Jesus friedensstiftend gewirkt. Nun aber kam nur einer von beiden, nämlich der bei der Erbvergabe des Vaters durch die Finger geschaut hatte. Er glaubte, Jesus würde bereit sein, seine ganze Autorität zu seinen Gunsten einzusetzen und den anderen Bruder zu drängen, auf einen Teil seines Erbes zu verzichten und ihm zu überlassen. Der andere Bruder scheint zu viel oder gar alles bekommen zu haben. Er solle nachträglich einen Teil davon wieder abgeben.

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Wir besuchen einen Olivenhain im Norden von Israel, deren Bäume nachweislich schon 1000 Jahre alt sind. Wieviel gutes, wertvolles Öl haben sie schon den Menschen gebracht - ein schönes Bild für die Menschen, die für andere überreichlich viel Gutes getan und Freundlichkeit verbreitet haben.

Mit dieser Bitte wäre Jesus in die Rolle des Rechtsanwaltes gedrängt worden. Er hätte beitragen sollen, dass der andere Bruder zur Herausgabe von Besitztümern gezwungen würde. Jesus merkte deutlich, dass hier nicht einer aus Not vor ihm stand, sondern aus Habsucht: „Ich will mehr haben. Das steht mir zu!“ Dem Ansinnen widersetzte sich Jesus mit einer Gegenfrage: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?“   Dass Jesus jemand mit „Mensch“ anredete, war äußerst ungewöhnlich. Vielleicht war es eine Anspielung darauf, dass doch Geld nicht das Menschsein ausmache. Dann wies Jesus darauf hin, wofür er eingesetzt worden sei. „Welche Autorität hat mich bevollmächtigt, dass ich einen Urteilsspruch fälle, der befolgt werden muss? Wenn nicht solle er etwa von mir bestraft werden? Bin ich zum Teiler von Besitztümern ernannt worden?“ Wenn der Mann Jesus als Meister richtig kennengelernt hätte, müsste er wissen, dass er gesandt worden war, um Frieden und Aussöhnung zu bringen.

Damit ist die Begegnung beendet. Lukas greift sie auf, weil er erlebt, dass manche Wohlhabende ihre familiären Erbstreitigkeiten  in die Gemeinde tragen und dort „vor den Herrn bringen“. Der Evangelist macht damit deutlich: Dafür ist der Herr nicht zuständig. Das ist ein Missbrauch des Glaubenslebens und eine falsche Erwartung an den Hauskreis.

Dann wandte sich Jesus an die Leute, die ihn umringten und die das Gespräch mitangehört hatten: „Schaut genau hin! Durchschaut das: Was sind die wahren Hintergründe, wenn um das Erbe gestritten wird?   Wacht bei euch selber über die Habgier. Nehmt euch in Acht vor jeder Art von Habgier! Das Immer-Mehr-Haben-Wollen soll euch niemals befallen: weder das Mehr-Haben von Besitz, Mehr-Haben von Einfluss, Mehr-Haben von Überlegenheit. Interessanterweise warnt Jesus nicht den, der schon davon befallen ist, sondern er rät den durchschnittlichen Leuten, dass sie sich schützen sollen davor.  Jesus spricht keine Warnung aus, er hebt nicht den mahnenden Zeigefinger, sondern er gibt eine Begründung an.

Der Besitz, der jemandem zur Verfügung steht, macht nicht das Leben aus. Auch wenn jemand Überfluss hat, heißt es noch lange nicht, dass er damit das Leben in der Hand hat. Wenn Jesus hier vom Überfluss redet, zeigt er damit unverblümt auf, dass manche Menschen viel, viel mehr haben, als sie tatsächlich brauchen würden, ja sogar mehr, als sie je verbrauchen können. Durchschnittliche Leute meinen oft, dass die im Überfluss Lebenden auch erfüllter leben würden. Diese Vorstellung entzaubert Jesus: Viel Besitz macht noch kein glückliches Leben aus. Er zieht nicht über den Reichtum und die Reichen her, er klagt sie nicht an wegen ihres Überflusses, stattdessen schützt er die weniger Bemittelten vor falschen Wunschvorstellungen. Wenn das er sagt, klingt es nicht wie von jemand, der Sozial-Kritik übt. Es selber lebt besitzfrei und strahlt damit große Freiheit und Zufriedenheit aus. Was er über das Leben im Überfluss sagt, das überzeugt.

 

Anschließend erzählte Jesus eine anschauliche Lehrgeschichte:  Ein Großgrundbesitzer verfügte über riesige Getreide-Felder. Sie brachten ihm jährlich reiche Ernteerträge ein. Aber in diesem Jahr kündigte  sich eine außergewöhnlich große Ernte an. So begann er Überlegungen anzustellen wegen der Lagerung. Es war absehbar, dass der vorhandene Platz nicht ausreichen würde. Er sagte sich nicht: „Ich habe >keinen< Platz, wo ich meine Ernte unterbringen kann“ – so wie die Einheitsübersetzung schreibt – sondern wörtlich „Ich >habe< nicht, wohin ich meine Ernte zusammentragen könnte“ Er hat Platz, aber noch zu wenig. Die Überlegungen des Reichen gehen ständig um das Haben. Dankbarkeit kommt ihm gar nicht in den Sinn. Das Haben bereitet ihm Kopfzerbrechen. Es kommt ihm auch nicht in den Sinn, mit dem Überfluss weniger Bemittelte zu unterstützen. Er glaubt, der Ernte-Erfolg sei allein seine Leistung. Er fühlt sich nicht als der Beschenkte, der Begünstigte, der nun auch einmal andere in die Gunst kommen lassen könnte. Er denkt auch nicht daran, das Getreide rasch zu verkaufen, denn später Verkauf bringt ja mehr Geld. Erst wenn in der Bevölkerung Lebensmittelknappheit herrscht, steigt der Preis. Nach langem Hin und Her und vielen Überlegen kommt er auf die Idee, die bestehenden Lagerhallen abzureißen und an deren Stelle größere zu bauen. Darin wäre es dann möglich, den Mehrertrag zu horten. Er berät sich nicht mit anderen, sondern führt Selbstgespräche. Am Ende kommt er zu dem Schluss: „Ich werde zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich!“ Seltsam klingt dieses Gespräch. Wer ist die Seele? Ist das die bisher vernachlässigte Seite seines Lebens? Warum sagt er nicht: „Ich ruhe mich aus“? Das hier verwendete Wort im Griechischen heißt PSYCHE. Es bedeutet Leben, Lebensatem, der innere Kern des Lebens. Jedenfalls drückt das Selbstgespräch ein gespaltenes Bewusstsein aus. Es drückt aus, wie sehr er bisher sein Inneres übergangen hat und dies jetzt mit vermehrtem Wohlstand nachholen will. Bezeichnend ist auch, was er alles aufzählt zur Selbstfindung: 1. Zur Ruhe kommen, ausrasten, sich erfrischen 2. Üppiges, erlesenes Essen und Trinkgelage 3. Freude und Spaß haben, sich vergnügen, vielleicht sogar sich zügellose Freuden leisten, so wie es sich manche in Freudenhäusern holen. Da sprach Gott zu ihm: „Du Narr!“ Dieses Schimpfwort aus dem Mund Gottes – noch dazu in einer Lehrerzählung Jesu – das mag verwundern. Gerade, wo doch Jesus an anderer Stelle lehrt: „Wer aber zu jemandem sagt: Du Narr! Der wird der Hölle des Feuers verfallen sein“ (Mt 5,22) Hier muss man den Text im griechischen Original lesen: Das Wort MOROS für Narr ist ein Schimpfwort. In unserem Gleichnis steht es  jedoch nicht, sondern APHRONOS – es heißt „unvernünftig“ – das Gegenteil von „weise“ – SOPHRONOS. Der reiche Grundbesitzer wird also nicht beschimpft als Narr, sondern er wird bedauert als einer, der nicht viel nachdenkt, nicht weise ist. Bezüglich Wertanlage macht er sich viel Kopfzerbrechen und denkt langfristig, bezüglich seiner Lebensmitte, seinem Lebenskern hingegen denkt er kurzsichtig. „Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern." Dieser Satz mag wieder  manchen verwundern. Warum sagt Gott nicht: „In dieser Nacht werde ICH dein Leben zurückfordern“? Der Satz verrät, welche Gottesvorstellung Jesus hat. Er meint wohl, man solle nicht leichtfertig jedes schicksalhafte Ereignis Gott in die Schuhe schieben, so als sei er gerade für das Lebensende zuständig. Bei Jesus hat das wohlwollende Vater-Bild Vorrang gegenüber dem Richter-Bild. „Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast?“ Womöglich hat der Reiche auch die Besitzverhältnisse nach seinem Tod nicht geregelt. Es kommt zu Erbstreitigkeiten.

Abschließend wendet sich Jesus noch einmal unmittelbar an seine Zuhörer: Sie sollten darauf bedacht sein, im Blick auf Gott reich zu sein. Soweit also zur Frage „Überfluss“: Ja, sehr wohl, aber Überfluss an Werten, die vor Gott bestehen können. Schätze für sich selbst zu sammeln ist langfristig unvernünftig. Schätze wie sie Gott vorgesehen hat und wie wir sie Gott vorlegen können, die sollen wir anhäufen.