25.April 2021      4.Sonntag der Osterzeit

Der taugliche Hirte

Johannes 10,11–18

Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Erstaunlich, wie knapp der „gute Hirt“ selbst beschrieben ist und wie ausführlich der andere. Der Hirt heißt ganz einfach der „gute Hirte“. Das hier verwendetet griechische Wort für „gut“ ist nicht AGATHOS, was eigentlich "gut" heißt,  sondern KALOS. Das heißt so viel wie „schön, fehlerfrei, gut tauglich, ideal“. Die Betonung liegt somit nicht auf der Gutherzigkeit oder Rechtschaffenheit, sondern auf der Tauglichkeit. „Der taugliche Hirte, der bin ich“. Dabei ist das Ich betont – EGO auf Griechisch.

Er „gibt sein Leben hin für die Schafe“. Diese Aussage muss man nicht als Aufopferung des Lebens verstehen, nicht als Bereitschaft, in den Tod zu gehen. Wenn wir das griechische Wort PSYCHE mit „Seele“ übersetzen, bedeutet die Aussage: Der taugliche Hirte lässt es sich seine Seelenkräfte kosten, wenn er sein Amt ausübt. Der andere wird nicht als der "schlechte Hirt" bezeichnet, sondern der „bezahlte Knecht“, der Tagelöhner, der Lohnarbeiter, modern ausgedrückt: der Leasing-Arbeiter. Er verdient es nicht einmal, „Hirte“ genannt zu werden, denn er tut seine Arbeit nur um des Geldes willen. Er tut, was ihm aufgetragen wurde – Dienst nach Vorschrift. Sollte es einmal zu Ausnahme-Situationen kommen, ist er nicht brauchbar. Wölfe sind nicht ständig rund um die Herde, aber eine lauernde Gefahr für die Gemeinschaft, sie greifen die Herde nicht unentwegt an, aber ihr Eintreffen ist unvorhersehbar. Der taugliche Hirt ist aufmerksam und hält sich bereit für die Augenblicke der Bedrängnis. Der Lohnarbeiter „sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht“. Diese Übersetzung erweckt den Eindruck, als würde der Wolf wie aus dem Nichts auftauchen und herbei stürmen und als würde der Lohnarbeiter aus Angst um sein Leben die Flucht ergreifen. Wenn wir das Wort „sehen“ (er sieht den Wolf) mit „schauen, beobachten“ übersetzen, wird uns bewusst, dass der Wolf vorerst immer wieder herum schleicht und lange nach Angriffsmöglichkeiten sucht. Er versucht auch ausfindig zu machen, welches Tier noch jung ist oder welches schwach ist.

Hirt bei Betleh web.jpg

In Galiläa waren vor 35 Jahren noch Hirten mit ihren Schafherden anzutreffen - heute nicht mehr. Wer sie fotografieren will, muss heute nach Palästina gehen. Diese Aufnahme stammt aus dem Umkreis von Betlehem.

Das beobachtet der Lohnarbeiter über einen längeren Zeitraum, er stellt Spuren fest, hört verdächtige Geräusche, erkennt blitzende Augen in der Nacht. Es gibt also Anzeichen. Bedrohung ist der Wolf nur für die Herde, nicht für den Hirten –  vor ihm würde sich der Wolf fürchten. Der Hirte braucht sich nur entschieden und abschreckend dem Wolf in den Weg stellen. Wenn er pflichtbewusst ist,  errichtet er Schutzmaßnahmen für die Jungen und die Geschwächten. Das verabsäumt  der Tagelöhner, obwohl er mit der Obsorge betraut wäre, flieht er – aber nicht aus Angst, sondern aus Bequemlichkeit. Er überlässt die Schafe sich selbst, er lässt sie im Stich. Dabei würden sie gerade jetzt seinen Beistand, seine Begleitung brauchen. Die Herde als ganze würde ihn brauchen und einige Betroffene ganz besonders. Er aber macht sich aus dem Staub, „… weil ihm an den Schafen nichts liegt.“ Es ist dem Scheinhirten zu mühsam, Schutzmaßnahmen zu treffen, die Schwachen zusammen zu holen in den sicheren Pferch. Er drückt sich um diese so wichtige Aufgabe des Sammelns. Durch die Nachlässigkeit des Scheinhirten gelingt es dem Wolf dann doch, einzelne „zu rauben, zu entführen“. Die Einheitsübersetzung schreibt: „Der Wolf reißt sie“ Damit entsteht beim Leser der Eindruck, er würde die Schafe mit einem kräftigen Biss töten, er würde sie zerfleischen. Das Originalwort sagte aber: „ Der Wolf ent-reißt sie“ Er raubt sie, er holt sie weg aus der Herde, er entführt sie, er verschleppt sie. Er zerstreut die Herde. Die Zerstreuung ist etwas Schlimmes, weil die so wertvolle Gemeinschaft gespalten wird und sich allmählich auflöst.

Nochmals ist ersichtlich, welchen langfristigen Schaden der Lohnarbeiter anrichtet, weil er bequem ist. Es ist erstaunlich, dass dieser Bedienstete, der sein Amt nur der Bezahlung wegen macht, in der Schilderung nicht ermahnt wird, etwa durch die Drohworte „Wehe ihm!“ Wir hören auch von keiner Strafe für sein Versäumnis - so als würde dem Hörer des Evangeliums gesagt: Wie der Bequeme zur Rechenschaft gezogen wird, ist nicht deine Sache.  Eher wird dem Hörer der Geschichte der Blick geschult, den Taugenichts zu entlarven, der sich für die Tatenlosigkeit auch noch bezahlen lässt. Das Johannes-Evangelium will sagen: Die Schafe, die Gemeindemitglieder sollen sich nicht einem Lohnarbeiter anvertrauen, nur einem "guten Hirten“.  Dem anderen steht der Titel „Hirte“ nicht einmal zu. Dem Evangelium kommt es nicht darauf an, die Zurechtweisung oder Bestrafung des untauglichen Lohn-Knechtes zu schildern. Solche Gemeindeleiter sind offenbar uneinsichtig und unbelehrbar. Stattdessen sollen die Schafe – die Mitglieder der Gemeinde  – genau hinsehen, wer wirklich Hirte ist. Das lässt sich nicht immer leicht erkennen, besonders nicht in ruhigen Zeiten, wenn alle ungestört dahin fressen auf der Weide. Die Tauglichkeit stellt sich erst dann heraus, wenn Gefahr in Anzug ist. Für die Schafe ist die Bedrohung noch unmerklich, aber klar sichtbar ist sie für den Hirten.

 

Nun nennt das Evangelium den Schlüsselsatz ein zweites Mal: „Der taugliche Hirte, der bin ich“ Der Scheinhirte wird dem guten Hirte noch in einem zweiten Merkmal gegenüber gestellt: Der ideale Hirte, der echte Seelsorger, gründet seine Tätigkeit auf Beziehungsarbeit: „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ Das scheint ein herausragendes Merkmal in der Pastoral zu sein: Einander kennen, einander vertraut sein. Einander beim Namen nennen. Name ist Ausdruck für die Eigenart des Menschen, für die Individualität, für die besonderen Fähigkeiten, wodurch er sich von den anderen unterscheidet. Der taugliche Hirte zählt die Herde nicht bloß ab. Seelsorge wird nicht an den Zahlen gemessen, nicht wie groß die Herde ist, sondern dass der Hirte die Mitglieder kennt und sie als die Seinen erachtet.  Sie gehören zu ihm und er zu ihnen, wie ein Hausvater seine Hausbewohner als die Seinen bezeichnet. „Kennen“ heißt auch  „wissen umeinander“: das Schwere und das Erfreuliche einander anvertrauen. Die Grundlage für die Hirtenarbeit ist die spirituelle Rückbindung an den VATER, das Kennen des Vaters. In dem Ausdruck „Ich kenne den Vater“ liegt die Betonung auf dem „Ich“, dem EGO. „Der den Vater kennt, der bin ich“ Damit klingt die Überzeugung des Johannes-Evangeliums an: Über Jesus ist uns ein Zugang zu Gott als Vater möglich. Indem wir seine Gottesbeziehung erlernen und einüben, gelangen wir zu einer neuen Kenntnis Gottes.

 

In erster Linie geht es zwar in dem Ich-bin-Wort um eine Darstellung Jesu. Aber gleichzeitig werden entscheidende Grundzüge der Hirtenarbeit gezeichnet, ein Pastoral-Stil wird vorgestellt, der schon in den frühen Gemeinden gegolten hat und der bis heute gilt. Das Wort Pastor ist das lateinische Wort für Hirte.

 

In den Paulus-Briefen lässt sich an mehreren Stellen seine pastorale Sorge erspüren. In Gemeinden, die er gegründet hat, haben sich Leute eingeschlichen, die Risse in der Gemeinschaft verursachen: „Jene Leute eifern um euch nicht in guter Absicht; sie wollen euch abtrünnig machen, damit ihr um sie eifert. Gut ist es, allezeit um das Gute zu eifern und nicht nur dann, wenn ich bei euch bin, meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt. Ich wollte, ich könnte jetzt bei euch sein und in anderem Ton mit euch reden; denn ihr macht mich ratlos“. (Gal 4.17-20)

Um die Korinther ringt Paulus jahrelang, damit sie der anfänglichen Grundlinie treu bleiben und sich nicht von Falschaposteln oder Missetätern spalten lassen. Er lässt sich von ihnen bewusst nichts bezahlen für seine Seelsorgearbeit, weil er erlebt, wie viele andere sogenannte Hirten sich gut bezahlen lassen und sich als Super-Apostel hinstellen: „Ich schrieb euch aus großer Bedrängnis und Herzensnot, unter vielen Tränen, nicht um euch zu betrüben, nein, um euch meine übergroße Liebe spüren zu lassen“. (2 Kor 2,4)

 

In der Apostelgeschichte hören wir, wie  Paulus mehrere Gemeindeleitern nach Milet kommen ließ. Er hielt dort seine Abschiedsrede und ermahnte sie dabei eindringlich: „Gebt acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Vorstehern bestellt hat, damit ihr als Hirten für die Kirche des Herrn sorgt, die er sich durch sein eigenes Blut erworben hat. Ich weiß: Nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht verschonen. Und selbst aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die mit ihren falschen Reden die Jünger auf ihre Seite ziehen. Seid also wachsam, und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört habe, unter Tränen jeden einzelnen zu ermahnen. Und jetzt vertraue ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade an, das die Kraft hat, aufzubauen und das Erbe in der Gemeinschaft der Geheiligten zu verleihen.“ (Apg 20, 28-32)

 

Somit wird deutlich aufgezeigt, woher eine der Gefährdungen der Kirche kommt – nämlich von innen:  Die tauglichen Mitarbeiter in der Pastoral unterscheiden von den bloß Bezahlten dadurch, dass sie über die gewohnte Arbeit hinaus auch einen Blick haben für Tendenzen, wodurch Mitglieder entrissen werden könnten. Die anderen Mitarbeiter, die sich auch Hirten nennen, die den Namen gar nicht verdienen, arbeiten um ihres Einkommens willen und sie tun nicht mehr als das Übliche. Sie verschließen die Augen, wenn Mitglieder den Anschluss verlieren, weil sie geschwächt sind oder noch jung sind. Den Lohnarbeitern in der Seelsorge fällt es nicht ein, ihre „Seelenruhe“ herzugeben, ihre Psyche, ihr Leben, um einzelne Mitglieder vor Gefahren zu bewahren. Das Evangelium will den Gemeinden Hilfestellung geben, damit die seelsorglichen Lohnarbeiter aufgedeckt werden. Solche Leute zu mehr Gewissenhaftigkeit zu ermahnen, hat meist keinen Sinn. Lieber sollten die Gemeinden ihren Blick den tauglichen Hirten zuwenden. Jesus ist das Modell für Hirten. So wie er Kräfte schöpft aus der Beziehung zum VATER, sollten es auch die Hirten in allen Gemeinden tun. Das Evangelium bezeichnet Jesus als den idealen Hirten und gibt dabei Richtlinien vor, wie der Dienst als Hirte aussehen sollte bis heute.