28.Nov.2021   1.Advent-Sonntag

Dann erhebt eure Häupter!

Lukas 21,25-28.34-36

Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.

Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht wie eine Falle; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt!

Mit dem 1.Adventsonntag beginnt ein neues Lesejahr: nämlich Lukas. Das vergangene Jahr hatte den Schwerpunkt Markus. Am Sonntag 14.Nov hatten wir dasselbe Thema wie heute, allerdings in der Markus-Version.

Lukas hatte den Markustext als Vorlage. Aber die Worte: „Sonne wird verfinstert, Mond wird nicht mehr scheinen, Sterne werden vom Himmel fallen“ kürzt er und schwächt er ab auf „Zeichen an Sonne, Mond und Sternen“, weil es für ihn nicht mehr um Endzeit-Zeichen geht, sondern weil sie ja tatsächlich hin und wieder vorkommen können. Im nächsten Satz schon holt er den Leser von der Himmelsbetrachtung auf die Erde und an die Meeresküste. Unter den Völkern macht sich eine innere Not breit, ein Bedrückt-Sein, infolge von Ratlosigkeit. Die einen werden das eine für richtig halten und die anderen das Gegenteil. Die Menschen werden nicht mehr ein und aus wissen, werden ratlos sein. Dann fügt Lukas eine Naturkatastrophe hinzu: Er beschreibt sie in ganz kurzen Worten: vom Meer her ein unerklärlicher Lärm, ein Getöse, ein Rumoren. Dazu kommt das Rollen von übermächtigen Wellen, die auf das Land zu donnern. Die Erklärung ergibt sich aus wörtlicher Übersetzung: Statt „Toben“: ein Rumoren, ein Grollen; statt „Donnern“: ein Rollen, ein Rütteln.

Was er als Tosen (gewaltiger Widerhall) und Rollen des Meeres benennt, klingt nach Tsunami. Lukas ist ein hochgebildeter und belesener griechischer Schriftsteller, der sich mit den weltlichen Schriftstellern seiner Zeit messen will. Er baut geographisches, naturkundliches und medizinisches Wissen ein in seine Texte. Tatsächlich ist die Region, wo Lukas lebt, das am meisten durch Erdbeben und Meeresbeben gefährdete Gebiet im römischen Reich.  Es ist die heutige Westtürkei. Unter der Ägäis schiebt sich die afrikanische Erdplatte unter die europäische, das verursacht geologische Spannungen und Erdbeben.

Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; „Die Menschen ... werden vergehen“ heißt im Griechischen APO-PSYCHO genauer übersetzt: Entseelt sein. Der Atem wird den Menschen wegbleiben. Sie werden nicht mehr frisch durchatmen können. Es wird mit Angst einhergehen. Sie werden Dinge erwarten. Sie ahnen, dass noch etwas auf sie zukommt. Sie fiebern darauf hin. Von den Führern des Landes und von Fachleuten werden Lösungen erwartet. Es ist nicht vom „Erhoffen“ die Rede, nicht vom „Vertrauen“, sondern vom „Erwarten“, vom „Fordern“. Diese  Phänomene werden nicht regional beschränkt sein, sondern sie werden die ganze Erdkugel erfassen, es wird etwas Weltumspannendes sein.

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Tsunami in Thailand 2004

Das bis hierher Beschriebene, nämlich die Ratlosigkeit, das Rollen des Meeres, die weltumspannende Angst - das alles zählt nur Lukas auf, die anderen Evangelien nicht. Es stammt offenbar allein aus seiner Feder. Nun aber folgt er wieder der Vorlage: "und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden." Die Schöpfungsordnung wird hin und her geworfen, die Kräfte der Natur verlieren ihre Stabilität, sie kommen ins Rollen: das Klima, die Wolken, der Wechsel von Regenzeit und Trockenheit, die Jahreszeiten kommen durcheinander.

Lukas kommt schriftstellerisch in Fahrt. Kann sein, dass er mit den „Kräften des Himmels“ etwas Sozial-Politisches andeuten will. Er kennt die Ängste, die in der Gesellschaft seiner Zeit kursieren. Die Bewohner in seiner römischen Provinz leben im Wohlstand, unter friedlichen Verhältnissen, aber sie leben ohne Perspektiven, ohne Zuversicht. Die Menschen feiern einen politischen Führer. Sie bejubeln Sporthelden – nämlich Gladiatoren – und sie klammern sich an sie wie an Götter. Aber wie schnell gerät dieser „Himmel von Politik oder Sport“ ins Wanken, er wird erschüttert – der Himmel des irdischen Glücks, Reichtums, Erfolgs oder der Gesundheit.

In dieser Angstphase zeichnet Lukas den Menschensohn in die Wolken – ein starkes Bild, das er aus der Vorlage übernimmt. Darin heißt es: „Dann!“, nicht gleichzeitig. Also in der Folge all dieser Erschütterungen wird der MENSCH in seiner Klarheit deutlich über uns sichtbar. Es wird gezeigt, was das Menschsein wirklich ausmacht – und zwar allen wird es gezeigt. Jeder wird sehen, worin die Menschlichkeit besteht. Es wird nicht in einem Winkel der Welt zu sehen sein, sondern auf einer Wolke. Sie schwebt über uns und niemand kann sagen, er sieht sie nicht.  Es kommt ein triumphaler Durchbruch der Menschlichkeit. Keine Macht der Welt kann dieses Kommen verhindern, alle müssen hinsehen, alle müssen sich dem stellen, es bleibt niemandem erspart. Ein Teil der Menschen wird es annehmen, ein Teil wird sich dagegen verweigern. Trotzdem werden alle an der Menschlichkeit gemessen. Jeder wird sehen, wieviel Mensch er selber hätte sein können und was noch fehlt. Dieses Menschheitsbild wird identisch sein mit dem, was Jesus in seinen dreieinhalb Jahren gelebt und gelehrt hat. Er ist das Modell zum Menschsein und es wird die Menschen-Prinzipien aller Philosophen und Humanisten in den Schatten stellen. Jesus hat sich zu Lebzeiten auch „Menschensohn“ genannt und als solcher wird er wieder erkannt werden in seinem strahlenden, triumphalten Kommen. Dieses klare Menschenmodell wird Kraft ausstrahlen und im Lichterglanz erscheinen. Das griechische Wort für Herrlichkeit ist DOXA und meint eine überwältigende Lichtflut.

Schon den nächste Satz lässt Lukas weg, nämlich „das weltweite Zusammenführen der Auserwählten", wie es bei Markus steht. Lukas übergeht die Ankündigung der länderübergreifenden Sammlung, weil sie für ihn noch in weiter Ferne liegt. Stattdessen ermutigt er seine Leser, dass sie gleich am Beginn aufrecht stehen sollen, sobald  die beispielgebende Menschlichkeit aufleuchtet. Sie sollen ihren Kopf erheben. Sie dürfen nicht wie die Angsterfüllten den Kopf hängen lassen! „Ihr bleicht nicht geduckt unter der Menschenmenge. Jetzt ist die Stunde, dass ihr als aufrechte Menschen hervortretet. Selbstbewusst könnt ihr dastehen, mutig und entschlossen, das heißt nicht stolz, sondern dankbar.“  Es liegt nämlich schon das „Lösegeld“ für euch bereit. Es handelt sich um euren Freikauf. So viele Leute lassen sich versklaven von Herren, von Gebietern, die den Menschen der Freiheit berauben. Ihr wurdet freigekauft und eure Freiheit ist nahe. Was für andere erschütternde Ereignisse sind, dürft ihr als Erlösung betrachten. Es ist eure Befreiung, die  nahe bevor steht.“

Dann geht Lukas noch deutlicher auf seine Umwelt ein. Er sieht wie die Leute ihre Herzen belasten. Diese Lasten drücken sie nicht irgendwo körperlich, sondern sie treffen die Person-Mitte. Er spricht die zermürbenden Dinge an: 1. Völlerei. Damit ist Maßlosigkeit gemeint - bei Genuss, Unterhaltung, Vergnügen. ständiger Zerstreuung, Oberflächlichkeit, achtlosem Verschwenden 2.Trinkgelage: Damit ist Rausch gemeint, sich absichtlich wegzuschwemmen aus dem Leben, in das wir hinein gestellt wurden. Sich betrinken bei allen möglichen Anlässen. 3.Alltagssorgen:   Damit ist der Zwang gemeint, noch so viel besorgen zu müssen, was angeblich lebensnotwendig ist. Diese  dauernde Sorge ist unangemessen.

Jener Tag kann nämlich plötzlich vor euch stehen. Ihr sollt nicht unvorbereitet sein. Er ist wie eine Schlinge, wie ein Strick, der sich langsam zuzieht. Manche Übersetzungen schreiben: "wie eine Falle", aber eine Falle schnappt schnell zu, während eine Schlinge sich nach und nach einengt. Sie wird "über alle Bewohner der ganzen Erde" kommen. Wörtlich übersetzt heißt es: "über die Sitzenden vor der ganzen Erde". Damit könnten die vor den Ländern auf Thronen Sitzenden gemeint sein, die Vorsitzenden aller Staaten der Erde. Fangseil wird darüber-kommen über alle - ja alle, ausnahmslos. Die Schlinge schnürt sich nicht über allen Erdbewohnern zusammen, sondern über  den "Davor-Sitzenden",  allen, die den Vorsitz haben vor der Welt.

​Nun kommt Lukas zum Schlusssatz der Endzeit-Rede: Den Mitgliedern der Jesus-Hauskreise empfiehlt er „Wacht und  betet allezeit". Das Wort "wachen" besteht im Griechischen aus AGROS und HYPNOS und heißt am "Feld" sein und dort "schlafen". Es ist ein Wort aus der Militärsprache: Soldaten schlafen auf freiem Feld und sind Tag und Nacht auf Abruf bereit. Genau übersetzt ist vom "Bitten zu jedem günstigen Zeitpunkt" die Rede, nicht vom „Beten“. Also: Verfällt in keinen Schlaf, sondern bleibt in Rufbereitschaft, indem ihr bei jeder Gelegenheit bittet. Wachsamkeit und immer wieder bitten - nur so seid ihr stark genug, um zu entrinnen, so seid ihr stark, um euch in Sicherheit zu retten, dem Untergang zu widerstehen. So habt ihr die Kraft, all dem Geschehen zu entfliehen. Bittet auch dass ihr vor dem Menschensohn stehen (=bestehen) könnt (nicht „hintreten“). So seid ihr in der Lage, dass ihr euch  dem Menschensohn  stellt -  von Angesicht zu Angesicht. Ihr könnt bestehen vor diesen Menschen-Spiegel. So wie andere Menschen vor diesem Spiegel zur Rechenschaft gezogen werden, so werdet ihr bestätigt und angenommen.

Lukas schreibt in einer Zeit, da die Naherwartung des "Tages Christi" bereits verblasst ist (um 90 n.Chr) Paulus in den 50er Jahren war noch überzeugt, dass der „Tag Christi“ bald kommen würde. Er hielt ihn für ein reales unmittelbar bevorstehendes Ereignis, es sei nur eine Frage von wenigen Jahren. 40 Jahre später – das ist eine Generation – müssen die Lehrer der christlichen Schulen bereits Stellung beziehen zu der Frage. Der 2.Petrus-Brief geht ausdrücklich auf die Verzögerung ein, weil sich schon Außenstehende lustig machen über die Christen, die noch in einer Naherwartung leben. „Vor allem sollt ihr eines wissen: Am Ende der Tage werden Spötter kommen, die sich nur von ihren Begierden leiten lassen und höhnisch sagen: Wo bleibt denn seine verheißene Ankunft? Seit die Väter entschlafen sind, ist alles geblieben, wie es seit Anfang der Schöpfung war. … Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind. Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren.“ (2 Petr 3,3-9 geschrieben etwa 120 n.Chr.)

Schon Lukas scheint sich solchen Einwänden zu stellen und umgeht die Naherwartung geschickt. Dafür schreibt er es so, dass wir uns heute angesprochen fühlen können.