26. April 2020

3.Sonntag der Osterzeit

Brannte nicht unser Herz in uns

Lukas 24,13-35

An diesem Tag EINS, nachdem das jüdische Pascha-Fest vorüber war, befanden sich zwei Männer aus dem Schülerkreis Jesu unterwegs hinaus aus Jerusalem. Warum sie die Stadt verließen, wird uns nicht berichtet. Vielleicht wollten sie einfach nur heim gehen, wieder zurück in den Alltag, zurück zur Normalität. Ein biblischer Autor meint, sie seien geflohen aus Jerusalem, weil sie sich fürchteten vor der jüdischen Führung. Lukas nennt namentlich das Ziel ihres Unterwegsseins: Emmaus, ein Dorf (keine Stadt!). Es lag 60 Stadien westlich von Jerusalem, das sind 11,5 km , also ein Fußmarsch von knapp 2 Stunden. Manche alte Handschriften geben nicht 60, sondern 160 Stadien an, das wären 32,5 km und ein Marsch von 5 Stunden. Glaubwürdiger erscheint die kürzere Entfernung, aber es spricht einiges dafür, dass die längere richtig ist. Der Archäologe und biblische Buchautor Karl Heinz Fleckenstein, führt reichliche Gründe für das weiter entfernte Emmaus an, das später eine römische Stadt wurde und dann Nikopolis hieß.

Jedenfalls legt der Evangelist Lukas die Betonung nicht auf den Weg, sondern auf das Gehen: Sie waren Gehende. Sie führten miteinander ein Gespräch darüber, was sich angehäuft hatte, was zusammen gekommen war – es war ein lange anhaltendes Gespräch. Während sie dieses Wechselgespräch führten und hin und her überlegten, ergab es sich, dass ein dritter dazu kam und mit ihnen ging. Dass er sich als Jesus selbst erweisen sollte, wussten sie anfangs nicht. Ihre Augen waren festgehalten (Das hier verwendete Wort ist wie bei einer Festnahme, Gefangennahme.) Deshalb nahmen sie ihn nicht bewusst wahr. Dieser Dritte hörte zunächst zu. Erst dann stellte er ganz behutsam Fragen: „Was sind das für Grundsätze, die ihr da gegeneinander aufstellt, während ihr so dahin geht.“ Der Original-Text sagt nicht „... auf dem Weg miteinander redet...“, sondern die Betonung liegt wieder wie oben am Gehen, Herum-Gehen. Es scheint kein konstruktives Gespräch gewesen zu sein, denn der Text sagt nicht „sie redeten miteinander“. Eher war es ein ständiges Hin und Her, ein Für und Wider. Das griechische Wort ANTI-BALLO drückt ein Entgegen-Werfen aus, Meinung und Gegenmeinung.

Dieser Dritte hatte versucht, ihnen das wie ein begabter Gesprächstherapeut mit seiner einfühlsamen Frage bewusst zu machen. Sie blieben stehen und schauten finster und niedergeschlagen drein – nicht „traurig“. Dasselbe Wort "finster" ist in der Ermahnung Jesu enthalten: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht.“ (Mt 6,16). Der eine von den beiden – er hieß Kleopas – ging nicht auf die Frage ein, sondern er fühlte sich genötigt, ihm Vorhaltungen zu machen: „Du! Was bist  du für ein Gast in Jerusalem! Du - du zeigst nicht das geringste Interesse an den jüngsten Vorkomm-

nissen in der Stadt. Hast du als Einziger keine Kenntnis davon, was sich in ihr an diesen Tagen zugetragen hat.“

Es ist nicht sicher, welcher Ort das biblische Emmaus ist. Wie wandern von Emmaus-Qubebe nach Jerusalem (Stadtrand ist im Hintergrund zu erkennen)

Für Kleopas war die Verurteilung und öffentliche Hinrichtung Jesu „das“ Stadtgespräch, das Thema Nummer eins in Jerusalem. Das musste der Besucher der Stadt doch wissen. Kleopas hatte nicht gemerkt, dass es dem Dritten darauf angekommen war, dass sich die beiden den Kummer von der Seele sprechen konnten über ihr tiefes Trauma. Deshalb führte sie der Dritte noch einmal mit einer ganz schlichten Frage weiter: „Was?“ Jetzt holten sie zu ihrer Beschreibung Jesu aus und sagten: „Das über Jesus den Nazarener. Er entwickelte sich zu einem prophetischen Mann. Er war kraftvoll und fähig in Tat und Wort –  sowohl im Angesicht Gottes als auch vor dem ganzen Volk. Unsere Hohenpriester hingegen und unsere Führenden haben ihn der richterlichen Gewalt ausgeliefert und ihn so am Pfahl hinrichten ließen. (Die abscheuliche Wort „ans Kreuz schlagen“ ist im Originaltext bewusst vermieden.) Wir jedoch – wir im

Gegensatz zur religiösen Führung –  wir waren von  der starken Hoffnung erfüllt, dass er es sei, der Israel loskaufen würde.“ Lukas verwendet hier für „loskaufen“ ein seltenes Wort, das einen Lösepreis meint, den jemand hinlegt, um Sklaven los zu kaufen und ihnen die Freiheit zu schenken. (Ein Satz aus dem 1.Petrusbrief macht es verständlicher: „Ihr wisst, dass ihr aus eurer nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, ...“ 1Petr 1,18)

Die beiden kamen zum Schluss ihrer Ausführung. Der klang nach Enttäuschung: „Aber nach alle dem ist es schon der dritte Tag, seit dem das alles geschehen ist. Aber einige Frauen von unserer Runde haben unter uns Verwirrung gestiftet: Sie kamen bei Tages­anbruch zur Grabstätte. Sie fanden seinen Leib nicht. Sie kamen und sag­ten, sie hätten eine Er­schei­nung von Boten ge­habt, die gesagt hätten, er lebe. “ (Beachte: Lukas wählt nicht das Wort „Leichnam“, sondern „Leib“.)  Dann ergänzten die beiden noch: „Einige von denen, die zu uns gehören, gingen zur Grabstätte. Sie fanden das so, wie es die Frauen gesagt hatten. Ihn selber aber sahen sie nicht.“ Der Dritte hatte nicht unterbrochen in ihrer Schilderung, obwohl einige Male Anlass gewesen wäre, einzuhaken. Erst als sie zu Ende gesprochen hatten, setzte er an: „Oh, wie unverständig ihr seid! Wie lang­sam seid ihr, was den Glauben anbelangt. Träge sind eure Lernfortschritte in Bezug auf das Vertrauen in all das, was die Propheten umfangreich dargelegt haben. War nicht genau das notwendig? Der Gesalbte musste das erleiden. Es war unumgänglich. Es war der einzig mögliche Weg, um in den Glanz, in das prachtvolle Licht zu gelangen. Er nahm Mose und alle Propheten als Ausgangspunkt, um ihnen in allen Schriften das zu erklären, was über ihn enthalten ist. Sie näherten sich dem Dorf, wo sie hingingen, und er selbst gab vor, noch weiter zu gehen. Sie drängten ihn stark, in­dem sie sagten: Bleib bei uns, weil es schon abend­lich ist und der Tag zur Neige gegangen ist. Und er ging hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und es ergab sich, dass er sich selber mit ihnen zum Essen niederließ. Da nahm er das Brot, sprach darüber das Segensgebet. Damit übernahm er die Rolle des Hausvaters. Dann teilte er es und gab es ihnen. Wie oft hatte Jesus das auf seinem dreijährigen Zug durch Galiläa und ganz Israel getan! Bei unzähligen Hausbesuchen hatte er der Gastfamilie den Frieden gewünscht, hatte zum Beginn des Mahles Brot hochgehoben und den Lobpreis gesprochen. Das war sein Markenzeichen. Da wurden den beiden die Augen geöffnet – von Gott geöffnet –  und sie erkannten ihn selber. Er selber aber war aus ihrem Blickfeld verschwun­den. Sie sagten sich gegenseitig: War nicht unser Inneres, unser Herz brennend, als er uns auf dem Weg das erzählte und als er uns die Schriften öffnete. Sie standen noch in derselben Stunde auf  und kehrten zurück nach Jerusalem. Sie fanden die Elf als Gruppe versammelt und die Dazugehörigen. Die beiden konnten vorerst gar nicht erzählen von ihrem Erlebnis, denn die Versammelten überfielen sie mit ihrer eigenen Nachricht:  Sie sagten: „Tatsächlich – er­weckt wurde der Herr“ Sie sagten nicht: Er ist auferstanden, sondern „erweckt“. Und sie sagten: „Dem Simon wurde er ge­zeigt.“ Sie nannten ihn nicht nach seinen Berufungsnamen Petrus. Die letzte Gelegenheit, wo er zuvor erwähnt und noch Petrus genannt wurde, war im Haus des Hohenpriesters. Dort wurde Jesus verhört und Petrus verleugnete seinen Meister dreimal. Wenn er jetzt wieder Simon hieß, scheint er durch die Begegnung mit dem erweckten Christus an einen neuen Anfang gestellt worden zu sein. Die beiden Männer aus Emmaus selber beschrieben das auf dem Weg Erlebte und wie er ihnen verständ­lich wurde im Brotbrechen. Die Einheitsübersetzung gibt in dem Satz den Originaltext mehrfach unscharf wieder. „Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.“ Nicht „sie erzählten“, sondern: sie beschrieben, sie erklärten, sie schilderten. Nicht „sie erkannten ihn“ (=aktiv), sondern „er wurde ihnen zu erkennen gegeben“ (=passiv). Das Erkennen wurde ihnen geschenkt - von Gott. Nicht „als er das Brot brach“, sondern "im Brechen des Brotes". Somit ist das Brotbrechen ein fester Begriff, der bedeutungsvoll wurde im frühen Christentum. Das Teilen und Austeilen des Brotes sollte das  Erkennungszeichen für den künftigen Christus und für seine Bewegung werden. Es gehört tatsächlich sehr früh zu den 4 Wesens­merkmale der jungen Christen­gemeinden: (1.) Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und (2.) an der Gemeinschaft, (3.) am Brechen des Brotes und (4.) an den Gebeten. (Apg 2,42)

Mit der Emmaus-Schilderung ist der Zyklus der Sonntagsevangelien abgeschlossen, wie seinen Anhängern eine Begegnung geschenkt wurde. Höchst unterschiedliche Begegnungen mit dem erweckten Christus sind da beschrieben. Die Art der Begegnung mit IHM entsprach ganz der Wesensart der jeweiligen Personen. >> Maria Magdalena, die auf so innige Weise mit ihm verbunden war, stand vor dem Grabstollen und schluchzte. ER redet sie mit ihrem Namen an: „Maria!“ Das genügte, damit sie ihn als ihren geliebten Meister erkannte. >> Simon Petrus ist der erste unter den Männern, denen Christus gezeigt wird. Worum es bei ihm ging, können wir nur vermuten: Es ging wohl um die Vergebung seines Versagens. Wahrscheinlich verzieh ihm Jesus und nahm ihn aufs Neue an als seinen Vertrauensmann. >> Zwei weitere Jesus-Schüler gingen mit enttäuschter Hoffnung nach Emmaus und diskutieren hin und her. Ihnen erschließt ER durch das Schriftgespräch seine Mission und lässt sich durch das Brotbrechen erkennen. >> Die Elf scheinen etwas verloren zu sein an einem Ort. Indem er in die Mitte trat, verlieh er ihnen wieder inneren Frieden und konnte ihnen den Sendungsauftrag erteilen. >> Und wir Heutigen: Wie zeigt er sich uns? Ebenso unterschiedlich und entsprechend unserer Wesenszüge. Die einen begleitet er am Weg und stellt Fragen, dem anderen vergibt er sein Versagen, die andere spricht er berührend mit ihrem Namen an, in einer zaghaft versammelten Runde taucht er unvermittelt auf und haucht sie an. Wir dürfen uns jedenfalls auf einiges gefasst machen.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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