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5.April 2026      Oster-Sonntag 

Dennoch an den guten Ausklang glauben

Joh 20,1–10

Kurzfassung

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse. Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.

„Es muss ein riesiger Schreck gewesen sein, als Maria von Magdala frühmorgens - es war noch dunkel -  zum Grab kam und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. ... Ratlosigkeit über das leere Grab, die gibt es auch in unserer Zeit. Beweist es, dass Jesus auferstanden ist? Sicher nicht! Denn Jesu Leichnam könnte ja auch entwendet worden sein, wie Maria von Magdala anfangs befürchtete.“ So deutete Christoph Kardinal Schönborn 2019 das Osterevangelium auf der Homepage der Erzdiözese Wien.

Wer begreifen will, was für die ersten Begleiter Jesu die Oster-Erfahrung war, sollte sich von tief verankerten Prägungen durch kirchliche Tradition und Kunst frei machen und sollte zurückfragen zu den Anfängen. Erstes Missverständnis: Die Jünger hätten an die Auferstehung deshalb geglaubt, weil sie den Grabstollen leer vorgefunden hätten. Darin war der Leichnam Jesu 36 Stunden vorher bestattet worden. Nein, nicht das leere Grab beweist seine Auferstehung, sondern, dass sie ihn sehen  durften ein paar Tage nach seinem Sterben, dass sie ihm begegnen durften. Zweites Missverständnis: Jesus sei als triumphierender Held dagestanden – womöglich mit wehender Fahne über dem Grab-Felsen. Auch wenn die Kunst in zahllosen Gemälden und Figuren es so darstellt, gibt es für dieses Bild keine Entsprechung in den Evangelien. Nirgendwo in der Bibel ist der Auferstandene in weißem oder leuchtendem Gewand beschrieben – heldenhaft allein dastehend. Stattdessen wird immer  eine Begegnung beschrieben, aber nie eine Begegnung mit irgend jemandem aus dem Volk, sondern nur zwischen den langjährigen Schülern und ihm als ihrem Meister. Es war ein Austausch zwischen ihm und ihnen nach seinem Tod, nie  eine Bewunderung ihrerseits. Drittes Missverständnis: Das Wort „Erscheinung des Auferstandenen“ erweckt den Eindruck, als sei er blass wie ein Geist oder wie eine Vision aufgetaucht, eben „erschienen“. Die ganz ursprünglichen Texte sagen es kraftvoller: „Er wurde gesehen“. Die Zeugen sahen ihn deutlich. Wer begünstigt war, ihn zu sehen, das wird uns namentlich genannt.

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Eine Frau in den frühen Morgenstunden unterwegs in der Altstadt von Jerusalem

Er zeigte sich ihnen und sprach klare Worte. Dass Jesus auferstanden ist, fällt jedoch nicht unter „historisches Faktum“, aber es ist erwiesen, dass etliche ausdrücklich bezeugte Männer und Frauen besondere Begegnungen mit ihm über seinen Tod hinaus hatten. Auf welchem persönlichen Hintergrund diese Erfahrungen jeweils zustande kamen, das war sehr unterschiedlich und lässt sich gut nachverfolgen. Die Berichtlage ist überzeugend. Wir wollen nun der Darstellung aus dem Johannes-Evangelium sorgfältig auf die Spur kommen.

 

„Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab.“ Da ist gleich die Frage: War sie allein unterwegs oder in Begleitung? Das Markus-Evangelium lässt uns wissen, dass zwei weitere Frauen dabei waren: Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome. Lassen wir es zunächst offen, ob es die Maria Magdalena alleine war oder ob sie zu dritt waren. Ein weiterer Unterschied zu Markus fällt auf. Bei ihm heißt es: „Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.“ Das Johannes-Evangelium sagt, dass es „dunkel“ war, aber damit muss nicht finstere Nacht gemeint sein, sondern es lässt sich als „Dämmerlicht“ übersetzen. Wer das Johannes-Evangelium kennt, weiß wie oft es mit Finsternis und Licht argumentiert, so etwa: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umher gehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Ganz deutlich wird es, wenn von Judas beim Abendmahl die Rede ist: „Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.“ (Joh 13,30) Es könnte also sein, dass es Johannes tiefgründig meint: Noch herrschte Düsterkeit bei Maria Magdalena.

 

Sie sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.“ Im Unterschied dazu heißt es bei Markus: Die drei Frauen „sahen, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.“ Das Wort „weggewälzt“ deutet auf einen Rollstein hin, eine riesige, sehr schwere Steinscheibe. Das griechische Wort KYLEO heißt „rollen“, „wälzen“ (So bei Markus). Bei Johannes heißt es wörtlich: Der Stein war enthoben, heraus gehoben (aus der Vertiefung) – das heißt, der Verschluss-Stein könnte statt rund auch eher würfelförmig gewesen sein. Die  Archäologen haben weit über tausend solcher Grabstollen rund um Jerusalem bis hinauf nach Galiläa entdeckt. Diese Art der Bestattung war in diesem Jahrhundert üblich, denn damit konnte man mehr Tote bestatten. Nach einem Jahr wurden die Gebeine in einem platzsparenden Steinbehälter zusammen gesammelt und der Stollen war wieder frei für eine neuerliche Bestattung. Ein Archäologe hat 900 Gräber auf den Verschluss-Stein hin untersucht und fand nur 4 mit Rollstein. Diese runden Steine waren von sehr reichen Familien.  

 

Maria Magdalena war so betroffen von dem offenen Grabstollen, dass sie „schnell zu Simon Petrus lief und zu dem anderen Jünger, den Jesus liebte“. Im Originaltext kommt das Wort „schnell“ nicht vor, aber statt „sie lief“ sollte man eher übersetzen: „Sie rannte“. Das Wort verwendet Paulus in Verbindung mit der Rennbahn: „Wisst ihr nicht, dass die, welche im Stadion rennen, zwar alle rennen, aber einer den Preis empfängt? Rennt so, dass ihr ihn erlangt!“ (1Kor 9,24) Das verrät ihre Unruhe. Sie wollte die Erstverantwortlichen schnellstens verständigen. Wieder finden wir einen Unterschied zur Markus-Darstellung, wo es heißt „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ Vielleicht ist Maria Magdalena die einzige von den drei Frauen, die sich nach dem ersten Schock doch aufgerafft hat, um die beiden Männer eilig aufzusuchen.  Das Erste, was sie zu ihnen sagte, war: „Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Wie kommt sie zu der Behauptung, dass jemand den Herrn aus dem Grab weggenommen hätte? Warum berichtet sie nicht den Tatsachen entsprechend nur das eine, was sie gesehen hat, nämlich dass der Stein enthoben war? Offenbar war sie auch drinnen in dem Grabstollen, wovon oben nicht die Rede war, sehr wohl aber bei Markus. Sie sagt: „Wir wissen nicht, wo sie ihn gelegt haben.“ Damit verrät sie, dass sie doch nicht allein war. Das „Wir“ weist darauf hin, dass Markus Recht hat: Sie waren zu dritt. Woher nimmt sie die feste Überzeugung: „Sie haben den Herrn weggenommen“? Wörtlich übersetzt heißt es: „Sie haben den Herrn enthoben“ Gemeint ist das Heraus-Heben des Leichnams aus einer Versenkung. Die Steinbank im Grabstollen, auf die der Leichnam Jesu bestattet war, hatte tatsächlich eine körpergroße Mulde. Die Steinbank war also nicht flach. Als die Grabeskirche im Jahr 2016 renoviert wurde, haben die Restaurateure die Mulde im Grab Jesu festgestellt. Wir erkennen daraus, wie der Text des Evangeliums Feinheiten enthält, die genau den Tatsachen entsprachen.

 

Simon Petrus und der andere Jünger taten den Bericht der Maria nicht als Geschwätz ab, aber sie wollten sich trotzdem selber überzeugen. „Sie liefen beide zusammen“ hinaus aus der Stadt (genau übersetzt: Sie rannten!) und der jüngere und offenbar sportlichere war zuerst dort –  das war Johannes. Er beugte sich hinein in den Grabstollen und sah die Leinen-Bahnen liegen. Simon Petrus traf als zweiter ein. Ihm ließ Johannes den Vortritt, um in den Stollen hinein zu gehen. Sie fanden die Bestattungsbank leer und nur die Leinen Streifen waren noch da. Dass sie diese äußerst seltsame Entdeckung schweigend betrachtet haben, ist nicht anzunehmen. Sie werden sich wohl darüber ausgetauscht haben. Gesprächsthema waren die Leinenbahnen und das sogenannte Schweißtuch. Das  muss jenes  Leinenband gewesen sein, mit dem man einem Verstorbenen das Kinn an den Kopf band – so vorgeschrieben in der Mischna. Der verschwundene Leichnam war scheinbar für sie kein Gesprächsthema – vielleicht nur ein Schock. Während Maria Magdalena nur über dieses eine Thema spricht: „Sie haben den Herrn weggehoben“, machten sie sich Gedanken über die Leinenbahn, womit der Leichnam in voller Länge eingeschlagen war. Zunächst ist es für die Männer ein sicheres Indiz, dass es kein Grabraub war, denn es sah alles nach Ordnung aus. Vielleicht klingt aber aus dem Text mehr durch, nämlich ein verborgenes Wissen um dieses Leinen. Vielleicht war darauf der blasse Körper-Abdruck und das Gesicht Jesu zu erkennen. In der dunklen Grabkammer werden die beiden Männer das zarte Abbild  noch nicht bemerkt haben. Aber später könnte es zum Vorschein gekommen sein und das Johannes-Evangelium hat das Wissen darum aufbewahrt. Es wäre die Erwähnung jenes Leichentuches, das  später als Turiner Leichentuch bekannt wurde.

Abschließend heißt es „Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.“ Diese beiden Sätze scheinen sich zu widersprechen. Dieser andere Jünger „glaubte“ und sie hatten „noch nicht verstanden“. Dieser „andere“ Jünger ist jener, mit Jesus die meiste innere Übereinstimmung hatte. Zwischen ihm und Jesus bestand eine Seelenverwandtschaft wie zu keinem sonst. Was er und Petrus in der Grabkammer sahen, stiftete eigentlich Verwirrung. Dennoch „vertraute“ dieser Jünger.

Erst wenn man „glauben“ als „vertrauen“ auffasst, wird es klarer: Obwohl er den tragischen Vorfällen im leeren Grab noch keinen Sinn beimessen konnte, ließ sich dieser Schüler vom Vertrauen leiten: Seine Grundauffassung war: „Auch wenn es jetzt noch nicht danach aussieht, glaube ich dennoch an den guten Ausgang.“ Diese Haltung hat sich als die richtige erwiesen. Es wurde ihm und den übrigen bald danach ein Sehen ermöglicht. Es ging über das hinaus, wie sie ihn zu Lebzeiten gesehen hatten. Sie durften IHN neu sehen. Das erst hat sie die Ereignisse und Worte aus der Zeit vorher tiefer verstehen lassen und es hat sie stark ermutigt, sein Werk  zu bezeugen und fortzusetzen.

 

Diese „Erfahrungen“ unserer christlichen „Gründergeneration“ vor 2000 Jahren erlauben uns heute, zu vertrauen, dass auch wir auferstehen. Wir können überzeugt sein, dass unser Leben nicht mit dem Tod erlischt, sondern hinterher neue Gestalt annimmt. Es bedeutet darüber hinaus sogar, dass wir schmerzvolle Umbrüche im Verlauf des Lebens nicht als sinnlos erachten sollten, sie nicht verwünschen sollten. Wir sollten die Geduld aufbringen, abzuwarten, bis sie sich als wegweisend herausstellen. Nach der Erschütterung  und der Aussichtslosigkeit folgt wohl zunächst eine Phase der Leere. Sie  kann uns bis an den Rand der Verzweiflung treiben. Aber sobald wir den Schock überwunden haben, dürfen wir dem Folgenden mit Vertrauen begegnen. Es ist hilfreich zu vertrauen. Es öffnet Türen zu neuen Perspektiven. Angst oder Misstrauen hält die Türen verschlossen. Den frühen Christen hat sich der Neu-Lebendige gezeigt und ihnen das Vertrauen gestärkt, dass Gott aus noch so tiefen Abgründen jemand heraus retten kann – seither dürfen wir auf seine grenzenlosen Möglichkeiten vertrauen.

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Datenschutz ©Martin Zellinger

Mag. Martin Zellinger              Bibeltheologe, Reiseleiter, wohnhaft am Lester Hof bei Freistadt Oberösterreich

Lest 1, 4212 Kefermarkt          e-mail: m.zellinger@aon.at         Telefon: +43 (0) 699 11 50 66 45

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