10.Jän 2021      Taufe des Herrn

Du stehst in der Gunst des Vaters

Markus 1,7–11

Anhang

Was können wir daraus lernen?

Wir sind in der Religion gewohnt, eine Schilderung wie die obige als  nur „wirklich“ im religiösen Sinn zu erachten. Sie hat angeblich mehr symbolischen Wert als realen. Wir trennen zwischen religiösem Raum und weltlichem Raum, zwischen Glaubenswelt und Alltagswelt. Das soeben Geschilderte bekommt seinen Platz in der Glaubenswelt, nicht aber in der Welt der realen Dinge, der Naturereignisse, der Wissenschaft. Diese Scheidung in zwei unterschiedliche Bereiche hat vor 80 Jahren schon Dietrich Bonhoeffer bemängelt. Er hat  gemahnt, dass es dringend an der Zeit ist, die christliche Botschaft in der Alltagswelt zu verwurzeln und anzuwenden. Er schrieb 1944 „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben.“ Deshalb wollen wir das Evangelium so lebensnah als möglich lesen und verstehen. Glauben schließt  die Vernunft mit ein. Gewisse Bibelstellen kritisch zu hinterfragen ist erlaubt. Glauben muss handfest sein, Wissen und Verstehen gehören dazu.

 

Die Schilderung will uns zeigen, wie sich die Berufung bei Jesus zugetragen hat. Hier hat er seine Sohnschaft bestätigt bekommen. Aber es war nicht nur für ihn allein die Sohnschaft, Jesus wird zum Modell für uns. Jeder, der sich ihm anvertraut, kann Sohn oder Tochter Gottes werden. Wer in die Gefolgschaft Jesu eintritt, für den kommt auch die Stunde, dass er vom Himmel deutlich zu hören und zu spüren kommt: Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn. Manche behaupten, Jesus allein sei der-geliebte Sohn Gottes, es kann nur einen Sohn geben. So jemand verwechselt Gott mit Sportveranstaltern. Im Rennsport kann nur einer auf dem Siegerpodest stehen. Beim göttlichen Vater kann jeder sein einzigartig geliebter Sohn, einmalig geliebte Tochter werden, jeder, der/ die sich ihm anvertraut. Wir können uns die Wesenszüge des VATER nicht menschlich genug vorstellen: Er will für seinen Sohn/ seine Tochter immer das Beste. Er wird sie begünstigen gegenüber den normalen Leuten, weil er ja ihr Vater ist. In Schwierigkeiten kommt er ihnen mit allem, was in seinr Macht steht, zur Hilfe. Er will aber nicht nur den Notrufdienst spielen, sondern freut sich, wenn sich die Jungen "einfach so" von Zeit zu Zeit sehen lassen bei ihm. Auf Huldigungen legt er keinen Wert. Lieber will er stolz sein können auf sie, weil sie das Gute fortsetzen, was er schon vor langer Zeit begonnen hat.

 

Unser Alltag ist begleitet von Ereignissen, die Symbolkraft mit sich tragen. Es liegt an uns, sie zu beachten. Dann sind sie nicht mehr etwas zufällig Geschehenes, sondern sie entwickeln ihre Langzeitwirkung, dann können sie richtungsweisend werden, dann können sie uns die je eigene Sendung anzeigen. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit dafür schärfen. Die Medien halten uns zwar überwiegend andere Ereignisse vor Augen: Unfälle, Verbrechen, Katastrophen. Aber wenn wir regelmäßig innehalten und hinschauen auf den sogenannten Alltag, sehen wir die wegweisenden Zwischenfälle, wo sich für uns der Himmel öffnet. Wir sollten dankbar dafür sein und die Dankbarkeit weiter einüben. Wer spirituell fortgeschritten ist, wird sogar den sogenannten Schicksalsschlägen gute Seiten abgewinnen. Im Nachhinein wird er feststellen, dass sie Gelegenheiten waren, umzudenken und sich künftig anderes zu verhalten. Sie fordern uns heraus, zu mehr Blick auf das Wesentliche, zu mehr Hilfsbereitschaft, zu mehr Fürsorge um die Nächstliegenden.

 

Wer getauft ist, kann sich meist leider nicht daran erinnern, weil es im Babyalter geschah. Trotzdem sollten wir uns bei Anlässen diese Tatsache bewusst machen. Wir sollten uns in Erinnerung rufen: Ich bin Gottes geliebte Tochter –  bin sein Sohn, um den er sich sorgt. Er ist der VATER, der auf mich schaut und der viele Möglichkeiten hat, mir wieder auf die Sprünge zu helfen. Ein VATER lässt seinen Sohn/ seine Tochter nicht hängen. Der VATER möchte sehen, dass er stolz sein kann auf seine Tochter, seinen Sohn. Wir gehören zu einer Familie zusammen, von der er der VATER ist. Die Leiter von Gottesdiensten könnten diese Einsicht den Besuchern gelegentlich ins Bewusstsein rufen: "Erinnere dich: Gottes geliebte Tochter bist du! Gottes geliebter Sohn bist du! "