3.April 2022      5.Fasten-Sonntag

Wer ist so fehlerlos,  dass er verurteilen darf?

Jesus aber ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Wir wollen uns diese Schilderung im Einzelnen vor Augen führen. Dabei fragen wir uns Satz für Satz: Warum war das so? Was ist der Hintergrund? Wie hätte es anders sein können?

Jesus aber ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel.

Der Ölberg liegt außerhalb der Stadt, im Osten der Mauern. Dort verbrachte Jesus viele Nächte. Vom Gipfel genießt man einen wunderbaren Blick auf den gesamten Tempel

Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.

Obwohl die Feindseligkeiten gegen ihn von Seiten der jüdischen Führung schon bedrohlich wurden, scheute er sich nicht, öffentlich aufzutreten. Vielleicht war es während des einwöchigen Laubhüttenfestes im Herbst des Jahres 29.  Der Auftritt war hoch riskant, dennoch zeigte sich er sich vor dem Volk. Die große Beliebtheit war immer noch sein Schutz. Er suchte sich einen gut einsehbaren Platz unter den Säulen, die 12 Meter hoch aufragten und das Dach der sogenannten Halle Salomons trugen. Dort standen gerne auch andere Schriftgelehrte, um ihre Studierenden zu lehren.

Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war.

Wer sind die Schriftgelehrten? Wir könnten sie mit heutigen Theologen oder Juristen vergleichen. Durch ein Studium über mehrere Jahre und mit einer abschließenden Ordination waren sie anerkannt und durften religiöse Fragen entscheiden, konnten Gutachten ausstellen, richterliche Urteile fällen. Sie waren befugt, Kreise von Studierenden um sich zu sammeln, um ihnen ihr Fachwissen weiter zu geben. Häufig lehrten sie im Tempel und zwar in den öffentlich zugänglichen Säulenhallen des 400 mal 300m großen „Vorhofs der Völker“. Sie wurden oft auch in Regionen gerufen, wo es strittige Fragen zu klären gab.

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Beachte das Spiel der Hände. Ital. Maler Guercino (gestorben 1666 in Bologna)  Wikipedia

Wenn wir die Evangelien, besonders das Markus-Evangelium, von Anfang bis zum Schluss durchsuchen, wie sich die meisten Schriftgelehrten verhalten haben gegenüber dem Rabbi Jesus, so steigert sich das Bild von anfänglichem Missfallen über vernichtendem Urteil bis zur offenen Feindseligkeit. Am Schluss trat einer auf, der lobend feststellte, Jesus hätte treffend geantwortet, und dass er dann noch zu ihm hin ging und ihm eine ernsthafte Frage stellte – nicht eine hinterhältige – , das war etwas Außergewöhnliches. Daraus ist zu erkennen, dass es doch einige wenige unter den hochgebildeten Bibel-Gelehrten gab, die Jesu Lehre schätzten. Den meisten aber war er ein Dorn im Auge.

Wie sollen wir uns das vorstellen, dass eine Frau beim Ehebruch ertappt worden war? Sie war dabei aufgegriffen worden. War sie – obwohl verheiratet – mit einem Mann im Bett angetroffen worden? Wo war dieser andere Mann? Warum wurde nur die Frau vorgeführt? War nur sie die Schuldige? Ist immer die Frau die Verführerin in den Augen der männlichen  Gesetzeshüter?   

Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

Es wird ausdrücklich erwähnt, dass die Ankläger die Frau „in die Mitte“ stellten. Hat sie diesen Platz verdient? Sollte sie nicht beschämt am Rand, abseits von den Zusehern aufgestellt werden. Sollte man nicht von der Ferne auf sie hinzeigen. Es ist bezeichnend, dass die Hüter der Religion so gerne Schuldige in die Mitte stellen. Jesus hingegen hat Leidtragende in die Mitte gestellt: Zu dem Mann mit der verdorrten Hand hatte er an einem Sabbat in der Synagoge gesagt: „Steh auf und stell dich in die Mitte!“ (Mk 3,3)

Sie beriefen sich auf ein Gesetz des Mose, wohlgemerkt nicht ein Gesetz Gottes. Wo ist diese Vorschrift nachzulesen? Sie findet sich sogar in zwei Büchern des Alten Testaments, nämlich in Deuteronomium und Levitikus: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. Du sollst das Böse aus Israel wegschaffen.“ (Dtn 22,22) Im Gesetz ist die Todesstrafe für beide vorgesehen: den Mann und die Frau. Warum schleppen sie nur die Frau heran? Im Gesetz  ist zwar nicht ausdrücklich von Steinigung die Rede, aber sie hat sich als drastische Strafe durchgesetzt. Sie konnte an Plätzen durchgeführt werden, wo die Volksmenge zusehen konnte. Nicht ein einzelner Scharfrichter hat sie vollstreckt, sondern eine Gruppe. Es musste nur einer den Anfang machen. Die verurteilte Person wurde rücklings über einen Felsvorsprung oder eine Mauer hinunter gestoßen und dann so lange mit Steinen beworfen, bis sie verblutete. Der Grund für die grausame Strafe wird angeführt: „Das Böse soll aus dem Volk Gottes ausgerottet werden.“ Heute bezweifeln wir aus psychologischer und aus soziologischer Sicht, dass durch möglichst gewaltige Strafen das Böse ausgemerzt wird.

Steinigung ist im Gesetz des Alten Testaments als Todesstrafe vorgesehen, vor allem für sakrale Delikte: Gotteslästerung, Götzendienst, Verführung zum Abfall vom Glauben, darüber hinaus bei sexuellen Vergehen und Ehebruch.

Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen.

„Was sagst du?“ Fragen wir uns: Wie hätte Jesus ihre Frage beantworten können? Er hätte mehrere Möglichkeiten gehabt: Er hätte auf Gegenangriff gehen können: Ihr seid keine Spur besser als diese Frau. Äußerlich gebt ihr euch tadellos. Ihr lasst euch keine Fehler nachweisen. Aber ich sage euch: „Jeder, der eine Frau ansieht um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen“ (Mt 5,28) Diesen Jesus-Satz überliefert uns einer, der früher selbst Schriftgelehrter war, aber dann ein Lernender des Evangeliums geworden ist, nämlich Matthäus. Welche Antworten hätte Jesus noch sagen können? „Ich will nicht Richter über sie sein. Es gibt nur einen Richter, den HERRN. Wenn ihr trotzdem über sie urteilen wollt, dann seht zu wie über euch selbst einmal geurteilt wird.“ Die Gesetzeshüter haben seine Barmherzigkeit nicht ertragen, von der ihnen so oft Beispiele zu Ohren gekommen waren. Sie wussten auch aus der Bibel von Gottes Barmherzigkeit. Nun versuchten sie, Barmherzigkeit gegen Gesetzeseinhaltung auszuspielen und wollten ihm daraus einen Strick drehen. Der mit seinem großen, liebenden Herz! Er soll sich an die Vorschriften halten. „Wo kommen wir da hin, wenn wir solche Vorkommnisse straflos lassen? Damit wäre dem Ehebruch Tor und Tür geöffnet". Jesus hätte sich aus der Schlinge ziehen können, wenn er gesagt hätte: Ja, das war ein schweres Vergehen, was die Frau getan hat. Sie hätte Strafe verdient. Aber wir könnten es bei einer Verwarnung oder einer milderen Strafe belassen, falls es eine Erst-Tat war.

Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Jesus gab keine Antwort, zumindest keine mündliche. Warum bückte er sich und machte Schriftzeichen auf die Erde? Zunächst unterbrach er damit die Aufregung derer, die hitzig nach Ordnung und Gesetz riefen. Das ist eine hervorragende Methode in der Psychologie: eine Intervention, mit der niemand rechnet, die paradox ist. Was Jesus da geschrieben hat, wollten die Bibelgelehrten und religiösen Maler aller Zeiten wissen. Vielleicht schrieb Jesus die Begehrlichkeiten auf, die eine Ehe gefährden. Vielleicht machte er eine Symbolzeichnung von Frau und (!) Mann, denn es sind immer beide beteiligt am Glück der Ehe und am Zerstören der Ehe. Was immer er hinzeichnete, er schwieg dazu, mit dem einzigen Ziel, sie zum Umdenken anzuregen.

Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf

Sein Schweigen forderte sie mehr heraus als ein Streitgespräch mit ihnen. Als ihr Sturm der Fragen nicht nachließ, richtete er sich auf, so wie er sich beim Seesturm im Boot aufgerichtet hatte. Wir sehen ihn mutig und aufrecht stehen. Dann donnert er sie nicht nieder wegen ihrer Starrsinnigkeit, sondern er macht ihnen ein Angebot, nämlich das Angebot zuerst bei sich selber zur Einsicht zu kommen und erst dann das Urteil zu vollstrecken.

Er sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

Wer fehlerlos ist, wer sich selber nichts vorzuwerfen hat, wer nie versagt hat, der ist berechtig, dieser Frau ihr Versagen vorzurechnen.  Wer sich noch nie etwas zu Schulden kommen hat lassen, der hat das Recht,  Richter über diese Frau zu sein. Er kann den Reigen des Tot-Schlagens eröffnen. Er möge  als erster seinen vernichtenden Stein werfen.

Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

Wieder beugte sich Jesus zur Erde. Er blickt nicht herum, wer ein beschämtes Gesicht machte. Er verfolgte nicht ihre Reaktionen, um sie mit Blicken zu strafen. Das hatte er nicht nötig. Vielleicht ist den Gelehrten der Heiligen Schriften ein Wort des Propheten Jesaja in den Sinn gekommen: „Du Hoffnung Israels, Herr! Alle, die dich verlassen, werden zuschanden, die sich von mir abwenden, werden in den Staub geschrieben; denn sie haben den Herrn verlassen, den Quell lebendigen Wassers.“ (Jer 17,13)

 

Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.

Jesus gestaltete den Verlauf so, dass ihnen ein Rückzug möglich war – ein Abtreten ohne Gesichtsverlust. Zuerst machten sich die Ältesten aus dem Staub. Wer sind diese Leute? Entweder sind Schriftgelehren mit höherem Alter gemeint oder Angehörige der Adelsfamilien. "Älteste" waren die Oberhäupter der angesehenen, wohlhabenden Familien, sie waren weltliche und religiöse Würdenträger. Sie bildeten den Grundstock des Hohen Rates, neben den beiden anderen Gruppen, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten. In der Schriftstelle waren anfangs nur Schriftgelehrte und Pharisäer erwähnt, so dürften hier "die Älteren" aus diesen Kreisen gemeint sein. Sie blicken schon auf ein längeres Leben zurück und haben sich mehr Fehltritte geleistet. Viele heutige Christen tragen ein Jesusbild in sich, wonach er scharf gegen sie aufgetreten sei und sie angeklagt hätte. Diese Szene beweist, dass dies nicht zutrifft. Er gibt sogar denen noch die Gelegenheit, ihre feindselige Meinung gegen ihn abzulegen. Bei wenigen hat er Erfolg damit, bei den meisten nicht, denn bald darauf wollten sie ihn zu Tode steinigen: „Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel“, schreibt das Johannes-Evangelium wenige Absätze später (Joh 8,59) Im Kapitel 10 heißt es beim Lichterfest (Dez 29) erneut: „Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen“ (Joh 10,31)

 

Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

Ganz alleine kann Jesus nicht mit der Frau geblieben sein, sonst hätte sie nicht in der Mitte stehen können. Gemeint ist wohl die Mitte jener, die von Jesus lernen wollen und noch da waren. Was sollten sie lernen: Jetzt kommt das Kernstück der Stelle.

 

Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

Wieder richtete sich Jesus auf. Er zeigte sich in seiner aufrechten Gestalt, in seiner aufrechten Art. Die Frage erscheint zunächst überflüssig. Warum stellt er sie an die Frau? Er weiß doch, was soeben vor sich gegangen ist. Offenbar will er ihr bewusst machen, wovor er sie gerettet hat, nämlich vor der Verurteilung, vor dem sicheren Tod.

 

Sie antwortete: Keiner, Herr.

Nun anerkennt sie ihn als Herrn. Es klingt fast nach einem Glaubensbekenntnis. Paulus wird im Jahr 56 im Römerbrief ein ganz knappes Credo formulieren. „Wenn du mit dem Mund bekennst, Jesus ist der Herr, und ... glaubst ... so wirst du gerettet“ (Röm 10,9) Damit sind wir in der Zeit des frühen Christentums. Zahllose Mitglieder mussten von sich sagen, dass sie zuvor ein abwegiges Leben führten und dass ihnen dann Jesus  begegnet sei. Er hat sie nicht verurteilt, sondern hat sie in den Kreis der „Brüder und Schwestern“ aufgenommen, einen Kreis, der eine Vergebungsgemeinschaft war.

 

Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Jesus spricht noch ein Schlusswort, in dem er die Tat der Frau nicht verharmlost oder nicht stillschweigend übergeht. Er benennt ihre Schuld. Er bringt ihr Versagen zur Sprache – aber nur vor ihr selber, nicht in der Öffentlichkeit. Ja, es war Sünde, es war Verletzung der guten Ordnung Gottes. „Ich verurteile dich nicht, ich verdamme dich nicht. Aber fasse es nicht als Freibrief auf, dass du dir wieder Seitensprünge erlauben kannst. Ich sage nicht zu dir: So schlimm war das nicht. Was ich dir sage, ist wichtig: Es soll das letzte Mal gewesen sein, dass du das getan hast.“ Jesus scheint zu ahnen, dass es kein einmaliger Fehltritt war: „Von jetzt an nicht mehr“ Während die Gesetzeshüter sich auf sie gestürzt hatten, weil sie auf frischer Tat ertappt wurde, weiß Jesus mehr. Er nimmt ihre ganze Geschichte wahr und er ermutigt sie mit seinem klaren Wort, einen Schlussstrich darunter zu ziehen. Mit seinem Beistand wird sie  es schaffen.