6. Dez 2020      2.Advent-Sonntag

Eine gute Nachricht

Mk 1,1–8

Wir machen einen Zeitsprung 2000 Jahre zurück und begeben uns nach Rom in die 60er Jahre, also gut 30 Jahre nach dem Tod Jesu. In diesen 30 Jahren hat sich das junge Christentum in atemberaubender Geschwindigkeit ausgebreitet – in fast allen römischen Großstädten haben sich sozial-spirituelle Hauskreise gebildet, die mit starker Verbindlichkeit innerlich zusammen gehalten haben und sich auf den Gesalbten namens „Jesus der Nazarener“ berufen haben. Die damalige Welt-Sprache im gesamten römischen Reich war griechisch und das Wort für Gesalbter war Christus, das hebräische Wort Messias. Die Versammlungen nannten sich „Herausgerufene Gottes“, EK-KLESIA. Wer sich entschloss, Mitglied zu werden, der vertraute sein Leben zur Gänze dem Gebieter Jesus an, dieser sollte nun über ihn verfügen. Obwohl dieser 3 Jahrzehnte zuvor verstoßen worden war von seiner Religions-Führung und hingerichtet von den römischen Behörden, glaubten die Mitglieder zutiefst, dass ihn Gott nicht fallen gelassen hat, sondern ihn erweckt und in ein Leben geholt hat, dem der Tod nichts mehr anhaben kann. Paulus formuliert es im Jahr 57 n.Chr. so: -„Wenn du mit dem Mund bekennst, Herr ist Jesus – und in deinem Herzen glaubst, Gott hat ihn von den Toten erweckt, so wirst du gerettet werden“ (Röm 10,9)

Zeitgleich schrieb der römische Philosoph Seneca über den jung an die Macht gekommenen Kaiser Nero. Dieser fragt sich in einem Selbstgespräch „Von allen Sterblichen habe allein ich Gefallen gefunden und bin erwählt worden, auf Erden Götteramt zu versehen? Herr über Leben und Tod bin ich für die Völker? In meine Hand ist es gelegt, wem welches Los, welcher Stand zuteil wird? Durch meinen Mund verkündet das Schicksal, wem es was geben will?“ Eine so übersteigerte Eitelkeit gab es nicht bei den drei Kaisern von ihm. Augustus war auch sehr jung an die Macht gekommen, auch sein politischer Aufstieg war begleitet von Köpfe Rollen. Aber die persönliche Huldigung überließ er den Landesfürsten und Vorstehern der Städte. So wurden zu seinem Geburtstag Tafeln zu seiner Verehrung in den östlichen Provinzen aufgestellt. Eine der Inschriften wurde in der heutigen Türkei gefunden: „Die Vorsehung hat diesen Mann mit besonderen Gaben erfüllt. Sie hat ihn als Heiland gesandt, für uns und die kommenden Geschlechter … Der Geburtstag des Gottes (gemeint ist Augustus) war für die Welt der Anfang der Evangelien …“ (Priene-Inschrift 9 v.Chr.)

Die Taufstelle des Johannes in Israel ist erst seit einigen Jahren offiziel zugänglich.

Es ist berührend, an Ort und Stelle Einzelzeiten vom Wirken und von der Botschaft dieses "Mannes an der Wende" zu erfahren. Erst recht geht es manchen Reiseteilnehmern nahe, wenn ihnen an dieser Stelle die eigene Taufe in Erinnerung gerufen wird.

In den 60er Jahren macht sich ein Mitglied aus den Christen-Gemeinden in Rom daran, mehrere Weg-Stationen des Gesalbten Jesus in einer kleinen Schrift festzuhalten. Er betitelt sein Werk mit „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus“. Er will damit nicht nur sagen, dass die erfolgreiche Ausbreitung in Jesus den Anfang genommen hat, sondern auch, dass die Gestalt Jesu bleibende Grundlage ist, bleibender Ausgangspunkt für die Gemeinden. Die Ereignisse um Jesus haben sich 40 Jahre zuvor so zugetragen, wie er es schreibt. Aber sie sind mehr als eine Schilderung. Das beschriebene Wirken Jesu motiviert immer noch und macht immer noch Mut. Es handelt sich nicht nur um die Gute Nachricht, die in der Vergangenheit „war“, sondern immer noch „ist“, und weiterhin bleibende Wirkkraft hat. Das Evangelium ist nicht der „Bericht über Jesus“, sondern die beglückende Tatsache, dass es diesen Mann gegeben hat und dass er so viel Heilsames in Gang gesetzt hat und dass er in der Weltgeschichte nach wie vor Impulse setzt. Paulus sagt, er sei berufen, das „Evangelium von Jesus Christus“ zu verkünden (Röm 1,4). Er erzählt zwar nichts vom damaligen Wirken Jesu. Aber die Tatsache selbst, dass Jesus HERR ist, dem man sich überlassen kann, ist die Gute Nachricht. Das meint Markus mit der Überschrift.

Markus leitet sein Buch nicht mit der Geburt Jesu ein, wie Matthäus und Lukas und wie es römische Schriftsteller über Kaiser-Biographien tun. Stattdessen führt er uns gleich jene starke Persönlichkeit vor Augen, die den Weg Jesu gebahnt hat, die also sein Auftreten vorbereitet hat. Markus lässt feierlich das biblischen Wort erklingen: „Stimme eines Rufers, der in der Wüste schreit. Er verlangt dringend: Macht den Weg für den HERRN bereit. Das Kommen Gottes steht bevor. Richtet die Straßen her, begradigt sie für den HERRSCHER DER WELT.“ So steht es beim Propheten Jesaja.

Davor spannt Markus noch ein anderes Bibelwort, sagt aber nicht, dass es von einem anderen Propheten stammt, nämlich von Maleachi. „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bahnen wird.“

 

Markus beginnt seine Schrift mit Johannes, dem Wegbereiter. Er schildert es folgendermaßen:

Johannes wurde in der Wüste zum Taufenden. Es fügte sich so, dass er den Ritus des Untertauchens entwickelte. Aus heutiger Sicht kann man die Taufe, die seine eigene Erfindungen war, als eines der größten spirituellen Rituale der Menschheit bezeichnen.

 

Johannes verkündete das „Eintunken“ in das Wasser. Uns ist eher das Wort Taufe geläufig, aber das erinnert uns an die übliche Kindertaufe, bei der dem Kleinkind ein wenig Wasser über den Kopf gegossen wird. Viele glauben auch, es sei damit Reinwaschung gemeint. Das war nicht der Sinn des Ritus bei Johannes. Ihm kam es auf das völlige Untertauchen an. Das griechische Wort BABTIZO bedeutet eintauchen, eintunken. Siehe den Beleg dafür. Es wird auch verwendet, wenn jemand in der Menschenmenge untertaucht. Johannes meint beim Untertauchen nicht so sehr das Reinigen, sondern das Sterben. Auch das Wort META-NOIA wird meist leichtfertig mit „Umkehr“ übersetzt. Genau betrachtet heißt es: im Nachhinein zur Einsicht kommen. Johannes hält es für notwendig, inne zu halten, sich Zeit zu nehmen für eine Lebensrückschau und das Bisherige symbolisch in den Fluten des Jordan untergehen zu lassen. Dieser Ritus müsse – so Johannes – hinein münden in ein Umdenken. Das Wort META-NOIA mit Umkehren zu übersetzen würde ja heißen eine Kehrtwendung zu machen und den Weg zurück zu gehen. Wer kann schon seinen Lebensweg zurück gehen? Johannes ist überzeugt: Wer eine ehrliche Rückschau hält, wird zu einer Einsicht kommen. Er wird die bisherige Richtung nicht so weiter gehen, sondern sich ab nun ganz neu ausrichten. Wer zu beidem bereit ist – nämlich Lebensrückschau mit Einsicht und sich eintunken lassen im Wasser – dem sichert Johannes vollkommenen Erlass seiner Vergehen zu: „Du  kannst ganz neu anfangen, das Vergangene wird dir nicht mehr vorgerechnet.“ Johannes verkündete dieses Programm wie ein Herold, den ein König ausgesendet hat, um seinem Land eine wichtige Botschaft mitzuteilen. Das griechische Wort für „verkünden“ kommt vom „Herold“. Markus formuliert das Ganze sehr knapp so: „Johannes wurde ein Untertauchender in der Wüste und heroldete das Untertauchen des Umdenkens hinein in den Erlass der Vergehen.“

 

Die Botschaft des Johannes hatte eine enorme Wirkung und löste eine landesweite Betroffenheit aus. Die ganze Bewohnerschaft des Bezirkes Judäa und die Einwohner von Jerusalem zogen hinaus zu ihm. Das bedeutete einen Anmarsch von 30 km und mehr. Im Umkreis des Johannes wird es Zelte zur Nächtigung in der Wüste gegeben haben, denn die Pilger konnten nicht am selben Tag heimkehren. Sie hörten ihm zu, wenn er seine Botschaft vortrug. Sie baten um Einzelgespräche, um ihm ihre Verfehlungen anzuvertrauen. Sie standen zu ihren Vergehen in aller Offenheit. Sie zählten nicht einfach Sünden auf, wie sie in der üblichen Religion anhand der Gebote aufgelistet werden, sondern sie schauten ehrlich hin auf ihre eigene Geschichte und sprachen über ihr Fehlverhalten. Sie redeten auch nicht um den heißen Brei herum, sondern sie legten ein Bekenntnis ab. Dann ließen sie sich tatsächlich von ihm ganzkörperlich eintunken. Es muss eine beglückende Erfahrung gewesen sein, die sie lebenslänglich in Erinnerung behielten. Sie blieb so tief eingeprägt, dass ihnen auch später noch von Zeit zu Zeit  wieder bewusst wurde: Ich muss innehalten und mein Leben bedenken, damit der Ritus damals nicht umsonst war. Siehe zum Schauplatz.

 

Das äußerliche Auftreten des Johannes war alles andere als vornehm. Er war nicht in Seide gekleidet und speiste nicht fein an der Tafel mit Fleischgerichten und mit Wein. Um seine Schultern geworfen hatte er ein Gewand von Kamel-Haaren. Diese Art der Kleidung konnte er nur von den Beduinen übernommen haben, was darauf hindeutet, dass er das Leben der Wüstenbewohner eine Zeitlang geteilt hatte. Um seine Hüften hatte er einen auffallend breiten Lederschurz gebunden. Das könnte eine Anspielung darauf sein, dass er bewusst diesen Körperteil bedeckte, der für Zeugung der Nachkommenschaft vorgesehen ist. Seine Ernährung war fleischlos. Er speiste Heuschrecken, wie sie in der Wüste oft in Schwärmen daher geflogen kamen. Wenn die Mittagssonne zu heiß wird, machen sie Zwischenlandung am Boden. Das wissen die Beduinen: Jetzt muss man die eiweißreichen Insekten schnell in Säcke sammeln, im Wasser aufkochen und danach trocknen. Damit schafft man sich einen Vorrat. Getrunken hat Johannes keinen Wein, sondern Wasser, in dem er sich den Honig der Wildbienen aufgelöst hat. Die Waben dieser Bienen fanden sich in Felsspalten oder trockenem Gestrüpp. Johannes lebte somit in mehrfacher Hinsicht enthaltsam.

Bei solch einer Persönlichkeit, die über Wortgewalt verfügt und der das halbe Land Vertrauen entgegen bringt, tauchte bald die Frage auf, ob er nicht die Führung im Volk übernehmen und Veränderungen im Land herbeiführen könnte. Dem beugte Johannes mit seiner zweiten Botschaft vor. Auch die verkündete er wie ein Herold: „Der Stärkere kommt erst noch! Er kommt nach mir.“ Johannes sagt nicht: „Nach mir kommt EINER, der Stärker ist …“, sondern DER Stärkere. Er fügte hinzu: „Ich bin untauglich. Ich komme bei weitem nicht an ihn heran. Es wäre nicht einmal angemessen, wenn ich mich vor ihm niederbeugen würde, um ihm die Lederbänder seiner Sandalen aufzulösen. Das würde ein Lehrer von seinen Schüler nicht verlangen können, höchstens ein Herr von seinem Sklaven. Ich bin nicht einmal ausreichend für den Dienst des Knechtes für den Herrn. So weit liege ich hinter ihm zurück.“

 

Zukunftsweisend sagte er: „Ich habe nur einen Ritus vollzogen, nämlich euch in Wasser ein zu tunken. Das war meine Mission. Dieser Ritus wies nur hin auf etwas Heiliges, etwas Heilsames. Es war eine symbolische Handlung, in der euch das Handeln Gottes versprochen wurde, nämlich der Schulderlass. Seine Mission hingegen ist es, euch in heiligen Hauch einzutauchen. Durch diesen Hauch werdet ihr auserwählt, werdet ihr beiseite genommen und geheiligt. (Das Wort „heilig“ heißt ursprünglich „beiseite genommen, abgesondert für Gott“) Er taucht euch ein in den heiligen Atem Gottes. Im Originaltext steht nicht „er aber wird euch MIT dem Heiligen Geist taufen“, sondern „IN  Heiligem Geist“. Das wird wie ein heiliges Bad sein oder wie das Stehen im Windhauch der Liebe. Das Wort „Geist“ heißt griechisch PNEUMA und bedeutet Atem, Hauch, Wind.

 

Johannes ist somit der Mann an der Wende. Er bereitet die Bevölkerung auf das kommende neue Zeitalter vor. Wir sollten ihn daher nicht als eine Gestalt sehen, die der Vergangenheit angehört, sondern er ist gerade aktuell, wenn Menschen einen Umbruch  durchmachen – Einzelschicksale ebenso wie gesellschaftsweite Umbrüche. Wir haben derzeit ein paar ähnliche herausragende Persönlichkeiten innerhalb der Kirche und in der Gesellschaft - Männer und Frauen. Sie mahnen zum Umdenken. Diese Neu-Ausrichtung soll nicht nur eine gedankliche Überlegung sein, sondern sie muss ganzheitlich vollzogen werden: Untertauchen des Körpers! Anhand von Johannes lernen wir, dass unsere Krisenzeiten einem Durchwandern der Wüste gleichen bis hin zum Fluss. Dort  bleiben wir stehen, sprechen ehrlich über unser bisheriges Leben, über die erfreulichen und über die dunklen Abschnitte. Während wir das Wagnis vollziehen, uns vom Früheren zu verabschieden, steht er an unserer Seite und spricht es aus: „Du bist befreit von deiner Last aus der Vergangenheit. Die Schuld wird dir erlassen.“ Derzeit macht die Menschheit eine solche Krise durch. Ob sie ihre Lektion lernt oder ob sie diese Gelegenheit verpasst, ist ungewiss. Einige scheinen bereit zu sein zum Umdenken. Sie richten gerade die Straßen her für das Kommen dessen, was unsere Rettung ist ... oder gar DER unsere Rettung ist.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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