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7.Juni 2026      10.Sonntag im Jahreskreis

Er blieb nicht sitzen, sondern folgte Jesus nach

Mt 9,9-13

Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach. Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war, siehe, viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder

Diese Berufungs-Szene hat eigentlich einen Vorspann, den uns nur das Markus-Evangelium mitliefert: „Jesus ging wieder hinaus an den See. Da kamen Scharen von Menschen zu ihm und er lehrte sie“ (Mk 2,13) Die beiden anderen Evangelisten Matthäus und Lukas haben diese Sätze weggelassen, als sie die Berufungsschilderung von Markus abschrieben. Sie scheinen nicht erkannt zu haben, was sie für das Verständnis der ganzen Berufungsgeschichte des Matthäus bedeuten. Übrigens wissen Markus und Lukas, dass er „Levi“ hieß. Warum ist es wichtig, den Vorspann zu kennen? Weil er uns Hinweise dafür liefert, was der Anlass für die Berufung des Zolleintreibers Levi war.

Wir heutige flüchtige Bibelleser beachten zu wenig, dass jeder Jünger, jede Jüngerin ganz unterschiedlich berufen wurden – so wie es eben seiner ganz persönlichen Vorgeschichte, seiner Neigung und seinen Charaktereigenschaften entsprach. Auch sein Bildungsstand, seine Fähigkeiten, seine Besitzverhältnisse spielten mit herein. Ebenso unterschiedlich konnte sich auch jeder dann einbringen im Schülerkreis um Jesus. Levi war ein wohlhabender Mann, anders als etwa die erstberufenen Fischer. Er war es gewohnt, über seine Einnahmen genau Buch zu führen. Er war gebildet und fühlte sich durch die Lehrveranstaltung Jesu beeindruckt. Für ihn war es schlüssig, was Jesus vortrug. Er horchte außergewöhnlich aufmerksam zu. Wahrscheinlich intensiver als die „Scharen von Menschen“. Er  mischte sich auch nicht unter sie. Er saß abseits und wollte nicht den Eindruck erwecken, dass er wie die Massen hinter Jesus her lief. Aus der Entfernung beobachtete er genau, wie Jesus das Volk aufklärte durch wichtige Impulse und wie er sie ermunterte, ihr Leben in die Hand zu nehmen

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Jesus  stoßt auf Bruderschaft an mit einem, der in schlechtem Ruf steht bei den Leuten.

Jesus muss durch seine unauffälligen Blicke in der Runde das lebhafte Interesse des „Mannes im Abseits“ gemerkt haben. So nützte er die Gelegenheit, den Mann gleich nach der Lehrveranstaltung anzusprechen. Dabei griff er gleich etwas auf, was in Ansätzen bereits da war in der Person. Das machte Jesus bei allen Berufenen so: Die überlieferten Beispiele von Berufungen belegen es: So wurden Simon und Andreas beim Fischen angesprochen. Wie sie bisher Fische an Land gezogen hatten, so würden sie künftig Menschen an Land retten. Johannes, der Jünger, der Jesus emotional sehr nahestand, erinnerte sich zeitlebens genau an die Tageszeit der Erstbegegnung: „Es war um die zehnte Stunde (= 16 Uhr)“. Natanael wiederum war verblüfft, dass ihm Jesus hinsagte: „Ich habe dich unter dem Feigenbaum gesehen“, was so viel hieß wie: Ich schätze an dir, dass du dich zurückziehen kannst, dass du unter dem Laubdach liest und dich vertiefst und betest. Auch Frauen wurden berufen von Jesus, so etwa  Maria aus Magdalena, die sehr selbstsicher wirkte. Sie konnte Jesus für sich gewinnen, indem er mit ihr seelische Nöte aufarbeitete, die vermutlich von der Männerwelt herrührten. Sie erwies sich später sehr dankbar dafür und stellte ihm als seine Schülerin ihr Vermögen zur Verfügung.

 

So war auch die Berufung des Levi  Matthäus besonders und einmalig. Der erste Anknüpfungspunkt beim Meister war seine Lehre. Er zeigte während der drei Jahren in der Jesus-Schule gerade dafür lebhaftes Interesse. Er saugte jedes Wort seines Lehrers auf und versuchte sich die Unterrichtseinheiten wortgetreu einzuprägen. Es kann durchaus sein, dass er teilweise mitgeschrieben hat. Schließlich war er geübt im Schreiben von seiner Vorgeschichte her. Vielleicht war er es, der die früheste Redesammlung Jesu angelegt hat. Vielleicht wurden sie in den ersten Jahrzehnten in den Hauskreisen hoch geschätzt und gerne verwendet. Bis heute erhalten sind diese „Mitschriften“ nicht, aber es könnte sein, dass sie dem 50 Jahre später in Syrien lebenden Evangelisten Matthäus vorgelegen sind. Der von Jesus berufene Levi Matthäus und der Evangelist Matthäus sind sicher nicht der selbe, aber in im Matthäus-Evangelium hört man am ehesten Jesus noch „im Originalton“. Die moderne Bibelforschung hat jedenfalls nachgewiesen, dass es eine sehr frühe Redesammlung Jesu gegeben haben muss und die Wissenschaft hat sie rekonstruiert und ihr den Titel verliehen: Logienquelle Q.

 

Außer mit der Lehre Jesu ist die Levi-Berufung noch mit einem zweiten Merkmal verknüpft – nämlich mit einem Festessen, das allerdings von den Strenggläubigen als eine zweifelhafte Sache Jesu angesehen wurde. Der Evangelist schreibt: „Und es ergab sich: Es lag Jesus in dessen Haus bei Tisch.“ Jesus war also nicht einfach bei dem Mann zum Essen eingeladen, sondern es muss eine Mahlfeier in gehobener Atmosphäre gewesen sein. Dabei lag man bei Tisch auf Polstern. Außenstehende Beobachter sahen darin ein Trinkgelage, was auch dem Ruf eines Zöllners entsprach, eines Mannes, der sich in der Finanzwelt einen satten Wohlstand verschafft hatte. Diese Berufsgruppe stand daher unter einem schlechten Ruf. Viele Übersetzungen schreiben: „Sie aßen zusammen“, aber der Original-Text betont, dass sie „zusammen lagen“ – eben auf Liegepolstern. Dabei waren sie durchmischt, die Anständigen mischten sich unter die Verrufenen. Dass sie gemeinsam aßen ist klar, aber sie hätten getrennte Essrunden bilden können, damit die Reinen nicht reden mussten mit den Unsauberen. Eine Absonderung von den Schlechten wäre für die Strengreligiösen eine Mindestforderung gewesen statt einer Durchmischung. Das empörte die Hüter der sauberen Religiosität. Sie stellten aber nicht Jesus selbst zur Rede, sondern seinen Schülerkreis, was recht bezeichnend war für sie: „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ So einer soll euer Meister sein? Von dem wollt ihr lernen? Nicht einmal eines der obersten Gebote hält er ein – die Reinheit. Religion legt Wert auf Reinheit.  Damit trieben sie einen Keil zwischen Jesus und seine Schüler, die sowieso erst in der ersten Lernphase bei ihm steckten.

 

Wie hätte Jesus darauf reagieren können? Auf Gegenangriff gehen? Ihre infame Art aufdecken? Vor ihnen warnen? Nein, er betreibt Aufklärung: „Nicht die Gesunden haben Bedarf nach einem Arzt, sondern diejenigen, denen es schlecht geht, die ganzheitlich schlecht dran sind. Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern die sich verfehlt haben.“ Mit den beiden Sätzen erweist sich Jesus als Meister des Redens und der Weisheit: Er gibt den Gegnern eine Erklärung. Sie können zur Einsicht kommen, wenn sie bereit sind dazu. Er gibt den Schülern eine Lehreinheit über sein Grundanliegen. Er gibt den Angeschuldigten das Gefühl, dass er sie anders sieht als die Strengreligiösen:  Jesus nennt die Leute, die in schlechtem Ruf stehen, nicht böse. Er verschweigt aber auch nicht, dass sie sich einiges zu Schulden kommen haben lassen. Den Strengreligiösen gesteht er sogar zu, dass sie selber „Gerechte“ sind. Sie nehmen sich sowieso laufend vor, dass sie dem „gerecht werden“, was Gott will, was seine Gebote sind. Jesus sieht sich selber eher als Arzt denn als Hüter der Gebote.

 

„Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“  Der Satz ist nicht mehr Original-Ton Jesu, er stammt aus der Feder des Matthäus, ganz typisch. Der war ursprünglich jüdischer Schriftgelehrter, bevor er Schüler des Evangeliums geworden ist. Er baut in sein literarisches Werk bei jeder möglichen Gelegenheit Worte aus der jüdischen Heiligen Schrift ein, also aus dem Alten Testament. In diesem Fall zitiert er aus dem Propheten Hosea (Hos 6,6), Der Evangelien-Autor  Matthäus war früher theologisch ein Wissender und ist durch die Jesus-Bewegung zu einem Lernenden geworden. Von Jesus zu lernen war immer noch möglich, obwohl sein Leben schon 50 Jahre zurück lag. Matthäus schreibt etwa 80 n.Chr. Somit ist auch der Abstand von 2000 Jahren zu Jesu Leben kein Hindernis, auf ihn genau hin zu schauen und hin zu hören. Was also  könnte uns heute die Schilderung sagen? Berufung erfolgt sehr unterschiedlich – auf jeden einzelnen zugeschnitten. Berufen sind viele, aber nur wenige ergreifen die Auserwählung. Viele lassen die Anfangsbegeisterung irgendwann wieder verkommen. Sie frischen nicht von Zeit zu Zeit auf, was es war, das sie damals so angesprochen hat. Wer der Berufung jedoch treu bleibt, wer die ausbaut und festigt, wird erleben, dass er mit immer neuen Berufenen zusammen geführt wird. Er  darf mit neuen Interessenten Mahl feiern und dadurch wächst der Kreis und wächs

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Mag. Martin Zellinger              Bibeltheologe, Reiseleiter, wohnhaft am Lester Hof bei Freistadt Oberösterreich

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