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10. Nov 2019

32.Sonntag im Jkr

Ist es mit dem Tod aus oder nicht?

Lukas 20,27 – 38

Hier prallen zwei Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Einerseits die Sadduzäer, die religiös-adeligen, die durch ihre Oberaufsicht über das Heiligtum sich Respekt beim Volk verschaffen, aber nicht seine Zuneigung haben. Andererseits Jesus – er genießt die Zustimmung des Volkes, ihn hätten die Massen gerne als Oberhaupt, weil seine Religiosität stimmig und überzeugend ist. Die Sadduzäer stellen den Hohenpriester. Während seiner Amtszeit achtet er darauf, mit der römischen Besatzungsmacht eine reibungslose Beziehung sicherzustellen. Denn eines ist dem Hochenpriester und den Sadduzäern klar: Rom ist die einzige Instanz, die ihn des Amtes entheben kann. Den einzigen, den diese „Reichen im Schatten des Tempels“ noch fürchten, das ist der Volksliebling Jesus aus Nazaret, obwohl er nicht gegen sie antritt. Das Neue Testament schreibt nicht viel über sie, außer Apostelgeschichte 23. Die dort geschilderte Auseinandersetzung mit Paulus wäre eine eigene Behandlung wert. Sie liest sich spannend wie ein Krimi.

Den erfolgreichen Rabbi Jesus haben sie schon Wochen vor dem Pascha-Fest des Jahres 30 auf der Todesliste mit der Begründung: „Wenn wir ihn länger gewähren lassen, werden alle an ihn glauben.“ (Joh 11,49f) Dennoch lässt sich Jesus noch während der letzten Tage vor seinem Leiden auf ein respektvolles Gespräch mit ihnen ein. Sie reden ihn heuchlerisch mit „Rabbi“ an, das wir heute mit „Herr Professor“ übersetzen könnten.

„Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. Da nahm sie der zweite, danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben. Schließlich starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.“ Damit sprechen sie von einem Rechtsfall, den die Juden Levirats-Ehe nannten.

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Dies ist die originalgetreue Nachbildung des siebenarmigen Leuchters, der MENORA, Er war im Tempel aufgestellt und  bestand aus purem Gold. Die Römer haben ihn 70 n.Chr. geraubt und beim Triumphzug nach dem jüdischen Krieg durch Roms Straßen geführt. Auch der Goldschatz wurde damals geplündert aus dem Tempel der Juden - darüber hatten die Sadduzäer die Aufsicht.

Aus dieser Wortmeldung allein lässt sich schon ablesen, dass sie gerne einen konstruierten Fall vortragen und nicht mit Alltagsbeispielen kommen, wie es Jesus hingegen 3 Jahre lang getan hat. Das Thema „Tod“ ist ihr Hauptanliegen, siebenmal reden sie davon. Ihr Umgang mit der Frau ist bezeichnend: Die „nimmt“ man sich – nur um einen Nachkommen zu zeugen.

Was Jesus als Antwort sagt, ist eine Klarstellung: „Ihr unterliegt einem Irrtum in doppelter Hinsicht: Erstens ist eure Kenntnis der Heiligen Schriften mangelhaft und zweitens sind eure Erfahrungen mit den starken Möglichkeiten Gottes dürftig.“ (Siehe Mk 12,24). In dieser Antwort ist weder ein Angriff noch eine Beschuldigung enthalten, nur eine Aufklärung. Jesus stellt klar: „So eine Philosophie hat nicht die ganze Lebensordnung im Blick. Das ist nur die halbe Sicht unserer Welt. Der Kosmos und seine Vitalität ist umfassender.“ Wenn Jesus solche Leute zurechtweist, dann nicht in der Hoffnung, sie würden umdenken, sondern in dem Wissen, dass noch viele andere Leute mithören (Sogar 2000 Jahre später gibt es Leser, die seine Meinung dazu kennenlernen wollen). Er vertritt die Lehre: Das Universum und seine Entwicklung einschließlich der Menschheit zielt auf das Leben ab, nicht auf en Tod. Wenn Vertreter eines hohen religiösen Amtes eine Lehrmeinung verbreiten, die offensichtlich falsch ist, dann wird das einfache gläubige Volk in die Irre geführt, weil es ja auf die Autorität hört. Daher muss der Irrtum entlarvt werden, allein schon zum Schutz des gutgläubigen Gottesvolkes. Deshalb wiederholt Jesus am Schluss seiner Ausführungen nocheinmal: „Ihr irrt euch  s e h r !“ Lukas fühlt sich bemüßigt, diese scharfe Erwiderung Jesu abzumildern. Er schreibt nicht mehr wie Markus: „Ihr irrt euch!“, sondern setzt gleich mit der Begründung Jesu ein. Folgen wir zunächst den Begründungsschritten, wie sie der ursprünglichere Markus überliefert: „Wenn nämlich die Menschen von den Toten auferstehen, heiraten sie nicht, noch lassen sie sich heiraten, sondern sind wie Engel im Himmel.“ Jesus ist überzeugt, dass der Mensch, der dem entsprochen hat, was für ihn und sein Umfeld als gut vorgesehen war, der sich als „gerecht“ erwiesen hat, dass so ein Mensch nach dem Ableben nicht ausgelöscht sein kann. Er wird zum „Leben“ erweckt, er wird also in eine übergeordnete Lebensweise hinein genommen, wo Sexualität und Nachkommen-Zeugen kein Thema mehr sind und wo die Liebe und Beziehung nicht mehr körperlich ausgedrückt wird. Solche als „gerecht“ bestätigte Personen haben hinterher – über den Tod hinaus – noch eine Nachwirkung und eine Mission. Sie können denen, die noch auf der Erde verblieben sind, Hinweise geben. Sie können mahnen, schützen, Wege aufzeigen, Boten Gottes sein. Das Wort „Engel“, griechisch ANGELOS ist bedeutungsgleich mit „Bote“. Mit dieser Auffassung liegt Jesus auf einer Linie mit der Auferstehungshoffnung, die sich etwa im 2.Jh. v. Chr. im Judentum herausentwickelt hat. Damals hatten Makkabäer unter der syrischen Gewalt schwer zu leiden, weil sie den jüdischen Geboten treu blieben, und büßten dies sogar mit den Märtyrertod, nachzulesen in 2 Makk 7. Die hinterbliebenen Angehörigen waren sich sicher, dass Gott solche Persönlichkeiten nicht ins Nichts fallen lassen konnte. Er hat sie gerettet. Es musste so etwas wie eine Erweckung der Gerechten geben. Mit diesem ersten Teil seiner Begründung hatte Jesus auf Glaubensvorstellungen zurückgegriffen, die sich etwa 200 Jahre zuvor klar heraus entwickelt hatten, mit der aber die damals ebenfalls entstandene Sadduzäer-Bewegung nicht mitgezogen war: An Auferweckung der Gerechten und die Wirklichkeit von Boten Gottes glaubten die Sadduzäer seit ihrer Gründung nicht. In einem zweiten Begründungsschritt schlägt Jesus seine Angreifer nun mit ihren eigenen Waffen, denn für sie hatte nur die Tora (= die 5 Bücher Mose) Glaubensgültigkeit, die Propheten und die Weisheitsschriften hingegen nicht. Deshalb zitiert Jesus nun einen Satz aus dem Buch Exodus (=2.Buch Mose): „In der Geschichte vom Dornbusch spricht Gott zu Mose: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Er ist kein Gott von Toten sondern von Lebenden.“ Diese Logik ist zwar dem modernen Menschen nicht mehr ganz zugänglich, aber für den damaligen Gläubigen scheint sie einsichtig gewesen zu sein. Wir können trotzdem versuchen, die Aussagekraft auf heute zu übertragen: Ein Gottesbild und eine Glaubenspraxis, die sich auf den Tod konzentriert, wird nicht die Hoffnung zum Leuchten bringen, dass Gott über den Tod hinaus Menschen bestätigt, die sich um andere gesorgt haben. Erst wo die Mitglieder der Kirche ihre Schwerpunkte auf das Leben legen anstatt auf Begräbnisse, Gebäude und alte Traditionen, dort wird ihre Einstellung glaubwürdig und die Auferstehungshoffnung überzeugend.

Jesus ist mit seinen Fragestellern respektvoll umgegangen, obwohl sie seine Erzfeinde waren. Er hat wieder einmal selbst verwirklicht, was er lehrt: „Liebt eure Feinde.“ Das ist der weitaus vernünftigere Weg als der Weg der Rache. Ob diese Widersacher seine Antwort annahmen oder gar zur Einsicht kamen, sei dahin gestellt. Für die Nachwelt brachte sie einen Nutzen, denn hier lesen wir das einzige Mal, wie sich Jesus in der Öffentlichkeit zu „Tod und Leben danach“ äußert. Nur dem engsten Schülerkreis hat er anvertraut: „Drei Tagen nach seinem Tod wird der Menschensohn auferstehen. Aber sie verstanden es nicht.“ (Mk 9,31f)

Lukas gut 60 Jahre später greift die Antwort auf und passt sie seiner Zeit an. Für ihn ist sie längst keine Antwort mehr, die Jesus den Sadduzäern gibt, denn diese Partei existiert bereits 25 Jahre nicht mehr. Sie ist mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. ausgelöscht worden. Für Lukas stehen die Sadduzäer stellvertretend für die reiche und gebildete Elite in seiner römisch-griechischen Mitwelt. Diese will er schriftstellerisch nicht vor den Kopf stoßen, wenn sie philosophieren und diese „letzten Fragen“ stellen. Er schreibt daher nicht mehr: „Ihr seid einem Irrtum erleben!“ Lukas lässt auch die Frage Jesu weg: „Habt ihr nicht in der Schrift gelesen?“ (das gibt auch gegenüber einer nichtjüdischen, griechischen Leserschaft keinen Sinn), sondern er bessert um auf: „Dass die Toten auferweckt werden, hat schon Mose angedeutet.“ Mose hat in der Dornbuschgeschichte schon den Hinweis geliefert. Lukas will damit zugeben, dass im Buch Exodus keine ausdrückliche Erklärung enthalten ist, dass Tote erweckt würden. Aber Mose nennt den Herrn als einen Gott über drei Vätergenerationen. Würden von den Vätern nur Grabdenkmäler übrig sein, dann wäre der Herr ein Gott von Gräbern. Die Religion wäre eine Totenreligion, Begräbnisse wären ihre wichtigste Aufgabe. Lukas schließt seinen Abschnitt fast wie mit einem Appell an die Bildungselite seiner Zeit. Er spricht als einer, der bereits zum Glauben an Christus gefunden hat. Er schreibt es im Namen der mittlerweile schon seit 60 Jahren bestehenden Jesus-Bewegung: „Wir glauben an eine Lebensmacht, nicht an eine Totenmacht. Wir vertrauen auf den Herrn des Lebens und sind überzeugt: Alle leben für ihn. Wir alle haben unsere Vitalität von ihm her und auf ihn hin. Wir wissen, dass wir alle vorgesehen sind, zum Leben erweckt zu werden – ebenso wie er, unser Herr, zum Leben erweckt wurde. Wir hoffen stark, dass wir für würdig befunden werden, am LEBEN Teil zu haben, an dem Leben, das Zeit und Welt überdauert.“

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