22. März 2020

4.Fasten-Sonntag

Ihm ging das Licht fürs Leben auf

Joh 9,1-41

An die Blindenheilung in Jerusalem fügt sich ein Hin-und-Her von Befragungen und Beschuldigungen durch die jüdische Aufsicht an. Die Strengreligiösen stellen die Eltern des zuvor Blinden zur Rede, um ihnen eine Aussage über Jesus abzuringen. Aber diese Eltern drücken sich davor, zu sagen, durch wen dem Sohn die Augen geöffnet wurden, denn sie haben Angst, dass sie AUS  DER SYNAGOGE AUSGESCHLOSSEN würden. Das griechische Wort heißt APO-SYNAGOGOS. Dieser Ausdruck kommt nur im Johannes-Evangelium vor und zwar insgesamt drei Mal - hier und noch zwei weitere Male.

„Es kamen sogar von den führenden Männern viele zum Glauben an ihn (=Jesus); aber wegen der Pharisäer bekannten sie sich nicht offen, um nicht aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden.“ (Joh 12,42)

„Das habe ich euch gesagt, damit ihr keinen Anstoß nehmt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja, es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten. Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“ (Joh 16,1f) Das Wort „aus der Synagoge ausge­schlossen“ (wörtlich: hinausgeworfen) hat die Aufmerksamkeit vieler Bibelwissenschaftler auf sich gezogen. Es scheint ihnen ein Fachausdruck zu sein und aus einer viel späteren Zeit zu stammen, nämlich aus den 90er Jahren, als das Johannes-Evangelium geschrieben wurde. Zur Zeit Jesu selbst wurde noch keiner aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen, wenn er sein Anhänger war.

Dazu müssen wir auf die frühe Geschichte der allmählichen Trennung zwischen Christentum und Judentum näher eingehen. In den Jahrzehnten nach dem Wirken Jesu wuchs das junge Christen-tum zunächst als Bewegung innerhalb des Juden-tums empor – trotz scharfer Anfeindungen von Seiten der jüdischen Führung. Ein großer Anteil der neuen Bewegung war jüdischen Ursprungs: die Judenchristen. Die übrigen neuen Mitglieder stammten aus den Völkern: die sogenannten Heidenchristen.

 

Als im Jahr 70 n.Chr. das Herzstück des traditio-nellen Judentums – der Tempel in Jerusalem – durch die römischen Legionen zerstört war und damit auch die Priester-Aristokratie unterging, blieben die Pharisäer als tonangebende Partei übrig. Wenn es schon kein zentrales Heiligtum mehr gab, mussten sie sich noch strenger auf die Gesetze des Mose stützen. Kaiser Vespasian erlaubte ihnen, in der Stadt Jabne/Jamnia ein neues religiöses Zentrum zu errichten. Im Umfeld des Rabbiners Gamaliel II  soll dort ihr berühmtes 18-Gebet eine Ergänzung bekommen haben, den Ketzerfluch.

Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n.Chr. ging auch die Tempelaristokratie unter. Neue Hüter der Religion wurden die Pharisäer und ihre Schrift-Theologen. Sie verhielten sich dem jungen Christentum ebenso feindselig wie zu Jesu Lebzeiten die Hohepriester.

Darin wurden alle verachtet und ausgeschlossen, die sich dem Messias aus Nazaret anvertrauten und sich gar öffentlich zu ihm bekannten. Das ist der Wortlaut der 12.Bitte an Gott: „Den Abtrünnigen sei keine Hoffnung und die freche Regierung (=Rom!) mögest du eilends ausrotten in unseren Tagen. Die Nazarener und die Minim (= Ketzer, Häretiker) mögen umkommen in einem Augenblick, ausgelöscht werden aus dem Buch des Lebens und mit den Gerechten nicht aufgeschrieben werden. Gepriesen seist du HERR /JHWH, der Freche beugt.“ Das Christentum der 70er und 80er erlebte also eine schroffe, geradezu göttlich gegründete Ausgrenzung von Seiten der traditionell gläubigen Juden. Das Johannes-Evangelium entstand in den 90er Jahren. Da hatten die Christen-Gemeinden den Ausgrenzungsprozess zwar bereits hinter sich, aber die Auswirkungen waren vielfältig: Sie genossen vor dem römischen Staat nicht mehr die Sonderrechte als anerkannte Religion wie die Juden, sie galten in der breiten römischen Bevölkerung als „ausländischer Aberglaube“. Die Juden hatten anstelle der bisherigen Tempelsteuer nun den fiscus judaicus an das Jupiter-Heiligtum in Rom zu entrichten, die Christen nicht, denn sie waren vom Judentum verstoßen. Dafür aber mussten sie dem Kaiser göttliche Verehrung erweisen. Die Kluft zwischen Christen und Juden wurde durch die römischen Steuer-Gesetze noch vertieft.

Auf diesem Hintergrund müssen wir das Evangelien-Stück lesen: Einzelne Angehörige des Judentums im gesamten römischen Reich erlebten „im Vorbeigehen“ an den Christengemeinden, dass ihnen das Licht fürs Leben aufging. Dies konnte geschehen, obwohl sie von Kindheit an streng religiös erzogen worden waren und blind waren für die Schönheit und Buntheit der Guten Nachricht. Für solche tatsächlichen Beispiele gibt es eine Entsprechung noch aus der Zeit des Wirkens Jesu selbst – 50 bis 60 Jahre zuvor. „Vorbei gehend sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.“ Dem Menschen wurden die Augen für das Leben geöffnet – durch die enge Berührung mit den Messias. Aufgewachsen war der Mensch in einer gehorsam religiösen Familie. Dort war  es ihm von Kindheit an nicht gegönnt, die Freude und die Farben des Glaubens zu sehen. Bei den Eltern war die Angst vor den Hütern der Religion größer als die Dankbarkeit. Dem Sohn waren endlich im reifen Alter doch die Augen aufgegangen, weil er mit dem Evangelium in seiner Echtheit und Ursprünglichkeit in Kontakt gekommen war. Die Nachbarn wollen das nicht wahr haben und statt sich mit ihm zu freuen und dankbar zu sein, fingen sie eine schroffe Befragung an. Er gab sachlich Auskunft, er war nicht zum Schwärmer geworden. Wo der sei, dem er das neue Sehen verdankt, sagte er zuerst nicht. Aber nach und nach steigerte er doch die Einschätzung über seinen „Augenlicht-Spender“.  Erst nannte er ihn nur einen Propheten. Dann aber bekannte er, dass jener ein Mensch sein musste, den Gott erhört, ja, einer der von Gott kommt. Jetzt gingen die Religionshüter auf Gegenangriff und beschuldigten ihn, er sei ein abgrundtiefer Sünder, ein Abtrünniger. Das war aber auch der Augenblick, in  dem sich ihm Jesus neuerlich persönlich zu erkennen gab und ihn bestärkte. Jesus tat es, indem er ihm ermöglichte, ein ganz großes Bekenntnis auszusprechen: „Du bist der Menschensohn. Du bist das Modell des Menschseins. Dir vertraue ich mich weiterhin an. Du hast mir die Augen geöffnet und ab jetzt will ich mehr kennen und sehen lernen von dir: ich will durch dich das Menschsein lernen“.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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