15. Dez 2019

3.Advent-Sonntag

Bist du es? Oder weiterwarten?

Matthäus 11,2-11

Johannes war von der Taufstelle weg unmittelbar in die Haft abgeführt worden – in die Wüstenfestung Machärus (30 km entfernt von seiner Wirkstätte, im heutigen Jordanien). Damals hatte Jesus mit seinem öffentlichen Wirken in Galiläa begonnen. Monate später waren die Erfolgsberichte über das Wirken Jesu bis in die Gefängniszelle des Johannes gedrungen (130 km Luftlinie entfernt).

So schickte er jemanden zu Jesus (5 Tages-märsche) mit der Frage: „Bist du es, der kommen soll? Oder bist du nicht der Kommende und wir müssen weiterwarten auf einen anderen.“ Johannes hatte am Jordan zwei Jahre lang immer wieder verkündet: „Nach mir wird einer kommen, der Stärker ist als ich.“ Er nannte ihn nicht Messias (=Christus), sondern sagte nur „der Kommende“. Er wusste mit Gewissheit, dass es so einen in naher Zukunft geben würde. Nun war er sich nicht sicher, wie er die Taten Jesu deuten sollte.

Was sollte Jesus antworten auf diese hartnäckige Frage? Er hatte mehrere Möglichkeiten. Er hätte klar sagen können: „Ja, ich bin der Kommende“. Oder er hätte sein Missionsprogramm verkünden können: „Die Zeit ist erfüllt, die Königsherrschaft Gottes ist nahe gekommen – durch mich.“ Jesus wählte eine andere Antwort: „Macht euch selber ein Bild davon, was mein  Auftreten in der Bevölkerung bewirkt, und dann könnt ihr aufbrechen und dem Johannes Bericht erstatten: Schildert ihm, was euch die Leute erzählen und was ihr mit eigenen Augen seht:

Das Wüstenschloss MACHÄRUS des Herodes thronte auf einem Gipfel, der die karge Hügellandschaft überragt. Die Ruinen sind noch erhalten. Tief unterhalb breitet sich das Tote Meer aus und dahinter ist bei guter Sicht Jerusalem zu erkennen - 60 km Luftlinie.

Menschen, deren Sehvermögen beschädigt war, erlangen das Augenlicht wieder. Menschen, die erstarrt waren – körperlich und innerlich – gehen herum, ganz entspannt. Menschen mit ekelhaften Hauterkrankungen, mit Lepra, werden für rein erklärt und dürfen somit an der Gesellschaft teilnehmen. Menschen, die verschlossene Ohren haben und daher auch unfähig sind, sich klar zu artikulieren, die können wieder hören. Menschen, die als tot galten, werden erweckt zu Leben und Vitalität. Denen, die sozial schwach sind und an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind, ihnen wird die Gute Nachricht verkündet, dass sie zur Gemeinschaft gehören.“

 

Jesus fügt abschließend hinzu: „Ich bin mir bewusst, dass es für manche anstößig ist, wenn jemand der >Kommende< sein will und sich mit solchen Taten ausweist. Die üblichen Erwartungen an ihn sind ganz anders ausgerichtet. Daher beglückwünsche ich alle, die bereit sind, ihre Vorstellungen zu  ändern und sich an dieser Beschreibung nicht stoßen.“

Warum erwähnte Jesus gerade diese Heilungen? Warum sagte er nichts von den seelischen Zwängen, unter denen Zeitgenossen litten, und von denen er so viele befreite (=Dämonen-Austreibungen). Warum erinnerte er nicht an die Kinder, die er so liebevoll in seine Arme schloss? Warum verschwieg er, dass er bei den Missstände im Heiligtum aufgeräumt, also den Tempel von geschäftlichen Interessen gereinigt hatte? Oder dass er eine Hochzeit gerettet hatte, als der Wein zur Neige gegangen war? Jesus hatte mit der Aufzählung zwar sehr wohl sein heilsames Wirken beschrieben, aber gleichzeitig auch uralte Propheten-Worte in den Mund genommen. Das Wirken Jesu steht in Einklang mit der Schrift: „Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! … Er selbst kommt und wird euch retten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt, denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe“. (Jes 35,5f) „Der Geist des Herrn ruht auf mir. Denn der Herr hat mich gesalbt; er hat mich gesandt, um den Armen frohe Botschaft zu bringen, um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind“. (Jes 61,1) Jesus setzte damit unausgesprochen sein heilsames Wirken mit dem Eingreifen Gottes gleich. Auch das war anstößig.

„Selig ist, wer an mir nicht Anstoß nimmt“ – worauf spielte Jesus mit dem Wort an? Johannes selbst hatte den „Kommenden“ anderes im Voraus charakterisiert: „Er hält die Schaufel in der Hand und er wird den Weizen in seine Scheune sammeln, die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennten.(Mt 3,12) Das heißt, wenn Gott seine Herrschaft aufrichtet mit Hilfe seines Messias, dann wird er die Guten von den Schlechten trennen, die einen sammeln, die anderen verwerfen. So stellen sich viele das Kommen Gottes vor: streng richterlich. Andere erhofften sich einen Wandel der Gesellschaft und der Politik: Der Kommende stürzt die Mächtigen vom Thron. Wieder anders dachte die religiöse Elite-Gemeinschaft von Qumran. Sie stellte sich vor, dass das messianische Zeitalter sich durch Reinheit auszeichnen würde, deshalb führten sie im Hinblick darauf die täglichen rituellen Reinigungen durch, so als würde Gott nur auf reine Menschen schauen.

 

Dass ein Messias kommen würde, das war allen sonnenklar - so wie es heute allen klar ist, dass der Klima-Wandel kommen muss und dass Regierungen kommen müssen, die durchgreifen – nur einige wenige Gewinnsüchtige wollen davon nichts wissen.

 

Wie sieht es mit der kommenden Kirche aus? Auch hier ist vom Wandel die Rede – in manchen Diözesen wurde sogar ein Prozess der Neuorientierung eingeleitet. Aber wodurch soll sich die kommende Kirche auszeichnen? Waran wird man erkennen, dass sie ihre Sendung erfüllt? Wird sie dem entsprechen, wie auch Jesus sich als der Kommende verstanden hat? Wird es der künftigen Kirche darauf ankommen, dass die Ämter gesichert sind, dass die Gottesdienste aufrechterhalten werden und die Besucherzahlen wieder zunehmen, dass für Totenfeiern Leiter zur Verfügung stehen? Oder wird die „kommende“ Jesus-Gemeinschaft sich durch etwas Wesentlicheres auszeichnen? Durch ihr Dasein, werden Menschen, die hinter leblosem Zeug her hetzen, aufgerichtet zum Leben und finden zum sinnerfüllten Leben. Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe und ihrer Herkunft ausgegrenzt sind, nimmt die Gemeinschaft auf und gibt ihnen die Sicherheit, dass sie dazugehören (macht sie „rein“). Menschen, die sich betäuben mit dem Lärm der Zeit, wird das Ohr geöffnet für das Ruhige, das Spirituelle. Wenn die Kirchen darauf ihren Schwerpunkt legen, werden sich manche daran stoßen, weil darin nichts Religiöses zu erkennen sei. Aber alle, die trotzdem diese menschlich hoffnungsvolle Richtung einschlagen und sie zielstrebig verfolgen, können sicher sein, dass sie sich an IHM orientieren und IHN verkünden, IHN sichtbar machen, IHN, der Kommen soll.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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