23. Juni 2019

12.Sonntag im Jkr

Sich das Zeichen aufprägen lassen

Wir haben nun 9 Sonntage lang anspruchsvolle Stellen aus dem Johannes-Evangelium gehört. Sie waren geschrieben für Fortgeschrittene in der Glaubenserfahrung. Es war kräftige Kost, nicht für die Allgemeinheit gedacht. Nun bietet die Leseordnung wieder Lukas-Stellen an. Dieses Stück enthält ausdrücklich den Hinweis:

„Zu ALLEN sagte er …“

Der mit 2 Strichen in Kreuzform gelegte Buchstabe T entspricht dem hebräischen Taw. Beim Propheten Ezechiel wird erwähnt, dass jene Menschen, die sich die Notlage anderer zu Herzen gehen lassen, dieses T-Zeichen auf die Stirn bekommen.

Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir nachgehen will,

verleugne er sich selbst,

nehme täglich sein Kreuz auf sich

und folge mir nach.

Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.

 

Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.

Jesus merkt, auf welch  großes Echo seine Botschaft stößt. Unglaublich, viele begeistert sind von seiner hoffnungsfrohen Art und am liebsten würden sie sofort mitlaufen. Er aber liebt den Massenzulauf nicht und er sagt nicht: „Kommet ALLE zu mir!“ Eher schränkt er ein: „Begeisterung allein genügt nicht.“ Er stellt von vornherein klar: „Wenn jemand in nähere Beziehung zu mir eintreten will und hinter mir nachgehen will, also zu meiner Gefolgschaft gehören will, dann verabschiede er sich von all dem, worauf er stolz ist. Seine vermeintlichen Vorzüge braucht er nicht anzupreisen. Seine innere Prägung kann er hinterfragen, seine fest verankerte religiöse Tradition kann er auf den Prüfstand stellen, auf seine Begabung braucht er sich nichts einzubilden, seine Erbanlagen kann gering achten,  was er bisher geleistet hat, das alles kann er verleugnen. Er kann sich persönlich gleich einmal vorsagen: >Damit habe ich ab jetzt nichts mehr zu tun<. Das wäre der erste Schritt.

Der zweite wäre: Er braucht die Bereitschaft, eine neue Prägung anzunehmen. Er wird eine Markierung aufgedrückt bekommen, wie ein Brandmahl (wie die Rinder einer großen Herde in ihr Fell eine Kennzeichnung eingebrannt bekommen). Es ist ein Balken oder ein Kreuzsymbol, das er von jetzt an auf seinem Körper trägt. Das sollte er annehmen.

Das dritte wäre: Er sollte sich mir für einen längeren Lernprozess anschließen. Er sollte als lernbereiter Schüler mir folgen auf den Wanderungen, also einfach verbindlich mitgehen: Lernen nicht durch Bücherwissen, sondern durch Mitgehen mit dem Meister – und zuschauen, wie er es macht.

Die übliche Welt hat Einwände gegen solche Anforderungen. Sie verlangt: >Schau auf dich selber! Bringe dein Leben auf die sichere Seite. Alles, was du dir an Können und Besitz erworben hast, musst du schützen. Grenze dich ab dagegen, dass jemand von den Früchten deines erworbenen Wohlstandes herunter pflückt. Du hast alles anständig erworben, warum sollen andere davon Nutznießer werden?<. So eine Haltung mag kurzfristig Befriedigung bringen. Wer so sein Leben gestaltet, glaubt, dass er oben auf bleibt. Es ist aber ein Irrtum. Langfristig bringt es ihm Verluste, es führt auf Dauer zu Lustlosigkeit, ja zum Absturz. Diese Warnung gilt für Einzelne, für Gruppen und für ein ganzes Volk: Die Einstellung des Ich-Zuerst, Wir-Zuerst, unser Land-Zuerst führt zum Niedergang einer ganzen Gesellschaft.

Wer aber seine Lebensenergie einsetzt in der Art wie ich, wer sein Können und seinen Besitz ausgibt, weil er mich schätzt, der wird sein Leben auf die sichere Seite bringen. Wenn die Sich-Selbst-Verwöhner dann in die Verlustzone rutschen, werden die Meinigen oben auf sein. Ich spreche allerdings von der Zukunft. Meine Lebensempfehlung ist langfristig gedacht, aber sie ist sicher.

Unter dem Jesus-Wort „der nehme sein Kreuz auf sich“ versteht man herkömmlich die Bereitschaft zum Leiden. In Bibelkommentaren ist auch zu lesen, Jesus würde das Martyrium verlangen. Simon von Zyrene, der für Jesus den Kreuzbalken getragen hat, wird als Musterbeispiel angeführt. Aber dessen Mittragen war keineswegs ein Martyrium, im Gegenteil, diese Minuten wurden zur Erwählung, es hat sein Leben gänzlich gewandelt, nachweislich auch das seines Sohnes Rufus und seiner Frau. Jesus kann mit dem Wort „Kreuz auf sich nehmen“ nicht das Kreuz gemeint haben, auf dem er etwa 1 Jahr später aushauchen sollte, denn er spricht nie vorher von dieser Todesart. Man sollte genau Acht geben, was er als Vorankündigung sagt: „Der Menschensohn muss vieles erleiden … verworfen werden, er muss getötet werden und am dritten Tage auferweckt werden.“ (Lk 9,22) Es sagt nie voraus, wie er getötet würde. Verheimlicht er es oder weiß er es noch nicht? Es könnte ja durch das Schwert sein, wie bei Johannes dem Täufer 1 Jahr vorher, es könnte Steinigung sein, wie bei Stephanus 3 Jahre später. Dass es zur Kreuzigung kam, entschied sich erst 3 Stunden, bevor er tatsächlich oben hing. Der Ruf >Den ans Kreuz< ertönte lautstark erstmals von der Straße vor dem Palast des Pilatus. Das Kreuz wurde von dem bereits vorverurteilten Bandenführer Barabbas in letzter Minute auf Jesus umgewälzt. Im Laufe seiner Wanderschaft ruft Jesus offenbar öfters aus: „Wenn einer hinter mir nachgehen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich“ Vielleicht spielt er dabei auf ein Wort aus dem Buch Ezechiel an: „Die Herrlichkeit Gottes erhob sich … er rief den Mann, an dessen Hüften das Schreibzeug hing. Jahwe, der Herr, sagte zu ihm: >Geh mitten durch die Stadt, mitten durch Jerusalem und schreib ein Taw auf die Stirn der Männer, die seufzen und stöhnen über all die Gräueltaten, die in ihr geschehen.< Und zu den anderen hörte ich ihn sagen: >Geh hinter ihm her durch die Stadt und schlag zu!<“ (Ez 9,3f) Die nicht wegschauen, wenn andere leiden, sondern sich den Schmerz anderer nahe gehen lassen, sie bekommen das „T“ (= 2 gekreuzte Balken) als Zeichen der Rettung am Körper vermerkt. Auf dasselbe Thema scheint die Offenbarung nach Johannes anzuspielen: „Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren 144.000 aus allen Stämmen der Söhne Isreals.“ (Off 7,4) Wenn Jesus noch zu Lebzeiten vom Kreuz-Tragen seiner Anhänger spricht, wird er wohl dieses auf dem Körper aufgetragene Kreuz-Zeichen gemeint haben. Das griechische Wort STAUROS (= Balken, Kreuz) steht für beides: Zeichen aus 2 Strichen und Hinrichtungspfahl. Möglicherweise ist das ursprüngliche Lehrwort Jesu von Zeichen am Körper wenige Jahrzehnte nach seinem Tod auf sein Kreuzesholz umgedeutet worden. Dies ist verständlich für eine Zeit der Bedrängnis und der Verfolgung der führenden Christen. Sie hatten vieles zu erleiden wie ihr Messias selbst. In den Jahren, als Lukas sein Evangelium gerade schreibt, ist die lokale Christenverfolgung im römischen Reich unter Kaiser Domitian (81 – 96 n.Chr) wieder abgeklungen. Deshalb ändert Lukas das Kreuztragen, das kurz zuvor einige als einmaliges Leiden oder Martyrium erfahren haben, um auf ein tägliches Leiden und tägliches Last auf sich nehmen: So schreibt Lukas anderes als seine Vorlage: „… der nehme täglich sein Kreuz auf sich“

Inzwischen sind 2000 Jahre vergangen. „Kreuz tragen“ als Martyrium gehört der Vergangenheit an und in unserer Welt hat kaum jemand körperliche Qualen zu erleiden, wenn er sich Christus anschließt. Was bis heute gültig bleibt, ist das unauslöschliche Merkmal, das wohl Jesus ursprünglich gemeint hat. In einer Welt der Beliebigkeit und wo sich die Leute ihre Haltung wie Kleidungsstücke je nach der Mode wechseln und sich nach gesellschaftlichen Strömungen richten, in so einer Zeit verlangt Jesus mit dem Zeichen-Tragen Geradlinigkeit und Erkennbarkeit, dass man sich für ihn verpflichtet hat. Das muss nicht an der Kleidung erkennbar sein, die so eine Zugehörigkeit ausdrückt. Es muss kein auffälliges Kreuz auf der Brust leuchten. Der überzeugende Jesus-Nachfolger vor 800 Jahren in Italien und Europa, Franz von Assisi, wählte sich das Taw als Zeichen und die franziskanische Familie trägt es bis heute, es ähnelt einem Kreuz. Wichtiger noch als das hölzerne Kreuzchen auf der Brust  ist der erkennbare Lebensstil: der achtsame Umgang mit Menschen in Bedrängnis, Respekt vor der Verletzbarkeit der Natur. Wer nach solchen Grundsätzen lebt, fällt auf, er hebt sich deutlich ab von der gewinnsüchtigen Bevölkerung. Er wird gefragt, vielleicht sogar zur Rede gestellt, verächtlich angesehen: „Warum kümmerst du dich um das? Wir haben nichts zu verschenken.“ Jetzt ist Gelegenheit für den Zeichen-Träger, zu der Lebenshaltung mutig zu stehen und sich dazu zu bekennen. Ein Erkennungszeichen muss nicht auffällig getragen werden, aber Gesinnungsgleiche werden es bemerken. Durch das Tragen entsteht eine „Familie“ und entsteht die Sicherheit, dass es von oben gesehen und der Lebensstil vermerkt wird. Wenn Jesus sagt „der nehme das Kreuz auf sich“, erwartet er mehr: er erwartet, dass sich die Lernenden verbindlich verpflichten, dass sie stehenn zu ihrer Überzeugung, dass sie sich der „großen Familie“ zugehörig wissen und dass sie an der „Rettung“ teilhaben. Dieses gekreuzten Striche zu tragen - das erwartet er sich - das Erkennungsmerkmal der Tat.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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