22. Nov 2020

Christkönigs-Sonntag

Der Menschensohn zieht alle zur Rechenschaft

Mt 25,31–46

Mit diesem Abschnitt formt Matthäus den Schluss der Endzeitrede Jesu, er lässt sie als die letzte große Rede Jesu vor der Öffentlichkeit erklingen. Darin sind ganz klare Maßstäbe gesetzt, wonach jeder Mensch am Lebensende beurteilt wird. Auch wenn Jesus sie in gleichnishaften Bildern vorträgt, spricht er doch ohne Beschönigung und deutlich wie selten.

Bevor die Passionserzählung beginnt, wird also eine Gerichtsszene geschildert – anders als bei Markus, der als Schluss eindringlich die Mahnung zur Wachsamkeit betont. Siehe Evangelium am nächsten Sonntag (1.Adventsonntag). Die Gerichtsszene wird machtvoll und gleißend hell inszeniert: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt, …“ Das griechische Wort für Herrlichkeit ist DOXA und bedeutet „Glanz“, „strahlendes Licht“, „Helligkeit“. Auch der Thron wird in vollem „Scheinwerferlicht“ erstrahlen.

Dieses erste Bild lässt theologisch Geschulte aufhorchen: Wird nicht der Vater, also Gott in seiner Allmacht am Thron sitzen? Warum der Sohn? Das Johannes-Evangelium bestätigt diese Sichtweise in einem kurzen Satz: „Und er hat ihm Vollmacht gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist.“ (Joh 5,27) Die frühe Kirche war überzeugt, dass Jesus so sehr das Menschsein gelebt hat, dass er zum Maßstab wird, an dem die Menschheit gemessen wird.

Im folgenden Satz heißt es „Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Ziegen aber zur Linken.“ Hier wird die Verkleinerungsform von „Ziege“ verwendet: Zieglein, Jungziege. Worauf will der Vergleich hinaus? Zu welchem Zweck scheidet sie der Hirte im bäuerlichen Leben? An welchem Zeitpunkt? Tagsüber sind die Schafe ruhig in Herden tagsüber über die Weideflächen gewandert. Sie waren durchmischt mit den Ziegen, die ständig dazwischen gemeckert haben. Manche Ausleger meinen, die Schafe seien häufiger weiß und Ziegen oft auch schwarz. Aber das ist doch kein Grund, sie voneinander zu scheiden. Manche Ausleger behaupten, die orientalischen Hirten würden sie voneinander trennen, bevor die Dunkelheit hereinbricht, um sie während der Nacht in getrennte Umzäunungen zu sperren. Aber das ist nicht wirklich eine Gepflogenheit im Orient.

Die Herde eines Beduinen bei Jericho überquert eilig die verkehrsreiche Straße. Sie ist gemischt aus Schafen und Ziegen. Die Schafe sind alle weiß, während einige der Ziegen schwarz sind. Die Farbe ist sicher nicht der Grund, dass der Hirte im Evangelium sie voneinander scheidet und einige auf die linke Seite stellt. Dort können durchaus auch Weiße hin verwiesen werden.

Alles, was in der Szene aufgezählt ist, trifft auf „alle Völker“ zu, es gilt nicht nur dem jüdischen Volk, nicht nur dem Schülerkreis Jesu, sondern eben der gesamten Menschheit, allen Nationen und allen sozialen Schichten. „Alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden wie der Hirte die Schafe von den Ziegen scheidet.“

Das Voneinander-Scheiden erinnert an den Schöpfungsmorgen: „Und Gott schied das Licht von der Finsternis“ (Gen 1,3) Das eingebaute Kurzgleichnis „ wie der Hirt die Schafe von den Ziegen scheidet“ hat vielen Bibelauslegern Rätsel aufgegeben. Manche meinen, es handle sich um „Böcke“ also um männliche Tiere. Aber das griechische Wort bedeutet „Ziegen“.

Warum also trennt sie ein Hirte und stellt die Jungziegen abseits von der Schafherde auf – wie es in dem Kurzgleichnis beschrieben ist? Wir kommen der Frage näher, wenn wir im Lukas-Evangelium das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ nachlesen. Der ältere Sohn beschwert sich beim Vater, dass er für den Heimgekehrten – seinem Sohn, der sein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat – , ein Freudenfest feiert: „Mir aber hast du nie auch nur einen >Ziegenbock< geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.“ (Lk 15,29f) Was hier mit >Ziegenbock< übersetzt wird, ist in Wirklichkeit eine Jungziege, denn nur das zarte Fleisch eines Zickleins ist für ein Festessen geeignet. Somit ist in der Gerichtsrede des Matthäus ein Fest angedeutet. Vielleicht ist der Anlass, dass der Hirte die Jungziegen beiseite stellt, ein großes Hochzeitsfest, das in der Verwandtschaft bevorsteht. Matthäus führt das hier nicht aus, aber er hat schon zwei Absätze vorher vom späten Kommen des Bräutigams geschrieben. Somit hat er das Kommen des Menschensohnes mit einer Hochzeit verglichen.

 

Nun wechselt der Erzählfaden vom Bild wieder in die Wirklichkeit:

Klarer als im folgenden Text kann Jesus es nicht mehr betonen, dass es in der Letztbeurteilung aller Menschen auf hilfsbereites Tun ankommt. Es ist nicht eine Wahlmöglichkeit, sondern eine unerlässliche Bedingung, um vor Gottes Einschätzung zu bestehen. Matthäus legt die Rede von zwei Seiten an, um den Hörern die Dringlichkeit bewusst zu machen. Einmal positiv: Alljene, die in Notfällen etwas getan haben, sind „Gesegnete“. Über die hat Gott seine Freude, sie will er um sich haben. Das wäre schon eindeutig genug.

Aber Jesus zählt handfest Beispiel für Beispiel auf, wo es etwas zu tun gibt. Das Überraschende in der Rede ist, dass Jesus nicht sagt: „Es gibt millionenfach Hunger in der Welt, und ihr habt einen großen Betrag gespendet.“ Er sagt auch nicht: „Es ist euch ein Hungriger begegnet, und ihr habt ihm mit Nahrungsmittel versorgt“ Nein, er begibt sich selbst in die Rolle des Hungernden und sagt: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.“ Da es in unserer übersättigten Gesellschaft kaum Leute mit leerem Magen gibt, können wir das Wort auch übertragen: „Ich hätte ein Wort des Trostes nötig gehabt wie einen Bissen Brot und ihr habt mir zugehört und habt mich mit eurem Zuspruch aufgerichtet, gestärkt, gesättigt.“

Ich war am Verdursten und ihr habt mir einen Becher zu trinken gereicht.“ Dies passt in die heiße Region des Orients, wo man mehr zu trinken braucht. Es passt auch in das orientalische Stammesdenken: Einem Vorbeiziehenden, mit dem das ganze Dorf verfeindet ist, gibt man nichts – nicht einmal einen Schluck Wasser auf dem Dorfbrunnen. Jesus hat das selbst beim Durchwandern von Samaria erlebt. Die Frau am Jakobsbrunnen fragt ihn verwundert: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?" (Joh 4,9) Übertragen können wir sagen: Wenn ihr einem innerlich Verdurstenden über die Runden rettet, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung so jemanden ablehnt, dann habt ihr mich gerettet. Oder: Da ist jemand innerlich leer und ausgetrocknet, er schafft es nicht mehr aus eigener Kraft weiterzukommen. Ihr habt „mir“ über die Durststrecke hinweg geholfen. Das hat eure Kräfte für eine Zeit beansprucht, aber dann habe ich es selber wieder geschafft. Es war nicht nötig, gleich einen Brunnen und eine Wasserleitung für mich zu bauen. Alleine, dass ihr mir über die Durststrecke hinweg geholfen habt, das war meine Rettung.

Ich war fremd, fand mich nicht zurecht, weil ich von einem fernen Land kam. Ihr habt mich für ein paar Tage eingeladen und als Gast empfangen. Ich wollte euch nicht dauernd zur Last fallen- Ihr habt mir nicht die Tür zugeschlagen, habt nicht einen weiten Bogen um mich gemacht, sondern habt mir eine Starthilfe gegeben, ihr habt mich eingeführt in die Gepflogenheiten, in die Sprache eures Landes, damit ich bald auf eigenen Füßen stehen konnte.

Ich war nur notdürftig bekleidet, und ihr habt mir brauchbares Gewand über die Schultern gelegt. Ihr habt mich eingekleidet fürs Erste. Mit meinem Wenigen hätte ich in der kalten Jahreszeit gefroren, mit dem armseligen Zeug hätte ich wie ein Bettler ausgesehen und wäre verachtet worden. Das Wort „Ich war nackt,…“ lässt sich auch übertragen: Ich wurde bloßgestellt vor anderen, man hat mich diffamiert, meinen Ruf geschädigt, und ihr habt mich in Schutz genommen, ihr habt euch mutig auf meine Seite gestellt.

Ich war krank, und ihr ward um mich besorgt, ihr habt nachgeschaut bei mir, habt euch die Zeit ausgespart für mich. Hier ist nicht von  eine lebensbedrohlichen Krankheit die Rede, es geht nicht um den Besuch kurz vor dem Sterben. Das hier gebrauchte griechische Wort heißt normal „krank“, nicht „sterbenskrank“, nicht „in den letzten Zügen“, eher „kränklich“, geschwächt somit auch verzagt. Ich war kränklich, und ihr habt euch gekümmert um mich. Außerdem war ich einer von den kleinen Leuten, die wenig gelten, die von den Großen übersehen werden. Das hat euch nicht dazu verleitet, fern zu bleiben. Ihr habt euch trotzdem um mich angenommen. Eine besondere Heilbehandlung war nicht nötig, allein euer Besuch war für mich schon sehr wertvoll.

Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Man hat mich zu Unrecht verurteilt, hat mich wie einen Verbrecher hingestellt. Viele haben die Beschuldigung geglaubt und haben mich von da an gemieden. Ihr habt euch nicht abbringen lassen von eurer guten Meinung und seid mich besuchen gekommen.

Das sind sechs handfeste Beispiele. Sie lassen sich ohne großen Aufwand in die Tat umsetzen. Sie sind Ausdruck einer Lebenshaltung. Es braucht nur ein aufmerksames Auge und Einfühlungsvermögen. Es ist nicht verlangt, ein großes Sozialprojekt auf die Füße zu stellen oder ein Wunder zu wirken, sondern nur dann zupacken, wenn es gerade erforderlich ist.

Warum zählt Jesus gerade diese sechs Beispiele auf? Warum erwähnt er nicht die Begräbnis-Feiern, die im Judentum als wichtiger Dienst am Nächsten galten? Er sagt nicht: Es gab einen Todesfall und ihr habt dem Toten die letzte Ehre erwiesen und habt an der Trauerfeier teilgenommen, um Trost zu spenden. Warum sagt er beim Endgericht nicht: Ihr habt eure religiöse Pflichten erfüllt und habt den Gottesdienst besucht und Gott die Ehre erwiesen? Warum nicht: Ihr habt in den Gesängen „Herr, Herr“ gerufen? Warum sagt er nicht beim Endgericht: Ihr habt kaum eines der 10 Gebote übertreten, kommt ihr Gesegneten? Warum ist ihm der achtsame Umgang mit den  >geringsten Brüdern< so wichtig? Wen meint er, wenn er sagt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder oder Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan?“ Am Beginn seines Wirkens saßen er einmal in einem Raum mit vielen Leuten um ihn herum und jemand forderte ihn auf, zu seinen Brüdern und seiner Mutter hinaus zu kommen. Er stellte die Frage: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Und er warf seinen Blick auf die Menschen, die im Kreis um ihn herum saßen, und sagte: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“. (Mk 3,31-35) Mit Brüdern und Schwestern meint Jesus also seinen lernfreudigen Schülerkreis. Aus diesem Kreis heraus entwickelte sich nach seinem Weggehen die Urgemeinde in Jerusalem und die Hauskreise in den Städten des Römerreiches. Meint also Matthäus mit den aufgezählten >geringen Brüdern< jene Gemeindemitglieder, die wenig zu essen oder zu trinken haben, die als Ausländer dazu stoßen, die armselig gekleidet sind, die gesundheitlich danieder liegen, die inhaftiert sind aus Gründen der Verfolgung? Sind mit den notleidenden „Brüdern“ vielleicht sogar Apostel gemeint? Paulus zählt einmal alles auf, was er schon mitgemacht hat: „Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr, … Ich erduldete Mühsal und Plage, viele durchwachte Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Nacktheit.“ (2 Kor 11,23-27) In der Aufzählung kommen vier der oben genannten Notlagen vor: Ich war hungrig, durstig, nackt … im Gefängnis. In einem anderen Brief schreibt er: „Bis zur Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden mit Fäusten geschlagen und sind heimatlos. Wir mühen uns ab, indem wir mit eigenen Händen arbeiten; wir werden beschimpft und segnen; wir werden verfolgt und halten stand; wir werden geschmäht und reden gut zu. Wir sind sozusagen der Abschaum der Welt geworden, verstoßen von allen bis heute.“ (1 Kor 4,11-13) Hier hören wir das obige Wort: „Ich war fremd“. Paulus ist sicher kein Einzelfall in der frühen Kirche, viele Verkünder des Evangeliums erleiden dasselbe Schicksal wie er. Jesus hat es auch so verlangt: Die Großen in der Kirchen müssen die Geringsten sein, bereit mehr auf sich zu nehmen als die Durchschnitts-Mitglieder. Aber die Gemeinden waren so aufgebaut, dass man sich gegenseitig über Durststrecken hinweghalf. Paulus nennt es den „Geist“, der spürbar ist in den Gemeinde-Abenden, was ihn tröstet und ihn durchhalten lässt. Bei seinem härtesten Gefängnisaufenthalt ist er sehr erleichtert und getröstet über den Besuch aus seiner Lieblings-Gemeinde in Philippi: „Wenn ich für euch bete, bete ich mit Freude. Ich danke für eure Gemeinschaft im Dienst am Evangelium. … Ihr alle habt Anteil an der Gnade, die mir durch meine Gefangenschaft und die Verteidigung … gewährt ist.“ (Phil 1,4f)

Innerhalb einer Gemeinde und von Gemeinde zu Gemeinde bestand ein inniger Zusammenhalt, so wie er sonst in Vereinen und Gemeinschaften nicht üblich war. Wenn jemand gesundheitlich angeschlagen war – und war es ein noch so untergeordnetes Mitglied, etwa aus dem Sklaven-Milieu – , dann fanden sich einige, die um ihn besorgt waren und Zeit für ihn erübrigten. So wurde Christus real im geschwisterlichen Dienst: „… das habt ihr mir getan.“ Ursprünglich waren also mit den „geringsten Brüdern“ die „Geschwister“ aus der Gemeinde gemeint. Heute dürfen wir das Wort durchaus ausweiten auf jeglichen Hungernden oder armselig Bekleideten, weil es ja diesen geschwisterlichen Zusammenhalt in den Kirchen nicht mehr so gibt wie damals. Aber die Zeiten sind im Umbruch, der Bedarf nach tragenden Runden steigt wieder. Vielleicht wird wieder erfahrbar, dass Geschwister zu sein in der Kirche mehr ist als Teilnehmer oder Mitglied zu sein.

Dem Evangelisten ist das Thema so wichtig, dass er die Auflistung viermal niederschreibt: zweimal anerkennend, zweimal als Versäumnis. "Ich war hungrig, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben usw." Matthäus ist überzeugt, dass es Wirkung hat, wenn er auch eine Drohung einbaut: „Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“ Die Pädagogik Jesu war das nicht. Eher entspricht ihm das ermutigende Wort an die Schar auf der rechten Seite: „Kommt her. Ihr seid die Freude des Vaters. Ihr werdet als Erben eingesetzt in der neuen Herrschaftsordnung. Seit dem Ursprung des Universums war gewiss, dass es diese wertvollen, achtsamen Menschen immer wieder geben wird. Für sie sind seit Anfang des Kosmos Ehrenplätze vorbereitet. Euch stehen sie nun zu.“

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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