29.Mai 2022      7.Sonntag der Osterzeit

In der Menschheit unerreichtes Gottesbild

Johannes 17,20 -26)

Jesus erhob seine Augen zum Himmel und betete: Heilige Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind,  ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast. Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grundlegung der Welt. Gerechter Vater,  die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.

Die kirchliche Leseordnung hat uns nun 3 Sonntage hintereinander anspruchsvolle Evangelien-Abschnitte zugemutet. Sie sind nicht für durchschnittliche Gläubige gedacht, sondern für jene, die sich dem Meister Jesus ernsthaft verpflichtet haben. Der Welt hat er sich schon vorher geoffenbart (Joh 2 – 12), jetzt offenbart er sich den Seinen noch tiefer (Joh 13 – 17). Diese umfangreichen Abschiedsworte Jesu lassen sich in 3 Reden gliedern. Die erste spricht offen von seinem Weggang. Dadurch kann sich in seiner Nachfolgegemeinschaft der Glaube noch verstärken und die Möglichkeiten des Vaters werden noch umfangreicher. Jesus sagte es so: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ (Joh 14,12). Im zweiten Redeteil mahnt Jesus die Verbundenheit mit ihm und untereinander ein: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ (Joh 15,5) Im 3.Redeteil kündigt Jesus seinen Vertrauten einen spirituellen Beistand an, der ihnen seine Lehre besser aufschlüsselt, denn bisher haben sie seine Lehre nur teilweise verstanden: „Wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.“ (Joh 16,13).

Wohlgemerkt: Das sind Abschiedsworte und da legt der Scheidende naturgemäß noch einmal verdichtet hinein, was er immer schon sagen wollte. Durchzogen sind die Abschiedsreden von dem Zeugnis Jesu, dass er sich vom Vater geliebt weiß. Würde dieses liebevolle, achtsame Verhältnis nur für die beiden gegenseitig bestehen (Vater <=> Sohn), dann wäre es fruchtlos für die Welt. Da es aber untrennbar verknüpft ist mit der Fürsorge Jesu um seine Gemeinschaft, hat es seinen Ertrag: So wie Gott <=>Jesus, genauso gilt    Jesus <=> Gemeinde. Diese Verschränkung ist unerlässlich, eine bedingt die andere und bestätigt sie. Wenn Außenstehende die Gemeinde beobachten und in ihr eine herzliche, hilfsbereite Atmosphäre bewundern, können sie rückschließen auf den Gründer der Gemeinde und dessen Ursprung. Somit ist das überzeugende gegenseitig wertschätzende Gemeinde-Leben der stärkste Gottesbeweis.

Abschiedsreden von großen geistigen Persönlichkeiten sind in der Antike durchaus üblich und ein begehrtes Stilmittel: So lässt der Schriftsteller Plato auch dem scheidenden Sokrates 3 Reden halten – noch am Tag des Gerichtsverfahrens.

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Der Blick wandert vom Susita, einer hoch über dem See thronenden, antiken, griechisch-römische Stadt ,  quer über den See an die Westseite, hinüber ins jüdische Galiläa, nach Magdala

Mag es also zwischen Johannes-Evangelium und der antiken Literatur Anklänge geben, aber was nun bei Johannes folgt, ist in der antiken Literatur einzigartig: Nun, an diese 3 Belehrungen schließt Jesus ein Gebet an, in dem alles bisher Gesagte gipfelt. Das Gebet zum Vater bildet die Krönung und den Abschluss dieser umfangreichen Texte. Eine höhere Steigerung gibt es nicht mehr. Jesus wendet sich an den Vater. Nicht im Stillen spricht er zum Vater, sondern so, dass es seine Anhänger hören können: „Ich habe das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast.“ (17,4) Dann vernehmen wir, wie Jesus seine Nachfolgegemeinschaft in den „Raum Gottes“ stellt. Dabei tritt er für sie beim Vater ein.

Eigentlich sollte man diesen Text durchbeten, durchmeditieren. Das ist etwas Anderes als Literatur über den Text durchzuarbeiten. Es nimmt auch Zeit in Anspruch. Es ist bewusst ein Gebet  -  keine Belehrung und keine Erzählung. Beim nachhaltigen Lesen beginnt etwas Tieferes mitzuschwingen, etwas Mystisches. Deshalb empfiehlt es sich, die entsprechende Lesemethode  zu wählen. Eine Möglichkeit wäre eine Schreibmeditation: Dazu schreibt man jeden einzelnen Vers auf ein eigenes Blatt Papier, sodass genug Platz bleibt für persönliche Gedankenanstöße, die auftauchen. Die Einzelblätter erlauben es auch, sie herum zu schieben. So ändert sich die Reihenfolge und es tun sich neue Gedankenverbindungen auf.

        Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.

Mit „diese hier“– ist der Zwölferkreis gemeint, der von 27 bis 30 n.Chr mit ihm gegangen ist. Auf Grund deren Zeugnis (=deren Wort) haben sich später weitere Engagierte gefunden, die sich dem Jesus anvertrauten – damit sind alle gemeint, die sich bis heute mit dem Wort befassen und sich darauf einlassen – wir Heutigen sind mit gemeint. Genau übersetzt „bittet“ Jesus nicht für sie, sondern er „fragt“ für sie. Das klingt sehr höflich. Er stellt an Gott eine Anfrage, er wird bittstellig für seine Anhänger. Jesus stellt uns in die Gegenwart Gottes, sodass Gott uns sieht und auf uns aufmerksam wird – ganz real - Jesus fragt an für uns.

          Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt,

         dass du mich gesandt hast.

Sein vorrangiges Anliegen ist unsere Einheit, womit weit mehr gemeint ist als eine Einigkeit unter einer Führung, mehr als ein Zusammenhelfen, mehr als ein geschlossenes Auftreten. Nicht: Sie „sollen eins sein“ wie die EÜ schreibt, sondern sie „mögen eins sein“ Das ist nicht eine Anordnung seitens Jesus (sollen!) Es ist sein großer Wunsch, seine tiefe Sehnsucht. Sie mögen also nicht entzweit sein, nicht auf drei oder noch mehr Parteien aufgespalten, sondern Eins – also ein Corpus, eine Einheit. Es ist ein Ineinander-Verschmolzen-Sein, sodass einer ohne den anderen gar nicht bestehen kann, so wie der Mann Jesus verschmolzen ist mit seinem Ausgangspunkt, seinem Urheber, seiner Mission, die er als „Vater“ anspricht. Er weiß sich von dort her abgesandt (griechisch APOSTELLO)

               Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind,

Die "Herrlichkeit" ist das strahlende Licht. Das griechische Wort DOXA meint die Helligkeit, den Glanz, den Bühnen-Scheinwerfer, die starke Ausstrahlung, den überwältigenden Erfolg. Das alles hat er seiner Nachfolge-Gemeinschaft gegeben. Jesus rühmt sich nicht selber wegen seines strahlenden Erfolges, sondern er erachtet ihn als gegeben, als geschenkt, als ermöglicht. Aus seiner Formulierung klingt Dankbarkeit. Er stellt denen dasselbe in Aussicht, die ihm vertrauen, nicht so sehr den Einzelnen als viel mehr dem Miteinander. Die Gruppe bildet den einen Corpus. Dieses Ineinander-Verschmolzen-Sein ist wie eine mystische Erfahrung Jesu: Ich gehe ganz in ihm, dem Auftraggeber auf. Ich identifiziere mich mit ihm, dem Vater. Ein weltlicher Vergleich wäre es, wenn jemand sagt, er gehe ganz in seiner Firma auf oder er lebe ganz im Sport oder er sei ganz eins mit der Musik. So stellt sich Jesus die Verbundenheit mit ihm vor.

              ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast

              und sie ebenso geliebt hast wie du mich geliebt hast.

Was den inneren Zusammenhalt der Gemeinde ausmacht, das bin ich: Das Ich (griechisch: EGO) ist betont, genauso wie das DU des Vaters. "Wie du Vater in mir bist." Deshalb haben meine Anhänger so eine Ausstrahlung, weil ich es bin der durchstrahlt. Die Folge davon ist, dass die Menschen im Umfeld zu einer Einsicht kommen: Die normale Gesellschaft wünscht sich hin und wieder jemanden, an dem sie sich orientieren kann. Die Welt wird durch die Gemeinde aufmerksam auf diesen GESANDTEN, der das Richtmaß für den Menschen ist.

            Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen,

            die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grundlegung der Welt.

Jesus richtet an den Vater den Wunsch: Alle, die zu mir gefunden haben, denen du den Weg eröffnet hast zu mir, sie mögen mit mir sein (nicht bei mir, wie die EÜ schreibt)

          Gerechter Vater,  die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und sie haben erkannt,

          dass du mich gesandt hast.

„Gerecht“ - so stellen sich die meisten Leute Gott vor: „Es muss letztlich eine Gerechtigkeit geben,“ sagen sie. Aber damit haben sie noch nicht viel verstanden vom neuen Gottesbild Jesu.  Wenn wir die Geistesgeschichte der Menschheit durchgehen und die darin entworfenen Gottesbilder vergleichen und religiöse Persönlichkeiten nebeneinander stellen, dann  hat Jesus eine Gotteserkenntnis gelehrt, wie kein anderer je zuvor und je danach. Er hat in der Menschheit eine nie erreichte Erkenntnis eingepflanzt und er hat sie seinem Anhängerkreis in überragender Weise anvertraut, wie niemand sonst in der Geschichte. Er hat ihnen zugetraut, dass sie  ihn als den Gesandten bekannt machen würden.

          Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe,

          mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.

Jesus verkündet ein neues Gottesbild und verkörpert es selber, er macht einen neuen Gottesnamen begreiflich, einen der weit über Gerechtigkeit hinaus geht, einen, der mit Liebe verknüpft ist. Sein Auftreten war von „Liebe“ her motiviert. Diese Liebe hat sich in ihm von Jugend auf gefestigt und ist reifer und stärker geworden bis zum Alter als Dreißigjährigen. Er weiß um die starke väterliche Liebe. An sie wendet er sich als Bittsteller ganz zum Schluss vor seinem Hinscheiden: „Ich habe mich von dir geleitet gefühlt. Bitte, sei auch in ihnen, sei in meiner Nachfolgegemeinschaft spürbar.“