20. Dez 2020      4.Advent-Sonntag

Gezeugt im Geist der Liebe

Lk 1,26–38

Zunächst eine Kurzfassung des Sonntagsevangeliums: „Der Engel Gabriel wurde zur einer Jungfrau gesandt, um ihr zu sagen: Du wirst schwanger werden. Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Für Gott ist nichts unmöglich.“ Wer den Lukas-Text in seinem ganzen Umfang langsam liest, wird alleine durch das Hineinspüren merken, dass es ein feierlicher Text ist, voller Überschwang – keineswegs ein Tatsachen-Bericht. Was veranlasste den Evangelisten in den 90er Jahren, also etwa hundert Jahre nach dem „Ereignis der Zeugung“, es so zu umschreiben?

Die frühen Christen sahen sich zwei Anfangsproblemen ausgesetzt, für die sie eine Rechtfertigung brauchten: 1. Wie könnt ihr Christen an einen Gründer glauben, der als politischer Verbrecher hingerichtet wurde (Kreuzigung) 2. Er ist unter ärmlichen Verhältnissen zur Welt gekommen und seine Mutter ist zu ihm unter zweifelhaften Umständen schwanger geworden (Kindesvater unbekannt). Paulus gibt offen zu, dass es weltlich gesehen unvernünftig ist, sich einem Gekreuzigten anzuvertrauen. Er erwidert darauf klar und provokant: „ Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die wir gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“ (1 Kor 1,18) Er schreibt das nicht gegen Außenstehende, um sich zu verteidigen, sondern um nach innen die Mitglieder zu bestärken. Denselben Weg schlägt Lukas ein, wenn es um Zeugung und Geburt Jesu geht: auf die Kraft des Höchsten ist sie zurückzuführen.

Alexamenos verehrt Gott - das ist in griechischen Buchstaben unter das Spott-Kruzifix eingraviert.

Auf dem Hügel Palatin in Rom entdeckten Archäologen 1856  das Bild eingeritzt in den Wandverputz. Es stellt einen Gekreuzigten dar - als Esel verspottet.  Die Forscher datieren es in die Jahre zwischen 123 und 126 n.Chr. Alexamenos ist offenbar ein Christ in Rom aus der Zeit. Seine Kollegen machen sich über ihn lustig , weil er sein Leben einem Herrn unterstellt hat, der am Kreuz hängt.

Genau das bestätigt Paulus:

Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten, für Juden ein Ärgernis, für die Völker eine Torheit, für die Berufenen aber ... Gottes Kraft und Gottes Weisheit 1 Kor 1,23

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Die seltsamen – damals für manche Gläubige sogar zwielichtigen – Umstände der Zeugung leugnen die Evangelisten Lukas und Matthäus nicht. Sie ermuntern aber die frühen Christen, zu vertrauen, dass die Zeugung „im Geist Gottes“ geschehen ist – also nicht unmoralisch, nicht schmutzig war, sondern unter dem Vorzeichen einer ehrlichen Liebe stand. Zur Verteidigung des „schändlichen“ Kreuzestodes hat das frühe Christentum Zitate aus den heiligen Schriften herangezogen: „gestorben gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,3) Genauso zog es für die Geburt alte prophetische Texte heran, nämlich die berühmte über 700 Jahre zurückliegende Weissagung des Jesaja über den IMMANUEL (= der Mit-uns-Gott): „Darum wird der Herr euch ein Zeichen geben. Siehe, die junge Frau/Jungfrau hat empfangen. Sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben“ Im Ursprungstext stand das hebräische Wort alma. Die Bibel-Übersetzer auf Griechisch 200 v.Chr. haben das Wort geändert zu parthenos =Jungfrau. Matthäus hat es in der griechischen Fassung übernommen: Jungfrau. Das ursprüngliche Wort „Junge Frau“ könnte eine Anspielung gewesen sein auf die Stammeltern Abraham und Sahra, die noch in unnatürlich hohen Alter den Sohn Isaak gezeugt haben. Auch Isaak hat erst mit 40 Jahren Rebekka geheiratet. Gottes Wort hat es aber möglich gemacht, dass eine alte Frau noch Mutter wurde. Für den neuen Stammvater, den Immanuel, beschreitet Gott laut Jesaja andere Wege: Nicht eine alte Frau sondern eine sehr junge wird Mutter. Wenn Matthäus das Wort „Jungfrau“ wählt, könnte es eine Anspielung darauf sein, dass Maria womöglich als Tempel-Jungfrau aufgewachsen ist und so schwanger wurde. So will es jedenfalls das außerkanonische Jakobus-Evangelium wissen. Matthäus nennt Maria selber nie Jungfrau, sondern führt nur das Jesaja-Zitat an.

 

Lukas ist der einzige, der Maria als „Jungfrau“ bezeichnet. Der Text, in dem Lukas die Geburt Jesu ankündigt, trägt deutlich seine Handschrift und er weicht stark ab von dem, was Matthäus überliefert. Gemeinsam haben beide, dass Maria mit Josef verlobt war, es ist aber nicht klar ob die Verlobung vor oder während der beginnenden Schwangerschaft vollzogen wurde. Bei beiden Evangelisten bringt  ein „Bote des Herrn“ eine Botschaft: bei Matthäus dem Josef im Traum, bei Lukas der Maria während des Tages: Er tritt einfach herein und führt ein langes Gespräch mit ihr. Das ist der Stil des Lukas: Er lässt gerne zusätzlich Boten Gottes, Engel, auftreten, so etwa bei der Geburt vor den Hirten, oder am Beginn des Leidens Jesu, beim Gebet in Getsemani: „Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.“ (Lk 22,43) Kein Evangelist sonst schildert das. Bei Matthäus klärt der Bote Josef im Nachhinein auf: „Fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen, denn das Kind, das sie erwartet, ist aus Heiligem Geist.“   Bei Lukas kündigt er Maria das Bevorstehende an: „Siehe, du wirst schwanger werden.“ (Zukunft).  Von beiden Evangelisten wird die Schwangerschaft unter dem Vorzeichen des Geistes Gottes gedeutet. Matthäus schreibt schlicht „in Heiligem Geist“. Er schreibt nicht, dass der Geist Gottes der Zeugende ist. Wenn die Einheitsübersetzung schreibt „durch die Wirkung des Heiligen Geistes“, so vermittelt sie den Eindruck, der Geist hätte die Schwanger­schaft biologisch verursacht. Das will Matthäus keinesfalls sagen, denn in der Genealogie unmittelbar vorher schreibt er, wie in der Abstammungslinie einer den anderen gezeugt hat. „ … Mattan zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Josef, den Mann der Maria, von ihr wurde Jesus geboren.“ (M 1,15f) Er schreibt also nicht: der Heilige Geist zeugte Jesus. Laut Matthäus ist es Josef, der dem Kind den Namen „Jesus“ geben soll, laut Lukas wird dies Maria, die Mutter tun. Die Abstammungslinie des Josef zurück bis ins Königshaus David, darin stimmen wieder beide Autoren überein.

 

Der Geist Gottes ist ein Lieblingsmotiv des Lukas. Das zeigt sich besonders in der von ihm verfassten Apostelgeschichte. Das Pfingst-Ereignis in Jerusalem ist das erste von vielen weiteren Geist-Impulsen im frühen Christentum. Der Geist Gottes ist es, der Einzelne oder ganze Gruppen herausfordert, sodass sie sich an etwas heran wagen, an etwas, wovon sie die Vernunft oder die Vorschrift abhalten würde. Wenn Lukas schreibt: „Heiliger Geist wird über dich kommen“, dann meint das: Du kannst dich auf etwas einlassen, wovor du normalerweise zurückschrecken würdest. Du wagst bald etwas Großartiges zu tun, das den engen Rahmen der Normen sprengt. Du wirst etwas wagen, was die Tradition nicht zulassen würde. Der Geist ist der Ansporn zu dem heilsamen Neuen. Das zeichnet gerade die Liebe aus, dass sie ungewohnte Wege geht. „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ – das klingt zunächst geheimnisvoll. Wer sich aber an die Verklärung am Berg erinnert, weiß, dass auch dort vom Überschatten die Rede ist. Am Gipfel war Jesus mit seinen engsten Vertrauen „dem Himmel besonders nahe“. „Da kam eine Wolke über sie und überschattete sie… Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein auserwählter Sohn“ (Lk 9,34f) Nach der Vorstellung der antiken Welt sind eine Person und ihr Schatten eng verbunden. Der Schatten stammte von demselben, von dem auch die Stimme stammte. Überschattet werden Gottes Kraft war Gottesbegegnung in intensivster Form. Der Gottesknecht im Buch Jesaja sagt: „Der Herr hat mich berufen … er verbarg mich im Schatten seiner Hand“ (Jes 49,2). Lukas schreibt in der Apostelgeschichte: „Durch die Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder. ... Selbst die Kranken trug man auf die Straße hinaus und legte sie auf Betten und Liegen, damit, wenn Petrus vorüber kam, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen fiel.“ (Apg 5,12-15) Diese sorgfältig gewählte dichterische Formulierung des Lukas von „Schatten“ und „Kraft des Höchsten“ hat dazu verleitet, im Geist Gottes den biologischen Ursprung für die Schwangerschaft zu sehen. Das Gegenteil ist gemeint: Der Geist ist die Antriebskraft, das der Mensch selber etwas Mutiges tun, nicht der Geist tut es anstelle des Menschen.

 

Somit wurde dem jungen Mädchen Maria von der höchsten Autorität erlaubt, sich auf eine Liebe einzulassen, die sie sich selber nie zugestanden hätte. Das Mädchen hat sich hingegeben zu einem Liebesakt, der nach gesetzlichen Ordnungen nicht vorgesehen war. Sie beging dabei keinen Ehebruch, denn sie sagt zum Boten: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne.“ Sie weiß von keinem Mann, der dafür in Frage käme. Sie ist an keinen gebunden. Eigentlich hätte sie sagen müssen: „Ich habe einen Verlobten, aber es ist noch nicht die Zeit, um schwanger zu werden.“ Ihre Antwort scheint also noch vor der Verlobung mit Josef ausgesprochen worden zu sein. Der Bote lässt nicht locker: „Es wird dich der Geist der Liebe erfassen. Du wirst die Kraft bekommen, dich auf etwas einzulassen, was nicht den Normen entspricht. Es wird aus diesem Akt ein Kind hervorgehen, das man ein göttliches nennen wird.“ Dann gab das Mädchen nach und willigte ein. „Siehe, ich bin Sklavin, ich verfüge nicht mehr über mich selbst, sondern er ist Herr über mich.“ Und dann geschah es: Was vorher durch das Wort angesprochen worden war, wurde Wirklichkeit. Es wurde ein „Kind der Liebe“ gezeugt. Offenbar stammte der „Mann der Liebe“ nicht aus dem jüdischen Volk, sonst hätte man das Ganze hinterher legitimieren können durch eine normale Eheschließung. Es dürfte jemand gewesen sein, der zu den Völkern gehörte und in Israel lebte. So einer kam für die Angehörigen nicht in Frage als Ehemann. Aber Liebe überschreitet nationale Grenzen, sprengt gesellschaftliche Normen. Dieses wunderbare und so ganz gegen die Norm stehende Ereignis konnte man im frühen Christentum niemandem schildern, ohne Gefahr zu laufen, dass es verdreht und missbraucht würde. Die Geschichte könnte Hintergedanken hervorrufen. So sagte das frühe Christentum schlicht und einfach: „… im Geist Gottes gezeugt“ Für eine so vertrauliche, ja intime Erklärung der Schwangerschaft wie wir sie hier wagen, wäre wohl die damalige Zeit noch nicht reif gewesen. Vielleicht ist sie heute reif dafür.

 

Dieses Kind ist also von Anfang an mit der Prägung versehen: Gezeugt aus einer Liebe, die über Traditionen und Grenzen hinweg geht. Als Erwachsener wird Jesus in seinem Wirken und Lehren dieselbe Liebe verkünden, die ihn ins Leben gerufen hat, eine Liebe die weit über den gesetzlichen Rahmen hinaus geht. Die Hüter des Gesetzes und der Gesetzesreligion duldeten das nicht. Sie sahen sich genötigt, diesen Verkünder der Liebe zu töten.  Wer namentlich der Geliebte dieses noch allzu jungen Mädchens war, verraten uns die Evangelien also nicht. Wahrscheinlich haben ihn auch nur die allerwenigsten unter den frühen Christen erfahren. Das einzige, was sie erfahren haben: Ihr könnt vertrauen: Es war keine schmutzige Beziehung, sondern eine leuchtend helle, ehrliche Beziehung. Darauf könnt ihr euch verlassen. Die Zeugung ist im Geist einer starken Liebe geschehen, im Geist Gottes. Glaubt daran. Das zu glauben, war so bedeutungsvoll, dass es später sogar ins Credo kam.

 

Für manche Leser mag diese natürliche und doch sehr spirituelle Deutung dieser Evangelien-Stelle erschütternd sein. Sie fürchten, dass damit die Grundfesten unseres Glaubens ins Wanken kommen. Sprechen wir doch im Credo: „Empfangen durch den heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.“ Diese Deutung erscheint häretisch. Das macht Ärger! Für andere ist sie eine große Erleichterung: Endlich ein einsichtiger Glaubensansatz. Das macht Mut. Dazu möchte ich ein persönliches Geständnis anführen: Die Entdeckung dieser Spur liegt bei mir schon Jahre zurück. Nur wenigen Interessierten habe ich sie in ganz vertraulichen Gesprächen eröffnet – einmal sogar in einer PGR-Klausur zum Thema Credo. Inzwischen bin ich hingewiesen worden auf ähnliche Aussagen in einem Buch des ehemaligen Theologie-Professors Josef Ratzinger. Es ist der spätere Papst Benedikt XVI.

 

„Die Empfängnis Jesu ist Neuschöpfung, nicht Zeugung durch Gott. Gott wird dadurch nicht etwa zum biologischen Vater Jesu, und das Neue Testament wie die kirchliche Theologie haben grundsätzlich nie in diesem Bericht den Grund für das wahre Gottsein Jesu gesehen. ... die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre...“

(aus: J. Ratzinger; Einführung in das Christentum; Kösel-Verlag, München 2000)

 

Wenn der das schreibt, darf ich es auch wagen und darf es mit biblischer Textgenauigkeit belegen.