25.Mai 2021      Pfingst-Sonntag

Macht euch offen für den Hauch Gottes

Johannes 20,19 - 23

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Dieser Text wurde nach der kirchlichen Leseordnung bereits am Sonntag nach Ostern verlesen, er wird am Pfingst-Sonntag wiederholt. Wir heben diesmal nur die Sätze heraus, die mit "Geist-Empfang" zu tun haben:

„Die Jünger freuten sich, als sie den Herrn sahen“. Nach dem Aufkommen der Freude wiederholte Jesus seinen Segenswunsch: „Frieden für euch.“ Jesus benannte damit seine eigene Mission, der er in seinem dreijährigen Wirken gefolgt war: Er schenkte den Frieden, empfahl den Frieden, verpflichtete zum Frieden.

 Dann kam er zu seinem entscheidenden Wort: „Wie mich der Vater abgesandt hat, so schicke ich euch los.“ Jesus bezeichnet sich hier als den Abgesandten des Vaters (griechisch APOSTELLO). In Anlehnung daran sagt er, dass es nun er selber  sei, der sie losschicken werde. Das „Ich“ ist betont: EGO: „Ich bin es, der euch ausschickt.“ Und der Auftrag weist in die Zukunft. Der griechische Originaltext verwendet nicht zweimal denselben Begriff für „Senden“: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch". Der Text trifft eine Unterscheidung: Der Vater hat Jesus „abgesandt“. Jesus wird seine Lernenden „losschicken“.

Sein Wirken landauf landab war eine einzige Friedensmission – er wusste sich vom seinem "Ursprung" her dazu gesandt. Er nannte sein Wirken ein Apostolat. Den Auftraggeber hatte er immer SEINEN VATER genannt. Nun am Tag EINS (am Ostertag) sagte er: „Ich habe meine Mission vollbracht und nun seid ihr an der Reihe: Der Auftraggeber bin ICH. Ich schicke jetzt euch los.“ Frieden ist somit nicht etwas, das da ist, wenn alle Ruhe geben, sondern daran muss immer neu gearbeitet werden, denn es flammen so oft Feindseligkeiten auf. Es braucht in der Gesellschaft die „Abgesandten des Friedens“ – so wie es die Feuerwehr braucht, um Flammen einzudämmen oder umgestürzte Bäume zu beseitigen.

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Die kleine Kirche DOMINUS FLEVIT ist wunderbar gelegen am Abhang des Ölbergs. Vom Altarfenster sieht man den Ausschnitt der Altstadt. An dieser Stelle soll Jesus geweint haben, weil Jerusalem den FRIEDEN zurück gewiesen hat: "Als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was FRIEDEN bringt!" (Lk 19,41f)

​Nach dem Friedensaufruf folgte wieder ein ZEICHEN von ihm her: Er hauchte auf sie hin. Dabei sagte er zu ihnen: „Nehmt heiligen Atem an!“ Was traditionell mit „Geist“ bezeichnet wird, heißt im griechischen Urtext PNEUMA: Atem, Hauch, Wind. Seine engen Vertrauten sollten sich  empfänglich machen für einen besonderen Hauch, heiligen Hauch. Der „Wind“ würde sie beiseite nehmen, absondern für eine besondere Aufgabe. Der Originaltext sagt nicht „Empfangt!“, denn „empfangen“ wäre inaktiv, es wäre ein passives „über sich Ergehen-Lassen“. Der Text sagt hingegen „macht euch offen dafür, nehmt in Empfang, greift danach“. Das ist etwas Aktives. Der Original-Text sagt auch nicht „den“ Heiligen Geist, sondern „einen“ Heiligen Geist. Jesus hat ihnen einen Hauch hinterlassen, der sie zu einer ganz neuen Lebenseinstellung und Mission befähigte.

Dann ergänzte er, wozu sie dieser Hauch ermächtigen würde: „Denen ihr helft, dass sie loskommen von ihrer belastenden Vergangenheit, die werden loskommen. Bei denen ihr nicht helft, die Lasten los zu  werden, denen bleiben sie erhalten.“ Leider gibt  es auch Menschen, die von Vergebung nichts halten. Sie wollen den Freispruch nicht annehmen. Sie sind uneinsichtig oder wünschen keine Unterstützung, um Schuldenlast abzubauen. An denen wird ihre belastende Vergangenheit weiter haften bleiben. Vergebung und Schulderlass war ganz und gar nicht die Sprache der Welt. Die übliche Vorgangsweise war es, Verfehlungen aufzudecken, die Schuld vorzurechnen, den Übeltäter anzuklagen und büßen zu lassen.

Jesus erteilt den Auftrag und verspricht: „Die Menschen, die ihr entlasst aus dem Gefängnis ihrer Schuld, die sind tatsächlich entlassen. Wenn ihr ihnen die Verfehlungen erlasst, dann sind sie die Last los. Damit ist nicht eine Liste von >Sünden< gemeint, die jemand aufzählt, weil er sich damit beschmutzt hat und weil er davon reingewaschen werden will. Das ist umfassender gemeint: Der Betroffene wird entlassen aus der Umklammerung, die ihn lähmt. Seine starr machende Vergangenheit ist aufgearbeitet. Die Last der Schuld, die ihn ständig in den Abgrund ziehen will, wird ihm abgenommen. Ihr seid ermächtigt, diese Fesseln zu durchtrennen.“

Vergebung anzubieten, war damals unerhört und ist es heute immer noch, aber es war der neuartige Stil Jesu. Er hatte ihn oft und oft praktiziert und er wollte, dass der  Stil von seiner Nachfolgegemeinschaft fortgesetzt würde. Er machte ihnen klar, dass leider manche Menschen eisern festhalten an dem Lebensmodell von „Vorschriften, Befolgung und Übertretung, Anklage und Bestrafung, Abbüßen“. Manche schauen bewusst nicht hin auf das, worin sie sich schuldig gemacht haben. Jesus sagt gleich vorweg: „Solche Leute werdet ihr nicht befreien können. Sie werden mein Prinzip der Vergebung ablehnen, manche werden sich darüber lustig machen, manche werden es sogar bekämpfen. Auf solche Leute müsst ihr gefasst sein. Sie wollen und können nicht verzeihen. Sie wollen sich auch selbst nicht verzeihen lassen. Die Menschen, die ihr belasst in jener Gewalt, die bleiben in den Krallen gefangen.“

Das waren die vorrangigen Aufgaben, die er ihnen übertrug. Damit war das KOMMEN an dem Abend zu Ende. Sein Abgang wird nicht beschrieben. Die Freude bei den Jüngern wird wohl noch angehalten haben. Den doppelten Auftrag behielten sie sich eingeprägt: 1. aus dem zugesprochenen Frieden heraus tätig zu sein und bei allen Reden Frieden auszustrahlen. 2. Menschen aus verschuldeter Belastung zu befreien, leider nur jene, die es zulassen.

Dieser Doppelauftrag hat sich fortgesetzt in den Hauskreisen des frühen Christentums und war gewissermaßen ihr Markenzeichen: Jedes neu eintretende Mitglied wurde aufgenommen mit einem Ritus des Schulderlasses: Taufe war eine umfassende Vergebung aller bisherigen Schuld.  Auch wenn jemand zum Kreisabend mit Unruhe und Anspannung hinging, so verließ er den Abend doch innerlich ausgeglichen. In den Runden durften persönliche Belastungen angesprochen werden – auch selbst verschuldete. Sie wurden vertraulich behandelt, gemeinsam vor Gott getragen und oft und oft gab es seelische Heilung. Diese in der Gruppe erlebbare therapeutische Kraft führten die frühen Christen auf Jesus und seinen „Hauch“ zurück.

Wir können nur hoffen, dass sich dieser Wesenszug der damaligen Hauskreise in unseren Kirchen wieder durchsetzt. Jedenfalls betet die Gottesdienst-Gemeinde regelmäßig: „Ich glaube an den Heiligen Geist, ... Gemeinschaft der Heiligen und Vergebung der Sünden.“ Hierin sprechen die Gläubigen in einem Atemzug vom „Geist“ und von der „Gemeinschaft“ und von der „Vergebung“. Sie bekennen, dass in ihren Gemeinschaften ein anderer Wind weht als in der üblichen Gesellschaftordung: Die gewohnte Welt baut auf „Fehler vorrechnen und bestrafen“. Unter den Geschwistern im Geist Jesu weht der sanfte Wind vom Ansprechen der Versäumnisse, vom Vergeben und vom Einladen auf einen Neu-Anfang. Damit heben sich die Kreise ab von der sonst so verbreiteten Weltordnung. Die Hauskreise bilden eine „Gemeinschaft von Heiligen“, wobei Heilige nicht mustergültige und fehlerlose sind, sondern von Gott beiseite Genommene. Sie sind abgesondert vom üblichen Stil der Bestrafung, sie pflegen den Stil der Vergebung. Erkennbar sind diese Heiligen an ihrem Zusammenhalt, der sichtbar ist am Frieden, den sie bewirken, an der Vergebung, die sie laufend üben.