27. Okt 2019

30.Sonntag im Jkr

Zwei Arten, vor Gott hin zu treten

Lukas 18, 9-14

Jesus spricht von zwei Menschen (meist wird übersetzt mit „Männer“), die in den Tempel hinauf stiegen, um zu beten. Dabei kann man erwarten, er würde zu erzählen beginnen von zwei religiösen Personen. Weshalb sonst sollte es sie hinziehen an den heiligen Ort? Weshalb sonst suchen sie das ehrwürdige Gebäude auf, das von der Anwesenheit des Allmächtigen zeugt. Gott ist zwar nicht an ein steinernes Gebäude gebunden. Er ist vielerorts zu finden:  im Inneren des Menschen, ebenso wie unter dem nächtlichen Sternenhimmel. Der Gleitflug eines Vogels mit großer Spannweite zeugt vom Schöpfer genauso wie das Schreien eines Kleinkindes nach seiner Mutter. Zu der hervorgehobenen, gottgeweihten Stätte hinauf zu steigen, das kann aber eine Hilfe sein, um sich auf den zu besinnen, dem wir das Leben verdanken.

Jesus fährt fort, indem er uns verrät, um welche zwei Personen es sich handelt: Zwei, deren Alltags- und Berufsleben unterschied-licher nicht sein könnte. Der eine ist bewusst religiös und zeigt seine Frömmigkeit nach außen – durch seine Kleidung, sein Gehabe, seine Wortwahl – alles deutet darauf hin, dass Gott Vorrang hat in seinem Leben. Der andere ist viel mit Geld beschäftigt. Alles deutet da-rauf hin, dass er nur hinter den Einnahmen herläuft. Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke, wenn nur finanzieller Gewinn heraus schaut. Er hat den Ruf, dass er die Mitbürger schamlos zum Zahlen zwingt. Dass dieser zweite überhaupt sich in ein Gotteshaus verirrt, ist schon erstaunlich genug.

Nun scheint Jesus die beiden beobachtet zu haben: Der Strengreligiöse stellt sich selbstbewusst vor dem Allerheiligsten auf. Offenbar hat ihn Jesus sogar belauscht in seinem Gebet, das in Wirklichkeit ein Selbstlob war: „Ich gratuliere dir, Gott, dass du so tadellose Gläubige hast wie mich. Ich gehe bewusst auf Distanz zu unsauberen Leuten.

So muss Jesus den Tempel gesehen haben. Er wurde 70 n.Chr. von römischen Truppen  zerstört. Während Lukas sein Evangelium schreibt, ist er schon über 20 Jahre lang eine Kriegsruine.

Es laufen so viele Räuber herum. Die Welt ist voller Betrüger. Die Eheleute hintergehen einander ständig. Seitensprünge sind an der Tagesordnung. Ich übertrete nie eines der Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen. Da brauche ich mir nur den da hinter anzusehen – was hat der eigentlich hier im Gotteshaus zu suchen? Er giert nach Geld und leistet sich Luxus – ich verzichte jede Woche zweimal auf Köstlichkeiten. (Man fragt sich: Wie hingebungsvoll betet der, dass ihm >der da hinten< auffällt?) Außerdem liefere ich gewissenhaft ein Zehntel von all meinen Einkünften ab, damit der Kult im Gotteshaus erhalten werden kann. Mein Geld finanziert die Priester und die Gebäude.“ Viel Freude klingt nicht aus dem Mund dieses ach so religiösen Menschen. Er sieht rundum nur Sündhaftes. Der Unterton verrät viel Selbstgefälligkeit. Oder schwingt vielleicht Neid mit, was sich >der da hinten< alles leisten kann und er nicht?

Nun schildert Jesus den zweiten: Er hielt großen Respektabstand vor der ANWESENHEIT (wie man Gottes Sein im Tempel auch nannte). Er stand gesenkten Blickes da, statt Augen und Hände zum Himmel zu erheben. Er stammelte die Bitte um Nachsicht: „Sei barmherzig mit mir. Ich bin abgewichen vom guten Weg. Ich habe versagt, habe nicht dem entsprochen, wie du es in deiner Güte vorgesehen hättest. Verdient habe ich dein Wohlwollen nicht, aber versuch es du noch einmal mit mir“. Dabei klopfte er ständig mit zitternder Faust auf seinen Brustkorb und holte immer wieder Atem. Die Augen richteten sich nur zaghaft nach oben. Der erste ging heim – und wo waren seine Gedanken? Sie kreisten um die Missstände in der Gesellschaft, die er in seinem Gebet aufgezählt hatte. Der andere ging mit einem erhebenden Gefühl nach Hause. Bei ihm ist etwas neu geworden, ihm konnte Gott seine Liebe spüren lassen, er war am besten Weg zu einem rechtschaffenen Menschen, so wie er den Vorstellungen des Schöpfers entspricht. An solchen Menschen findet Gott sein Wohlgefallen. Somit lehrt Jesus ein neues Gottesbild, das so gar nicht mit dem übereinstimmt, was sich die Streng-Religiösen zusammen reimen. Gott liegt nichts an denen, die sich für mustergültig halten und die Fehler der anderen sehen. Stattdessen hat er große Freude an denen, die mit klarer Selbsteinschätzung ihre Versäumnisse eingestehen und um eine neue Chance flehen.

Zum Abschluss lässt Lukas Jesus noch einen Lehrsatz anfügen: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht.“ Das ist kein Aufruf: „Erhöhe dich nicht!“, sondern eine nüchterne Feststellung: „Wer sich selbstherrlich auf einen hohen Podest stellt oder wer gar nach oben kommt, indem er andere schlecht macht, muss damit rechnen, dass er von dem hohen Rang früher oder später wieder hinunter gestoßen wird. Überheblichkeit mag kurzfristig zu einer hohen Stellung verhelfen, aber sie sichert die Stellung nicht lang anhaltend.“ Die zweite Hälfte des Satzes „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht“ sollte auf keinen Fall in der Erziehung missbraucht werden. Das ist in unseren Vorgänger-Generationen oft geschehen. Selbstbewussten und begabten Kindern wurde die Freude gebrochen, wenn sie etwas schafften und darauf stolz waren. Autoritäre Väter verlangten von Kindern, nicht zu widersprechen und nie ihren Willen durchzusetzen. Wenn Jesus von Selbsterniedrigung spricht, meint er nicht „sich selbst abwerten“. Der geschilderte Zöllner im Tempel hat sich auch nicht abgewertet, sondern er äußerte eine ehrliche Einschätzung seiner Taten. Wenn Jesus von Selbsterniedrigung spricht, meint er „Sich nicht zu gut sein für einen Hilfsdienst ganz unten“. Menschen wollte er aufgerichten, ob jung oder alt, ob aus der Oberschicht oder der armen Bevölkerung.

So wie den Schlusssatz hat Lukas auch den Einleitungssatz gestaltet: „Die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und andere verachteten“, denen hätte Jesus die Lehrgeschichte erzählt – nein, Jesus weiß zu gut, dass gerade diese Sorte von Menschen „belehrungsresistent“ sind. Vielmehr wollte Jesus das neue Gottesbild vermitteln, das noch so wenig verbreitet war. Lukas in den 90er Jahren hingegen macht sich Sorgen um die Gemeinden seiner Zeit. Er stellt fest, dass die Zahl der religiös Eingebildeten zunimmt. Sie stellen sich gut hin in den Versammlungen. Er tritt dafür ein, dass die Kirche offen sein sollte für Leute, die weit entfernt vom „Heilvollen und Heiligen“ ihr Alltagsleben führen und die Gemeinde sollte nicht unterschätzen, wie sehr es solche Leute insgeheim dorthin zieht. Die EKKLESIA sollte trotz der Vorbehalte ein Willkommen signalisieren, ohne jemandem seine Vergangenheit vorzurechnen. Die Gemeinden sind die ausgestreckten, einladenden Arme Gottes.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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