24. März 2019

3.Fastensonntag

Dringend zur Einsicht kommen

Lukas 13,1-9

"Zur gleichen Zeit kamen einige Leute und be­richteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit dem ihrer Opfertiere vermischt hatte." Lk 13,1

 

Zu PILATUS: Die Geschichtsforschung hat einiges über Pilatus ans Licht gebracht: Als römischer Statthalter residierte er in Cäsarea am Meer, jener neuen Hafenstadt, die Herodes im westlich-römischen Stil an der Mittel­meer­küste hatte erbauen lassen. Ein Prokurator vertrat in seiner Provinz den römischen Staat und den Kaiser. Jeweils zu den jüdischen Hochfesten kam er mit militärischer Verstärkung nach Jerusalem, weil die Gefahr von Unruhen gegeben war. Dabei bezog er den Herodespalast in der Nordwestecke der Stadt.

Pontius Pilatus war in Judäa der fünfte Statthalter, er amtierte ungewöhnlich lange, nämlich von 26 bis 36 n.Chr. Er war den Juden kaum freundlich gesinnt. Von Zeitgenossen, dem jüdischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius und dem jüdischen Gelehrten Philo von Alexandrien wurde ihm kein gutes Zeugnis ausgestellt. Josephus schreibt zwar, dass Pilatus gegen die wiederholt auftretenden Unruhen im Land seine militärischen Mittel angemessen einsetzte. Aber die religiösen Gefühle der Juden trat er mit Füßen. So übertrug er gleich am Beginn seiner Amtszeit römische Feldzeichen, die das Bild des Kaisers trugen, nach Jerusalem. Das löste eine Empörung bei den strenggläubigen Juden aus. Man bat ihn mehrmals, davon abzulassen, aber vergeblich. Schließlich ließ Pilatus das Volk in der Rennbahn von Cäsarea zusammen kommen, ließ es von Soldaten umzingeln und drohte ihm an, es niederzumetzeln. Da warfen sich die Juden zu Boden, entblößten ihren Hals und erklärten: „Lieber sterben wir, als dass wir etwas geschehen lassen, was gegen unser religiöses Gesetz verstößt.“ So musste sich der Präfekt geschlagen geben und ließ die Bilder aus Jerusalem entfernen.

Der Pilatus-Stein wurde 1961 in Cäsarea emtdeckt. Er st der archäologische Beweis für die Existenz dieses Mannes.

Josephus berichtet auch von einem Aufruhr, nachdem Pilatus vom Tempel­schatz Gelder entnommen hatte, um für Jerusalem eine zusätzliche Wasserleitung bauen zu lassen. Auch das Lukasevangelium weiß von einem Gemetzel am Tempelplatz zu berichten. Philo schildert ihn als einen von Natur aus unbeugsamen und eigenwilligen Menschen: „Er war nicht ge­willt, irgend etwas zu tun, was seinen jüdischen Unter­tanen gefallen hätte.“ Philo wirft ihm gewissenloses Verhalten vor: Bestechlichkeit, Beleidigungen, Miss­handlungen, fort­gesetzte Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren und uner­träg­liche Grausam­keit. Mag dieses Urteil auch überzeichnet sein, so bleibt doch ein großer Unter­schied zu dem, wie ihn die Evangelien während des Prozesses Jesu schildern. Er versuchte Jesus gegen die religiöse Führung frei zu bekommen: „Ich finde keine Schuld an ihm!“(Joh 18,38) „Was hat er denn für ein Verbrechen begangen?“ (Mk 15,14)

Wahrscheinlich stammte er aus der Familie der Pontier, einem adeligen Ge­schlecht mit Stammland in den Abruzzen östlich von Rom. Sein Geburtsjahr ist nicht bekannt, er trat erst in das Blickfeld der Geschichte, als ihn Kaiser Tiberius zum Präfekten der römischen Provinz Judäa ernannte. Zu diesem einflussreichen Posten hatte ihm der Polizeichef Seianus verholfen (und nach einer späteren Legende auch die Frau des Pilatus: Procula Claudia). Dass ein römischer Statt­halter von seiner Gattin in die Provinz begleitet wurde, war ursprünglich unter­sagt, aber schon Kaiser Augustus hatte dieses Verbot aufgehoben. Das Matthäus­evan­gelium erwähnt seine Frau: „Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ ihm seine Frau sagen: Lass die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum.“ (Mt 27,19).Auch der römische Geschichtsschreiber Tacitus nennt ihn, als er den Prozess Jesu erwähnt: „Christus wurde unter der Herrschaft des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet.“

Das Todesurteil über Jesus bildet ungefähr die Mitte seiner Amtszeit. Im Jahr 31 n.Chr. fiel sein Förderer in Rom, Seianus, beim Kaiser in Ungnade, trotzdem konnte sich Pilatus weitere 5 Jahre im Amt halten und sein hartes Regiment fort­setzen. Erst als er in Samaria ein blutiges Gemetzel anrichtete, wurde er des Amtes enthoben. Bewohner eines Dorfes wollten den heiligen Berg Garizim (bei Nablus) besteigen. Weil sie aber Waffen bei sich trugen, meinte Pilatus, ein­schrei­ten zu müssen. Die Samaritaner reichten eine Beschwerde bei dessen Vorge­setz­ten, dem Legat Vitellius in Syrien ein. Daraufhin musste sich Pilatus nach Rom begeben, um sich vor dem Kaiser zu verantworten. Doch vor seinem Eintreffen war Tiberius bereits verstorben. Ob es zu einem gerichtlichen Ver­fahren ge­kommen ist, und was sein weiteres Schicksal war, darüber berichten die zeit­ge­nössischen Geschichts­schreiber nichts. Bei dem christlichen Historiker Eusebius (gest. 340 n.Chr.) findet sich ein Hinweis, dass er nach Vienne in Gallien (Südfrankreich) verbannt worden sei und dort unter Kaiser Caligula Selbstmord be­gangen haben soll.

Seit 1961 gibt es auch einen archäologischen Beleg für seine Amtszeit. Im Theater von Cäsarea wurde eine große Steinplatte gefunden, auf der noch 31 Buchstaben zu erkennen sind. Sie besagen, dass Pilatus ein Gebäude errichten ließ. Der Name PILATUS ist auf der Platte deutlich zu lesen.

Nun zum EVANGELIUM: Jesus lehnt es entschieden ab, aus Schicksalsschlägen voreilige Schlussfolgerung zu ziehen: Die Pilger aus Galiläa sind zwar durch ein Gemetzel des Herrschers umgekommen. Die These, dass dies nur eine Strafe Gottes sein könne, verwirft er in aller Deutlichkeit. Jesus sagt klar: Nein, so einfach könnt ihr nicht von eurem eigene Lebensstil ablenken. Ursachenforschung zu betreiben, wo denn die Schuld liegt, das geht am Wesentlichen vorbei: Erschütternde Vorfälle haben Appellcharakter: Sie rufen dringend dazu auf, selber zur Einsicht zu kommen. 1. Wie lebe ich? Kann ich jederzeit Rede und Antwort zu meiner Lebensgestaltung stehen? 2. Wo kann ich jemandem beistehen, der von einem schlimmen Schicksal getroffen wurde? Trösten? Mut machen? Nicht allein lassen! Üblicherweise wird in der Bibel geschrieben, Jesus hätte zur „Umkehr“ aufgerufen. Aber dieses Wort trifft die Aussagekraft seiner Worte nicht. Wer kann schon eine Kehrtwende machen und zurückgehen im Leben (=umkehren)? Das Wort heißt im Griechischen METANOIA und meint Gesinnungsänderung. META bedeutet: „im Nachhinein“ und NOIA ist die Einsicht. Die Aufforderung lautet: Den eigenen Lebensstil hinterher  - im Rückblick - überprüfen und daraus die Konsequenzen ziehen, nicht unbedenklich weiter machen. Die Gottesstrafe wird heute kaum mehr (wie damals) nach Schicksalsschlägen angesprochen, eher fragen Menschen, insbesondere religiöse Menschen: Wie kann das Gott zulassen? – Was steckt dahinter für ein Gottesbild? Sitzt er denn an den Schalthebeln des Schicksals und tunkt manche ein und andere verschont er? Auch hier würde Jesus sein entschiedenes NEIN dazwischen rufen. Das Gefüge des Kosmos ist hochkomplex und von Licht und Dunkel durchsetzt, was beides seine Funktion hat. Die Grundrichtung der Schöpfung ist Weiterentwicklung, ist Heilsplan. An uns liegt es, dass wir uns die Frage stellen: Trage ich dazu bei? Zum Wohl meiner Mitmenschen? Wenn nicht, ist eine dringende persönliche Kurskorrektur nötig.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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