9.Okt. 2022      28.Sonntag im Jahreskreis

Dankbar-Sein macht glücklich

Lukas 17,11-19

Es geschah auf dem Weg nach Jerusalem: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samárien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!  Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschah: Während sie hingingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme.

 Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samaríter. Da sagte Jesus: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun?  Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.

Es ereignete sich wieder ein Vorfall. Lukas gibt den Weg an und erinnert damit seine Leser daran, dass Jesus als Ziel Jerusalem vor sich hat. Lukas schreibt: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samárien und Galiläa. Mit der Geographie des Landes scheint der dritte Evangelist nicht so gut vertraut zu sein, wenn er das schreibt. Wenn es in der Nähe Jerusalems war, dann muss es das Grenzgebiet zwischen Samarien und Judäa gewesen sein. Es könnte sich bei dem Dorf Ephraim zugetragen haben, wie wir aus anderen Quellen erschließen können. Heute heißt das Dorf Taybeh und liegt in der palästinensischen Westbank. Es zählt heute 2.100 Einwohner. Die Bewohner verkünden voll Stolz, dass sie allesamt Christen sind – als einzige Ortschaft im Heiligen Land – und dies seit 2000 Jahren. Es gehe auf die Begegnung mit Jesus zurück. Bekannt ist Taybeh wegen seiner Brauerei – gegründet 1994. Sie braut als einzige im Nahen Osten nach dem bayerischen Reinheitsgebot und führt jährlich ein Oktoberfest durch.

Als Jesus mit seiner Begleitergruppe das Dorf noch nicht erreicht hatte, kam es zu einer Begegnung mit zehn Männern, die schwere Hauterkrankungen hatten. Ihre Arme und Beine waren mit Leinenstreifen umwickelt und damit waren sie erkennbar  als Aussätzige . Manche von ihnen hatten verstümmelte Gliedmaßen und durch Geschwüre so verunstaltete Gesichtszüge, dass sie kaum mehr wieder erkennbar waren. Das war dann eindeutig Lepra. Manche waren auch dann als Leprakranke abgestempelt, wenn ihre Haut „nur“ von stinkenden Geschwüren bedeckt war und es nicht wirklich Lepra war. Von solchen ekelerregenden Hautschäden Befallene waren aus der Gesellschaft ausgestoßen. Sie lebten entweder als Einzelgänger irgendwo in einer halb verfallenen Hütte oder einer Höhle. Oder sie schlossen sich zu kleinen Kolonien zusammen und hausten in einem unbewohnten Tal. Oft wurden sie regelmäßig von Menschen versorgt, die Mitleid für sie empfanden. Dazu stellten die Helfer etwa einen Korb Lebensmittel an einen festgelegten Platz und entfernten sich. Erst dann durften sich die Geplagten nähern und sich bedienen.  

Wenn der Hunger übermächtig wurde, näherten sie sich auch stark begangenen Straßen und riefen um Brot. Gleichzeitig waren sie verpflichtet, Gesunde vor sich selbst zu warnen. Dazu mussten sie rufen: „Unrein! Unrein!“ Die Aussätzigen seien Jesus  entgegen gekommen, so schreiben manche Übersetzungen. Das wäre ihnen strengstens untersagt gewesen. Der Originaltext sagt das auch nicht, sondern: Jesus und seine Begleiter begegneten 10 Aussätzigen, sie trafen auf 10 Aussätzige. Die Jesus-Gruppe und die Unseligen trafen einfach aufeinander – wohl aber mit Sicherheits-Abstand.

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Die Erkrankten erhoben ihre Stimme. Sie fingen ein Geschrei an und machten auf sich aufmerksam. Anscheinend wussten sie, wer da auf sie zukam, denn sie riefen ihm seinen Namen zu: „Jesus!“ Dann sagten sie noch: „Weiser, Verständiger! Hab Erbarmen mit uns!“ Bei dieser Anrede fällt zweierlei auf: 1. Sie redeten ihn nicht mit dem sonst üblichen Titel „Lehrer“ oder „Meister“ an, was die Evangelisten üblicherweise mit DIDASKALOS beschreiben. Das hier verwendete Wort ist EPISTATA und es weist auf Weisheit und Verständnis hin. Sie rechnen also mit Verständnis und Einfühlungsvermögen von Seiten Jesu. 2. Sie bitten um Erbarmen, obwohl sie wissen, dass sie das nicht verdienen. Wer Lepra hatte, galt als von Gott gestraft. Er oder seine Eltern müssen sich irgandwann in ihrem Leben schwer schuldig gemacht haben und das musste der Betroffene jetzt abbüßen. Die Religion hat ihnen eingehämmert, dass sie selber Schuld seien an dem Schicksal.  

Spätestens jetzt haben sicherlich einige der Begleiter um Jesus ihre Verachtung kund getan und die übrigen aufgefordert, sich auf keine Annäherung einzulassen, sondern einen weiter Bogen um „diesen Abschaum“ zu machen. Auch Jesus selbst ging nicht auf die Zehn zu. Den Abstand hielt er nicht aus Angst vor Ansteckung oder gar aus Verachtung vor ihnen ein, sondern um nicht Anstoß zu erregen gegen die behördlichen Vorschriften zu der Krankheit. Die Behörden behaupteten, die Krankheit sei hoch ansteckend und Berührung sei gefährlich. Inzwischen hat die Wissenschaft nachgewiesen, dass Lepra nur schwer übertragbar ist. Jedenfalls wollte Jesus den Vorschriften Genüge tun, und daher gab er den Bittstellern den Auftrag. „Geht zu den Priestern, sie sind befugt, ein Gutachten über euren Gesundheitszustand auszustellen. Lasst euch anschauen, lasst euch untersuchen, lasst euch bescheinigen, dass ihr rein seid.“ Wenn Jesus die Gesundheitsbeamten im Tempel meinte, dann wäre das etwa 30 Kilometer Entfernung gewesen, also in 1-2 Tagen zu bewältigen. So wie sie im Moment aussahen, hätten sie keine Chance gehabt, auch nur durch das Stadttor von Jerusalem zu gelangen. Aber Jesus wusste, dass sich ihre Haut unterwegs sehr rasch erholen würde und sie rein würden.

Die Gruppe der Zehn gehorchte, wandte sich um und ging weg – wohl zur Genugtuung jener paar Anhänger Jesu, die gewarnt hatten. Wie weit die Erkrankten in Richtung Jerusalem marschiert waren, wird uns nicht geschildert, aber es muss tatsächlich ein Selbstreinigungsprozess eingesetzt haben und zwar ziemlich zügig. Der Originaltext sagt: „Es entstand, während sie weggingen: Sie wurden rein.“

Einer von ihnen – als er die Heilung an sich beobachtete – machte kehrt. Er ging die ganze Strecke zurück und jubelte ständig. Mit  lauterer Stimme, noch lauter als vorher beim Bitten, verherrlichte er Gott. Er verkündete die Großartigkeit Gottes: „ER ist herrlich. ER thront im Lichterglanz. Für mich ist ER wundervoll. Gott ist zu überwältigenden Dingen fähig.“

Als er Jesus erreicht hatte, warf er sich vor dessen Füßen nieder und sprach ihm den größten Dank aus. Er dankte ihm voller Ergriffenheit. Er bedankte sich bei Jesus, dass er die Heilkraft Gottes auf ihn herab geholt hatte. Der Mann war überzeugt, dass Jesus eine so starke Gottverbundenheit hatte, dass er den Allmächtigen gnädig stimmen und zu der Heilung bewegen konnte. Dieser eine war aus dem Land der Samariter. Diese Volksgruppe waren jene, die von den Juden verachtet wurden  und denen die strenggläubigen Juden  ein verfälschtes Glaubensbekenntnis nachsagten. 

Jesus ließ ihm zunächst seine Dankesworte zu Ende sprechen, denn sie waren ehrlich. Dann  antwortete er: „Sind nicht zehn rein geworden? Hat sich nicht bei allen zehn die Reinigung der Haut und des ganzen Körpers vollzogen?“ Scheinbar wusste es Jesus, ohne es selbst gesehen zu haben. Er fragte weiter: „Die Neun – wo sind sie?“ Er bekam keine Antwort. „Haben sie es nicht als angemessen gefunden, dass sie den Weg zurück gegangen wären, um hier Gott die Ehre zu geben? Sie hatten dafür offenbar nicht das entsprechende Gottesverständnis. Keiner ist gekommen – einzig dieser, der als Fernstehender gilt, fremd und andersdenkend.“ Jesus spricht nicht von Dank ihm persönlich gegenüber, sondern Dank vor Gott. Er spricht auch von einem  Sich-Umwenden und den Weg zurück Gehen. Diesmal wird nicht das sonst übliche Wort „Umkehren“ verwendet, das auf Griechisch METANOIA heißt. Jesus bescheinigte dem Mann aus Samarien den Glauben. Damit meint er nicht die Rechtgläubigkeit, sondern Glauben im Sinne von Vertrauen in die Güte Gottes. Das würdigte Jesus. Dabei forderte er ihn auf: „Bleib nicht länger zu meinen Füßen liegen! Erhebe dich! Du kannst jetzt gehen. Aber eines behalte dir als Gewissheit: Es war das Vertrauen, das dich gerettet hat. An die Möglichkeiten Gottes zu glauben, das war die rettende Kraft.“

 

Der Schlusssatz „Dein Glaube hat dich gerettet“ passt nicht ganz dazu, weil der Satz die Frage aufwirft: Was ist mit den übrigen Neun? Fehlte es ihnen am Glauben? Sind sie trotzdem auch gerettet worden? Vertrauen ist doch die Voraussetzung für den Heilungsprozess. Jesus hat diesen Satz oft gesagt: So etwa zu der Frau mit den Blutungen, die es trotz des Menschenandrangs gewagt hatte, seinen Gewandsaum zu berühren (Mk 5,34). Oder zu dem Blinden am Straßenrand von Jericho. (Mk 10,52) Dem einen von den zehn Lepra-Befreiten hat Jesus bereits seine Würdigung ausgesprochen: „Du als einziger hast Gott den Dank bekundet" – das war schon ein starker Ausdruck seines Glaubens.

 

Der Schluss „Dein Glaube hat dich gerettet“ (Nicht: „… hat dir geholfen“) könnte von Lukas angefügt worden sein, weil er ja gerade das Kapitel über „Glauben“ schreibt. Jesus selbst scheint die Betonung diesmal eher auf die Dankbarkeit zu legen. Zehn hätten Anlass gehabt, dankbar zurück zu kommen, nur einer findet es für nötig. Das ist eine häufige Erfahrung. „Undank ist der Welt Lohn“ – so lautet  das bekannte Sprichwort, aber Jesus beschwert sich nicht über den Undank. Nein, er ist viel zu positiv, als dass er sich über neun Säumige beklagen würde. Vielmehr bestärkt er den einen, der dankt. Der Mann hat nicht nur im Stillen Gott gedankt, sondern er hat eine beachtliche Wegstrecke auf sich genommen und sich dann laut und ausführlich bedankt. Lukas hat als einziger diese Begebenheit überliefert und will seine Leser bestärken in der Dankbarkeit. Nicht alle sind dafür empfänglich.  Die wenigen sollten es sich zur Grundhaltung machen. Dankbarkeit ist mehr als ein höfliches „Danke-Sagen“ (oder ein flüchtiges Smiley zu schicken). Unsere heutige Welt ist geprägt vom Will-Haben. Wer bestellt und zahlt, bekommt es. Das „Ich“ erfüllt sich seine Wünsche und ist keinem einen Dank schuldig. Unsere Welt sollte wieder die Dankbarkeit als Haltung erlernen – und sie ist tatsächlich erlernbar – mit ein wenig Selbstbeobachtung und Übung. Wer den Tag mit einer Rückschau beschließt und besonders das hervorhebt, was sich gut gefügt hat – vielleicht besser, als man es geplant hätte, der übt Dankbarkeit ein. Wer seinem Mitmenschen würdigend ausspricht, was ihm Gutes aufgefallen ist – statt ihm ständig die Fehler vorzurechnen – der macht sich und anderen das Leben leichter. Erst recht ist es erlernbar, dass wir uns dem Erhalter des Universums zuwenden und IHM danken. Dabei machen wir uns selbst bewusst, wie oft sich manches fügt. Dieser „Lenker der Dinge“ ist eben nicht ein hoch oben streng thronender Allmächtiger, sondern einer wie ein Vater, der uns – seine Tochter oder seinen Sohn – nicht aus den Augen lässt. Allein schon, ihn mit „Vater“ anzureden, ist Übungssache.

Zu empfehlen sind dazu Bücher, Vorträge und Interviews mit dem über 90jährigen Benediktiner-Mönch Bruder David Steindl-Rast – leicht zu finden im Internet. Glücklich werden durch Dankbarkeit. Die Spiritualität der Dankbarkeit. Gratefulness.