30.Okt. 2022      31.Sonntag im Jahreskreis

Ein Superreicher zeigt  Interesse an Jesus

Lukas  19,1-10

Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. Und siehe, da war ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war reich. Er suchte Jesus, um zu sehen, wer er sei, doch er konnte es nicht wegen der Menschenmenge; denn er war klein von Gestalt. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben. Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. Und alle, die das sahen, empörten sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Jesus erreichte gemeinsam mit einer ansehnlichen Schar von Pilgern die Stadt Jericho. Das war der letzte Zwischenstopp vor Jerusalem, wo sie dann das Pascha-Fest feiern würden. Die Stadt liegt inmitten der Wüste. Sie hat heute 22.000 Einwohner und  steht unter palästinensischer Verwaltung. Viele Touristengruppen umfahren sie mit ihrem Reisebus, weil israelische Agenturen behaupten, palästinensische Städte seien zu gefährlich. Das ist schade, denn gerade diese arabische  Stadt strahlt eine ungewöhnlich entspannte Stimmung aus. Es lohnt sich für heutige Pilgergruppen, dort für eine Nacht Quartier zu nehmen und einen Stadtrundgang zu machen. Bis zum Toten Meer, dem tiefstgelegenen Gewässer der Erde,  sind es nur noch 10 Kilometer, aber die tiefe Lage Jerichos von minus 250 Meter merkt man als Besucher natürlich nicht.

Zwei Besonderheiten der Stadt haben mit Österreich zu tun: die Seilbahn auf den sogenannten Berg der Versuchung wurde von einer Firma aus Vorarlberg errichtet und an das hochhausähnliche Luxushotel am Stadtrand war früher ein österreichisches Casino angeschlossen. „2000 bis 3000 Gäste sorgten täglich dafür, dass nicht nur die Kugel, sondern auch der Rubel rollte. Binnen kurzer Zeit entwickelte sich die Spielbank in der Wüste zur Goldgrube. Die Rede war von durchschnittlichen Tagesumsätzen von rund 700.000 Dollar“, schrieb im April 2013 die Tageszeitung DIE PRESSE. Wegen der 2.Intifada musste das Casino geschlossen werden und das ist nun gut  20 Jahre her.

Dort – in Jericho – ließ sich Jesus von einem sehr reichen Mann einladen, einem Steuer-Eintreiber, der wegen schmutziger Geldgeschäfte in Verruf stand. Nur der Evangelist Lukas scheint den Fall zu kennen oder er kann ihn als einziger brauchen in seinem Buch. Kein anderer Evangelien-Autor  befasst sich so viel wie er mit den Themen „reich und arm“, sowie „Besitz“ und „Besitzfreiheit“. Das Wort „arm“ (griechisch PTOCHOS) kommt bei ihm 10mal vor, genauso oft wie bei Markus und Matthäus zusammen. Das Wort „reich“ (griechisch PLOUSIOS) sowie „reich sein“ oder „Reichtum“ braucht er 14mal (gegenüber 4 bzw. 3 Mal bei Matthäus und Markus). Ganz deutlich hebt sich der Begriff „der Besitz, das Vermögen“ ab (wörtlich: das zur Verfügung Stehende). Lukas verwendet ihn 8 Mal gegenüber nur 3 Mal bei Matthäus.

Dattel-Plantagen  gibt es zahlreich inmitten der Wüste rund um Jericho. Einzelne Palmen ragen in der Stadtmitte auf und werfen ihren bizarren Schatten auf die Straßen. 

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Großer Besitz hat umklammernden Charakter, deshalb zeichnet sich ein Jesus-Anhänger durch Freiheit von Besitz aus. Wer unterwegs ist im Auftrag des Evangeliums, kann sich nicht von Besitztümern behindern lassen. Das war für Jesus und seine unmittelbaren Begleiter eine unbestrittene Grundlinie Es galt auch noch für die Verantwortlichen der frühen Kirche.  Paulus charakterisiert noch in den 50er Jahren seine Gemeinden so: „Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme“ (1 Kor1,26) Lukas in den 90er Jahren hingegen stellt fest, dass die Zahl der Wohlhabenden oder sogar Reichen zunimmt, die sich der Jesus-Gemeinde anschließen und  darin auch Führungsrollen übernehmen. Er beobachtet es mit Besorgnis, weil er das Gefühl hat, dass sie ihrem Leben nur einen „spirituellen Anstrich“ geben, aber nicht grundsätzlich ihren Lebensstil ändern. In der Person des Zachäus sieht er ein Bespiel, wie es aufrichtig wäre.

Jesus ging nicht allein durch die Stadt, sondern war begleitet von zahlreichen Mitpilgernden zum Pascha-Fest. Es sah aus wie in einer Pilgerprozession. Sie setzte sich überwiegend aus Gläubigen seiner Heimat Galiläa zusammen. Ihr letztes Quartier auf der mehrtägigen Pilgerreise, bevor sie das Ziel Jerusalem erreichten, das brauchten sie alle hier. Danach folgte der 30 Kilometer lange steile Aufstieg zur heiligen Stadt. Wegen der Berühmtheit des Meisters Jesus nahm der Auflauf zu. Immer mehr Stadtbewohner liefen mit. Wohlhabende und Gebildete waren zurückhaltend und hielten Jesus für einen „Bauernfänger“. Zwischen den Anhängern und den Ablehnenden  gab es etliche halb Neugierige und halb Abwartende. Zu ihnen gehörte auch der Superreiche namens Zachäus. Er war reich geworden durch die Privatisierung des Zollwesens. Der König trieb schon lange nicht mehr selber die Zölle ein, sondern vergab sie an Unternehmer, von denen er sich zu Jahresbeginn die Pacht im Voraus auszahlen ließ. Wie dann ein Zollpächter im Laufe des Jahres die Beträge von den Bürgern eintrieb, war ihm überlassen. Es gab zwar festgesetzte Obergrenzen und Vorgaben, dennoch wurde Schindluder getrieben. Vor allem konnte der Zolleintreiber einem Zahlungsunwilligen oder Säumigen mit Soldaten drohen.

 

Zachäus wollte sich von dem gar so berühmten spirituellen Emporkömmling aus Galiläa selbst ein Bild machen. Er wollte wissen, was an seinem Ruf wahr sei. Er war aber klein von körperlicher Gestalt (nicht unbedingt klein als Persönlichkeit). Vom Geschäftsleben her war er es gewohnt, Strategien zu entwickeln. Deshalb lief er dorthin voraus, wo anzunehmen war, dass Jesus mit dem Menschenandrang vorbei kommen sollte. Als Aussichtswarte wählte er sich einen Maulbeerfeigenbaum, Sychomore genannt. Dort stieg er hinauf. Der Astansatz weit unten an dem dicken Stamm erleichterte das Hinaufklettern. Jesus kam tatsächlich an den Ort. Er schaute hinauf und hielt an. Er redete ihn mit seinem Namen an: „Zachäus!“ Anscheinend hatten zuvor schon einige Stadtbewohner seinen Namen verächtlich genannt. Jesus schloss sich der abwertenden Haltung nicht an, sondern ermunterte ihn: „Verlier keine Zeit. Beeile dich. Steig herunter! Es ist nämlich notwendig, dass ich heute in deinem Haus bleibe.“ Der war begeistert von dieser Selbsteinladung Jesu und stieg eilig herunter. Seine Vorbehalte gegen den Meister waren wie weggeblasen und es erfasste ihn ein Glücksgefühl und Freude. Gerne nahm er ihn auf. Bei den Stadtbewohnern stieß das nicht gerade auf Gegenliebe. Die schrien vor Empörung wild durcheinander (Das lautmalerische Wort DIA-GONGYZO gibt die Stimmung wieder!). Die Schreier waren wohl nicht die Pilger aus Galiläa, denn die kannten bereits den Stil Jesu, es müssen Einheimische gewesen sein. Die wussten genug Bescheid über die unsauberen Geschäftspraktiken dieses Mannes und hätten Einzelheiten aus seinem zweifelhaften Privatleben aufzählen können. Deshalb schimpften sie noch lange hinterher, nachdem alle Pilger schon ihr Quartier bezogen hatten- Ihr Tenor lautete: „Er ist bei einem Mann eingekehrt, der sich vielfach versündigt hat.“

 

Diese Missstimmung wurde auch dem Zachäus zugetragen. Der machte nicht den Fehler, dass er gegen diese rufschädigenden Leute antrat. Er ging auf die Vorwürfe nicht einmal ein, sondern er wandte sich ganz bewusst dem Herrn zu. Mit ihm besprach er die Sache. Er sagte: „Die Hälfte meiner zur Verfügung stehenden Mittel will ich verwenden, um soziale Härtefälle zu lindern. Alle, die hier betteln müssen, ganz gleich, ob selbst verschuldet oder wegen eines Schicksalsschlages, sollen in nächster Zeit eine Erleichterung erhalten - ich stelle keine kleinen Summen für sie bereit. Und: Was ich von einzelnen Bürgern erpresst habe, gebe ich ihnen in vierfacher Höhe zurück. Ja, wenn ich von bestimmten Leuten überhöhte Beträge durch Militärgewalt erzwungen habe, gebe ich es nicht doppelt, sondern vierfach zurück.“ Jesus hatte ihm das nicht abverlangt, er hatte gar keine Wiedergutmachung gefordert. Das Versprechen war von dem Mann selbst gekommen. Jesus war davon so beeindruckt, dass  er darüber nicht schweigen konnte. Er sagte: „Heute ist dieses Haus gerettet worden. Es ist etwas entstanden, das den Mann, seine Familie und sein Dienstpersonal vor etwas bewahrt hat.“ Es wird nicht gesagt, wovor er bewahrt wurde, aber man kann es als „Rettung“ bezeichnen, was geschehen ist. „Auch dieser ist ein Sohn Abrahams.“ Dieses Wort erinnert an die Lehrgeschichte Jesu (nur von Lukas überliefert), wo der arme Lazarus stirbt und gleich  darauf an die Brust Abrahams gelehnt speisen darf, während der in Purpur gekleidete Reiche in der Grube endet. Das Schlusswort, das Lukas noch an die Zachäus-Begebenheit anhängt, lautet: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Jesus selbst hat das in einem anderem Zusammenhang etwas präziser formuliert: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (Mk 2,17) Daraus geht hervor, dass sich Jesus nicht alleine für die Rettung zuständig fühlt. Was er tut, ist, dass er ruft, er lädt ein, er bietet die Möglichkeit an. Soviel liegt an ihm. Damit daraus Rettung entstehen kann, dazu muss der Betroffene selbst Schritte setzen. Das war auch bei Zachäus der Fall: Er hat von sich aus seine Eigenmittel halbiert und sozial Benachteiligte unterstützt. Genau dadurch ist die Rettung ermöglicht worden (wörtlich übersetzt: es ist Rettung entstanden).

 

Lukas setzt in der Geschichte zweimal das Wort „heute“ ein: „Ich muss heute in deinem Haus bleiben“ und „Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden“. „Heute“ ist ein Lieblingswort des Lukas. Er baut es ganz am Anfang seines Buches bei der Hirten-Szene in Betlehem ein: „Heute ist euch der Retter geboren“ und er legt es am Schluss des Buches dem am Kreuz aushauchenden Jesus in den Mund, der zu dem Mitgekreuzigten sagt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“. Das Heute bleibt für Lukas bis in weite Zukunft bestehen – bis in unsere Zeit herauf – 2000 Jahre später. Auch heute gibt es Wohlhabende, die durch eine unvergesslich wertvolle Begegnung mit dem „ursprünglichen Jesus“ plötzlich  den Entschluss fassen große Geldbeträge für Arme zur Verfügung zu stellen. Angesichts der Herzlichkeit und Wahrhaftigkeit Jesu erscheint ihnen ihr bisheriges Leben hohl und nutzlos. Sie entschließen sich spontan und gründlich für einen neuen Lebensabschnitt, der Armen heraushilft und ihnen selber tiefe Erfüllung bringt.