7.Aug. 2022      19.Sonntag im Jahreskreis

Nur Mut, kleine Herde!

Lukas 13,35-40

Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben. Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst!  Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen! Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft! Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie. Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. Da sagte Petrus: Herr, sagst du dieses Gleichnis nur zu uns oder auch zu allen? Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen. Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen. Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Was Lukas in diesem Kapitel schreibt, ist ihm so wichtig, dass er es in seinem Evangelium wiederholt, nämlich im 16.Kapitel. Nach mehr und mehr Besitz zu streben und gleichzeitig der Jesus-Bewegung anzugehören, ist unvereinbar. Erst recht kann nicht jemand, der eine Christengemeinde leitet, darauf bedacht sein, dass er seinen eigenen Wohlstand vergrößert, dass er sein Einkommen steigert. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“

Lukas beginnt seine Themenreihe mit einem trostvollen, ja bestärkenden Wort. Nur in seinem Evangelium hören wir den Herrn sagen: "Fürchte dich nicht, du kleine Herde. Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich anzuvertrauen." Statt „der Vater hat beschlossen“, sollte man etwas sanfter übersetzen: Der Vater hat es als gut erachtet, er hat das lieber getan, er hat es vorgezogen, er hat sich eher dafür entscheiden. Lieber hat er das Reich euch anvertraut, euch, die ihr nicht zur reichen Gesellschaftsschicht gehört. Man würde vielleicht erwarten, dass er es den Leuten aus der Oberschicht überträgt. „Sei nicht besorgt, du kleine Herde“ Vergleiche dich nicht mit den mächtigen Netzwerken und reichen Organisationen, die sich in der Welt erfolgreich durchzusetzen scheinen.

Das riesige moderne Passagier-Schiff der Hurtigruten auf den Lofoten /Norwegen erinnert an die Schiffsreise des Paulus.

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Paulus steigt in Ephesus in das Schiff, das ihn auf seine schicksalshafte Reise nach Jerualsem bringen wird. Zuvor hat er die Gemeinde-Verantwortlichen von Ephesus zu sich gebeten, um sie zu ermutigen und zu ermahnen. Dann haben sie ihn zum Hafen begleitet.

Lukas schreibt dies als Ermutigung besonders für jene, die Verantwortung tragen in den Gemeinden, für die Seelsorger, die Hirten, die Presbyter. Lukas selbst leitet vermutlich keine Gemeinde, aber er fühlt sich verpflichtet, den Gemeindeleitern Zuspruch zu schreiben mit seinem Buch. Er schreibt es als Ermutigung, aber auch als Mahnung. "Kleine Herde" kommt in allen übrigen Evangelien nirgends vor. Im ganzen Neuen Testament kommt es nur noch zweimal vor: nämlich in Apg 20 und 1 Petr 5. Die Apostelgeschichte schildert, wie Paulus Abschied nimmt von der Gemeindeverantwortlichen in Ephesus (etwa im Jahr 56 n.Chr.). Eindringlich sagt er dort: „Gebt Acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Vorstehern bestellt hat, damit ihr als Hirten für die Kirche des Herrn sorgt, die er sich durch sein eigenes Blut erworben hat! Ich weiß: Nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen". (Apg 20,28f)

 

Im 1. Petrusbrief, vielleicht geschrieben zeitgleich mit Lukas, heißt es: Weidet die euch anvertraute Herde Gottes, nicht gezwungen (aus Zwang), sondern freiwillig, wie Gott es will (Gott gemäß), auch nicht aus (schändlicher)  Gewinnsucht, sondern mit Hingabe (bereitwillig), seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde! (indem ihr Vorbilder der Herde werdet!) (1Petr 5,2f)

An diesen aufmunternden Einleitungssatz, schließt Lukas etwas an, was seiner Sorge um die kirchliche Entwicklung seiner Zeit entspringt. „Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden!“ Diese Aufforderung Jesu ergeht nicht an alle Christen, sondern gerade an jene, die sich entschließen, Jesus nachzufolgen.  Diese Sorge des Lukas trifft auch unsere heutige Entwicklung. Damals waren die Christus-Gemeinden noch ein winzig kleiner Anteil an der mächtigen römischen Gesellschaft, aber sie nahmen zu. Heute ist es umgekehrt: die Kirchen nehmen ab, sie schrumpfen und werden wieder klein. Die Sorge, dass sie auf diese Weise zur Bedeutungslosigkeit absinken könnten, ist nicht berechtigt. Christus redet seine Gemeinde als „kleine Herde“ an.  Kleine Gruppen, die wie eine Herde zusammenhalten, hat der "Vater" für gut befunden. Es ist seine weise Entscheidung, ihnen sein Vorhaben anzuvertrauen. Mit ihnen will er sein Imperium aufbauen, seine Königsherrschaft, das Reich Gottes – nicht mit den Großen, Mächtigen. Er hat beschlossen, dass sich so sein Plan durchsetzen wird, auch wenn  das Weltreich des Geldes und des Konsums übermächtig erscheint. Die „kleine Herde“ kann die Macht des Geldes unterwandern.

Deshalb dürfen sich die Mitglieder der kleinen Herde und schon gar nicht die Verantwortlichen verleiten lassen, ihr Glück und ihre Lebensgrundlage im Besitz zu sichern. "Solltet ihr zu den Begüterten gehören, dann nützt eure wirtschaftliche Begünstigung, um Menschen in sozialen Schwierigkeiten zu helfen. Helft ihnen kurzfristig und spontan, um sie aus ihrer aktuellen Not zu retten. Wenn ihr das tut, legt ihr euch ein Konto an, dass weit höhere Zinsen abwirft, als jede Bank zu bieten in der Lage ist." Lukas ist selbst Teil einer wohlhabenden Gesellschaft im römischen Reich und er weiß, wovon er spricht.

Im zweiten Absatz wirbt Lukas dafür, entschlossen zuzupacken, wo gesellschaftlicher Hunger zu spüren ist. "Gürtel um die Hüften" heißt soviel wie: Statt lange Abendkleider zu tragen und sich durch feines Essen in gute Stimmung zu versetzen, sollten wir in Arbeitskleidung schlüpfen und Ärmel hochkrempeln. „Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen!“ Wir brauchen nicht die ganze Welt zu verändern, aber wir sollen einen wachen Geist und wache Augen behalten, wo aktuell jemand Hilfe braucht. Wer sich nicht zu gut ist, für sozial Schwache den Diener zu machen, der wird dafür von der höchsten Autorität belohnt. Er wird erleben, dass ihn der Herr zum Festmahl einladen wird und ihn bewirten wird. Einem nach dem anderen wird der  Herr seine Anerkennung ausdrücken und mit einer Ehrung auszeichnen. „Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen.“

Im dritten Absatz kommt Lukas auf die Gemeindeverantwortlichen zu sprechen, die es sich leicht machen, die ihren Job wegen des Geldes machen, die sich um ihr eigenes Wohl mehr sorgen als um das der ihnen Anvertrauten. Lukas macht sich nichts vor: Es gibt gute und leider auch nachlässige unter den Gemeindeleitern. Es gibt viele, die es sich gut gehen lassen (essen und trinken) und eine ruhige Kugel scheiben. Sie glauben, dass sie fest im Sattel ihres Amtes sitzen. Er nennt sie "Verwalter" und "Knechte" gleichzeitig. Sie sollen sich bewusst machen, dass sie vom Herrn eingesetzt wurden dafür. Sie sollten die Herde mit dem versorgen, was sie Tag für Tag zum Leben braucht. Es muss nahrhaft sein und heilsam. Die Gemeindemitglieder müssen sich davon sättigen können. In aller Eindringlichkeit ruft Lukas auf: „Ihr werdet zur Verantwortung gezogen! Die Stunde kommt und zwar überraschend." Wer da einiges aufzuräumen und richtig zu stellen hat, soll das nicht in die Zukunft verschieben.

„Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet." Dass das Kommen des Menschensohnes mit einem Dieb, der einbricht, verglichen wird, ist wohl etwas heftig. Aber es scheint ein gängiger Vergleich im frühen Christentum gewesen zu sein. Paulus rechnete mit dem baldigen Kommen Christi. In seinem erstverfassten Brief, in dem er sich  an die Gemeinde von Thessaloniki wendet, erinnert er sie an einen Glaubenssatz, der  ihnen bekannt sein sollte: „Über Zeit und Stunde, Brüder, brauche ich euch nicht zu schreiben. Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau, und es gibt kein Entrinnen. Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann“. (1Thess 5,1-4, geschrieben vielleicht 51 n.Chr.)

Zur Zeit des Lukas in den 90er Jahren ist die Naherwartung, die Paulus noch deutlich vor Augen hat, schon geschwunden. Dem stellt Lukas dieses Gleichnis entgegen: „Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet.“ Mit dem Jesus-Wort warnt Lukas die Gemeinde-Verantwortlichen, die es an achtsamer Sorge um ihre Mitglieder fehlen lassen. Stattdessen sind sie dazu übergegangen, gefühllose Herren zu spielen. Sie schlagen mit Moral-Pauken oder mit göttlichen Strafandrohungen auf Männer und Frauen in der Gemeinde ein. Selbst führen sie kein Leben in Selbstdisziplin, sondern lieben gutes Essen und betrinken sich mit erlesenem Wein. In der Zeit des Lukas scheinen solche Missstände dort und da schon einzureißen. Deshalb dieses scharfe Wort. Es hat an Gültigkeit bis heute nichts verloren. Lukas hat es  auch für uns heutige überliefert. Es gilt in erster Linie allen, denen Verantwortung in den Kirchen übertragen wurde. Es gilt aber auch den übrigen, die sich nur als Mitglieder verstehen. Auch sie haben Teilbereiche zu erfüllen. Jedem ist eine gewisse Aufgabe anvertraut, den einen die größere, den anderen die kleinere. Jeder muss sich für das Seine verantworten – die Stunde kommt sicher.

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