14.Aug. 2022      20.Sonntag im Jahreskreis

Nicht Friede, Freude, Eierkuchen

Lukas 12,49-53

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist. Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung. Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei; der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

Schon in den ersten beiden Sätzen dieses Evangelien-Abschnittes klingen wieder zwei Leitthemen des Lukas an: „Feuer“ und „Erfüllung“ – oder anders ausgedrückt: „Etwas in Flammen setzen“ und „Ans Ziel gelangen“. Lukas lebt möglicherweise genau in jener Entwicklungsstufe des frühen Christentums, in der die politische Unterdrückung wieder nachgelassen hat. Die aufstrebende Jesus-Bewegung bekommt wieder etwas Ruhe von außen. Vielleicht fällt die Abfassung seines Buches in die Regierungszeit des Kaisers Nerva (96 – 98 n.Chr.) oder Trajan (98 – 117 n.Chr.), in der es keine aktive Verfolgung von Christen mehr gab.

In der Epoche davor – unter Domitian (81 – 96 n.Chr.) – wurde den Anders­denkenden das Leben schwer gemacht. Wer den Kaiser und seine göttliche Größe anzweifelte, musste mit Bedrohung rechnen: Es konnte sein, dass er die berufliche Stellung, ja  sogar seinen Besitz verlor. Er konnte ins Ausland oder auf eine Insel verbannt werden. Überall im Reich witterten Denunzianten die Gunst der Stunde, um jemanden schlecht zu machen und sich Vorteile heraus zu schlagen. Sogar Sklaven lieferten ihre eigenen Herren aus. Wer offen für Wahrheit und soziale Gerechtigkeit eintrat oder politische Missstände anprangerte, riskierte seine Sicherheit, ja sein Leben. Im Jahr 96 wurde dieser selbsternannte „Gott“, der in Wahrheit ein Teufel war, von seinem „himmlischen“ Thron gestürzt: Er fiel einem Anschlag zum Opfer. Auf ihn folgte der milde Kaiser Nerva. Dieser ließ Enteignungen wieder rückgängig machen und den Verbannten wurde erlaubt heimzukehren. Sklaven, die über ihre eigenen Herren Unwahrheiten in Umlauf gebracht hatten, die sie denunziert hatten, wurden hingerichtet. Diese Wiedergutmachung kam auch engagierten Christen zu Gute. Bekanntestes Beispiel ist der Presbyter Johannes aus Kleinasien, der Verfasser der Johannes-Offenbarung, ein hoch angesehener Mann unter den Christengemeinden einer ganzen Provinz. In Buch der Offenbarung wird schon in den Anfangskapiteln beklagt, dass in so vielen Gemeinden die ursprüngliche Begeisterung geschwunden sei: „Du hast deine erste Liebe verlassen“, steht im Brief an die Gemeinde von Ephesus. (Off 2,4). Der Gemeinde von Laodizea wirft der Verfasser vor: „Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Daher, weil du lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ (Off 3,15f)

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Kaiser Domitian (81 - 96 n.Chr.) ließ viele verfolgen, die nicht ihn als "den Größten" verehrten. Nach seiner Ermordung kamen vernünftigere Machthaber ans Ruder. Das brachte Erleichterungen für die Christen-Gemeinden.

​In dieselbe Kerbe nun schlägt auch Lukas, wenn er das schwach gewordene Feuer des Christentums beklagt. Er benützt die Schärfe seiner Schreibfeder, wenn er Jesus als einen schildert, der seinem engeren Mitarbeiterkreis zuruft: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen.“ In der Vorlage des Lukas – in der Logienquelle Q –  ist zwar gestanden: „Ich bin gekommen, nicht um Frieden zu werfen, sondern das Schwert.“ Lukas schreibt das „Schwert“ um auf „Feuer“.  Das tut er vielleicht deshalb, weil er nicht in den Verdacht kommen will, die Jesus-Kreise würden zum Schwert greifen und würden damit die öffentliche Sicherheit gefährden. „Feuer“ hingegen ist ein Leitwort für ihn: Gott offenbart sich im Feuer – das liest Lukas in dem 5-Bücher-Werk der jüdischen Heiligen Schrift, das er hochgeschätzt. So lässt Lukas das „Feuer“ schon bei Johannes dem Täufer anklingen: „Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, … Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.“ (Lk 3,16f) Lukas fügt damit – anders als  die übrigen Evangelisten – zum Heiligen Geist das Feuer hinzu. Ebenso schildert er die frühe Jerusalemer Gemeinde als eine, in der die Begeisterung noch sichtbar war wie Feuer: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“ (Apg 2,3) Den Aufruf an die Gemeinden der ruhigen 90er Jahre schreibt Lukas ganz im Sinne Jesu: „Feuer zu werfen auf die Erde, dazu bin ich gekommen. Was will ich denn mehr, als zu sehen, dass es viele in Brand gesteckt hat.“ Lukas wünscht sich, dass dieser Aufruf Jesu bei den Lesern seiner Zeit ankommt – also in den 90er Jahren.  Aber  nicht nur das, er möchte, dass es auch die Späteren erreicht, die sind wir, die sein Buch nach 2000 Jahre studieren.

 

Ein weiteres Leitthema des Lukas folgt nach dem „Feuer“ im nächsten Satz: „Erfüllung“. Jesus sagt ohne Beschönigung: „Das Eintunken (=die Taufe) lässt sich nicht vermeiden. Dass ich hinunter gedrückt werde in die Flut, ist ein Muss. Das kommt unausweichlich auf mich zu. Und wie sehr gerate ich dadurch in Bedrängnis? Solange, bis es an ihr Ziel gelangt ist, bis es sich erfüllt hat.“ Zum Beginn des Leidens Jesu schreibt Lukas: „Jesus versammelte die Zwölf um sich und sagte zu ihnen: Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort wird sich alles erfüllen, was bei den Propheten über den Menschensohn steht“ (Lk 18,31) Den Klartext, dass Jeus "eingetunkt", das heißt "getauft" werden muss, spricht er nicht nur über sich selbst, sondern über jeden, der sich ihm verbindlich anschließt. Er hat schon die beiden ehrgeizigen Apostel Jakob und Johannes gefragt: „Könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Könnt ihr es ertragen, untergetaucht zu werden wie ich?“ (Mk 10,38) Lukas will seinen Lesern klarmachen: Christ zu sein bringt zwar Frieden, nämlich inneren Frieden, führt aber äußerlich in die Zwickmühle. „Seid ihr der Meinung, dass ich erschienen bin (nicht „gekommen“), um der Erde den Frieden zu geben? Glaubt ihr, dass ich  im Umfeld eines jeden den Frieden schaffe oder dass ich gar den Weltfrieden herstelle? Wenn euch das so zu sein scheint, dann sage ich euch: Im Gegenteil: Kein Konsens, nicht allseits Zustimmung, sondern geteilte Meinung, Zwietracht, Trennung, Abspaltung.“ Jemand könnte behaupten, Lukas widerspreche sich nun selbst: Schreibt er doch bei der Geburt des Kindes in Betlehem vom Friedensfürst. Genau gelesen steht aber dort: „Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ Zwingt Jesus der ganzen Welt den Frieden auf? Für den Weltfrieden hat sich Kaiser Augustus gerühmt (Pax Romana), er hat mit Waffengewalt die Länder „befriedet“. Jesus hingegen betonte immer vor seinem Schülerkreis: „Friede in euren Kreisen!“ Er trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: "Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36). Der Friedensaufbau Jesu beginnt also dort, wo seine Jünger wirken und den Frieden Jesu hinbringen.

 

Nun verwendet Lukas die 5-Zahl: „Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben“. Die Zahl dürfte auf die fünf Mosebücher anspielen, die doch Grundlage der jüdischen Lebensordnung sind: Lukas weiß aus Erfahrung, dass es gerade in den traditionell jüdischen Wohneinheiten und Stadtvierteln zu Spaltungen gekommen ist: Gläubige, die sich an die herkömmliche Religion anklammerten, traten gegen jene Gläubigen auf, die sich der befreienden Botschaft anschlossen. Jesus macht klar: „Es wird zum Bruch kommen im gewohnten Sozial-Gefüge: Ab dem Zeitpunkt, dass sich jemand entschieden mir anschließt – in Form einer Gemeindezugehörigkeit, kommt es in seinem Wohnhaus zu Reibereien. Sobald jemand >Bruder< oder >Schwester in einer Jesus-Gemeinde wird, entstehen Spannungen zur herkömmlichen Familie.“ Wenn sich jemand für Ausgegrenzte engagiert, weil er zu Jesus gehört, bringt es ihm nicht die Zustimmung der Hausgenossen ein. Den frühen Christen wurde teilweise vorgeworfen, sie würden Konflikte heraufbeschwören durch ihren Schritt zum Glauben an Jesus. Die Spannungen seien der Beweis, dass die Botschaft Jesu der falsche Weg sei, weil sie Konflikte auslöst. Dem hält der Evangelist entgegen, dass schon Jesus selbst das vorausgesagt habe. Das liegt in der Natur der Sache. Eine „Botschaft voll Feuer“ stößt auf Missfallen bei denen, die ihre Ruhe haben wollen, die sich nicht anstecken lassen wollen vom „Feuer des Evangeliums“.

 

Zum Abschluss greift Lukas noch ein Wort aus dem Buch Micha auf, in dem der Prophet das unsoziale Verhalten der Führungsschicht im 8.Jh. v.Chr. anprangert: „Traut dem Nachbarn nicht. Verlasst euch nicht auf den Freund. Vor der Frau, die an deiner Brust liegt, hüte die Pforte deines Mundes. Denn der Sohn verachtet den Vater, die Tochter stellt sich gegen die Mutter, die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter. Jeder hat die eigenen Hausgenossen zum Feind. Ich aber schaue aus nach dem HERRN.“ (Micha 7,5f) Dies klingt nach Rebellion der Jungen gegen die Alten. Lukas ergänzt dazu die Angriffe der Alten auf die Jungen: „Es wird geteilte Meinung geben zwischen den Generationen: Vater gegen Sohn und Sohn gegen Vater.“ Also nicht nur die Rebellion der Jungen gegen die Alten, wie es beim Propheten geschrieben steht, sondern auch umgekehrt. Dasselbe auch auf weiblicher Seite: „Mutter gegen die Tochter und Tochter gegen die Mutter“. Genauso im angeheirateten Bereich: „Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter und Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter“. Beachte, dass im Originaltext nicht immer der Artikel verwendet wird: also z. B. nicht „der“ Vater gegen „den“ Sohn, sondern „Vater gegen Sohn“ – somit wirkt es nicht als Einzelfall, sondern als ein häufig vorkommender Fall.

 

Diese Jesus-Worte wollen uns aufklären: Sticheleien und Feindseligkeit von Seiten der Nachbarn sind durchaus möglich, sogar dann, wenn wir im Geist der Liebe wahrhaftig, hilfsbereit und mutig sind. Eigene Familien-Angehörige können sich abfällig äußern, wenn sich jemand in Wahrheit als Christ einsetzt. Wenn  dadurch Unfrieden entsteht, sollte sich der  Jesus-Freund nicht verunsichern lassen. Der Konflikt muss nicht die Folge von eigenem Fehlverhalten sein, es kann sogar Kennzeichen für den ehrlichen Weg sein. Jesus wünscht sich nicht Anhänger, die nur sagen: „Ich will meinen Frieden haben“. Er wünscht sich Mitarbeiter, die heldenhaft wie er für das Gute eintreten. „Feuer zu werfen auf die Erde, dazu bin ich gekommen, mehr noch: Dafür bin ich aufgetreten, bin ich erschienen. Was will ich mehr, als dass es schon viele in Brand gesteckt hat.“

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