5. Mai 2019

3.Sonntag der Osterzeit

Voraussetzung für das Hirte-Sein

Joh 20,19-31

Wer sich die Mühe macht, diesen Abschnitt laut für sich zu lesen, wird belohnt von einem ersten tiefen Eindruck  –  lesen mit wechselnder Stimmlage: die Erzählung sachlich, Petrus ernüchtert, Jesus ermutigend, Petrus zaghaft, Jesus klar.

 

Erst danach gehen wir die Frage an, die vordergründig ins Auge sticht: 153 Fische – was ist mit der Zahl gemeint? Sie verleitet zu Spielereien: 1+2+3+4+ … +16+17=153

3x3 (Trinität) + 12x12 (Apostel) = 153

Der Kirchenschriftsteller Hieronymus behauptet, dass die Zoologen damals 153 Fischarten kannten. 153 war jedenfalls in der Kabala (=jüdische Zahlenmystik) und in der griechischen Philosophie eine bemerkenswerte Zahl. Das Johannes-Evangelium beginnt sein Buch mit dem Wort LOGOS, einem philosophisch hoch beladenen Wort des griechischen Denkens und es greift zum Schluss diese Zahl 153 auf. Sein ganzes Werk lässt durchgängig einen Brückenbau erkennen zwischen Griechen und Juden. Es ist auch mitten im griechischen Kulturraum verfasst worden, in Ephesus.

Nun zum Inhalt: Es ist ein Wort an die Seelsorger, an die Verantwortlichen in der Pastoral, nicht an das gläubige Volk. Pastor ist „Hirte“ und das Gespräch zwischen Petrus und Jesus gipfelt schließlich in der  Aufforderung: „Kümmere dich um meine Schafe. Leite sie gut an.“ Was ist die Grundvoraussetzung, um seine Schafe gut zu führen? Was ist die Basis für gute Pastoral? Dreimal stellt der „Herr“ die alles entscheidende Frage: Es geht um die Beziehung zu ihm. Sie wird als „Liebe“ beschrieben, allerdings nicht mit immer demselben griechischen Wort, sondern mit zwei verschiedenen Ausdrücken. AGAPEIN und PHILEIN.  

Das erste Wort geht in die Richtung „jemanden wertschätzen, hoch achten, ihm Bedeutung beimessen, mit ihm innig verbunden bleiben.“ Es ist die Tugend, die Jesus selbst ausgezeichnet hat: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“ (Joh 13:1) Das zweite Wort geht mehr in die Gefühlsrichtung: „lieb gewinnen, mögen, liebkosen, küssen.“

Jesus fragt den Verantwortlichen (Petrus): „Liebst du mich mehr als diese?“ Dabei verwendet er das Wort AGAPE. Er will sich bestätigen lassen, dass der Seelsorger – was seine Wertordnung betrifft – sich deutlich abhebt von den üblichen Gemeindemitgliedern. „Bedeute ich dir mehr?“ Petrus antwortete ihm: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Hier wird das zweite Wort für Liebe verwendet: „Du weißt, dass ich auf dich stehe, dass ich dich liebgewonnen habe.“ Daraufhin vertraut ihm Jesus die Jungschafe an, die frisch in die Gemeinde aufgenommenen Mitglieder, die noch wackelig auf den Beinen stehen. „Pflege die Lämmer, hüte sie, versorge sie mit Nahrung, sodass sie Festigkeit erlangen.“

Es bleibt nicht bei der einen Frage, sie wird ein zweites Mal gestellt: „Stehe ich in deiner Wertordnung ganz oben?“ Die Antwort klingt schnell und unsicher zugleich: „Na, klar! Was denkst du sonst?“ Nun steigert sich der Auftrag: „Halte die Herde meiner erwachsenen Schafe zusammen. Führe sie auf brauchbare Weideplätze. Wohlgemerkt: Es sind MEINE Schafe, die ich dir da anvertraue.“

Dann fragt der Herr ein drittes Mal, diesmal nicht mit dem Wort AGAPEIN, sondern er geht mehr in die Gefühls-Richtung: „Du hast mich früher einmal liebgewonnen. Besteht diese emotionale Bindung nach wie vor?“ Das ist nun schmerzhaft für den Pastoral-Verantwortlichen. Warum wird er traurig darüber? Fühlt er sich aufgedeckt? Hört er ein Misstrauen seines Herrn heraus? Aber er bestätigt ihm wiederum: „Du hast meine Zuneigung damals erkannt, und sie besteht immer noch.“ Jetzt bekommt er neuerlich den Auftrag: „Halte meine Schafherde zusammen und führe sie auf Weideplätze.“

 

Dieser Text ist ein Epilog, ein Anhang, nachdem das Johannes-Evangelium bereits abgeschlossen war. Er entstand aus dem Bedürfnis heraus, die Frage zu behandeln: Was braucht die Kirche für ihren Weg in die Zukunft? Was ist die Schlüssel-Qualifikation der Hirten? Ist eine straffe Organisation am wichtigsten? Muss die finanzielle Grundlage gesichert sein? Ist moralische Sauberkeit am wichtigsten? Die Einhaltung der Gebote, der Gehorsam gegenüber den Führungskräften …? Das mag alles nützlich sein, aber vorrangig ist die Frage: „Wie steht es mit der Beziehung zum Herrn?“ Gerade die Führungskräfte sollten sich ehrlich prüfen: "Welche Wertigkeit hat ER bei mir?" Die Prüfung ist hartnäckig (dreimal!): Wie sieht es mit dem Zeitausmaß aus – wieviel gehört ihm? Wo entspanne ich mich – bei ihm? Was studiere ich – seinen Lebensstil, sein Lehrprogramm? Er wird als Antwort geben: Wenn ich die ehrliche Antwort höre, dass ich bei dir außergewöhnliche Vorzüge genieße, dann kann ich dir meine Schafe anvertrauen. – Dieser Schlusstext des Johannes-Evangeliums scheint ein Prüfstein zu sein für jeden, der Verantwortung übernommen hat über Teile aus seiner Herde. Die drei Fragen Jesu sind nicht an den historischen Petrus gerichtet, denn der hat Jesus nie mit „Herr“ angesprochen, sondern immer mit „Meister“. Die Frage ist eher an den aktuellen Leser und den aktuellen Verkünder des Evangeliums gerichtet. Die dreimalige unmissverständliche Frage gilt erst recht heute.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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