4.Juli 2021      14.Sonntag im Jahreskreis

Jesu Auftritt in der eigenen Heimat

Markus 6,1b–6

Jesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger folgten ihm nach. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort keine Machttat tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.

Wann Jesus mit seinem Schülerkreis in sein Heimatdorf kam, wissen wir nicht. Aber es war nicht am Beginn seines Wirkens, sondern erst nach mehreren Monaten des gemeinsamen Unterwegs-Seins. Er ging bewusst nicht allein dorthin. Das Evangelium berichtet ausdrücklich, dass seine Gruppe von Lernenden ihn dorthin begleitete, die Jünger. Das war ihm wichtig. Er wollte, dass sie miterleben, wie sich sein Auftritt dort entwickeln würde. Sie hatten schon viele Auftritte in anderen Orten erlebt und würden daher vergleichen können. Er selbst ahnte offenbar schon etwas. Nicht seine HeimatSTADT suchte er auf, sondern das Heimatdorf. Seltsam, dass der Name nicht genannt ist an dieser Stelle. Jedenfalls war das Dorf winzig klein und lag abseits von bedeutenden Durchzugsstraßen. Es lag versteckt in einer Talmulde, umrundet von einem Hügelring. Wer von oben auf das Dorf blickte, konnte sich denken, wie geborgen und behütet Jesus hier aufwachsen sein musste. Heutige Archäologen schätzen, dass es etwa 20 Häuser gab, was auf höchstens 200 Einwohner schließen lässt.

Jesus teilte es so ein, dass sie ein paar Tage vor dem Sabbat dort ankamen. So konnten seine Schüler seine Mutter näher kennenlernen, wie sie lebte, wie sie ihren Garten pflegte und welche Beziehung zu den Nachbarn bestand, die ja Großteils Verwandte waren. So vergingen die Tage bis der Sabbat herankam. Wie üblich erbat sich Jesus vom Synagogen-Vorsteher die Zustimmung, um das Wort aus der Schrift vorzulesen und es auszulegten. Dabei predigte er nicht, sondern hielt ein kleines Lehrseminar – mit Fragen an die Besucher und Antworten seinerseits. Der Vorteil vom Lehren war, dass es zu neuen Sichtweisen anregte, anschaulich war und anwendbar war im Leben. Scheinbar hatten die Bewohner aus dem eigenen Dorf Jesus noch nie ausführlich lehren gehört, denn sie waren bestürzt und tief  betroffen. Statt dass sie sich die Worte zu Herzen nahmen, begannen sie seinen Vortragsstil zu hinterfragen: „Woher hat dieser das?“ Sie nannten ihn „dieser“. Das war nicht höflich und nicht herzlich – eher abweisend. Sie vermuteten scheinbar einen Auslandsaufenthalt. War er in Ägypten bei einem Zauberer gewesen oder in Griechenland bei einem Philosophen? In Jerusalem bei einem berühmten Schriftgelehrten war er nicht, das wussten sie. Er  schöpfte sehr wohl aus der jüdischen Weisheit und er vollendete sie. Stattdass sie das erkannten hätten,  hinterfragten sie es: „Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist?“ Dann redeten sie von dem kraftvollen Wirken, das von seinen Händen ausging. In seinem Dorf hatte er die Energie seiner Hände noch nicht eingesetzt und trotzdem redeten sie davon. Es war ihnen schon vielfach zu Ohren gekommen, dass von seinen Händen heilende Kräfte ausgingen.

Dann begannen sie aufzuzählen, was sie über seine Herkunft und seinen Bildungsweg wussten: „Ist sein Grundberuf nicht Bauhandwerker?“  Traditionellerweise heißt es, Jesus sei Zimmermann gewesen. Aber das griechische Wort TEKTON meint einen Handwerker mit den vielseitigen Fähigkeiten, die am Bau erforderlich sind:

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Foto aus dem Römermuseum Aguntum, Osttirol. Der Bauvorarbeiter bedient einen Baukran. Der Grundberuf  Jesu  wird  traditionell als "Zimmermann" bezeichnet. Das griechische Original-Wort bedeutet aber Bauhandwerker - das ist mehr als Arbeiter auf der Baustelle.

Holz und Stein bearbeiten. Räume mit Holzdecken überspannen, Flachdächer abdichten. Er musste wissen, wie Fundamente zu setzen sind und welche Mauerdicke die Statik eines Hauses erforderte. In dem winzigen Dorf Nazaret wird es kaum Arbeitsaufträge gegeben haben. Er wird auswärts beschäftigt gewesen sein. Wenn er auf römischen Baustellen arbeitete, musste er sehr vielseitig sein, mitunter sogar Baukräne bedienen können. Da er kein niedriger Arbeiter war, kein Tagelöhner, hat er wohl auch Baupartien angeführen. Wenn es sich um eine römische Großbaustelle handelte, musste er sich mit den Architekten in griechischer Sprache verständigen können. Offenbar beherrschte Jesus die damalige Weltsprache neben seiner Muttersprache Aramäisch. Er konnte ja mit dem römischen Statthalter Pilatus reden. Dass Jesus also von seinem Zivil-Beruf her Bauhandwerker war, erfahren wir von seinen Dorfbewohnern. Jesus selbst hat seltsamerweise nie über sein Vorleben gesprochen.

 

Dann sagten sie etwas Abschätziges: „Ist das nicht der Sohn der Maria?“ Warum ist das abschätzig? Weil sie damit ausdrücken: „Vater unbekannt“ – er ist ein „Kind der Liebe“ würde man heute sagen und alle kennen sich aus. Schließlich zählten sie noch eine Reihe von sechs Geschwistern auf: Die Brüder nannten sie namentlich: Jakob, Joses, Judas und Simon. Das sind alles gut jüdische Namen, keiner ist griechisch wie etwa Andreas. Die Schwestern werden nicht namentlich genannt, auch nicht ihre Anzahl – wir können vermuten: Es waren zwei. „Diese Geschwister leben alle unter uns!“ Warum betonen sie das? Weil er sich verabschiedet hat, weggezogen ist und nicht mehr unter ihnen lebt. Alles zusammen machte sie empört. Worüber waren sie außer sich? Ja, dass er sich so hervortat, dass er eine Sonderstellung beanspruchte, dass er eine so neue Weisheit vermittelte, obwohl er doch einer aus ihrer Familie war.

 

Die Feststellung, dass Jesus leibliche Brüder und Schwestern hatte, mag manchen verwirren. Es scheint dem zu widersprechen, was wir im CREDO sprechen: Geboren von der Jungfrau Maria. Gleich vorweg: Man sollte nicht den Fehler machen, einen Glaubenssatz aus dem 4.Jahrhundert einer Schilderung aus dem Evangelium gegenüber zu stellen – einen dogmatischen Lehrsatz gegen Darstellungen ausspielen, die Begleiter der ersten Stunde bezeugen. Wie ist „Brüder und Schwestern“ gemeint: Es gibt drei Erklärungsversuche: 1. Josef und Maria bekamen nach Jesus noch weitere gemeinsame Kinder 2. Es handelt sich um Brüder und Schwestern im Sinne der Großfamilie. Die aramäische Sprache kennt kein Wort für Cousin und Cousine. Diese Erklärung liefert Hieronymus, der im 4./5.Jahrhundert die Bibel vom Griechischen ins Lateinische übersetzt hat. 3. Josef war Witwer mit 6 Kindern als er Maria zur Frau nahm. Wir gehen hier auf die 3 Versionen nicht näher ein. Ein Hinweis stammt noch von Paulus. Er erwähnte mehrmals den Herrenbruder Jakobus. Er soll im Jahr 62 n.Chr. in Jerusalem auf Betreiben des damaligen Hohepriesters zu Tode gesteinigt worden sein.

 

Jesus war nicht verärgert über die Abweisung durch seine ehemaligen Dorf-Nachbarn. Im Gegenteil: Er gab eine Erklärung dazu ab: „Wer wirklich ein Prophet ist, wer ein Weiser ist, der bleibt nicht ungeehrt. Er bleibt nicht ohne Ansehen – außer in seiner Heimat, wo er aufgewachsen ist, außerdem bei seinen Angehörigen und in seinem Haus.“ Damit ist seine Familie gemeint. Die Folge dieser Ablehnung war, dass er dort seine Energien nicht anwenden konnte. Wenn ihm das Vertrauen verweigert wurde, konnte er nicht helfend eingreifen. Nur wenige Leute mit Beschwerden wagten es trotz der Gegenstimmung im Dorf, sich an ihn zu wenden. Wahrscheinlich taten sie es unbemerkt von der Mehrheit. Denen legte er die Hände auf und sie wurden gesund.

 

Was hätte Jesus tun können? Verfluchen, Strafe androhen. Seine Jünger wollten das einmal tun. Er hingegen  bleibt der Sanfte. Dies sollte seinem Schülerkreis eine Lehre sein. Es würde ihnen dasselbe Schicksal blühen. Sie sollten dafür gerüstet sein und sich so verhalten wie er. Wie wird es wohl der Mutter Jesus dabei ergangen sein? Sie war eingebunden in die Verwandtschaft und geschätzt im Dorf. Gleichzeitig stand sie voll und ganz hinter ihrem Sohn und konnte sich in seine Lage hineindenken. Vielleicht hat er auch sie beruhigt mit der Erklärung von dem Propheten, der daheim nichts gilt, aber sonst vielerorts zu Ehren kommt.

 

Gehen wir noch einmal zurück zum „Bauhandwerker“. Bewundernswert, wenn er trotz hoher Anforderungen in  weltlichen Dingen noch Zeit fand für innere Sammlung, Zeit für Stille, Zeit zum ergriffenen Beten, Zeit zum Bibelstudium. Er wird die spirituelle Seite des Lebens nicht erst gepflegt haben, nachdem er getauft und in der Wüste war. Er wird dieses "Können" schon lange vorher in sich gefestigt haben. Wir können uns selber fragen: Begnügen wir uns mit Arbeit als Erwerb und ziehen wir uns erst dann zurück, wenn es die Zeit erlaubt oder uns die Umstände zwingen dazu? Oder reservieren wir uns bewusst Zeit dafür, gerade in anstrengenden Berufsphasen?

Bewundernswert, wie er mit dem Unverständnis der Menschen aus seiner näheren Umgebung umgeht. Er wird sicher im Laufe seines dreijährigen Wirkens weitere Vorstöße gemacht haben, um sie für seine Idee zu gewinnen, aber er wird niemanden gedrängt haben. Die Beziehung brach er von seiner Seite her nicht ab. Der eigene Bruder Jakobus ist ein Beispiel für mehrere Fälle. Den Tod musste Jesus  erleiden, dass ihnen die Augen aufgingen. Nachweislich hat er sich dem Jakobus als Erweckter gezeigt. Das erst wurde dessen Wendepunkt. (Siehe 1Kor 15,7) Sind wir gewillt, noch an ein künftiges gutes Verhältnis zu glauben, auch wenn der Bruder oder der Mitbewohner zunächst auf Distanz gegangen ist? Wieder erweist sich Jesus als der Lehrer, der nicht Gebote vorträgt, sondern an dem man beobachten kann, wie der gute Weg aussehen könnte.