27.Juni 2021      13.Sonntag im Jahreskreis

Töchterchen wird zur Frau

Markus 5,21–43

Jesus war wieder an das gegenüber liegende Ufer gefahren mit dem Boot. Er wechselte von der Ostseite des Sees wieder zur Westseite, vom Golan nach Galiläa, von dem römisch geprägten Zehnstädtebezirk (Dekapolis)  zum jüdischen Land. Dass er bei der Überfahrt nicht alleine war, sondern in Begleitung seines Schülerkreises, das ist so selbstverständlich, dass es nicht eigens erwähnt ist: Kaum angekommen, versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn, so als hätte er ihnen schon gefehlt. Er hielt sich am See auf – also in der freien Natur – nicht im Stadtgebiet, auch nicht in einer Synagoge.

Da kam einer aus dem bezirksweiten Synagogenrat, einer der Vorsteher aus einer Kleinstadt. Er hatte sich durch gekämpft durch die Menschenmenge bis zu Jesus. Das war ungewöhnlich, denn viele geistliche Würdenträger waren zurückhaltend bis misstrauisch gegenüber Jesus. Sie empfanden ihn als einen Bauernfänger, der es verstand die Massen zu begeistern. Durch eine amtliche Überprüfung von Gelehrten aus Jerusalem war er als Scharlatan abgewertet worden. Somit war  dieser Synagogen-Vorsteher eine Ausnahme, wenn er sich Jesus anvertraute. Als er in die Sichtweite von Jesus kam, fiel er ihm zu Füßen. Das war eine ganz unübliche Geste für einen Mann. Nur Frauen warfen sich vor Jesus nieder. Dafür gibt es ein paar Beispiele: Eines folgt im nächsten Abschnitt. Eines berichtet von einer ausländischen selbstbewussten Frau, einer Phönizierin aus Syrien (Mk 7,25). Nur einmal ist es ein Mann mit einer flehentlichen Bitte – ein von Aussatz Befallener (Mk 1,40). Der Vorsteher war offenbar in äußerster Not, denn er bat Jesus mehrmals, sich ihm zuzuwenden (im Original-Text steht nicht er flehte, denn das wäre zu unterwürfig. Es heißt: Er bat vielfach. Er sagte: „Mein Töchterchen liegt in den letzten Zügen.“ Er schloss gleich die eindringliche Bitte an: „Komm zu einer Behandlung in mein Haus! Lege die Hände auf sie, damit sie gerettet wird und lebt!“ Selten, dass ein Notleidender so genau sein Anliegen vortrug und gleich ergänzte, welche Behandlung er sich erwartete. Wenn wir genau vergleichen mit anderen Heilungserzählungen, wird uns das auffallen. Er war offenbar gebildet und sicher im Auftreten. Er sprach vom „Töchterchen“. Das ließ auf eine Tochter im Kindesalter schließen und an eine enge Beziehung zwischen Vater und Tochter. Er war in Gefahr, sein Teuerstes zu verlieren, aber er hatte noch Hoffnung. Jesus hatte genau hingehört und war bereit, zu kommen. Er ging mit ihm weg von dort. Er lief nicht, wie man es heute von der „Rettung“ gewohnt ist. Obwohl Jesus jemand zu retten hatte, der in Lebensgefahr war, rannte er nicht los. Er behielt die Ruhe. Das würde bei noch einmal so sein: nämlich bei Lazarus. Als Jesus gemeldet wurde, dass Lazarus schwer erkrankt war, blieb er noch 2 Tage an dem Ort, das war 30 km entfernt. Siehe Joh 11,6. Hier bei der Bitte des Jairus  verhinderte auch der große Menschenandrang ein rasches Vorwärtskommen. Die Leute schlossen sich an und folgten hinter ihm her. Dabei erdrückten sie ihn beinahe.

Da war eine Frau, die seit zwölf Jahren nicht aus ihren Blutungen heraus kam. Unter einer Vielzahl von Ärzten hatte sie vieles erlitten. Sie hatte all ihre Habe ausgegeben und es hatte zu keinem Erfolg geführt. Ihr Zustand war viel schlimmer geworden. Als ihr das zu Ohren gekommen war, was man von Jesus erzählte, kam sie in der Menschenmenge von hinten und fasste sein Gewand an. Denn sie sagte sich: >Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich gerettet<.  Sogleich vertrocknete die Quelle ihres Blutes, und sie merkte es körperlich, dass sie von der Plage geheilt war. Sofort erkannte Jesus in sich selbst die von ihm abgezogene Kraft. Er wandte sich in der Menge um und sagte: „Wer hat mein Gewand angefasst?“ Einige aus seinem Schülerkreis sagten zu ihm: „Du siehst doch, dass die Menschenmassen dich erdrücken, und du fragst: Wer hat mich angefasst?“ Er aber blickte umher, um die zu sehen, die das getan hatte. Die Frau aber fürchtete sich und zitterte, denn sie wusste, was mit ihr geschehen war. Sie kam und warf sich vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Jesus aber sprach zu ihr: „Tochter“ Er sagte zwar laut Originaltext nicht „meine“, aber er drückte damit aus, dass sie ihm teuer war. Weiter erklärte er ihr den Grund der Heilung. „Dein Vertrauen war es, das dich gerettet hat. Du kannst in Frieden weggehen! Du sollst geheilt sein von deiner Plage – ein für alle Mal!“

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Vielerorts in Israel sind sie im Frühling zu finden diese weißen Lilienblumen: von saftigen Wiesen in Galiläa bis kargen Steppen in Richtung Wüste. Sie erinnern an das Heranwachsen von jungen Menschen.

Während Jesus noch in dem Gespräch mit der Frau vertieft war, kamen die Leute des Synagogenvorstehers und sagten: „Deine Tochter ist soeben verstorben!“ Wie knallhart diese Mitteilung doch klang. Dann fügten sie noch hinzu: „Was bemühst du den Lehrer noch?“ Jesus aber wollte diesen Spruch gar nicht hören, der soeben daher geredet worden war. (Wörtlich übersetzt: Jesus hörte vorbei.) Was von beiden wollte Jesus nicht hören? „Tochter gestorben“ Oder „Den Lehrer nicht beanspruchen.“ Aus dem zweiten Satz kann man eine widersprüchliche Einstellung gegenüber Jesus herausspüren: Wer ihn nämlich kannte, wusste, dass er sich niemals beansprucht, bemüht oder gar belästigt fühlte. Er tat seinen Dienst mit Freude und Hingabe. Noch etwas könnte man heraus hören, nämlich den abfälligen Unterton: „Wir haben es dir von vornherein gesagt, es hat keinen Sinn zu diesem Meister zu laufen.“ Jesus sprach zu dem Synagogenvorsteher mit Klarheit und Stärke: „Lass dich jetzt nicht in Schrecken versetzen. Du hast gehofft, dass dein Kind gerettet wird. Lass dich durch die Meldung nicht abbringen davon. Jetzt musst du weiter Vertrauen haben. Es ist das Einzige, was du jetzt tun musst!“ Jesus erlaubte niemandem aus der Menge, ihn zu begleiten, außer Petrus, Jakob und Johannes, dem Bruder des Jakob. Sie waren jene drei aus dem Zwölferkreis, die noch öfter Zeugen sein würden bei ganz außergewöhnlichen Ereignissen.

 

Sie kamen in das Haus des Synagogenvorstehers, und Jesus sah den Wirbel und die Weinenden und laut Heulenden. Ja, es war kein Trauern, sondern ein Heulen, was sich hier abspielte. Jesus ging hinein und sagte zu ihnen: „Was macht ihr so einen Lärm und weshalb weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft.“ Da machten sich die Klagefrauen über Jesus lustig. Ihr trauriges Schluchzen war auf einmal umgeschlagen in Gelächter. Da mag man sich fragen: Was war der Trauergesang wert? Er jagte sie alle hinaus – das machte er ziemlich energisch. Den Vater des Kindes, die Mutter und seine engsten Begleiter nahm er mit sich. So ging er dort hinein, wo das Kind war. Der Text ist zurückhaltend, wenn er sagt: ... wo das Kind „war“. Es heißt nicht: ... wo das Kind „schlief“, auch nicht: ... wo das Kind „lag“ – womöglich aufgebart lag. Vielleicht stand Jesus einen Augenblick vor dem Kind. Dann packte er fest die Hand des Kindes und ließ es nicht mehr los. „Er fasste es an der Hand“, ist zu mild übersetzt. Das griechische Wort KRATEO wird auch verwendet, wenn Soldaten jemanden packen und festnehmen. Dann sprach er das Mädchen an: „Junges Fräulein.“ Es überrascht, dass er nicht „Kind“ sagt, wo doch der Vater von seinem „Töchterchen“ gesprochen hatte und ständig von einem Kind die Rede war. Nach der fraulichen Anrede forderte er sie auf: „Dir sage ich: Aufstehen!“ Die Anrede ist noch im aramäischen Wortlaut erhalten, genau wie Jesus sie ausgesprochen hat und sie lautete „Talita kumi“! Jesus redete sie also nicht als Kind, nicht als Töchterchen an, wie es der Vater immer getan hatte, sondern er nahm sie als junge, hübsche Frau wahr. Außerdem redete er sie an, wie wenn er sie aus dem Schlaf aufwecken würde: Er zog sie nicht hoch, sondern sie musste nur die Aufforderung hören. Das Gehör ist eines der letzten Organe des Menschen, das auch in Todesnähe noch aufnahmefähig bleibt.  Sofort richtete sich das Mädchen aus eigener Kraft auf, stellte sich auf die Füße und ging vor ihren Augen herum, so als ob nichts gewesen wäre. Jetzt wird sie im Text erstmals „Mädchen“ genannt. Das geht auf die Zeugen dieses Ereignisses zurück. Für die drei Begleiter Jesu war deutlich zu sehen, dass sie kein Kind war, kein liebes „Töchterchen“, sondern eine junge Frau. Sie selbst scheint zunächst nur vor sich hin spaziert sein, ohne zu reden und ohne zu merken, wer hier  anwesend war – noch ganz benommen. So wurde sichtbar, dass sie zwölf Jahre alt war – also im damaligen heiratsfähigen Alter. Alle fünf Anwesenden waren außer sich vor Entsetzen – es war für sie unfassbar. Jesus trug ihnen eindringlich auf, dass niemand von dem Hergang erfahren sollte. Dann verlangte er etwas ganz Alltägliches, nämlich man solle ihr zu essen geben. Es sah, dass sie geschwächt war  von dem, was sie bis jetzt durchgemacht hatte und dass sie vor allem wieder zu Kräften kommen musste.

 

Wir gehen nur noch auf die Jairus-Geschichte näher ein. Für den vornehmen Vater scheint das „Töchterchen“ sein Eins und Alles zu sein. Vielleicht ist seine Liebe aber zu umklammernd, er entlässt die Tochter nicht aus der Vater-Kind-Beziehung. Sie stirbt ihm beinahe weg. Erst indem sie an den Rand des Todes kommt, kann sie zur Frau erweckt werden. Jairus ist einer, der nicht einstimmt in die Grundhaltung seiner Berufskollegen und nicht abfällig über Jesus denkt, Jesus den Vertrauens-Lehrer . Anders als sie setzt er große Hoffnung in den neuen Lehrer aus Nazaret. Dieses Vertrauen wird auf die Probe gestellt und die Flamme ist sogar in Gefahr zu erlöschen, weil ihm Nahestehende ganz nüchtern melden: „Tochter   tot“.  Diese Tatsachen-Menschen können viel Unheil anrichten, indem sie aufkeimendes Vertrauen bei anderen zunichtemachen. Jesus verlangt als Voraussetzung, dass die Rettung gelingt, dass der Vater weiter vertraut. Das ist der überzeitliche Wert dieser Schilderung: Festhalten am Vertrauen, sich  nicht abbringen lassen – gerade nicht von denen, die nüchtern „Tatsachen“ aufzählen.

So wie damals zieht Jesus nicht mehr durch die Lande, aber wer bereits von ihm angetan ist und in seiner Schule das Vertrauen geübt hat, kann anderen wertvolle Dienste tun: Er kann sie ermutigen, damit sie nicht verzagen. Er kann ihnen beistehen, um  Vertrauen aufzubauen. Er kann mithelfen beim Erfahrung-Sammeln, dass es oft doch noch den guten Ausgang gibt. Den für möglich zu halten und ihn herbei zu sehnen, das ist Vertrauen.