5.Dez. 2021      2.Advent-Sonntag

Entstandene Gräben auffüllen

Lukas 3,1-6

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und der Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündete dort überall die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden, wie im Buch der Reden des Propheten Jesaja geschrieben steht:

Stimme eines Rufers in der Wüste: / Bereitet den Weg des Herrn! / Macht gerade seine Straßen!

Jede Schlucht soll aufgefüllt / und jeder Berg und Hügel abgetragen werden.

Was krumm ist, soll gerade, / was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.

Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.

Diesmal folge ich der Bitte einer Bibelrunden-Leiterin, ich möge zur Auslegung des Evangelien-Abschnittes gleich eine Anregung mitzuliefern. Deshalb folgt hier ein Interview mit dem Evangelisten Lukas. Es ist leicht anwendbar für einen Gruppenabend und lässt sich sogar anstelle einer Predigt einsetzen (Dauer max.10 Min). Es enthält Infos zu Lukas als Schriftsteller und eine Auslegung dieses Evangelien-Abschnittes. Mit dem 1.Adventsonntag hat das Lesejahr Lukas begonnen.

Reporter:  Lukas, du hast ein Evangelium geschrieben, obwohl es das Markus-Evangelium schon 20 Jahre lang gab. Du hast sogar eine Kopie davon in Händen gehabt. Warum hast du in den 90er Jahren noch so ein Werk veröffentlicht?

Lukas:  Ich schätze das Markus-Evangelium sehr, so sehr, dass ich es als Vorlage verwendet habe. Außerdem stand mir noch eine Sammlung von Jesus-Worten zur Verfügung. Die Reden Jesu kommen ja bei Markus zu kurz. Schon viele haben es vor mir unternommen, eine Erzählung von den Dingen abzufassen, die sich unter uns zugetragen haben. Alle Autoren hielten sich genau an das, was die Augenzeugen von der ersten Stunde an überliefert haben. Darüber hinaus gab es noch die Diener des Wortes. Ich gehöre nun zur dritten Christengeneration und bin allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen. Schließlich habe ich mich entschlossen, es der Reihe nach aufzuschreiben.

Reporter:  Worin siehst du den Vorzug deines Werkes?

Lukas:  Ich schreibe umfangreicher als Markus: In meinen Nachforschungen habe ich von zusätzlichen Ereignissen erfahren, die ich eingefügt habe. Vor allen enthält mein Werk viel mehr Reden von Jesus.

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Irgendwo oberhalb des Toten Meeres wird sich Johannes in der Wüste aufgehalten haben. Vielleicht erging das Wort Gottes an ihn, während er sich in einer Höhle aufhielt, so wie der Prophet Elia

Reporter:

Hast du auch einen anderen

Schreibstil?

Lukas:

Ja, ich habe mich an den literarischen Stil der römischen Schriftsteller gehalten, damit sich mein Buch mit den anderen Werken am Markt messen kann. Außerdem habe ich manches eine Spur spannender und schriftstellerisch kunstvoller geschrieben.

Reporter:

Du hast doch auch historische Ankerpunkte und weltbekannte Persönlichkeiten eingebunden?

Lukas:

Ja, meine Leser sollen das Gefühl haben, dass die Geburt Jesu, der Beginn seines Wirkens und sein Leiden sich unter bekannten Herrschern zugetragen haben.

Reporter:

Kannst du Beispiele bieten?

Lukas: Kaiser Augustus wollte in die Geschichte als Friedensbringer der Welt eingehen. Seine Macht war auf militärische Überlegenheit gegründet. Ob Hochrüstung langfristig zum Frieden führt, würde ich aber bezweifeln. Die wahren Friedensbemühungen sind von Jesus ausgegangen. Deshalb verknüpfe ich die Geburtsstunde Jesu mit dem Namen des Augustus und lasse vor den Hirten von Betlehem ein  himmlisches Heer auftreten und im Chor singen: „Friede auf Erden“.

Reporter: Hast du noch ein Beispiel?

Lukas: Ja, gerne. Das Auftreten Johannes des Täufers lässt sich datieren in das 15.Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius. Das ist der Zeitpunkt, an dem Jesus mit seinem Wirken beginnt.

Reporter: Wunderbar – damit wären wir beim Sonntags-Evangelium, das wir gerade vernommen haben. In der Markus-Vorlage steht wörtlich: „So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf.“ Du weichst ein wenig ab davon, warum?

Lukas: Ich schreibe feierlich: „Da erging das WORT an Johannes, den Sohn des Zacharias.“ Das wird die Leser mehr beeindrucken als nur, dass er dort aufgetreten ist. Ich bin sicher, dass der Täufer nicht aus eigenem Entschluss aufgetreten ist, sondern weil das WORT an ihn ergangen ist. Außerdem bin ich überzeugt, dass wir in der Stille verweilen müssen, oft sogar eine Wüste durchleiden müssen, bis uns das Wort Gottes treffen kann. Mich persönlich hat das WORT getroffen, dass ich meine schriftstellerische Begabung in den Dienst Gottes stellen muss.

Reporter: Da hast du wohl Recht. Aber weiter bei Johannes: Nach Markus scheint er sich nur an einer Taufstelle aufgehalten zu haben. Siehst du das anderes?

Lukas: Ich habe Informationen, dass Johannes den Ort mehrmals gewechselt hat. Er hielt sich zwar immer in der Gegend des Jordan auf, weil er das Wasser zum Untertauchen brauchte. Aber es war an verschiedenen Orten.

Reporter: Dann hast du einen Satz, der nach einer festen Formel klingt und der in allen Evangelien gleich vorkommt. Ich trage ihn langsam – Wort für Wort – vor: „Johannes –verkündete – die Taufe – der Umkehr – zur Vergebung – der Sünden.“ Kannst du diesen bedeutungsschweren Satz für uns näher erklären?

Lukas: Gerne! Mit dem Wort „verkünden“ ist eine knappe überzeugende Botschaft gemeint. Das ist nicht „predigen“, auch nicht „einen Lehrvortrag halten“, nicht „ausführlich darlegen“, sondern bedeutet einfach sagen: „Das ist so!“ Was verkündete er? Die „Taufe“. Das griechische Wort BABTIZO bedeutet: Eintunken, untertauchen, ja beinahe  ertränken.

Reporter: „Taufe“ kenne ich anders, nämlich als „reinigen“.

Lukas: Nein, Johannes meinte keinen Reinigungsritus, sondern einen Sterberitus. Er verknüpft das Untergehen mit der Abkehr vom bisherigen Lebensstil. Dazu muss ich dir wieder das griechische Wort erklären: Es stimmt, dass es  oft mit „Umkehr“ übersetzt wird. Aber META-NOIA setzt sich zusammen aus zwei Worten: META heißt „im Nachhinein“ und NOIA ist die Einsicht. Es geht also darum, das bisherige Leben gründlich anzuschauen, also eine Lebensrückschau zu halten. Aus dieser Rückschau soll der Kandidat dann auch Konsequenzen ziehen und das bisherige Leben untergehen lassen im Wasser.

Reporter: Das Bisherige hinter sich zu lassen, geht das so einfach?

Lukas: Das geht nur mit der Überzeugung, dass Gott in der Lage ist, unsere eigene Vergangenheit in seinen Händen aufzufangen und umzuwandeln in etwas Sinnvolles. Gott ermöglicht einen Neubeginn, er rechnet uns das Alte nicht mehr vor, er vergibt das Selbst-Verschuldete. Es braucht uns nicht mehr länger zu belasten. Das VERKÜNDETE Johannes. Er sagte ganz klar: „Das ist so!“ Er tat es wie ein Herold, den ein König beauftragt hat, eine kurze, wichtige Nachricht in seinem Land bekannt zu machen.

Reporter: Er muss eine überzeugende Gestalt gewesen sein. Woher nahm er die Gewissheit für so ein Sprechen?

Lukas: Woher er die Vollmacht dafür nahm? Das kann ich nur vermuten: Aus den Heiligen Schriften. Die Prophetenworte – er hat sie als gebildeter Jude gut gekannt – sie haben tatsächlich eine enorme Antriebskraft.

Reporter: Bist du, Lukas, ein jüdischer Gläubiger? Kennst du die Bibel der Juden? Kennst du dich aus darin?

Lukas: Ich bin nicht Jude, ich stamme aus den „Völkern“, wie die Juden sagen. Meine kulturelle Herkunft ist der Westen, die wohlhabende, römische Welt. Aber seit ich zum Herrn gefunden habe, zu Jesus, habe ich auch die Propheten-Bücher der Juden schätzen gelernt, ganz besonders die Reden des Jesaja.

Reporter: Findest du darin etwas, das auf Johannes zutrifft?

Lukas: Ja, ein Satz ganz besonders: „Stimme eines Rufers in der Wüste, bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“

Reporter: Dieser eine Satz kommt auch bei Markus vor. Warum hast du mehrere Sätze genommen?

Lukas: Ich musste mehr von dieser kraftvollen Aussage des Jesaja wiedergeben:

„Jede Schlucht wird ausgefüllt und jeder Berg und Hügel abgetragen werden. Krumme Wege werden begradigt, und die Strecken, wo Steine im Weg liegen, sie werden  zu glatten Wegen werden. Und alle werden das Rettende Gottes sehen.“

Reporter: Scheint dir dieser Zusatz auch für uns heute – 2000 Jahre später – bedeutsam?

Lukas: Ja, ganz besonders für euch! Ihr erlebt gerade, wie eine Spaltung in der Gesellschaft entsteht. Gerade unter euch, die ihr das Evangelium lebt, werden die Gräben aufgefüllt. Die Menschen gehen krumme Wege, die gerade ihr aufgeben werdet. Ihr werdet geradlinig und aufrecht gehen, damit euch das heilsame Wort erreichen kann. Ich kann nur empfehlen, jeden dieser Sätze einzeln zu wiederholen und das einprägsame Bild auf sich wirken zu lassen.

Reporter: Ja, stimmt! Der Schlusssatz scheint dir besonders wichtig zu sein.

Lukas: „Alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.“ Davon bin ich überzeugt: Alle Menschen, ob gläubig oder fernstehend, ob einfältig oder gebildet, ob jugendlich oder alt, allen wird vor Augen gestellt, was für sie heilsam ist. Letzen Sonntag haben wir aus deinem Evangelium gelesen: Der Menschensohn wird auf einer Wolke zu sehen sein. Das Modell der Menschlichkeit wird allen gezeigt. Wer aus unserer Gesellschaft dieses rettende Angebot annehmen will, das wird sich zeigen. Es liegt an jedem Einzelnen selber.

Reporter: Danke, Evangelist Lukas für deine Ausführungen und dass du heute bei uns zu Gast warst.