3. Nov 2019

31.Sonntag im Jkr

Heute muss ich in deinem Haus bleiben

Lukas 19, 1-10

Jesus erreichte gemeinsam mit einer ansehnlichen Schar von Pilgern die Stadt Jericho. Das war der letzte Zwischenstopp vor Jerusalem, wo sie dann das Pascha-Fest feiern würden. Heute steht diese Oasenstadt unter palästinensischer Verwaltung und hat über 20.000 Einwohner. Viele Pilgergruppen umfahren sie mit dem Bus, weil israelische Agenturen behaupten, dass palästinensische Städte gefährlich seien. Schade, denn diese von Wüste umgebene Stadt strahlt eine ungewöhnlich entspannte Stimmung aus. Dort für eine Nacht Station zu machen, lohnt sich. Sie liegt unweit vom Toten Meer, die tiefe Lage von minus 250 Meter merkt man als Besucher natürlich nicht. Einem Österreicher fallen zwei Besonderheiten auf: die von Vorarlberg stammende Seilbahn auf den sogenannten Berg der Versuchung und das hochhausähnliche Luxushotel am Stadtrand, dem früher ein österreichisches Casino angeschlossen war. „2000 bis 3000 Gäste sorgten täglich dafür, dass nicht nur die Kugel, sondern auch der Rubel rollte. Binnen kurzer Zeit entwickelte sich die Spielbank in der Wüste zur Goldgrube. Die Rede war von durchschnittlichen Tagesumsätzen von rund 700.000 Dollar“, schrieb im April 2013 die Tageszeitung DIE PRESSE. Wegen der 2.Intifada musste das Casino geschlossen werden und das ist nun fast 20 Jahre her. Dort ließ sich Jesus von einen reichen Mann einladen, der wegen schmutziger Geldgeschäfte in Verruf stand.

Nur der Evangelist Lukas scheint den Fall zu kennen oder nur er kann ihn brauchen in seinem Buch. Kein anderer befasst sich so viel wie er mit den Themen „reich und arm“, sowie „Besitz“ und „Besitzfreiheit“. Das Wort „arm“ (griechisch ptochos) kommt bei ihm 10mal vor, genauso oft wie bei Markus und Matthäus zusammen. Das Wort „reich“ (griechisch plusios) sowie „reich sein“ oder „Reichtum“ braucht er 14mal (gegenüber 4 bzw. 3mal bei Matthäus und Markus). Ganz deutlich hebt sich der Begriff „der Besitz, das Vermögen“ ab (wörtlich: das zur Verfügung Stehende). Lukas verwendet ihn 8mal gegenüber nur 3mal bei Matthäus.

Mit der Pilgergruppe durch Jericho zu spazieren, lohnt sich. Die Stadt hat sich den orientalischen Flair erhalten, mehr als andere palästinensische Städte. Hier das Stadtzentrum.

Großer Besitz hat umklammernden Charakter, deshalb zeichnet sich ein Jesus-Schüler durch Freiheit von Besitz aus. Wer unterwegs ist im Auftrag des Evangeliums, kann sich davon nicht behindern lassen. Das war zu Jesu Lebzeiten und der Zeit seiner unmittelbaren Nachfolgebewegung unbestrittene Grundlinie. Paulus charakterisiert noch in den 50 Jahren seine Gemeinden so: „Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme“ (1 Kor1,26) Lukas in den 90er Jahren hingegen stellt fest, dass die Zahl der Wohlhabenden oder sogar Reichen zunimmt, die sich der Jesus-Gemeinde anschließen oder darin auch eine Führungsrolle übernehmen. Er beobachtet es mit Besorgnis, weil er das Gefühl hat, dass sie ihrem Leben nur einen „spirituellen Anstrich“ geben, aber nicht grundsätzlich ihren Lebensstil ändern. In der Person des Zachäus sieht er ein Bespiel, wie es aufrichtig wäre.

Jesus ging durch die Stadt wie in einer Pilgerprozession. Die setzte sich überwiegend aus Jerusalempilgern aus seiner Heimat Galiläa zusammen. Sie brauchten alle hier ihr letztes Quartier auf der mehrtägigen Pilgerreise. Danach folgte der 30 Kilometer lange steile Aufstieg zur heiligen Stadt Jerusalem. Wegen der Berühmtheit des Meisters Jesus nahm der Auflauf schnell zu. Immer mehr Stadtbewohner liefen mit. Wohlhabende und Gebildete waren zurückhaltend und hielten Jesus für einen „Bauernfänger“. Zu diesen halb Neugierigen und halb Abwartenden gehörte auch der Geldmagnat Zachäus. Er war reich geworden durch die Privatisierung des Zollwesens. Der König trieb schon lange nicht mehr selber die Zölle ein, sondern vergab sie an Unternehmer, von denen er sich zu Jahresbeginn die Pacht im Voraus auszahlen ließ. Wie dann ein Zollpächter im Laufe des Jahres die Beträge von den Bürgern eintrieb, war ihm überlassen. Es gab zwar festgesetzte Richtlinien, dennoch wurde Schindluder getrieben. Vor allem konnte der Zolleintreiber einem Zahlungsunwilligen oder Säumigen mit Soldaten drohen. Zachäus wollte sich von dem gar so berühmten spirituellen Emporkömmling aus Galiläa selbst ein Bild machen. Er wollte wissen, was an seinem Ruf wahr sei. Er war aber klein von körperlicher Gestalt (nicht unbedingt klein als Persönlichkeit). Vom Geschäftsleben her war er es gewohnt, Strategien zu entwickeln. Deshalb lief er dorthin voraus, wo anzunehmen war, dass Jesus mit dem Menschenandrang vorbei kommen sollte. Als Aussichtswarte wählte er sich einen Maulbeerfeigenbau, Sychomore genannt. Foto siehe

 

Dort stieg er hinauf. Der Astansatz weit unten an dem dicken Stamm erleichterte das Hinaufklettern. Jesus kam tatsächlich an den Ort. Er schaute hinauf und hielt an. Er redete ihn mit seinem Namen an: „Zachäus!“ Anscheinend hatten zuvor schon einige Stadtbewohner seinen Namen verächtlich genannt. Jesus ermunterte ihn: „Verlier keine Zeit. Beeile dich. Steig herunter! Es ist nämlich notwendig, dass ich heute in deinem Haus bleibe. Es geht mir dabei nicht nur um die Unterkunkft, sondern um den Aufenthalt und darum, mit dir ein paar Stunden zu teilen." Mit dem Wort "Bleiben" drückte Jesus aus, dass er den Mann näher kennenlernen wollte. Er wollte an seinem Leben teilhaben. Zachäus war begeistert von dieser Selbsteinladung Jesu und stieg eilig herunter. Seine Vorbehalte gegen den Meister waren wie weggeblasen und es erfasste ihn ein Glücksgefühl und Freude. Gerne nahm er ihn auf. Das stieß gerade bei den Stadtbewohnern nicht auf Gegenliebe. Die murrten vor Empörung und redeten wild durcheinander (Das lautmalerische Wort DIA-GONGYZO gibt die Stimmung wieder!). Die Schreier waren wohl nicht die Pilger aus Galiläa, denn die kannten bereits den Stil Jesu, sondern es waren Einheimische. Die wussten genau Bescheid über die unsauberen Geschäftspraktiken dieses Mannes und konnten Einzelheiten von seinem zweifelhaften Privatleben aufzählen. Deshalb schimpften sie noch lange hinterher, nachdem alle Pilger schon ihr Quartier bezogen hatten: „Er hat das Haus eines Mannes betreten, um dort auszuspannen, der sich vielfach verfehlt hat.“ Die Menge hat nichts verstanden vom "Bleiben" Jesu. Die Leute sahen nur das Hineingehen und die lockere Stimmung dort. Der Original-Text sagt: "Er ist hineingegangen, um sich zu zerstreuen." Die Missstimmung der jüdichen Stadtbevölkerung wurde dem Zachäus zugetragen. Der machte nicht den Fehler, dass er gegen sie antrat. Er ging auf die Vorwürfe nicht ein, sondern er wandte sich ganz bewusst dem Herrn zu. Mit ihm besprach er die Sache. Er sagte: „Die Hälfte meiner zur Verfügung stehenden Mittel will ich verwenden, um soziale Härtefälle zu lindern. Alle, die hier betteln müssen, ganz gleich, ob selbst verschuldet oder wegen eines Schicksalsschlages, sollen in nächster Zeit eine Erleichterung erfahren - ich stelle keine kleinen Summen für sie bereit. Und: Was ich von einzelnen Bürgern erpresst habe, gebe ich ihnen in vierfacher Höhe zurück. Ja, wenn ich von bestimmten Leuten überhöhte Beträge durch Militärgewalt erzwungen habe, erstatte ich es nicht doppelt, sondern vierfach zurück.“ Das hatte Jesus ihm gar nicht abverlangt, er hatte keine Wiedergutmachung gefordert. Von dem Mann selbst war das Versprechen gekommen. Jesus war beeindruckt und konnte das nicht schweigend übergehen. Er sagte: „Heute ist dieses Haus gerettet worden. Es ist etwas entstanden, das den Mann, seine Familie und sein Dienstpersonal vor etwas bewahrt hat.“ Es wird nicht gesagt, wovor er bewahrt wurde, aber man kann es als Rettung bezeichnen, was geschehen ist. „Auch dieser ist ein Sohn Abrahams.“ Dieses Wort erinnert an eine andere Lehrgeschichte Jesu, die wieder nur von Lukas überliefert ist. Darin darf der arme Lazarus nach dem Sterben an der Brust Abrahams speisen, während der in Purpur gekleidete Reiche in der Grube endet. Siehe

 

Das Schlusswort, das Lukas noch anhängt, lautet: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Jesus selbst hat das in anderem Zusammenhang etwa präziser formuliert: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (Mk 2,17) Daraus geht hervor, dass sich Jesus nicht alleine für die Rettung zuständig fühlt. Was er tut, ist, dass er ruft, er lädt ein, er bietet die Möglichkeit an. Soviel liegt an ihm. Dass daraus Rettung entstehen kann, dazu muss der Betroffene selbst Schritte setzen. Das war bei Zachäus der Fall: Er hat von sich aus seine Eigenmittel halbiert und sozial Benachteiligte unterstützt. Genau dadurch ist die Rettung ermöglicht worden (wörtlich übersetzt: Rettung entstanden). Lukas setzt in der Geschichte zweimal das Wort „heute“ ein, weil er hofft, dass dies bis heute hin und wieder geschieht.

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Mag. Martin Zellinger

Bibeltheologe, Reiseleiter & Eigentümer Lester Hof

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